Archiv der Kategorie: Ostenmauer

Ostenmauer – 44. Queremos fumar un Puro?

Antonio Quirino Toledo Fuentes, der Mann, der bereits mit 14 Jahren als Busfahrer die Linie Conception – Santiago fuhr, danach eine höhere Schule für Technik besuchte, in der er Klassensprecher war und als solcher begrenzte politische Ziele formulierte, um die Bedingungen zu verbessern, Antonio Quirino Toledo Fuentes wurde wie viele andere vom Putsch des Generals Pinochet kalt erwischt. Aufgrund seiner Funktion als Klassensprecher wurde er festgenommen und gefoltert, bevor die Schergen des Generals den kleinen Fisch wieder frei ließen. Der war dann richtig politisch und organisierte sich im Untergrund. Und er wurde gefasst und gefoltert, so wie das damals eben war, wie er immer erzählte. Aufgrund einer internationalen politischen Initiative gehörte er zu einer Gruppe, die frei kam, aber als Auflage das Heimatland Chile verlassen musste. Antonio Quirino Toledo Fuentes folgte seinem Bruder, der bereits das Land verlassen hatte, nach Buenos Aires. Kurze Zeit, nachdem er sich eingelebt hatte, kam in Argentinien ein gewisser General Videla zur Macht, der den Flüchtlingen bedeutete, entweder sie verließen unverzüglich das Land, oder sie würden direkt zurück an die chilenische Grenze gebracht. So kam Antonio Quirino Toledo Fuentes in ein Arbeiterwohnregal in Ludwigshafen am Rhein.

Als ich Quirino, wie er kurz genannt werden wollte, kennenlernte, war das in der Rolle eines Lehrers für Deutsch als Fremdsprache. Schnell kamen wir über den Unterricht hinaus in Kontakt und Quirino unterbreitete mir den Vorschlag, ich solle doch ihm und seiner spanischen Freundin Deutsch beibringen, als Gegenleistung brächten sie mir das Spanische näher. Es folgte mehr. Über mehrere Jahre trafen wir uns einmal in der Woche, kochten, aßen, tranken und redeten. Über Gott und die Welt, aber meistens über Politik. Dann präsentierte Quirino immer die Frage: Queremos fumar un puro? Es war das Zeichen für eine Zigarre. Obwohl ich bereits ab und zu zu diesem Medium der Inspiration gegriffen hatte, lehrte mich Quirino, was es bedeutete.

Es wurde ein Ritual, auch zuweilen ohne unsere Frauen, wir trafen uns in einer Bar oder auf einer Parkbank, Quirino hatte wieder einmal Cargo aus Mittelamerika bekommen und wir rauchten kubanische Puros. Dabei erzählte mir Quirino die ganzen Legenden um das Rauchen, er zitierte Poeten der ganzen Welt, die der Zigarre gehuldigt hatten, malte aus, wie im Vuelta Abajo, jenem einmaligen Tal auf Kuba jene Qualität entstand, für die Verehrer rund um den Globus nahezu jeden Preis zu zahlen bereit waren. Seit diesen Tagen war ich dem Medium verfallen, allerdings mit dem Bonus versehen, nur dann Verlangen danach zu verspüren, wenn ich von meiner inneren Ruhe her dazu bereit bin, was nicht allzu häufig der Fall ist.

Antonio Quirino Toledo Fuentes heiratete seine damalige Freundin, Marie Luz Lorrente Villaroya, und die beiden zogen nach Spanien, in die Nähe von Valencia. Dort besuchten wir sie noch einmal, es war eine wunderbare Zeit, und Quirino erzählte mir bei einer Zigarre, er wolle einen Schusterladen aufmachen. Marie Luz, die Lehrerin, fand das nicht gut, aber Quirino war durch seine Lebensgeschichte auf die Grundlinien der Existenz zurück gekommen. 

Nach diesem Besuch hatten wir noch einmal telefonischen Kontakt, dann gingen wir für einige Jahre nach Asien, in Chile verlor Pinochet die Macht und wir wissen nicht, ob Quirino Antonio Toledo nicht doch zurück ist in seine Heimat. Heute rauche ich Zigarre mit Willy. Der war auf heimlichen Versammlungen der Tabakbauern in der dominikanischen Republik zugegen und weiß, wovon er spricht. Wir rauchen die Zigarren zumeist allein, weil es ungestört von Fragen nach Preis, Genuss und Technik einfach am entspanntesten ist. Manchmal, bei einer Corona Doble, die soviel Zeit in Anspruch nimmt wie ein Fußballspiel inklusive Pause, reden wir gar nicht, oder nur über Dinge wie den Brand, die Festigkeit oder die Vorzüge des Labels („Eine Bolivar betrügt dich nie“). Oder über Jazz, denn wir beide spielen das gleiche Instrument, das verbindet. 

