Archiv der Kategorie: Ostenmauer

Ostenmauer – 57. Eine Reise in die große, weite Welt. Eine Weihnachtsgeschichte

Was waren jene Jahre, in denen Selbstständigkeit und Selbstbestimmung alles galten. Wir hatten uns von allem entnabelt, was als traditionelle Struktur galt. Das Leben war schnell, voller Rausch und Phantasie und es schien keine Grenzen zu geben. Jeder Tag war ein neues Experiment, an dem kein Risiko zu groß sein konnte. Viele aus diesen Zeiten versanken in der Geschichtslosigkeit oder sie endeten auch als ganz schnöde Fossile dieser Zeit. Sie blieben plötzlich stehen und stellten sich keiner Veränderung mehr, die von außen kam. Manche hielten mit und drehten irgendwann am ganz großen Rad, und andere wiederum verglommen wie tragische Sterne. So ist das Leben, könnte gesagt werden, wenn es nicht immer auch noch andere Optionen gäbe.

Ein Ereignis jedoch, in dieser Zeit der scheinbar unbegrenzten Freiheit, war Weihnachten. Da wurden die größten Schwärmer plötzlich sentimental und fuhren zu ihren Familien, andere lachten sie aus, taten das nicht und heulten irgendwo in der Dunkelheit und versteckten sich. Manche wiederum machten einfach ihr Ding. Den Deutschen wird ein besonderes, ein sentimentales Verhältnis zu Weihnachten nachgesagt, was zweifelsohne stimmt. Was dazu beigetragen hat, weiß ich nicht, aber mir war es relativ egal. So kam es, dass ich nach einer besonders wilden Phase meines Lebens beschlossen hatte, zu Weihnachten einen alten Freund in Norddeutschland zu besuchen, um mit ihm gut zu essen, viel zu trinken und über die Perspektiven des Lebens zu schwadronieren. 

Ich bestieg am Heiligen Abend einen Zug, der aus Basel kam und in Hamburg enden sollte. Ich setzte mich in ein Sechserabteil, wo bereits ein Paar, das aus der Schweiz kam, saß. Die Frau war Deutsche, wirkte mondän und erfahren und eröffnete gleich das Gespräch. Ohne Ansatz kamen wir gleich ins Politisieren. Es war ein angeregtes Gespräch, in dem wir feststellten, dass wir viele Ansichten teilten. Der Mann, ein Schweizer, den das alles nicht sonderlich zu interessieren schien, besaß jedoch einen hinreißenden Humor, den er immer wieder an den richtigen Stellen zur Geltung kommen ließ, sodass wir das Thema wechselten und uns nicht an einem besonderen festbissen. Längst hatten die beiden eine Flasche Wein aus dem Gepäck geholt und wir tranken und rauchten.

In Frankfurt dann klopfte ein älterer Herr mit einem Cowboyhut an unsere Tür und fragte in einem englisch akzentuierten Deutsch, ob noch zwei Plätze frei seien. Wir bejahten und er trat mit sehr viel Gepäck ein, das er verstaute, bevor wir sahen, dass die zweite Person ein wesentlich jüngerer Mann war, der die gleiche Kopfbekleidung trug und, wie sich herausstellte, kein einziges Wort Deutsch sprach. Der Mann stellte sich gleich vor und erklärte, er sei ein Deutscher, der vor vielen Jahren nach Neuseeland ausgewandert sei und der nun, nach Jahrzehnten, zum ersten Mal wieder zurück in seine alte Heimat käme. Das habe er seinem Sohn, und dabei deutete er auf seinen jüngeren Begleiter, versprochen, der sehr neugierig sei zu sehen, woher sein Vater komme. 

Immer wieder unterbrochen von interessierten Fragen unsererseits erzählte er aus seinem Leben. Dabei wurde erst die Flasche Wein geleert und dann zog er eine Flasche Whiskey aus seinem Gepäck. Es war eine interessante Geschichte. Hoch im Norden Deutschlands aufgewachsen, in einem dieser Käffer, in denen es außer tragischen Todesfällen und einem jährlichen Schützenfest nichts gab, kam nur die Seefahrt oder das Auswandern in ein fernes Land in Frage für einen, der seine Endbestimmung nicht in dem Umfeld, in dem er sich befand, sah. Er ging in Hamburg in die Fabrik, sparte sich das Geld für eine Schiffsreise Einfach nach Neuseeland zusammen und haute in den Sack. Über Neuseeland hatte ihm ein Matrose erzählt, den er in der Leuchtturm Bar in Hamburg kennengelernt hatte und der vom flachen Land kam wie er. Unser Mann im Abteil fuhr ein halbes Jahr mit dem Schiff, bis er dort ankam, wohin er wollte. Er arbeite in Kneipen, ging aufs Land zu einem Schafzüchter, kaufte irgendwann diesem einige ab und betrieb das gleiche Gewerbe. Er lernte eine Frau kennen, die ihn mochte. Sie bekamen diesen Sohn und sie betrieben mittlerweile eine erfolgreiche Zucht und hatten es zu bescheidenem Wohlstand gebracht.

