Archiv der Kategorie: Ostenmauer

Ostenmauer – 31. Ali

Es möge noch einmal erlaubt sein, in einer anderen Zeit, in der vieles von dem nicht mehr zu gelten scheint, als in der, um die es geht. Es geht um die Zeit, als auf der Welt noch Vorstellungen herrschten, dass es gerechte wie ungerechte Kriege gebe, und dass es Rufe gab, die hießen Freiheit oder Tod. Heute nennen Historiker die Zeit, in der es das nicht mehr gibt, die post-heroische. Folglich muss der Abschnitt, um den es jetzt geht, ein heroischer gewesen und herausragende Persönlichkeiten noch Helden gewesen sein.

Ein Held meiner Kindheit und frühen Jugend war ein Boxer namens Cassius Clay aus Louisville,  Kentucky. Später wurde er unter dem Namen Muhammad Ali weltberühmt. Er räumte von unten, im wahren Sinne des Wortes, sozial, rassisch und politisch im amerikanischen Boxsport auf. Er flog von Kentucky direkt in den Himmel, wo er alle vorführte, die bereits einen Namen hatten. Ali war schnell der Größte, was er auch sagte. 

Niemand beherrschte das Clausewitz´sche Diktum vom Kriege so perfekt wie er, niemand war so schnell, so unberechenbar, so elegant, so gnadenlos, so smart und so intellektuell. Ali erschuf die Rap-Batttle, bevor es Rap gab, er hinterließ eine Lyrik, die sich mit Sinn für Gutes zu zitieren lohnt, er miniaturisierte den großen Kosmos des Lebens im Boxring. Und er schrieb Weltgeschichte. In New York, in Kinshasa und in Manila. Da bezwang er Giganten, die das Pech hatten, in einer Ära zu leben, in der neben den Irdischen noch ein Intergalaktischer wandelte: George Foreman und Joe Frazier. 

Muhammad Ali verweigerte den Militärdienst und ging nicht in den ungerechten Krieg in Vietnam. Dafür durfte er in seinen besten Jahren nicht boxen. Er trat zum Islam über und gehörte damit zu denen in den USA, die den Islam politisierten. Er ließ sich von den daraus entstehenden Machtverhältnissen nur bedingt instrumentalisieren. Ali bereiste Afrika, um den Menschen dort die Verbundenheit der nordamerikanischen Schwarzen mit ihrer Herkunft zu demonstrieren und forderte sie auf, stolz zu sein und sich nicht zu beugen. Nicht alles, was Muhammad Ali in seinem Leben tat, war klug und bis zum Ende durchdacht. Aber Ali zahlte immer alle Rechnungen. Ohne zu murren. Heroisches Zeitalter.

Nachts um Zwei ging die Schlafzimmertür auf. Dann stand dort mein Vater und rief, es geht gleich los. Das war, wenn Ali an der Ostküste kämpfte. Dann wurde das live angesehen. Dann brannten alle Lichter in unserer Straße. Dann wurden wir Zeugen, wie es ist, wenn ein inspirierter Geist die alte organisierte Macht bricht. In unseren Herzen waren Alis Kämpfe Befreiungskriege. Alle diese Kämpfe sind noch im Kopf, jeder Zug, und dazu ein passendes Zitat, das die kalte Strategie und Taktik in große Lyrik taucht. Morgens, müde, in der Schule, wurde das alles immer und immer wieder analysiert, auch im Unterricht, mit den Lehrern. Wir wussten, wir erlebten Großes.

Was bleibt, die immer währende Frage, wenn ein Gigant sich aus unserem Dasein verabschiedet? Ali fehlt mir, ehrlich gesagt, schon lange. Nicht, weil er fast dreißig Jahre lang unter einer unheilbaren Krankheit litt, mit der er für zu viele Kämpfe bezahlte. Nein, vielleicht weil der Rausch des Siegens längst verflogen ist. Aber zu wissen, dass es etwas gibt, für das es sich zu kämpfen lohnt und daraus noch ein Kunstwerk machen zu können, das verdanken wir Ali! 

