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Das Großartig-Infantile des Bebop

Joe Lovano, Us Five. Bird Songs

Charlie Parker, Bird, hat es in seiner kurzen Karriere vermocht, vielleicht nur ähnlich dem Blueser Robert Johnson, fast genauso viele Standards resp. Songs von klassischem Rang zu hinterlassen, wie er insgesamt komponiert hat. Nicht ein Stück fiel bei der nun Jahrzehnte wähnenden Kritik des Bebop durch, millionenfach werden die Parker-Themen täglich rund um den ganzen Globus von ambitionierten Saxophonisten gedudelt. Das Unbeschreibliche an Charlie Parkers Stücken ist ihre Eingängigkeit. Gleich Kinderliedern muten die Melodien an und folglich sind sie auch spielbar. Die Hürde für den, der sie covert, beginnt allerdings sofort, sobald es in den Improvisationsteil geht, den dann beginnt der Schwindel, verursacht sowohl durch das Spieltempo als auch der damit verbundenen Akkordwechsel.

Seit je her ist es ein hoch riskantes Unterfangen, auch als längst etablierter Musiker, sich an das Covern von Stücken zu machen, deren Solisten längst in der Hall of Fame ruhen. Zu groß ist die Gefolgschaft, die gleich Katecheten darüber wacht, ob nicht auch jeder Ton und jede Phrasierung des Originals des Halbgottes reproduziert wird. Umso mutiger ist die nun vorgelegte Sammlung von Parker-Stücken durch Joe Lovano, der zusammen mit der Band Us Five insgesamt 11 der All Time Favorites des Bebop-Giganten ausgewählt hat.

Die Interpretation der Parker-Tunes beginnt mit Passport und gleich dort wird deutlich, dass man es mit sehr intelligenten, gekonnten und gelungenen Interpretation Parkers zu tun hat. Lovano, im Gegensatz zu Parker Tenorist, intoniert mit dem Kinderlied gleichenden Thema, und zwar so lange, bis auch der unerfahren Hörende das Ganze reminiszieren kann, bevor die Band, deren Eigenart und Wesen durch das Vorhandensein von zwei Schlagzeugern erklärt werden kann, die folgenden Interpretationslinien Lovanos untermalt. Die Rhythmik ist grandios leicht und der Groove spritzig und beschwingt. Die Todesschleifen der Parkerschen Interpretationsmuster erscheinen wie ein Kinderspiel. Sowohl bei Donna Lee, Barbados, Dexterity und der sakralen Yardbird Suite bleiben sich Interpret und Band dieser Linie treu und es gelingt ihnen etwas, das den Kern des großen Parkers trifft: Die Vereinigung von Infantilität und Artistik, die eine hohe Professionalität erfordert, aber dennoch in ihrer Wirkung verspielt bleibt.

Die Interpretation der Ballade Lover Man hingegen wird zu einem echten Lovano. Er nimmt die Tragik, die in ihrer melancholischen Schwere alle Herzen bricht, in starkem Maße heraus und interpretiert das Thema mit der Distanz des Wissenden, der das Scheitern zum Lauf der Welt gehörig akzeptiert hat. Das Stück wird dadurch anders, aber ebenso interessant wie das Original.

Die Bird Songs von Lovano und Us Five sind eine gelungene Referenz an den großen Bird und eine wirkliche Bereicherung für das Arsenal des Bebop.

Rough Home, Chicago!

Buddy Guy. Living Proof

Buddy Guy, der in der ganz großen Tradition des Electric Blues steht, muss heute als einer der wenigen Vertreter dieses Genres gesehen werden, die noch etwas mitbekommen haben von der Atmosphäre, als die Habenichtse aus dem Mississippi-Delta mit nichts anderem in Chicago ankamen als ein paar Äpfeln in der Tasche und einer abgetakelten Gitarre über den Schultern. Robert Johnson hatte dem Reiseziel mit Sweet Home, Chicago eine Hymne dargeboten, bevor man ihn erschoss. Keine Musikrichtung weist in ihren Annalen soviel Leid, soviel Abenteuerliches und so viele Revolvergeschichten auf wie der Electric Blues, der in Chicago entstand. Buddy Guy, nun 74, natürlich noch viel zu jung, um die Gitarre in die Ecke zu legen, hat jetzt mit Living Proof ein erstes musikalisches Resümee seiner eigenen Biographie in dieser Stadt und in diesem Blues vorgelegt.

Mit dem ersten Song, 74 Years Young, erleben wir nicht nur beide musikalische Seiten, indem Guy sowohl die akustische als auch eine heftig elektrisch verstärkte Gitarre einsetzt, sondern auch die textliche Ankündigung seines Programms. Ganz in der Tradition des Blues sind es die Frauen, die in seinem Leben immer noch so dazu gehören wie die Luft zum Atmen, es ist die Musik wie die Wanderung vom Mississippi in die Windy City. Diese Geschichte ist es, die uns in der Stadt Chicago erzählt wird. Die wirklich beeindruckende Nachricht dieses Albums insgesamt ist die Tatsache, dass Buddy Guy gänzlich ohne musikalische Nostalgie auskommt. Er erzählt die Geschichte vom Endpunkt des Electric Blues, verstärkt, schnell, heftig, temperamentvoll, zuweilen unterstützt von aggressiven Bläsersätzen und mit einer Stimme, die immer noch im Kampf zuhause ist.

Da kommen dann neben erzählerischen Stücken wie On The Road und Stay Around A Little Longer ganz beiläufig ein Blues wie Key Don´t Fit vor, der sich von Intensität wie Virtuosität nicht hinter Red House von Jimi Hendrix verstecken muss. Wie schon bei dem Stones Konzert im New Yorker Beacon Theatre, als Buddy Guy als Special Guest für den Muddy Waters Song Champaign & Reefer auf der Bühne erschien, macht er auch auf dieser CD deutlich, dass da noch einer unter uns weilt, der aus einer ganz anderen Zeit stammt, der aber überhaupt nicht gewillt ist zu schweigen, sondern seinen Platz mit Glanz behauptet.

Im Titelsong Living proof wird dieses überdeutlich, indem er, unterstützt von einem amazonenhaften Chor der Welt entgegen schreit, dass er der beste Beweis dafür ist, dass noch was geht, mit dem Blues wie mit seiner so geliebten Heimatstadt Chicago. Und mit einem Shuffle, der schlechthin steht für die Vorwärtsbewegung, unterstreicht er seine Parole, die jede Form der Kapitulation ausschließt mit: Too Soon! Obwohl, und auch das ist Buddy Guy, er natürlich weiß: Everybody´s Got To Go! Buddy Guy ist besser denn je, und wer den Blues liebt, der wird mit Living Proof seinen Spaß haben.