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The Sound Of Tears

Charlie Mariano, Philip Catherine, Jasper van‘ t Hof. The Great Concert

Es gibt kaum einen Jazz-Musiker des letzten Jahrhunderts, der internationaler und welt-zugewandter war als der Italo-Amerikaner Charlie Mariano. Geboren als Sohn italienischer Einwanderer aus den Abruzzen, wuchs er in Boston auf. Dort studierte er Musik und begann seine Karriere als Alt-Saxophonist, die ihn sehr bald zu den Größen des amerikanischen Jazz führte. Selbst beeinflusst von Jonny Hodges und John Coltrane, fand er selbst seinen eigenen Sound, der immer wieder als der lyrischste Ton des Jazz bezeichnet wurde. Niemand geringerer als Charles Mingus nannte diesen Ton den Sound of Tears. Mariano, Jahrgang 1923, suchte schon bald nach dem II. Weltkrieg neue Einflüsse außerhalb der USA zu finden.

Seine Reisen und Aufenthalte führten ihn nach Europa, zunächst in die Niederlande und nach Belgien, dann immer wieder nach Asien, dort vor allem Indien und Japan. Selbst in Malaysia verbrachte er ein Jahr, um Musiker eines Radio-Orchesters auszubilden. Seit 1986 lebte er dann in Köln, wo er 2009 85-jährig starb. Seine verschiedenen Ensembles und vielseitigen Zugänge zu künstlerischen Herausforderungen sind Legende. Er vertonte in Zürich Peter Weiss´ Bühnenstück Marat/Sade, spielte bei der Band Embryo, war prominentes Mitglied des United Jazz & Rock Ensembles, spielte mit Herbert Grönemeyer und fand sich immer wieder zusammen mit zwei kongenialen Musikern, dem Gitarristen Philip Chatherine und dem Pianisten Jasper van´t Hof. Mit diesen trat er immer wieder auf. Wie auch am 2. Mai 2008 in Stuttgart, wo Mariano häufig zu sehen war, um, obwohl bereits 84-jährig und von einem Krebsleiden attackiert, unter dem Titel The Great Concert eine Vorstellung zu geben, die seine letzte sein sollte. Mariano starb ein Jahr später in Köln.

Das Trio präsentierte auf dem Gott sei Dank unter professionellen Bedingungen mitgeschnittenen Auftritt insgesamt sechs Stücke, die wie ein Vermächtnis dieses großartigen Musikers nachklingen. Chrystal Bells als Auftakt verrät den intuitiv gefühlten Abschied, Charlie Mariano brilliert mit seinem lyrischen, von Melancholie durchtränkten Ton, dem Catherine mit dissonanten Akkorden jeden Anflug von falschem Pathos nimmt und den Jasper van´t Hof in eine unvergessliche Erzählung einbettet. The Quiet American, von Van´t Hof eingeleitet wie ein letzter Akt, macht deutlich, dass die Auswahl dieses Stückes mehr ist als eine Koinzidenz. Randy wiederum ist eine große Lektion, wie sich ein Saxophonist Thema wie Verfremdung nähert, es ist Musik, die keinen Zweifel darüber lässt, was letztendlich zählt: neben Butter und Brot ist es die Fähigkeit, zu erkennen, zu lernen und zu üben. Mute wiederum weist auf die große Erfahrung hin, dass das Nicht-Tun und Auslassen zuweilen eine eigene Qualität großer Musik ist. Und mit L´Eternel Desir und Plum Island, das dieses großartige Konzert abschließt, gelingt diesen Musikern ein Ausklang, der dem gesamten Auftritt in Stuttgarts Theaterhaus würdig ist.

Mit dieser CD ist ein Stück Jazzgeschichte festgehalten worden. Und es ist eine wunderbare Erinnerung an Charly Mariano. Der Mann, der dazu in der Lage war, die Welt für einen kurzen Augenblick anhalten zu lassen.

Identitätsfindung im Ensemble

Marcus Miller, Renaissance

Marcus Miller gehört zu den Ausnahmemusikern einer Generation, die in den letzten zwei Jahrzehnten mit viel Furore auf sich aufmerksam machten. Zu ihnen gehören sicherlich Charaktere wie Branford Marsalis und die etwas jüngeren Joshua Redman, James Carter, Christian McBride oder Roy Hargrove. Marcus Miller jedoch war der, welcher mit dem Miles Davis Album Tutu, das im wesentlichen von Miller arrangiert worden war, schlagartig die uneingeschränkte Aufmerksamkeit erlangte. Obwohl er selbst ein vielseitiger Musiker ist und neben dem Bass noch andere Instrumente, und vor allem exzellent Klarinette zu spielen in der Lage ist, schrieb man ihn in das Buch der Ausnahmebassisten ein. Letzteres hinderte Miller nicht daran, eine grandiose Solokarriere zu starten und CDs wie Tales und Silver Rain herauszubringen, die in ihrer Intensität weit über den Zeitgeist hinausgehen.

Doch nach Silver Rain (2005) wurde es relativ still um Marcus Miller. Ab und zu erschienen Mitschnitte von Live-Konzerten, aber man wurde den Eindruck nicht los, dass Miller, der zwischenzeitlich die Fünfzig überschritten hat, in einer Krise steckte. Letztendlich schien er den Preis bezahlen zu müssen, den alle zu entrichten haben, die allzu früh im grellen Rampenlicht stehen und dann nur mit großen Mühen und gegen quälende Widerstände von der Momentaufnahme abstand nehmen können, auf die sie reduziert werden.

