Ornette Coleman. Tomorrow Is The Question
Manchmal sind es nur kurze Momente in einem langen Leben, die den Ruf eines Menschen bestimmen. Ornette Coleman, der im texanischen Fort Worth aufgewachsene Altsaxophonist, gilt bis heute als einer der großen Innovatoren des modernen Jazz. Der mittlerweile über Achtzigjährige hat in den Jahren 1958-1960 wahrhaft Jazz-Geschichte geschrieben. Mit Alben, die schon in ihrem Namen den Anspruch auf avantgardistische Programmatik formulierten: Something Else!!! (1958), Tomorrow Is The Question (1959), The Shape Of Jazz To Come (1959), Change Of The Century (1959) und Free Jazz (1960). Damit endete sein innovatives Werk keineswegs, aber es waren die 36 Monate, in denen der Free Jazz den Akzent bekam, der über Jahrzehnte bestand haben sollte.
Mit Tomorow Is The Question wurde im Titel die ganze Programmatik vielleicht am stärksten in den Fokus gestellt. Coleman verabschiedete sich von der auf Standards basierenden Systematik der Revolutionierung des Stils und betonte die im Titel bereits formulierte Richtung: Avantgardismus bedeutete für ihn die Konzentration auf die Frage nach der futuristischen Gestaltung seiner Klangfolgen. Mit Don Cherry (trumpet), Red Mitchell (bass) und Shelly Manne (drums) hatte er neben dem exzellenten Trompeter Cherry eine Rhythmussektion im Rücken, die ihn trieb wie der scharfe Westwind die Segler.
Bei dem Titelsong, der noch daherkommt wie gefälliger Mainstream-Jazz, wäre da nicht diese perkussive Hast und die dissonanten Figuren Colemans selbst, wird bereits deutlich, wie weit sich das Ensemble bereits von den Spielweisen ihrer Zeit entfernt hatten. Tears Inside hingegen ist ein Fingerzeig, wie emotional Coleman in der Lage war, das, was als Free Jazz als dissonant klassifiziert war, als nahezu romantische Weise erscheinen zu lassen. Mind And Time ist wiederum ein Hinweis auf die Unwilligkeit eines durch Eigendynamik getriebenen Tempos, sich auf die emotionale Dimension der Existenz einzulassen, ohne die Hörbarkeit dadurch zu beschädigen. Compassion wiederum deutet auf die einzelnen Versatzstücke der jeweiligen individuellen Zugänge zum Gesamtkonzept hin. Das einzig Verbindende ist dabei das von Coleman im Legato gespielte Alt, dem er Töne entlockt, die das Temperament und die Hingabe an das gemeinsame Projekt dokumentieren. Analog dazu wird bei Lorraine eine Stimmung erzeugt, die etwas Finales hat, aber auf das Glück des Augenblicks nicht verzichten will. Und Turnaround, ein Stück, das aufgrund seines Tempos, seiner filigranen Figuren und seiner kontrapunktischen Entwürfe zu einer Hymne des Free Jazz geworden ist, deutet auf das ganze Reservoir an Ideen hin, die diese Jahre von Colemans Schaffen auszeichneten.
Mit Tomorrow Is The Question wurde eine Album mit insgesamt neuen Stücken produziert, das zweifelsohne zu einem Meilenstein der Jazz-Geschichte gezählt werden muss. Die einzelnen Kompositionen sind keine Reproduktion einer revolutionären Idee in verschiedenen Varianten, sondern eher neun revolutionäre Ideen in einer wiederum inspirierenden wie verstörenden Form. Ornette Coleman und die dort versammelten Musiker wiesen erfolgreich und mit Nachdruck darauf hin, dass der Tempus der Avantgarde die Zukunft ist und dass ein Entwurf in diese Richtung, wenn er die hier zu hörende Qualität besitzt, durchaus das Potenzial besitzt, für Jahrzehnte der Aufregung zu sorgen.

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