That´s my Story, schloss er und die Whiskey-Flasche kreiste. Obwohl die beiden erst vor einigen Stunden in Frankfurt gelandet waren, bemerkte er, dass sich hier ja auch so einiges geändert hätte. Dabei sah er uns bedeutungsvoll an und wir lachten. Zu unterschiedlich waren wohl die Lebensmodelle, aber es tat der durchweg positiven Atmosphäre keinen Abbruch. Nun fragte er uns und wir erzählten. Die Deutsche aus der Schweiz berichtete, dass auch sie der Enge in Deutschland entflohen sei und nun in Zürich lebe, wo sie freier atmen könne. Ihr Mann gab lachend zu, dass er in seiner aus seiner Sicht engen Schweiz geblieben sei, sein Leben aber weiter und reicher geworden sei wegen dieser Frau aus der deutschen Provinz. Und ich, ich beschrieb meinen Weg aus der Enge in eine Phase, in der ich bisweilen von der großen Weite träumte. Wir hatten riesigen Spaß und unsere Stimmung übertrug sich zum Teil sogar in die Nachbarabteile, aus denen immer mal wieder einer kam und sich auf den einzigen freien Platz setzte, um zu lauschen. Ab Köln jedoch saß dort ausschließlich der Bahnbeamte, der dafür sorgte, dass die Neuseeländer noch eine zweite Flasche Whiskey aus dem Gepäck holten. Der Sohn des Auswanderers verstand übrigens kein Wort von dem, was wir redeten, aber er wußte, worum es ging. Denn sein Vater erzählte uns, der Junge hätte mit ihm nach Deutschland wollen, weil er so gerne einmal aus der neuseeländischen Provinz in die richtig große weite Welt wolle.  

An diesem Heiligen Abend, in diesem Zugabteil, auf dem Weg von Basel nach Hamburg, hatten wir uns allesamt entlarvt. Und das Besondere daran war, dass es keinem weh tat. Wir hatten einen Heidenspaß. Und das zu Weihnachten. Wer sollte so etwas vergessen? 

Eine Reise in die große, weite Welt. Eine Weihnachtsgeschichte

Ostenmauer – 56. Ultima Thule

Als sich der griechische Entdecker Pytheas im vierten Jahrhundert vor Christus von Masilia, dem heutigen Marseille, aufmachte, um weit in den Norden vorzudringen, ging er noch davon aus, dass der Welt irgendwo Grenzen gesetzt sind. Auf seinem Weg, der nur noch durch Fragmente anderer dokumentiert ist, passierte er auf jeden Fall die britischen Inseln und gelangte irgendwann zu einer Insel, die kurz vor dem Gebiet lag, wo das große Wasser geronnen war, also vor dem Eismeer. Er nannte die Insel Ultima Thule, was man mit „letztes Land“ übersetzen kann. Wie alles, was nicht bis ins letzte Detail dokumentiert werden kann, gelangte auch jene Insel Ultima Thule bald in den Bereich des Mythischen. Und der Mythos ist es, der zuweilen größere Befruchtung der menschlichen Erkenntnis beitragen kann als das schnöde Faktum. Lange hieß es, es handele sich bei dem entdeckten Objekt des Pytheas um eine kleine Inselgruppe vor Grönland, während heute, vor allem durch die Geodäsie, nahezu bewiesen werden kann, dass es sich um die Insel Smøla in der Bucht des norwegischen Trondheim handelte. 