Marcus Miller hat, so wie es scheint, den Kampf gewonnen und sich von dem exponierten Solisten zu einem genialen Jazzbassisten entwickelt, dem das Genre und dessen Aussage wichtiger ist als die eigene Strahlkraft. Mit dem Album Renaissance kehrt Marcus Miller zurück mit einer Band junger, viel versprechender und sehr virtuoser Musiker, die nicht den großen Bassisten unterstützen, sondern die von einem der genialsten Bassisten unserer Tage ihrerseits getrieben werden. Vor allem Alex Han am Altsaxophon, Sean Jones an der Trompete und Adam Rogers an der Gitarre setzen Akzente, die melodiöse Stimmigkeit und tonale Expressivität zum Ausdruck bringen. Zusammen mit dem Schlagzeuger Louis Cato peitscht der in diesem Ensemble als Senior zu bezeichnende Marcus Miller am Bass eine regelrechte Musikforce zu künstlerisch hoher Qualität.

Gleich, ob in den Eigenkompositionen, von denen vor allem Detroit, Redemption, Jekyll & Hyde und Revelation zu überzeugen wissen, oder in den Cover-Versionen, Mr. Clean, Tightrope oder I´ll Be There, die Band überzeugt durch Tempo wie Ausdruck und der Rhythmus hat eine Qualität, die ihresgleichen sucht. Mit Ausnahme des Titels Setembro (Brazilian Wedding Song), der ein wenig wie ein unnötiger Beweis der zweifelsfrei vorhandenen Vielseitigkeit daherkommt, scheint Marcus Miller seine Wiedergeburt erlebt zu haben. Sie ist abgeleitet aus der Überzeugung, dass die monothematische Virtuosität des Solisten in die Sackgasse geführt hat. Im Ensemble hat er zu sich selbst gefunden! Das mutet nahezu weise an!

Ein Steinbruch der Inspiration

Brad Mehldau Trio. Ode

Der 1970 in Florida geborene Brad Mehldau hat bereits einen langen und turbulenten Weg hinter sich. Nachdem er mit achtzehn Jahren nach New York City gegangen war und dort sein Klavierstudium intensiviert hatte, wurde die Jazzwelt bereits in den frühen neunziger Jahren auf ihn aufmerksam, als er zusammen mit Joshua Redman, der, genauso jung, aber ausgestattet mit dem Signet seines Vater Joshua, tourte und erfolgreich war. Das Brad Mehldau Trio wurde seine eigene Formation und es steht seit geraumer Zeit für den singulären Zugang Mehldaus zum Jazz. Zusammen mit dem Schlagzeuger Jeff Ballard und dem Bassisten Larry Grenadier nahm das Trio in den letzten Jahren verschiedene Live-Alben auf. Ode ist seit langer Zeit die erste Studio-Konzeption.

Laut Brad Mehldau handelt es sich dabei um Kompositionen, die ihm immer mal wieder eingingen, vor allem in Form von Hommagen an existierende oder fiktive Personen. Niederschlag finden die Oden an reale Personen auf der CD bei den Stücken M.B., d.i. der Ausnahmesaxofonist Micheal Brecker, der mehr als ein Jahrzehnt jenseits aller Trends als state of the art galt, Wyatt´s Eulogy for George Hanson, einem Charakter aus Easy Rider und Kurt Vibe, als Referenz an den Gitarristen Kurt Ronsenwinkel.

Mit dem Titel Ode greift Mehldau, man könnte sagen, wie soll es auch anders sein, ein spirituelles Genre aus der europäischen Klassik auf, um wieder einmal auf seinen Bezug zu diesem Erbe zu verweisen. Denn dass die europäische Klassik Mehldau und seine Spielweise geprägt hat, steht außer Zweifel. Und dass es ihm gelingt, die wesentlichen Techniken und mentalen Zugänge, die der Klassik entsprechen, in die Sauerstoffsphären des amerikanischen Jazz zu transportieren, verdankt er zum einen den kongenialen Avancen seiner Mitspieler Ballard und Grenadier und zum anderen seinem eigenen transatlantischen Erbgut, das vor allem der binären Intuition eines Oscar Peterson entspringt.

Bei Ode handelt es sich um eine sehr variantenreiche Sammlung von Einzelstücken, die sich allesamt erstklassig und auf hohem Niveau bewegen. M.B., das erste Stück, vollbringt das quasi Unmögliche, indem das Trio Tunes und Melodielinien intoniert, die aus Tales from the Hudson, dem wohl besten und wirkungsvollsten Album Micheal Breckers entstammen könnten. Und was kann eine Ode besser vollbringen, als die Sehnsucht nach einem Einsatz Breckers mit dem Tenor zu erzeugen. In Ode selbst dominiert das klassische Framing, das nur leicht verfälscht wird durch die beschwingte Leichtigkeit der amerikanischen Interpretation, 26 ist eine rhythmische Referenz an den Bebob, die akzentuiert ist durch das Einschieben von Akkorden, die an Duke Ellington erinnern und sich so gar nicht an den Hochgeschwindigkeitsexzessen vergangener Tage berauschen und auch bei Twiggy wird man das Gefühl nicht los, sich in einer Brecker-Komposition zu bewegen.

Bei Ode handelt es sich um ein Werk der Extravaganz, das intensiv mit unterschiedlichen Aspekten lockt, die man erst bei immer wieder unternommenen Hörversuchen entdeckt. Es ist ein Album, das man sich nicht leid hören kann. Ein Steinbruch der Inspiration.