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Der Rodin des Hardbob

Sonny Rollins bei Enjoy Jazz

Als Abschlusskonzert des diesjährigen Enjoy Jazz Festivals, das sich längst als eine der europäischen Adressen des zeitgenössischen Jazz etabliert hat, haben sich die Veranstalter den Auftritt des 81jährigen Sonny Rollins ausgedacht. Der Saxophone Colossus, der mit seinem Werk zu den großen Linien des Jazz des 20. Jahrhunderts gehört, geht immer noch auf Tournee und erschien im Ludwigshafener Pfalzbau, um dem Publikum Einblick in seine Werkstatt zu geben. Wer damit gerechnet hatte, einen berühmten und betagten Mann zu sehen, der eine Referenz an sein zurückliegendes musikalisches Schaffen geben will, hatte sich getäuscht.

Der Mann, der genauso mit Miles Davis gespielt hat wie mit Coleman Hawkins, der in Harlem aufwuchs, dessen Eltern jedoch von den Jungferninseln kamen und mitverantwortlich sind für weltberühmte karibische Melodielinien des Sohnes, der Mann, der in frühen Jahren hoch auf der New Yorker Williamsburg Bridge mit dem Saxophon stand und seine Akkordfolgen in die urbane Metropole schlechthin rotzte, erschien mit einer vierköpfigen Band, deren Aufgabe es war, einen Teppich zu legen für dieses musikalische Urgestein, das trotz physischer Gebrechen nicht daran dachte, zurück zu schauen.

Vom ersten Ton an führte er das den Atem anhaltende Publikum in die Werkstatt seiner musikalischen Gestaltung, in der er sofort begann, sich an einem kolossalen Rohling abzuarbeiten. Ton für Ton meißelte er sich in die Grundidee ein, die nach wie vor aus der Kontur des Hardbob besteht. Der einzelne Ton figuriert zwischen der spröden Grundaussage, der handwerklichen Figur des Meisters und der Emotion des Gestaltenden Individuums. Das kam mal genauso mühevoll, wie es angebracht war und mal so hastig, wie es der Produktionsprozess manchmal hervorbringt. Die Authentizität jedes einzelnen Tones wie jeder Akkordfolge war immer gegeben und wie es im Prozess der künstlerischen Gestaltung ist, je länger Sonny Rollins an der Skulptur dieses Abends meißelte, desto stärker wurden die einzelnen Handgriffe und desto flüssiger die aufeinander folgenden Sequenzen.

Das positiv irritierende an diesem Auftritt war die Nonchalance, mit der Sonny Rollins sein bisheriges Werk ignorierte und der Wert, dem er dem Prozess der Improvisation zumaß. Die Reminiszenz tauchte dann auch nur als verfremdetes Zitat auf, wie zum Beispiel bei In A Sentimental Mood, bei dem er das Thema lediglich herzerweichend einspielte, um dem ewigen Gefährten Bob Cranshaw am Bass Improvisation und Melodieführung fast komplett zu überlassen und selbst nur noch Zwischenrufe zu artikulieren, die die Akkordfolgen begleiteten und dramatische Risse in das Konzept der scheinbar heilen Melancholie zu fügen.

Sonny Rollins entführte das Publikum in die Räume seines Schaffensprozesses, er erlaubte einen Einblick in die Prinzipien der rauen musikalischen Gestaltung und gestattete die Zeugenschaft in die Mühen der Meisterschaft. Dass der Genius das Schelmische nicht verloren hat, bezeugte er mit dem Finale, als er Marlene Dietrichs Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt nicht nur mit dem Tenor spielte, sondern, auch als eine Referenz an das deutsche Publikum, als englische Version Falling In Love Again (Can´t Help It) augenzwinkernd sang. Das war eine jener Nächte, die man zeitlebens nicht vergisst!

Ein souveräner Tanz auf dem Parkett der Männer

Texas scheint ein gutes Pflaster zu sein für Frauen, die sich etwas trauen. Bei allen emanzipatorischen Traditionen, die im Blues stecken, so war er doch immer eine Domäne der Männer. Der Machismo, der in den klassischen Blues Songs steckt, ist so schreiend, dass er per se schon jede Frau abschrecken müsste, sich darauf einzulassen. Die 1972 in Houston geborene Carolyn Wonderland ist zwar fast dreißig Jahre nach der aus dem texanischen Port Arthur stammende Janis Joplin unterwegs und ihre Art, den Blues mit Leben zu füllen, ist eine andere, doch an Chuzpe steht sie ihrer großen Schwester nicht viel nach. Sozialisiert wurde sie quasi in der 6. Straße von Austin, wo ein Club neben dem anderen ist und auf jeder Bühne Akkorde angeschlagen werden, wie das dort schon Stevie Ray Vaughan, Albert Collins oder Omar gemacht haben.

Mit Peace Meal bringt Carolyn Wonderland bereits ihr neuntes Album heraus. Nach programmatischen Titeln wie Groove Milk, Bursting With Flavour, Alkohol And Salvation, Bloodless Revolution und Miss Understood, die daher kamen, als beschrieben sie die einzelnen Lebensabschnitte der jungen Frau, ist rechtzeitig zum bevorstehenden vierzigsten Geburtstag die innere Mitte gewonnen.

