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21. Century Blues

Jimi Hendrix. People, Hell and Angels

Nein, es ist immer noch etwas Besonderes, wenn Aufnahmen von Jimi Hendrix erscheinen! Jetzt, quasi zum 70. Geburtstag, vierzig Jahre nach seinem Tod, hat die Erbengemeinschaft wieder einmal Material frei gegeben und unter dem Titel People, Hell and Angels auf den Markt gebracht. Es handelt sich um Aufnahmen, die in wechselnder Bandkonstellation in verschiedenen Studios eingespielt wurden und seitdem ein Konservendasein fristeten. Alle, die durch die Musik Jimi Hendrix´ zu seinen Lebzeiten wachgerüttelt wurden und eine neue Welt entdeckten und seitdem für diesen Musiker und seine Musik schwärmen, sollten sich folgendes vor Augen führen: Bei People, Hell and Angels handelt es sich nicht um eines von Hendrix selbst autorisiertes Album, was zu seinen Lebzeiten eine große Bedeutung hatte. Damals war die Zeit der Konzeptalben, was Are You Experienced, Electric Ladyland und Axis. Bold As Love wie kaum andere Alben deutlich machten. Bei People, Hell and Angels sprechen wir von einzelnen Stücken, die in unterschiedlichen Studios zu unterschiedlichen Zeitpunkten aufgenommen wurden und die bis heute nichts verband.

Besonders bei der Begutachtung unveröffentlichten Materials wird immer versucht, Prognosen darüber anzustellen, in welche Richtung sich der Ausnahmemusiker wohl entwickelt haben mochte. Bei dem vorliegenden Album ist es eher hinderlich. Die 12 veröffentlichten Stücke zeigen vor allem zwei Seiten des Musikers. In Earth Blues, Somewhere und dem von ihm übrigens hinreichend bekannten (nicht in dieser Version) Hear My Train Coming, Bleeding Heart ist der Electric Blues zu hören, für den Hendrix neben seinen rockigen Superhits nach vielen Jahren der Ausblendung ebenso geschätzt war. In diesen Stücken wird die Tradition deutlich, der er entstammte und die den Namen Chicago als Markenzeichen in sich trägt wie keine andere, auch wenn der Mann aus Seattle sich fast nie dort aufhielt.

Let Me Move You sollte auf keinen Fall als Experiment missverstanden werden. Dabei handelt es sich um eine Aufnahme, die mehr an Hendrix´ Lehrzeit auf dem Chitlin`Circuit in Bands wie der Solomon Burkes erinnert als alles andere, Rhythm & Blues mit Bläsern, gespielt in den überhitzten Joints der Südstaaten. Easy Blues, Crash Landing und Inside Out sind ebenfalls Einspielungen, die von ihrer Qualität über alles erhaben, aber auch nicht als Innovationen des großen Innovators missdeutet werden dürfen. Die beiden folgenden Tunes, Hey Gypsy Boy und vor allem Mojo Man heben sich deutlich von den bekannten Bluesqualitäten ab, es sind Wegweiser in eine neue Zeit des Blues. Selbst wenn man das Wissen um die Geschichte ausblendete würde vor allem Mojo Man, mit Bläsern und von Sänger Albert Allen perfekt inszeniert wie spätere Soulnummern, quasi eine Flaschenpost an James Brown, heute mächtig für Furore sorgen.

People, Hell and Angels ist eine Kollektion bisher unveröffentlichten Materials, das vor allem den Blueser Jimi Hendrix zum Vorschein kommen lässt. Dass er auch das war, war ebenso bekannt wie seine Wurzeln im Electric Blues und seine Bühnenlehrzeit beim Rhythm & Blues. Dass er auch in diesem Genre in der Lage war, alles auf den Kopf zu stellen, hat sich erst nach seinem Tod immer mehr verdeutlicht. Hendrix kam aus dem Blues und er war in der Lage, ihn über sich selbst hinaus ins nächste Jahrtausend zu spielen!

Raue Monologe

Calvin Russell. Crossroad

Calvert Russell Kosler, Jahrgang 1948, genannt Calvin Russell, Sohn eines Kochs und einer Kellnerin, geboren in Austin, Texas, Tramp, Jobber, Outcast und Inmate, gestorben 2011 an Leberkrebs, war sicherlich eines der großen Unikate des texanischen Blues. Niemand wie er hatte ein derartiges soziales Umfeld, das sich beschränkte auf Spelunken und Knäste, niemand wie er pendelte so monothematisch zwischen Barhocker und Gitterstab. Der Mann, der soff wie ein Loch und rauchte wie ein Schlot, wagte sich mit 37 Jahren, natürlich während eines Gefängnisaufenthaltes, das erste Mal an eigene Kompositionen. Das Setting des Knastes bestimmte die Authentizität seines Spiels. Mit seiner staubigen, verrauchten und sonoren Stimme intonierte er den Blues der texanischen Steppe, cool, zurück gelehnt, mit schwieligen Händen auf den Stahlsaiten seiner Western Gitarre begleitend, die Angst bereits weit hinter sich, die Erwartung verpufft in der schwirrenden Hitze.

Calvin Russels Aufnahmen mit Band sind gut, teilweise sehr gut, sie geben alles, was der texanische Blues zu bieten hat. Calvin Russell alleine, nur mit seiner Western, das ist ein Ereignis, das so nie wieder kommt. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass Calvin Russell im Jahr 2010, ein Jahr vor seinem Tod, das nach Robert Johnsons und seinem eigenen größten Erfolg benannte Album Crossroads auf den Markt brachte. Mit dem Stück, das als Epitaph des Blues gilt, als Namensgeber, unplugged, nur Calvin Russell, der Schemel, das Mikro und die Western Gitarre. Live!

