Archiv der Kategorie: music

Zwischen Bühne und Straße

Trombone Shorty. For True

Der 1986 in New Orleans geborene Troy Andrews, sicherlich als Trombone Shorty im Big Easy sozialisiert und jetzt auch unter diesem Namen vermarktet, hat für seine 25 Jahre bereits einiges vorzuweisen. Obwohl er nicht mehr der Generation angehört, die sich ausschließlich über die Straße hoch kämpfte und er stattdessen das renommierte New Orleans Center for the Creative Arts besuchte, hat er, so scheint es, den musikalischen Stoff der Straße mit der Muttermilch in sich aufgenommen. Mit sechzehn veröffentlichte er sein erstes Album, Swingin´Gate, damals bereits wohl beachtet, es folgten Praktika bei einigen Größen des Genres, bis er im letzten Jahr mit dem Album Backatown den Durchbruch schaffte.

War Backatown quasi das Signal, dass Trombone Shorty von einer längeren Entwicklungsreise zurück nach New Orleans zurückgekehrt war, so ist For True ein Bekenntnis zu diesen Wurzeln, wenn auch ein halbherziges. Denn Trombone Shorty ist natürlich auch ein Kind seiner Zeit und seine juvenilen Inspirationen kommen aus dem Hip Hop, seinerseits mit sehr starken Impulsen aus dem Funk. Auf For True erwartet den Hörer jedoch eine Mischung verschiedenster Ansätze und Genres. Quasi im Wechsel der fortlaufenden Titel beginnt mit Buckjump, For True, Langniape, Dumaine Street etc. quasi jedes zweite Stück mit dem klassischen, atemberaubenden Groove der Straßenmusik aus New Orleans, wie sie in den letzten zwei Jahrzehnten durch die Rebirth Brass Band kultiviert wurde. So ist es kein Wunder, dass Shorty Trombones eigene Band, die New Orleans Avenue, das Album zusammen mit der Rebirth Brass Band eröffnet.

Ungewöhnlich sind die alternierenden Titel, die ihrerseits nicht nur das Genre wechseln, sondern auch durch zahlreiche Gastinterpreten wie Lenny Kravitz, Jeff Beck, Warren Haynes, Kid Rock und Ledisi wie eine Promotion Tour in eigener Sache wirken. Die zum New Orleans Street Style korrespondierenden Stücke mit den Celebrities sind isoliert betrachtet nicht schlecht, aber man fragt sich schon, welchen Ton darin ein Shorty Trombone angibt oder warum sie dort sind, wo sie sind. Die Stilrichtungen werden dominiert durch die Gäste, und wie man der Liste der Namen entnehmen kann, wechseln Genres wie Rock und Blues mit Hip Hop und R&B. Alles ganz gefällig, mit einer von einem Hochtalent gespielten Posaune.

Die eigentliche Dynamik und das Atemberaubende an manchen Stellen wird inspiriert von dem Mardi-Gras-Spirit aus New Orleans, man merkt, dass Trombone Shorty dorther kommt und dorthin gehört. Stücke wie Big 12 zeigen, wie gewaltig diese Kraft ist, die sich auf den Straßen zusammenballt und in diesem Melting Pot noch einiges zusammenbringt. Und das macht das Album trotz der Inkonsistenz zu einem Ausrufungszeichen. Denn mit wem die Rebirth Brass Band spielt, der gehört schon zur ehrenwerten Familie. Ob es allerdings zum Paten reicht, liegt daran, ob Trombone Shorty auf den Kodex schwören wird. Es steht noch dahin…

Das Luzide der Weißen Nächte

Jazz Pa Ryska. Jan Johansson

Bereits im Jahr 1968 war alles vorbei. Der erst 37jährige, junge schwedische Jazzpianist raste mit seinem Auto in einen Bus und war tot. Dabei war der Mann aus dem Hohen Norden so vielversprechend gestartet. Er studierte noch Elektrotechnik, als man ihn bat, den legendären Stan Getz auf einer Schwedentournee zu begleiten, bei Oscar Pettiford galt er schon als gesetzt. Inspiriert und ermutigt, brach Johansson sein Studium ab und machte sich in den Jazzclubs von Paris einen Namen. Er glänzte als der Stern des nordischen, skandinavischen Jazz. Dann goss er schwedische Volkslieder in das Maß eines luziden Swing. Er galt als Skandinaviens Hoffnung des Jazz und wurde diesem Namen gerecht, weil er rastlos nach Neuem suchte.

Ein Dokument nicht enden wollender Inspiration ist das Album Jazz Pa Ryska, in dem er sich – analog zu dem schwedischen Experiment – zahlreiche russische Volksweisen vornahm und in seiner eigenwilligen, hellen und leichten Weise in Jazzinterpretationen verwandelte. Dabei gelang Johansson etwas, was nicht unbedingt kleine Größen des Genres immer wieder scheitern ließ: Johansson konservierte die Melancholie der russischen Weisen, verstand es aber, ihnen auch das Lebensfrohe und Selbstironische zu entlocken. Wie sonst nur an wenigen Stellen bei Dostojewski, vermehrt bei Chechov, aber durchgängig bei Bulgakow in der Literatur, wird die Melancholie als Ausrede für Lebensbejahung und Veränderung das Spöttische, Provozierende entgegengehalten.

