Archiv der Kategorie: music

West Coast Feeling im Big Apple

Art Pepper. Friday Night at the Village Vanguard

Was für eine Karriere! Der in Gardena/Kalifornien 1925 geborene und aufgewachsene Altsaxophonist Art Pepper war vom Talent und seiner Spielweise derjenige, der das Zeug mitbrachte, den großen Charlie Parker zu beerben. Stilistisch sehr verschieden, von seiner Virtuosität und improvisatorischen Intelligenz und Empathie allerdings ähnlich dimensioniert, spielte er sich über die Standards und das Feeling des West Coast Jazz in die erste Reihe des amerikanischen Jazz. Analog zu Charlie Parker verfiel er sehr früh dem Heroin, was sein Leben über große Strecken zerstörte und ihn insgesamt für elf Jahre hinter Gitter brachte. Erst in in den siebziger Jahren kam er von der Droge los und entwickelte bis zu seinem frühen Tod 1982 nochmals eine erstaunliche Kraft, die vor allem in den Aufnahmen aus dem New Yorker Village Vanguard zum Ausdruck kommt.

Das nun neu aufgelegte Album Friday Night at the Village Vanguard, aufgenommen bei dortigen Auftritten im Juli 1977, ist ein beeindruckendes Dokument eines künstlerischen Come Backs. Auf insgesamt fünf Stücken ist der eigenwillige, sehr relaxte und dennoch kraftvolle Stil Art Peppers zu bewundern. Zusammen mit George Gables (piano), George Mraz (bass) und Elvin Jones (drums) exerziert Art Pepper das, was den relaxten Laid Back Stil der West Coast ausmachte und im Herzen New Yorks wie ein Fremdkörper wirken musste. Die Spielweise musste als ein Kontrapunkt zu den atemberaubenden Jagdszenen des Bebop gesehen werden, traf sich historisch aber durchaus mit der längst etablierten modalen Spielweise eines Miles Davis.

Mit Las Cuevas De Mario groovt sich das Quartett noch ein und brachte das Westküsten-Latino-Signet noch mit, ehe eine Interpretation von Van Huesens But Beautiful dokumentiert, wie brachial und erdig Pepper in dieser letzten Schaffensphase an in Stein gehauene Balladen ging. Fast klingt der martialische Ton schon blasphemisch, würde er nicht durch improvisatorische, sanfte Riffs nachgebessert. Ellington-Tizols Caravan, bei dem Pepper sogar zum Tenor greift, beginnt mit einer Meditation jenseits der Tonarten, bevor Pepper mit einer wie lästig empfundenen Referenz das Thema aufgreift, um zu demonstrieren, wie man als Outcast zu den Konventionen stehen und sie dennoch, im tiefsten Innern, negieren kann. Diesen Widerspruch ist er nicht gewillt aufzulösen und gibt dadurch dem Stück eine Note, die verstörend und beunruhigend wirkt.

Seine Eigenkomposition Labyrinth wiederum wirkt trotz seiner Konstitutionsprinzipien regelrecht beruhigend, die melodiöse Melancholie, die durchaus romantische Hinweise mit sich bringt, suggeriert nahezu die Versöhnung mit der Orientierungslosigkeit. Der Abschluss der Aufnahme bildet der Gillespie-Klassiker A Night In Tunesia, insofern ein Ausrufezeichen, als dass Art Pepper sich eine Hymne eben des Bebop ausgesucht hat, um vielleicht dem Big Apple die Referenz abzustatten, die er als West Coaster dem sagenhaften Club an der Pforte zum Village schuldig war. Und sie gelang, mit allen Finessen, die die improvisatorische Extravaganz des Bebop erforderte.

Friday Night at the Village Vanguard ist ein historisches Dokument über einen der großen Auftritte eines Musikers, dessen Leben zerstört war, dessen einziges Medium die Musik blieb und über das er alle Brüche mitteilte, die er erlebt hatte. In einer auch tonalen Qualität, die sich weit über vieles erhebt, was allgemein als historisch verramscht wird.

Virtuose Dekonstruktionen

Cannonball Adderley; Somethin‘ Else

Der Mann aus Florida, den sie alle aufgrund eines Versprechers Cannonball nannten, war ein Aktivposten bei den berühmtesten Jazz-Alben aller Zeiten. Im Dialog mit John Coltrane brillierte er kongenial auf Miles Davis´ Kind of Blue, jenem Album, von dem sich die Behauptung hält, man könne es sich in jeder Großstadt der Welt beim Nachbarn ausleihen. Dennoch, obwohl Julian Edwin „Cannonball“ Adderley mit den Top-Jazzern seiner Zeit spielte und selbst großartige Musik gemacht hat, erscheint er bis heute nicht auf den großen Schlagzeilen. Das muss nicht weiter stören, denn bei jenen, die sich an den phänomenalen Entwicklungen erfreuen, die Bebop und Hardbop hervorgebracht haben, steht Cannonball, Adderley ganz oben auf dem Zettel.

Das vorliegende Album Somethin´ Else, 1958 im Van Gelder Studio in Hackensack, New Jersey, aufgenommen, zählt zu den Marksteinen des Hardbop. Das liegt zum einen an der Besetzung, die sich liest wie das Who is Who jener Zeit, mit Miles Davis (trumpet), Hank Jones (piano), Sam Jones (bass) und Art Blakey (drums) hatte Adderley Musiker an seiner Seite, die als Solisten zu den besten ihres Faches gezählt werden mussten und intellektuell in der Lage waren, ihm in jede Region der Improvisation zu folgen.