Grace til the End

Ostenmauer – 30. Im Quartier

Es begann mit einer Begebenheit, die alltäglich erschien. Just in dem Moment, als die koreanische Opernsängerin aus der Nachbarschaft sich zum tausendstel Male in ihrer Wohnung warm sang, bevor sie sich zu den offiziellen Proben im Theater begab und die Tonskalen hoch und runter stieg, erschien auf einem der Balkons im Hinterhof eine beleibte Frau, mit nichts als einem bunten Küchenkittel aus Kunststoff bekleidet und einem großen Messer in der Hand und die laut schnaufend schrie, jetzt reicht es, heute bringe ich sie um, da schien im Viertel ein Stein ins Rollen geraten zu sein. Obwohl viele, die die rasende Frau sahen oder hörten, schmunzeln mussten, und obwohl die Sängerin aus dem geduldigen Asien wahrscheinlich von der Drohung gar nichts mitbekommen zu haben schien, gab die gute Frau ein Signal auch für andere.

Da war der im Nachbarhaus, den alle das Halbblut nannten, der es schon seit Jahren nicht ertrug, dass wiederum sein Nachbar, seinerseits ein schicker Architekt mit exquisiten Designvorstellungen, seine Balkontür, die ganz banal einfach nur klemmte, wiederum zuschlug, dass das ganze Haus wackelte. So, dachte da das Halbblut, jetzt reicht es mir auch, heute bekommst du es besorgt. Daran wirst du lange denken. Dabei rannte er in sein Wohnzimmer und schaltete seine Musikanlage an, an die er erst vor kurzem mannshohe Boxen angeschlossen hatte, die wirkten wie Wachtürme einer Anstalt und über dessen Anschaffung dessen Frau wiederum die Scheidung ins Spiel gebracht hatte. Bevor er eine CD einlegte, fuhr er den Lautstärkeregler bis zum Anschlag hoch, dann wählte er, mit eiskaltem Kalkül, eine CD von ACDC, die er, wie es schien, schon vor Jahren nur gekauft hatte, um diesen Tag irgendwann einmal zu zelebrieren. Er legte die Scheibe ein und wählte Hells Bells. Da er wusste, dass die Frau des Architekten zuhause war, die es an den Nerven hatte, war er sich seiner Sache ziemlich sicher. Das letzte, was er noch von der Außenwelt vernahm, war, dass die Dicke hinten auf dem Balkon immer noch krakeelte und sich nun zu Beschimpfungen wie dem Ausdruck Bambusratte hinreißen ließ. Doch dann erklangen schon die Totenglocken, die alles übertönten.

Als bereits die ersten Gitarrenriffs aus den überdimensionalen Boxen stoben, waren aus der Architektenwohnung bereits die ersten Entsetzensschreie zu hören. Das Halbblut ging derweilen aufs Klo und lachte sich eins. Als das Stück vorbei war, hatte die Galionsfigur vom Balkon einen zweiten Feind auserkoren und schrie etwas von der zunehmenden Bagage im Viertel, während aus der Architektenwohnung lautes Wehklagen der Frau zu vernehmen war, das sich immer wieder in der Nennung des Namens ihres Mannes ausdrückte. Es war schlicht der Hilfeschrei einer verlorenen Seele. Das Halbblut rannte wieder zu seiner Anlage und gab der den Befehl, dass die gelungene Übung wiederholt werden soll. Beim einleitenden Glockenklang klingelte es bereits an seiner Wohnungstür. die er sogleich lächelnd öffnete. Vor ihm stand der Architekt, der mit offenem Mund nach Worten rang wie ein Karpfen an Land nach Luft. Das Halbblut blieb freundlich, und bedeutete dem Architekten durch Gesten, dass es ihn leider nicht verstehe, worauf dieser wild gestikulierend wieder verschwand. 

Schräg gegenüber saß der Inhaber der Heiratsagentur für Best Ager, dessen Geschäft brummte wie nie, wie gewohnt auf den Stufen, die von der Straße zu seinem Büro führten, und rauchte seine Morgenzigarette. Er grinste in sich hinein und wusste gleich, worum es ging. Wenn jemand eine Idee davon hatte, was sich in den Häusern und Straßenzügen dieser Gegend abspielte, dann war es er. Wie bestellt lief sein alter Schulfreund, den alle die Oma nannten, an ihm vorbei und fragte sogleich, was denn da drüben los sei. Der Agent lachte nur und sagte, heute ist Zahltag, wer weiß, was da noch kommt. Im gleichen Moment erschien der neu hinzugezogene Kickboxer, der mit einem schwäbischen Model liiert war, auf seinem Balkon und schrie nur Geile Mucke und lachte ebenfalls. 