Beim Wolgalied wird durch die Inszenierung der Blockakkorde, die mit einem Staccato der Percussion in einem Dialog stehen, ganz einfach der Eindruck vermittelt, dass es an dem Gang der Wellen, am Fluss in eine Richtung, sprich am Lauf der Dinge nichts zu beklagen gibt. Das Kosakenlied hingegen kommt ohne das Schmissige und Militärische aus und wirkt eher verträumt, als die weltfremde Spekulation eines Orientalen. Und die Moskauer Nächte wirken weitaus großstädtischer als in allen vorherigen Interpretationen, mit seinem makellosen Swing kratzt Johansson quasi die Lebkuchenhülle der Metropole herunter und zeigt die Kälte der Millionenstadt, die trotzdem das Angebot der Verlustierung bereit stellt. Insgesamt 18 russische Volksweisen erfahren so eine Interpretation, die einfach genial ist, weil sie mit keinerlei Ideologie daherkommt und es der Autonomie des Hörenden überlässt, daraus etwas zu machen.

Jazz Pa Ryska ist ein wunderbares Album, es sprüht vor Inspiration und Vertrautem, es lässt die Seele reisen über weite Flächen, Birkenwälder und Flüsse, es lässt vortrefflich träumen von der Unendlichkeit des Sommers, der doch merklich zur Neige geht und die Endlichkeit des Daseins deutlich macht. Jan Johansson war ein großer, genialer und gefühlvoller Pianist, der das Genre des Jazz beherrschte und die Seele des Nordischen nie aufgab. Das machte ihn einzigartig. Und wer noch einmal träumen will in diesem Sommer, der sollte sich das anhören.

Eine Sternstunde des Jazz

Weather Report. Live in Offenbach 1978

Auch wenn alle Studentinnen und Studenten von Musikhochschulen, deren Professoren vom Fusion geprägt sind und die sich in Eis konserviert haben, um die Zeit stillstehen zu lassen, fluchen: Es gab eine Zeit, da war Fusion eine Wohltat, weil es das Genre überhaupt war, das sich öffnete, um frischen Wind in den Jazz und die musikalische Entwicklung insgesamt hereinzulassen. Die Band Weather Report, ihrerseits von ehemaligen Mitgliedern einer Miles Davis Formation gegründet, war eine artistisch geniale und spirituell revolutionäre Formation. Joe Zawinul (Keyboard) und Wayne Shorter (Tenorsaxophon) als Gründungsmitglieder bildeten von 1970 an das Skelett eines oft wechselnden Ensembles, zu dem Mitte der siebziger Jahre noch der legendäre Jaco Pastorius (Bass) und Peter Erskine (Drums) stießen. Die Hochphase der Band, die tiefe Spuren in der neueren Geschichte des Jazz hinterließ, kann als von 1976 bis 1985, ihrem Ende, angesetzt werden. In dieser Zeit fand das Konzert in Offenbach statt, dessen Mitschnitt heute als die Dokumentation einer Sternstunde des Jazz angesehen werden muss.

Auf zwei CDs mit insgesamt 18 Titeln erleben die Hörer mit Black Market und Scarlet Woman einen schleppenden Beginn, was insofern schade ist, als dass Black Market eine derartig sensationelle Rezeption erlebte, dass man das Stück in einer dynamischeren Erinnerung haben möchte. Schließlich wirkte das Stück auf den afrikanischen Kontinent zurück und war sogar über 20 Jahre hin die Erkennungsmelodie von Radio Dakar im Senegal gewesen. Aber spätestens bei The Pursuit of the Woman with the Feathered Hat bekommt man mit dem wuchtig intonierten, melodiös-rhythmisierten Bass eines Jaco Pastorius eine historische Lektion über die mögliche Leichtigkeit radikaler Veränderungen. Bei River People, wie die meisten Songs der Playlist heute ein Evergreen in der Diskographie von Innovatoren, sind Band wie Publikum bereits auf Betriebtemperatur und Skurrilität wie Dynamik der Arrangements werden deutlich.

Bei Delores/Portrait of Tracy/ Third Stone from the Sun präsentiert Weather Report einen Medley aus dem Inspirationsdepot eines Wayne Shorters, eines Jaco Pastorius und eines Jimi Hendrix und macht allein damit deutlich, dass sie zeitgenössisch mit zu dem Edelsten gehörten, was das Genre zu bieten hatte. Das Fest wird fortgesetzt mit In A Silent Way und Teen Town, steuert auf Zawinuls Welthit Birdland zu, in dem das große Erbe des Bebop in die damalige Gegenwart gezogen und der Eindruck einer funktionierenden Tradition suggeriert wird. Und mit Elegant People und Badia/ Boogie Woogie Waltz wird der Eindruck gleich wieder mit der Selbstverständlichkeit einer revolutionären Aktion ins Experimentelle außer Kraft gesetzt.

Die Aufnahmen sind in einer guten Qualität und bescheren uns die grandiose Stimmung, die diese Ausnahmeband in der Lage war zu vermitteln, und zwar mit ungewohnten Weisen, verstörenden Interpretationsmustern und schriller Intonation!