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Ein starkes Plädoyer für die Freiheit der Konzeption

Branford Marsalis Quartet. Four MFs Playin‘ Tunes

Wenn Branford Marsalis ein Album aufnimmt, dann kann man sicher sein, musikalisch, konzeptionell und tontechnisch etwas auf sehr hohem Niveau zu bekommen. Kurz nach der CD, die er exklusiv mit dem Pianisten Joe Calderazzo eingespielt hat und die durch das nahezu blinde Verständnis von zwei Ausnahmesolisten bestach, wartet das Branford Marsalis Quartet nun mit Four MFs Playin´Tunes auf. Der Titel suggeriert zum Erstaunen derer, die Marsalis-Produktionen gewohnt sind, dass konzeptionell zunächst wenig Substanzielles zugrunde liegt. Doch der erste Eindruck täuscht gewaltig.

Mit den Titeln The Mighty Sword und Brews, die die Einspielungen einleiten, wird spirituell nichts Neues geboten. Die rauen und immer etwas reibungsvollen Dialoge zwischen Calderazzo und Marsalis erhalten dadurch eine etwas ungewohnte Note, als dass sie durch den exklusiven Gebrauch des Soprans etwas Verspieltes bekommen, das dazu animiert, weiter zu hören. Bis auf wenige Ausnahmen bleibt Marsalis beim Sopran und auch bei dem Stück Maestra ist zu sehen, dass der lyrische, von der europäischen Klassik geprägte Ton bei diesen Aufnahmen dominieren wird.

Branford Marsalis hat sich dezidiert nicht nur zur europäischen Klassik, sondern sogar zu Wagner bekannt und immer wieder betont, dass er das Konzeptionelle daran schätzt und die politische Kontaminierung willentlich ignoriert. Das mag manchen nicht schmecken, dokumentiert aber eine innere Freiheit, die diejenigen, die glauben, in einem Genre bleiben zu müssen, nicht besitzen und diese reduziert. Die Tunes, die gespielt werden und so lapidar daher kommen, haben es in sich, weil sie, wie bei Mirth and Melancholy auch, hartnäckig an der Idee einer transatlantischen musikalischen Fusion festhalten. Dass mit mit dem Stück Teo der moderne amerikanische Duktus eines Thelonious Monk quasi als Antipode zu den vorher präsentierten klassisch-europäischen Etüden gesetzt wird, zeugt von dem unbändigen Selbstbewusstsein Branford Marsalis, der diesmal das Tenor in der Rustikalität eines Sonny Rollins intoniert und Joe Calderazzos, der die Akkorde in kosmischen Dimensionen akzentuiert.

Auch mit Whiplash folgt eine Sequenz des Hardbob, die in genialer Inszenierung der Hommage an Monk folgt. Danach kehrt das Quartett zurück zu lyrischen Einspielungen, die allerdings nicht zu den Mustern der europäischen Klassik zurückkehren, sondern in starker Weise auf ihre teils auch nostalgische Verfremdung in den USA hindeuten. Und Besonders der Standard My Ideal kann als ein verschmitzter Fingerzeig auf die Weichspülung nahezu mathematischer Musikkonzepte europäischer Provenienz durch die Emotionalität der Neuen Welt gedeutet werden.

Four MFs Playin´Tunes ist nicht nur eine hochklassige Vorstellung des zeitgenössischen Jazz, sondern auch ein überaus starkes Plädoyer für die Freiheit der Konzeption in Anlehnung an alles, was der Inspiration dienlich ist. Die Offenheit Banford Marsalis hat das Ausmaß eines Miles Davis erreicht. Und dass das Quartett nun einen neuen, jungen Schlagzeuger hat, dessen Dynamik und Feinfühligkeit den Jazz der nächsten Jahrzehnte mit prägen wird, ist ein Geheimnis, das sich schnell herumsprechen wird.

Funk aus dem Hohen Norden

Mo‘ Blow. For those about to Funk

Eines der Merkmale der Globalisierung ist die lokale Entbindung. Wer assoziiert nicht immer noch die Nordseekrabben, die er aus dem Regal holt, als rein friesisches Produkt, obwohl marokkanische Frauen sie geschält haben? Und wer will schon gerne realisieren, dass wesentliche Bauteile französischer Saxophone aus Taiwan stammen? Im Bereich der Musik ist das nicht anders. In Asien gibt es Samba-Formationen, die die brasilianische Herkunft spielend vergessen lassen und im kalten Großbritannien schälen Blueser mit unverwechselbarer Empathie ihre Gitarren, ohne dass sie jemals im Mississippi Delta gewesen wären.

Die deutsche, genauer gesagt, die Berliner Gruppe Mo´ Blow kann mit Fug und Recht für sich reklamieren, eine Funk Band zu sein und was sie machen, überzeugt auch emotional in hohem Maße. Funk, ein Genre, bei dem eher Schlagworte wie James Brown, Marceo Parker, Frank Wesley, Knoblauch, Hitze und Spicy Chicken Wings in den Sinn kommen, kann nicht nur in Alabama, sondern auch in Berlin zu voller Wirkung kommen. Und als sei das nicht genug, hat die Band um Felix F. Falk gleich noch ein Funkschwergewicht aus dem Land der Sonnenfinsternis mit hinzu gebeten. Nach einer Anfrage fungierte schließlich der Schwede Nils Landgren als Produzent des Ganzen.