Das, was die kalte Geodäsie nun so gefühllos verkündet, hat als Geheimnis die Geister über mehr als zweitausend Jahre inspiriert. Von den Germanen bis zu den Aufklärern, ja sogar bis zum großen Revolutionär der Moderne, James Joyce, plagte die Frage, was dort, am nordischen, dunklen, vernebelten, kalten und doch von Feuern erhellten Ende der Welt wohl zu entdecken sei. Interessant dabei ist, dass, entgegen der späteren Allegorien vom großen Licht, keine einzige Utopie in die Überlieferung von Ultima Thule hineinscheint. Nein, Ultima Thule, das dem Norden vorbehaltene Ende der Welt, blieb das große Fragezeichen. Und einzigartig ist, dass die Faszination davon ausging, weil das große Fragezeichen nicht aufgelöst wurde. Vielmehr interessierte die Menschen, wie der Zustand des großen Fragezeichens wohl aussehen werde und nicht, wie im Zeitalter der schnellen und vordergründigen Antworten angenommen werden könnte, wie es aufzulösen sei.

Der Mythos des Ultima Thule schuf sich seine eigene Aura, weil er ohne Antworten und Erklärungen und ohne Konkretisierungen auskam. Was allerdings inspirierte, war die Frage nach der Atmosphäre. Darüber gab und gibt es sehr viele Dokumente. Wie das Licht dort spielt, wie die Winde tanzen, wie das Meer wogt, wie die große Choreographie des ewigen Nebels aussieht. Das hat die Völker seitdem interessiert und nicht, ob es dort Menschen gibt oder nicht. Man stelle sich das vor, ein Mythos vom Ende der Welt, der nicht darüber spekuliert, ob menschliches Handeln überhaupt eine Rolle spielt. Der allenfalls eine Idee davon hat, dass das menschliche Handeln dort ein Ende hat. 

Der Mythos von Ultima Thule hat den Rang einer höheren Ordnung. Denn er betrachtet die irdischen Angelegenheiten aus einer Perspektive, die keiner Menschen bedarf. Das ist, aus heutiger Sicht, starker Tobak. Und jenseits der ewig Umnachteten, die sich aus Unverständnis und Ignoranz heute als Gesellschaften mit dem Namen Thule schmücken und ihren archaischen und verächtlichen Phantasien frönen, ist die Idee von einer menschenfreien Utopie vielleicht das Intelligenteste, was heute wieder einmal auf dem gedanklichen Plan stehen könnte. Stellen wir uns das Ende der Welt ohne Menschen vor. Das wäre eine Überlegung wert. Vielleicht hülfe sie den Menschen? 

Ultima Thule

Ostenmauer – 55. Lands End

Lands End. Für mich war dieser Begriff immer eine Art Befreiung. Vielleicht liegt es auch etwas am Namen. Mers ist verwandt mit Mersch, letzteres steht wiederum für Marschlandschaft in Küstennähe. Ich erinnere mich, wie ich als Kind, im Sommer, am See, heimlich meinen Vater beobachtete, wenn er am Ufer saß und vergessen auf das Wasser schaute. Dann wirkte er wie in einer anderen Welt. Ein Freund aus dieser Zeit, der später nach Kanada ausgewandert ist, schrieb mir, nachdem wir uns nach Jahrzehnten im Netz wiedergefunden hatten, dass er sich noch gut erinnere, wie mein Vater, der bei dieser Korrespondenz bereits sehr lange tot war, in einer Seelenruhe durch den See geschwommen sei, so, als sei er eins mit ihm, abgemeldet von der Welt. Meine Liebe zum Wasser ist groß. Mein Traum war es immer, am Meer zu leben, was mir immer nur für bestimmte, begrenzte Zeiträume gelang. In New York, in Bilbao, in Jakarta. Die Stadt, an der ich die meiste Zeit meines Lebens verbracht habe, liegt am Zusammenfluss zweier Flüsse. Atlantik, Java Sea, Neckar und Rhein. Ein Leben ganz ohne Wasser kam für mich nie in Frage. Aber das Höchste, wohin ich immer gerne geflüchtet bin, wenn alles zu dicht, zu dumm, zu überhitzt und zu ausweglos erschien, das war Lands End. Da, wo kein Haus mehr steht, wo der Übergang der Zivilisation zum Meer sichtbar ist, wo das Tosen immer lauter zu vernehmen ist, wo die Unendlichkeit zu beginnen scheint, wo die Mythen, aber keine Menschen zuhause sind. Genau dort ist vielleicht der Anfang. Vor ganz langer Zeit. Dorthin geht die Reise zurück. Lands End ist für mich das, was in die Kindheit scheint und worin ich noch nicht war. Ein Traum, der nie endet.

Lands End