So handelt es sich bei Peace Meal um einen Überblick über die einzelnen Facetten der Gitarristin und Sängerin. In den meisten Stücken spielt sie in dem ihr vertrauten Trio zusammen mit Cole El-Saleh an den Keyboards und Robert Michael Hooper an den Drums. What Good Can Drinkin´Do, Victory of Flying, Only God Knows When sind Referenzen an das Blues-Klischee schlechthin, gut arrangiert, mit den aus dem Jig entstandenen Riffs auf einer trocken und ehrlich gespielten Gitarre. Die folgenden St. Marks und Golden Stairs sind Blues-Balladen, die von ihrem Design sehr an die siebziger Jahre erinnern, sehr gut realisiert werden, aber dennoch von der Dynamik etwas abfallen und zuweilen eher an Ian Andersons Interpretationen bei Jethro Tull erinnern als an das, was dann folgt. Mit dem Klassiker Dust My Broom, der so alt ist wie der Blues selbst, erwirbt Carolyn Wonderland den Meistertitel, da steht das Herz für einen Moment still, weil man erstmal begreifen muss, dass da eine junge Frau mit klirrenden Stiefeln durch die Männerdomäne tanzt, und man sieht förmlich, wie die sich die Augen reiben und für einen Augenblick dieses blödsinnige Gewese um die Rollenaufteilung vergessen, weil sie von einem Groove über den Holzboden getrieben werden wie kleine Schäfchen.
Die folgenden Stücke sind eine Referenz an das aktuelle Schaffen, vom Electric Blues, über die von der Orgel getragenen Ballade bis hin zu Shine On, einem besinnlichen Rezitat, das nicht nach einer Zuordnung zu einem besonderen Genre schreit.

Carolyn Wonderland galt schon lange als dezenter Tipp, mit Peace Meal stellt man sich die Frage, warum in der Blueswelt immer noch bei Texas nur an Stevie Ray Vaughan, Johnny Winter, Omar, Johnny Guitar Watson und wie sie alle heißen gedacht wird, aber nicht an die großartigen Frauen, nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch die, die abends in Austin auf der Bühne stehen!

Der Texaner mit den Eismetaphern

Albert Collins war einer der Musiker, die so gar nicht ins Klischee passten. Der gebürtige Texaner schwarzer Hautfarbe, übrigens ein entfernter Verwandter von Lightnin´ Hopkins, verfiel weder der Schwere des Südstaatenblues, wie er im Delta gespielt wurde, noch jagte er den Mustern nach, die den Electric Blues in Chicago so erfolgreich gemacht hatten. Albert Collins war und blieb in seinem Musikerleben ein Texaner, der zwar vieles adaptierte, wie vor allem die messerscharfen Bläsersätze, die sich in den Nordmetropolen durchgesetzt hatten, aber er blieb dennoch seiner eigenen Quelle treu: Den Jig getriebenen Riffs der Texaner, die mit Blick auf den Colorado River die unendliche Weite des Landes genauso im Blick hatten wie ihre rhythmischen europäischen Wurzeln.

Im Jahr 1992, nur kurze Zeit vor seinem allzu frühen Tod, trat Albert Collins auf dem Festival in Montreux auf, das seinerzeit längst nicht mehr der esoterische Spot für den Jazz, sondern längst auch zu einer Eventadresse für den Blues geworden war. Collins brachte nicht nur einen großen Bläsersatz mit in die Schweiz, sondern ebenso ein Repertoire, das nicht hätte besser die Kontur seines Schaffens beschreiben können. Von dem frühen Hit Frosty bis zu Iceman beschrieb er auf diesem Konzert die Meilensteine seiner Karriere, auf der er, der Texaner, immer der kuriosen Vorliebe für Eismetaphern treu blieb und weshalb er neben seinem in der Fachwelt verhängten Beinamen Master of Telecaster auch scherzhaft der Iceman genannt wurde.

In einer fulminanten Revue, die mit Iceman begann, Titel wie Honey Hush, Lights Are On, If You Love Me Like You Say und Dirty Dishes beinhaltet, um mit Frosty zu enden, zeigte Albert Collins noch einmal, was es braucht, um ein Publikum kollektiv in eine Stimmung zu versetzen, in der Lebensfreude und eine gewisse Nonchalance gegenüber dem Schicksal zum Ausdruck kommt. Albert Collins, der mit den damals noch notwendigen langen Kabeln an der Gitarre immer die Nähe zum Publikum suchte, um es auch manchmal aus dem Saal auf die Straße zu führen und auf den Straßenbahnschienen ein Happening des Blues zu inszenieren, war einer von jenen Typen, die sich nie blenden ließen vom eigenen Erfolg und der Aufmerksamkeit, die man ihm entgegen brachte. Aus jedem Akkord hört man die Erdung, das Bewusstsein, dass die Kraft der Musik aus dem Wissen um die eigenen Vergänglichkeit genauso gespeist wird wie die Zelebrierung des Augenblicks als ein Geschenk an die menschliche Existenz.

Die vorliegenden Aufnahmen vermitteln, gerade weil sie einem Live-Konzert entnommen sind, die notwendige Resonanz auf den Blues, den Collins spielte. Fast ist man bei ihm geneigt, ein neues Genre, den Interstate-Blues, zu kreieren. Immer unterwegs, immer gut drauf, ein Profi durch und durch, mit einem Blick auf den Alltag, der alles ist, was wir haben. Schöner kann man des Icemans nicht gedenken.