Archiv der Kategorie: Ostenmauer

Ostenmauer – 36. Wandel

„Zuweilen, wenn uns das Alte nichts mehr und das Neue noch nichts sagt, mögen wir uns wundern über die Kraft, die in uns, in diesem Zustand des Schwellendaseins liegt. Vielleicht werden wir müßigen Gewohnheitsproselyten in jenen Stunden der Vor-Dynamik gewahr, dass die Kraft unseres Daseins im Wandel liegt? Denn wir sind dann erst bewusste Menschen, wenn wir uns wachen Auges der Veränderung stellen und heiteren Blickes das Glas der Vergänglichkeit leeren und mit russischem Übermut hinter uns werfen, auf dass es zerschelle an der kalten Wand der apodiktischen Gewissheit.“ 

10.01.1994

Wandel

Ostenmauer – 35. Vom Hinfallen

Mein Vater, wie alle die Väter meiner Generation, hatte einen Rat immer parat: Hinfallen ist nicht schlimm, aber liegen bleiben. Wie das kommt? Sie waren im Krieg. Der hatte sie diese schlichte Wahrheit gelehrt. Wer liegen blieb, der war so gut wie tot. Wer hinfiel, musste möglichst schnell wieder auf die Beine kommen, um weiter vorwärts oder rückwärts zu stürmen, egal in welche Richtung. Wem das nicht gelang, der wurde vom Feind oder den eigenen Leuten überlaufen und verreckte im Dreck. Das Interessante für mich war und ist, dass diese Kriegsweisheit auch im zivilen Leben nur allzu sehr den Kern trifft. Wenn du abstürzt und dich nicht wieder aufrappelst, dann bist du weg, dann nimmt dein Leben einen anderen Lauf. Dann bist du nicht Jäger, sondern Beute.

Warum so martialisch? Weil es, zumindest in der Welt, in der ich mich bewegte, stimmte. Ob auf der Straße, in der Schule oder im Beruf. Diejenigen, die Niederlagen erlitten und sich nicht davon erholten, waren aus dem Spiel. In einer netten, sozial ausgewogenen Atmosphäre ließ man sie in Ruhe dahin vegetieren, im harten Konkurrenzkampf bekam man pausenlos etwas auf die Schnauze. 

Hingefallen bin ich in jungen Jahren oft, das Aufstehen musste ich lange üben. Ohne Narben ging das nicht vonstatten. Aber, wie es so ist, wenn du den Punkt einmal überwunden hast und weißt, wie das Spiel funktioniert, dann hast du keine Angst mehr, dann spürst du keinen Schmerz mehr, sondern alle deine Energie fokussiert sich auf das Aufstehen. Der Preis war zuweilen hoch, weil das Leben in der einen oder anderen Situation sogar bequemer verlaufen wäre, wenn ich das Liegenbleiben vorgezogen hätte. Vielleicht nicht einmal so schlecht. Aber, und das ist der andere Preis, wenn du einmal aufgestanden bist, kannst du beim nächsten mal nicht liegen bleiben. Das würde dich vernichten. Weil nicht nur du von dir selbst enttäuscht wärest, sondern alle anderen den letzten Respekt vor dir verloren hätten.

Und noch einmal. Das gilt für mich. Jede Generation hat ihren Ballast, ihre Metaphern und ihre Lebensweisheiten. Auch diese Erkenntnis beruhigt. Es ist auch ein schönes Gefühl, niemanden belehren zu wollen oder zu müssen. Goethe! Der Mensch ist frei und sein Feld ist die Welt! 

Vom Hinfallen

Ostenmauer – 34. Von gehypten Knallfröschen

Die Frage ist berechtigt und stellt sich jeden Tag von Neuem. Soll ich meine Zeit vergeuden mit Knallfröschen, die in den Medien gehypt werden, weil sie mit den Wölfen heulen? Natürlich erzeugt es Erregung, wenn ich merke, dass weder Wissen noch Haltung Einfluss auf das Gesagte haben. Da wird ein Unsinn daherschwadroniert, der alles außer Kraft setzt, was in einer geglaubten abendländisch-aufgeklärten Kultur im 21. Jahrhundert einen gewissen Bestand haben sollte. Mir kommen diese Lohnschreiber und Beitragsspekulanten, die alles fabrizieren, was die Auftragslage hergibt, wie Erscheinungen in einem schlechten Rausch vor. Aber wenn ich mir die Augen reibe, dann sehe ich sie klar und deutlich vor mir. Sie existieren wirklich. Und sie bilden eine viel zu große Kohorte. Sie haben Namen und eine tatsächliche Vita, die allerdings sehr abweicht von der für das Publikum getürkten Version. Sie verherrlichen Kriege, die verleumden ehrbare Menschen, weil sie Charakter hassen wie die Pest. Sie halten hinter jeder Mülltone ihre gierige Hand auf und sie stinken aus dem Maul.

Sie sehen, die Frage hat Gewicht: Soll ich mit diesen Subjekten meine Zeit vergeuden? Natürlich nicht. Doch vieles von dem, womit sie den Äther kontaminieren, ist so ungeheuerlich, dass ich von Zeit zu Zeit doch in Wallung gerate. Ich möchte mich dafür entschuldigen. Nobody is perfect!