Die Dicke ihrerseits war bereits vom Balkon verschwunden, es schien bei der Bedrohung geblieben zu sein, vielleicht auch, weil die koreanische Sängerin längst aufgehört hatte. Auch Halbblut hatte seine Anlage abgeschaltet und es war wieder relative Ruhe eingekehrt. Nur die Frau des Architekten war mit einem Wimmern zu vernehmen. 

Auch in toleranten Milieus herrscht zuweilen das Ressentiment

Ostenmauer – 29. Deine Klasse und dein Verein

Da, wo ich aufwuchs, hatten die Bergleute eine wichtige Stimme. Ihre Sichtweise auf das Leben konnten selbst diejenigen, die nichts mit dem Bergbau zu tun hatten, nicht ignorieren. Die Stadt hatte fünfzigtausend Einwohner, über zehntausend davon arbeiteten auf der Zeche und noch einmal zwanzigtausend, die in Betrieben arbeiteten, die von der Zeche lebten. Diese Kraft war Ursache für die Verheerungen, die in den Städten stattfanden, als das Zechensterben begann. 

Auch das ein Begriff, den die Sieger in ihrer Geschichtsschreibung geprägt hatten. Das sollte sich nämlich so anhören, als wären die Zechen an ihrer eigenen Krankheit eingegangen. Sind sie aber nicht. Gemeuchelt wurden die Zechen von der kapitalistischen Verwertungslogik. Woanders, und wir sprechen von Polen bis Korea, wurde zu niedrigeren Löhnen abgebaut, die Sicherheitsbestimmungen waren geringer und die Kosten inklusive Transport waren niedriger. So funktioniert das Kapital. Einfach und transparent. Aber das ist nicht die Geschichte. Außer, dass sie immer so geschrieben wird, wie sich die Herrschenden das zurecht dichten. 

Wichtiger war für mich, was die Bergleute, die ich kannte, mir als Heranwachsendem wohlmeinend erzählten. Im Gegensatz zu einem weit verbreiteten Vorurteil, das die schäbige Gilde der Arbeiterverräter gerne in die Welt setzten, waren die Bergleute recht liberale Leute. Sie lebten nach dem Motto „Leben und leben lassen“. Es gab nur ganz wenige Gesetze, die du einhalten musstest, um zu jener Kategorie zu gehören, die die Bezeichnung „in Ordnung“ trug. Der alles beherrschende Satz war, dass man sich auf dich verlassen können musste. War das nicht gegeben, dann warst du raus. Ein für alle mal, oder, wie sie es so schön formulierten „unten durch“. Das kam von unter Tage, denn wenn man sich dort nicht aufeinander verlassen konnte,  dann konnte das den Tod bedeuten. Nichts weniger.

Der zweite Grundsatz war der, dass man wahrhaftig zu sein hatte. Mache, was du für richtig hältst, aber stehe dazu. Wenn du das nicht hinkriegst, auch dann kannst du nicht dazu gehören. 

Als ich die Schule beendet hatte und die Stadt verlassen wollte, was immer heißen konnte, dass man nie wieder zurückkam, nahm mich einer von den Bergleuten beiseite und gab mir noch einen Rat, den ich nie vergessen sollte. Er sagte, ich könne alles hinter mir lassen, nur zwei Dinge, die dürfe ich nie verraten: Meine Klasse und meinen Verein. 

Ich bin ehrlich. Ich habe mich an diesen letzten Rat gehalten. Manchmal war es traurig, manchmal schmerzhaft, manchmal hat es Spaß gemacht und manchmal hat es Trost gespendet. Manchmal war es auch nichts als ein Pflichtgefühl. Aber geholfen hat es mir immer. Es war die Heimat im Kopf, der Kompass im Sturm und auch der Maßstab, den ich an andere legte. Die, die ähnlich handelten, wurden meine Freunde, auch wenn sie es nicht bewusst taten. Und diejenigen, die weder ihrer Klasse noch ihrem Verein treu blieben, erwiesen sich allzu oft als Seelenlose, auf die man sich nicht verlassen konnte. Da, wo ich herkomme, heißt es, man sei auf Kohle geboren. Das bedeutet sehr viel. Und es ist alles andere als eine antiquierte Weltanschauung. Haltung und Charakter sind keine Modeerscheinung. 

Deine Klasse und dein Verein