Das Interessante an Somethin´ Else ist unter anderem, dass Cannonball Adderley, von dem es zahlreiche fulminante Eigenkompositionen gibt, auf diesem Album teilweise die Konzentration auf die Interpretation von längst etablierten Standards setzte. Ein Album jener Zeit mit einem Gassenhauer wie Autumn Leaves zu eröffnen, setzte sehr große Chuzpe voraus und wäre nicht das Werk der zitierten Musiker, wenn daraus nicht etwas geworden wäre, das man sich nicht oft genug anhören kann. Während Hank Jones die ersten Akkorde wie zu einer Moritat intoniert und Miles Davis mit einer schaurig epischen Tonführung untermalen lässt, wartet Adderley mit seiner Interpretation der Melodieführung, bis Blakey einen Rhythmus unterlegt, der das Regelmaß des Verfalls zum Ausdruck bringt. Das ist die Dekonstruktion eines Standards auf allerhöchstem Niveau, da entsteht eine Aussage, die die Textblöcke eines bekannten Aufbaus außer Kraft setzt und keinem neuen Gedanken den Zugang versperrt.

Und in dem berühmten Cole Porter Song Love For Sale übernimmt Miles Davis wieder den klassischen Part der Melodieführung und überlässt Cannonball Adderley die Demontage der alt bekannten Weise, was diesem mit einer Fulminanz gelingt, die dadurch befremdet, weil die Häresie hier etwas Leichtes und Beschwingtes verströmt. In Somethin´ Else, der Miles Davis Komposition, fordert Davis Adderley zu einem Duell, das leichtfüßiger nicht daher kommen könnte. Und in der Komposition One For Daddy-O von Adderleys Bruder Nat wird man in kristalliner Form noch einmal Zeuge der ganzen Virtuosität dieses Altsaxophonisten, dessen Spielweise wohl für alle Zeiten eine Herausforderung für die Musiker dieses Instrumentes sein wird.

Somethin´ Else ist ein Album, das wegen der Qualität seiner musikalischen Botschaften in die große Diskographie des Jazz unbedingt gehört. Und Cannonball Adderley wird trotz seines viel zu frühen Todes noch viele herausfordern, die meinen, das Altsaxophon sei ein cooles Instrument.

Wie einst auf dem Chitlin‘ Circuit

Tommy Castro presents The Legendary Rhythm & Blues Revue

Der nach dem Soulfood benannte Chitlin´Ciruit war eine Route von Clubs im Süden der USA, die es während der Rassentrennung den schwarzen Musikern erlaubte, ohne Schikanen aufzutreten und vor den eigenen Leuten zu spielen. Das waren Ochsentouren, die aus unzähligen Gigs bestanden, jeden Abend auf einer anderen Bühne und wenig Schlaf in verwanzten Hotels oder klappernden Bussen. Jimi Hendrix lernte auf diesen Touren als Rhythmusgitarrist bei Solomon Burke und James Brown holte sich dort den Rückenwind für seine Funkrevolution.

Der in Kalifornien geborene Tommy Castro, der das große Glück hat, in einer Gesellschaft aufgewachsen zu sein, die zumindest die offizielle Rassentrennung hinter sich gelassen hat und in der es für Musiker normal ist, in Ethnien keine Grenzen, sondern eine Bereicherung zu sehen, steht insofern in der Tradition des Chitlin´Curcuit, als dass er zu den wohl härtest tourenden Musikern seines Genres gehört. Ca. 150 Auftritte pro Jahr und zumeist mit einem Konzept, das den alten Roadshows gleicht. Zumeist reist Tommy Castro mit anderen Vertretern und Bands des Blues Labels Alligator Records durchs Land und beschert dem Publikum eine bunte Show.

Auf dem Live Album Tommy Castro presents The Legendary Rhythm & Blues Revue kommt man in den Genuss eines solchen Auftritts, der das Spektrum des sehr auf die Pflege des Blues bedachte Alligator Label sehr gut abdeckt. Neben Tommy Castro, der in bekannter und explosiver Form Wake Up Call, Gotta Serve Somebody, Painkiller und Serves Me Right To Suffer präsentiert, findet sich Michael Burks mit einem klassischen Blues namens Voodoo Spell, der legendäre Joe Louis Walker mit It´s A Shame in der mit Bläsern untermalten Tradition des Rhythm & Blues und einer atemberaubenden Sista Monica Parker mit dem Song Never Say Never, mit dem sie unterstreicht, dass sie schon lange zu den großen Frauen des Blues gehört, ohne sich in der Vermarktungsmühle zum Serienprodukt verramscht zu haben.

Rick Estrin, Fog, Janiva Magness, Theodis Ealey und Debbie Davies sind die anderen, die bei dieser Revue noch ihre Pfunde in die Waagschale werfen und alle einen Beitrag zu schillernden Facetten beitragen, die das Gesamtbild einer grandiosen Bluesnacht ausmachen, wobei Theodis Ealeys mit This Time I Know die große Referenz an den Süden und die Wurzeln des Soul gibt und Debbie Davies allen Männern das Herz in Stücke reißt.

Das Konzept, nicht nur mit einem Interpreten, sondern einem ganzen Ensemble unterschiedlicher Künstler auf Tour zu gehen, ist eine großartige Idee, von der vor allem das Publikum profitiert. Momentan stehen sowohl in den USA als auch in Europa die die Zeichen auf einen Sinneswandel in der Showperformance und man schlägt diese Richtung ein, die dazu beitragen kann, dass wieder große Feste anlässlich der Konzerte gefeiert werden. The Legendary Rhythm & Blues Revue Tommy Castros vermittelt einen Eindruck, was passieren kann, wenn ein Konzert zu einer turbulenten Party wird.