Antonio Quirino Toledo Fuentes ist übrigens immer dabei, denn aus der geheimen Gesellschaft kann niemand austreten, wohin das Schicksal ihn auch immer treibt. Der Geist einer guten Puro, das ist ein starkes Band.

Quremos fumar un puro?

Ostenmauer – 43. Illusiones perdues

Mussolini schrieb in einem seiner internen Briefe an die faschistische Bewegung, dass es darauf ankomme, in den Massen zunächst die Angst zu schüren. Immer und überall. Mit einem klaren Feindbild. Wenn die Angst übergeht zur Hysterie, dann, so spekulierte er richtig, sei die Stunde gekommen, um aus ihr den Hass zu formen.

Wir wissen heute, welche Stunde er meinte. Wenn ich mir die aktuelle Entwicklung ansehe, dann sind wir kurz vor dem Scheitelpunkt, an dem aus Angst Hass wird. In Konturen ist das bereits zu identifizieren. Wie verhängnisvoll das wirken kann, ist zu beobachten. Wenn sich der aufkommende Hass sowohl gegen vermeintlich äußere wie innere Feinde richten kann. Die doppelte Zielrichtung spricht für die Potenz der Selbstzerstörung.

Deshalb scheint es richtig zu sein, zunächst alles zu tun, um der Saat der Angst den Boden zu entziehen und die Feindbilder zu zerstören. Das erfordert sehr viel Kraft. Vor allem, weil alle Fraktionen der Destruktion es nicht gerne sehen, wenn man sich an die Basis ihrer Existenz macht. 

Die Lektion hat anscheinend in Deutschland nichts gefruchtet. Die Angst ist ein Massenphänomen und der Hass nistet sich in allen politischen Lagern ein. Illusiones perdues. 

Illusiones perdues

Ostenmauer – 42. Bittere Wahrheiten

Seit Jahren sticht mir ein weit verbreitetes Phänomen in die Augen. Es handelt sich um den Umstand, dass Wahrheiten existieren, die sehr viele Fragen beinhalten. Das tun sie deshalb, weil sie die eigene gedankliche Konstruktion des Lebens außer Kraft setzen. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft. Deshalb versuchen viele, die unzweifelhafte, aber unbequeme Wahrheit zu negieren. Nicht, in dem versucht würde, ihren Gehalt zu hinterfragen und sie dadurch zu entwerten. Sondern schlicht und einfach zu ignorieren. Das kann man machen. Vor allem, wenn Aussicht darauf besteht, dass sich weitere Menschen der Handhabung dieser Technik anschließen. Das Produkt ist ein unausgesprochener Konsens darüber, eine Information, ein Faktum, oder, in der höheren Form, eine Wahrheit nicht zur Kenntnis zu nehmen. Dann herrscht das Schweigen. Und zwar ein Schweigen, das beklemmend ist, aber angesichts der vielen Mühen und schmerzhaften Konsequenzen, die die neue Wahrheit mit sich brächte, sind viele bereit, diese Beklemmung zu erdulden. Weil sie aus Sicht derer, deren Deutung in Schieflage gerät, das kleinere Übel bedeutet. Lieber eine Beklemmung ertragen als die Erkenntnis erdulden, dass man grundlegend falsch liegt.

Wenn ich die gegenwärtigen Verwerfungen betrachte, die die Welt, unser Land und viele soziale Beziehungen erschüttern, weil Deutungen ins Wanken geraten sind, weil sicher geglaubte Annahmen falsifiziert wurden, weil Positionen nicht mehr haltbar sind, dann fällt mir auf, dass nicht nur angesichts neuer Erkenntnisse und Wahrheiten geschwiegen, sondern auch mit Vehemenz an absurden Erklärungsmustern festgehalten wird. Diese Version der Negation von Wahrheit beschreibt am besten der Begriff der Lebenslüge. Nicht selten, und in unseren Tagen oft, wird das Festhalten an der Lebenslüge nur ermöglicht durch gesteigerte Militanz und zunehmende Aggression. Wollte man einen Punkt beschreiben, der am weitesten von der Möglichkeit eines aufgeklärten Erkenntnisprozesses gelegen ist, dann ist es dieser.

Mir hat es immer geholfen, komplexe Zusammenhänge und Entscheidungsoptionen auf meinen eigenen Erfahrungsbereich zu reduzieren und mich zu fragen, wie ich handeln würde, wenn es mich direkt beträfe und ich selbst entscheiden könnte, wie ich in der Situation verfahre. Dieses Verfahren hat mir persönlich immer sehr geholfen. Und die Behandlung der Frage, wie ich damit umgegangen bin, wenn sich mir neue Wahrheiten darboten, die meine Erklärungsmuster erschütterten, dann muss ich bilanzieren, dass sowohl das Schweigen als auch das militante Festhalten an einer Lebenslüge im Desaster endete. Der einzige Weg, mit neuen, gänzlich veränderten Verhältnissen umzugehen, war die uneingeschränkte Akzeptanz der bitteren Wahrheit.  

Bittere Wahrheiten