Das Album For those about to Funk wurde im November 2011 im P1 Studio im Osten Berlins aufgenommen. Zur Gruppe Mo´Blow gesellte sich Nils Landgren und einige Mitglieder seiner Funk Unit. Heraus kam perfekter Funk. Nicht nur, dass die meisten Eigenkompositionen der Band von der Instrumentierung und dem Arrangement her perfekt inszeniert wären. Nein, auch die Phrasierungen tragen das Atmosphärische weiter, welches für den Funk, der aus einem Groove geboren wurde, lebenswichtig ist.

In der Eigenkomposition Fried Chocolate merkt man noch das besondere Setting. Sie hört sich an wie ein ureigenes Stück von Nils Landgren, der auch gleich eine Dominanz setzt, bevor irgendwann ein Baritonsaxophon deutlich macht, dass der Schwede zu Gast in Berlin ist. Bereits bei Eleven Feels Like Heaven zeigt Tobias Fleischer am Bass, was ein hitziger Groove auf Berliner Lehmboden ist und bei Along Came Mag herrscht bereits ein Fusionzustand im Funkzusammenspiel zwischen Berlin und Stockholm, was der Funk Unit Sänger Magnum Coltrane Price mit seinem Text verdeutlicht. In Volkman´s Van zeigt vor allem André Seidel am Schlagzeug, wie der Funk akzentuiert werden muss. Und bei Ricky The Lobster, dass von einem Slap Bass vorwärts gepeitscht wird, erleben wir noch einmal in aller Intensität das Sphärische jenes Genres, das tief aus dem amerikanischen Süden kommt.

For those about to Funk ist ein sehr dynamisches und frisches Album, das in keiner Weise Zweifel aufkommen lässt, ob im Hohen Norden der richtige Ort ist, um Südstaatengefühle aufkommen zu lassen. Mo´ Blow ist eine Band, die noch von sich reden machen wird.

Französich, feminin, virtuos und innovativ

Céline Bonacina Trio. Way of Life

Da kommt einiges zusammen, bei der jungen und zunehmend erfolgreichen Baritonsaxophonistin Celine Bonacina. Sie wuchs in einer Familie auf, in der beide Elternteile eine Affinität zum Big Band Jazz hatten. Folglich spielte auch sie bereits als junges Mädchen in einer solchen Formation. Dennoch ist es ungewöhnlich, dass eine Frau sich für das Baritonsaxophon entscheidet, was Celine Bonacina früh tat. Eigentlich ist es vom Gewicht zu schwer und von der Länge zu groß. Aber sie hatte Mut sowie Selbstvertrauen genug. Und dann, als sie sich begann in ihrem Heimatland Frankreich zu etablieren, zog es sie auf die Insel Reunion im Indischen Ozean, wo sie sich sieben Jahre als Saxophonlehrerin über Wasser hielt. Und als sie dann nach Paris zurückkehrte, brachte sie vieles mit, was den europäischen Jazz bereichern kann.

Bereits im Jahre 2008 traf Celine Bonacina auf den französisch-vietnamesischen Ausnahmegitarristen Nguyen Le, mit dem sie immer mal wieder zusammenspielte und den sie auch bat, auf einigen Stücken der neuen CD ihres Trios mitzuwirken. Heraus kam Way of Live, das viele Aspekte aufweist, die von Interesse sind.

Die insgesamt dreizehn Stücke sind eine Reise durch verschiedene Genres, vom Blues bis zum orchestralen Jazz, von der Folklore zur Mehrdimensionalität der Weltmusik. Bei den Biographien der Akteure kein Wunder. Celine Bonacina, das sei unbedingt erwähnt, ist eine meisterhafte Herrscherin über das sperrige Bariton, sie entlockt ihm Töne, die – natürlich – an Gerry Mulligan erinnern. Ihre Technik ist brillant, ihre Intonation wird getragen aus einer Mischung von Melancholie und Feuer und ihre Tempi erreichen Dimensionen, die Herzrasen verursachen.

Das Album beginnt mit dem Zig Zag Blues und dabei ist der Name Programm. Da wird in einer Souveränität das klassische Schema geschändet, das es eine Freude macht. Bei Ra Bentr´ol führt sie einen Dialog mit Nguyen Le, der an die kosmischen Visionen eines Hendrix erinnert, Wake Up ist eine Referenz an das Perkussive des Baritons, das aber auf einem artifiziellen Niveau, das bis heute noch nicht gehört wurde. Free Woman wiederum ist romanisch-narrativ, mit einer Prise von Schwermut, die nur das Bariton vermitteln kann. In Deep Red wird sie zur Low Tone Queen, mit einer rhythmischen Emphase, die einfach nur Spaß macht und man verwundert ist, zu was das tiefe A alles fähig ist. Und in Jungle zeigt sie allen, die schon versucht haben, sie in eine Ecke zu drängen, was eine Harke ist. Auf wechselnden Rhythmen intoniert sie, kongenial mit Nguyen Le Hard Bop Strukturen, angefangen vom Funk bis zum Rock. Und bevor man sich beruhigt hat und versucht, die Botschaften der vielen Aspekt zu dechiffrieren, beschließt Celine Bonacina das Album mit Toty Come Bach, auf dem sie in Orkangeschwindigkeit der Hörerschaft ein Bach´sches Riff um die Ohren haut.

Way of Live ist ein grandioses Werk, das durch Virtuosität und Ideenreichtum besticht, ohne die emotionalen Sphäre zu übertönen.