Where The Blues Get Born, dem Auftaktstück, setzt gleich den thematischen Rahmen und erklärt die Kongruenz: Dort, auf den staubigen Straßen und in der endlosen Weite, wo sich die Seele im Nichts verirrt, von dort kommt nicht nur der Blues, sondern auch sein Sänger, Calvin Russell. Und was sich wie ein lyrisches und stilistisches Intro gibt, wird zum Auftakt einer dramatischen Reise, von der man sich nicht mehr absetzen will. Ob One Meat Ball, A Crack In Time, Time Flies oder Soldier, die von Russell aus dem Leben in die Stille soufflierten Weisen sind voller Gefühl, wie es nur der Blues zum Ausdruck bringt und ebenso voller Erkenntnisse, die sich, natürlich in der Semantik des Blues, auf die Vergeblichkeit und Vergänglichkeit des herumziehenden Individuums bezieht. Rats And Roaches, die Metapher für uns alle, schwirrt fast herzlos am Horizont, und um Crossroads, den Klassiker, wird erst gar kein Gewese gemacht, wie das nun mal so ist, wenn man immer unterwegs ist und keinen Ort hat, an dem sich Routinen etablieren könnten. Wild Wild West und This Is Your World setzen die Reise fort und beschreiben somit den Mikrokosmos dieses ins Mark gehenden Musikers. Er kam aus Texas, wo er lange blieb, dann ging er nach Europa, wo man ihn mehr schätzte als zuhause und schließlich kehrte er dahin zurück, woher er kam, um mit dem irdischen Dasein abzuschließen.

Crossroads ist ein ans Herz gehendes Goodbye eines knüppelharten Hundes, der die Zähne fletschte, wenn es notwendig war und den Mond anheulte, wenn ihn die Sehnsucht übermannte. Es ist ein rauer Monolog vor dem Tod, harsch und sanft, rhythmisch mit hartem Absatz, elegisch und augenzwinkernd. Ein richtiger Kracher für Männer mit Herz.

Eine tiefe Sehnsucht nach der Antike

Chris Potter. The Sirens

Wenn einer zu den großen Hoffnungen und Potenzialen des amerikanischen Jazz gehört, dann ist es Chris Potter. 1971 in Chicago geboren und im Südstaat South Carolina aufgewachsen, schaffte er es, nachdem er sich auf Tenor- und Sopransaxophon festgelegt hatte, zum richtigen Zeitpunkt nach New York City. Obwohl er bei zahlreichen Alben als Arrangeur und Bandleader verantwortlich zeichnete und auf den erlesenen Jazz-Festivals dieser Welt als ein Gast von exzellenter Güte geschätzt wird, hat er bis heute nicht die Popularität eines Joshua Redman erreicht. Woran es auch immer liegen mag, an der Qualität seiner Technik oder der Exzellenz seiner Improvisationen kann es nicht liegen.

Mit seinem ersten Album unter eigenem Namen bei dem Nobel-Label ECM macht Chris Potter nun einen Aufschlag, der vom Anspruch nicht geringschätzt werden darf. Mit The Sirens hat er sich nichts weniger vorgenommen als eine Analogie auf die Gliederung der Odyssee. Mit Wine Dark See eröffnet er diese Reise nicht nur thematisch, sondern verweist auf die lyrischen Qualitäten seiner Interpretation. Wayfinder setzt an diesem Punkt die Reise fort, mit einer irrwitzigen Kommentierung durch den Pianisten Craig Taborn, der die Legende in der Weise einer Moritat inszeniert. In Dawn produziert Chris Potter mit seinen Akkordfolgen die ganze Melancholie bei der mentalen Vorbereitung auf die Reise. In The Sirens ist die Odyssee bereits in vollem Gange und Chris Potter gelingt es durch den epischen Einsatz der Bassklarinette das Unheilvolle zu unterstreichen. Penelope wirkt dagegen, erzählt mit dem Sopran, wie eine Anekdote, die von der Schwere des Ungewissen befreien soll. Hier demonstriert Eric Harland mit seinen genialen Zäsuren und Breaks, was für ein Ausnahmeschlagzeuger sich hinter seinem Namen verbirgt.

Kalypso, analog intoniert wie die besten karibischen Weisen eines Sonny Rollins und wiederum mit Esprit inszeniert durch Eric Harland, lässt die antike Reise für einen Moment vergessen, oder besser gesagt, sie weist auf die Interpretation hin, dass die Odyssee nicht nur eine Metapher für fremde Welten, sondern auch für unbekannte Zeiten ist. Nausikaa vermittelt wiederum das ungläubige Erstaunen vor dem neu Entdeckten und löst sich folgerichtig win einer Art rhythmischen Verwirrung auf. Bei Stranger At The Gate intoniert Larry Grenadier am Double Bass das Unheil und bei The Shades, dem Finale, ertastet David Virelles an diversen elektronischen Tasteninstrumenten tonal den unerblickten Kosmos.

Chris Potters The Sirens ist eine sehr esoterische Veranstaltung, gekonnt, technisch exzellent, intellektuell und in hohem Maße verschlüsselt. Die der Odyssee entlehnte Gliederung scheint ein Ausdruck für die große Sehnsucht nach der Sinnvermittlung aus der Antike zu stehen. Da wird aus dem Jazz ein Derivat der Weltmusik und nicht umgekehrt und es drängt sich die Frage auf, ob nicht die tonale Welt der antiken Odyssee so geklungen haben könnte. Wer sich derartige Fragen stellen will, der hat in The Sirens eine extrem inspirierende Vorlage gefunden. Chris Potter selbst wird es nicht helfen, den Durchbruch zu schaffen. Das mag man bedauern, vielleicht ist es aber auch eine Bereicherung für all diejenigen, die der leichten Kost überdrüssig sind.