Archiv der Kategorie: music

Infantile Melodielinien und hochkomplexe Akkordfolgen

Ronnie Cuber. Boblicity

Das Bariton-Saxophon hat so seine Eigenheiten. Obwohl es zu der von dem Franzosen Adolphe Sax konzipierten Instrumentengruppe gehört, ist es das in der Familie, das sich aufgrund seiner tiefen Stimmlage und physisch schwierigeren Spielbarkeit nicht unbedingt dazu eignet, als Solist zu brillieren. Es ist kein Zufall, dass es normalerweise der Rhythmussektion zugerechnet wird, weil es, korrespondierend mit oder anstatt des Basses eher die tiefen rhythmischen Zäsuren eines Ensembles beschreibt als die Melodielinien. Weil das so ist, ist es bei der Wahl eines Saxophons das am wenigsten attraktive und wohl auch der Grund dafür, dass Baritonisten in der Regel gesuchte Leute sind. Wenn vom Bariton-Saxophon als einem solistischen Instrument gesprochen wird, dann fällt in der Regel als erstes immer der Name Gerry Mulligan. Er war es, der es hoffähig machte, weil er es so spielen konnte wie andere das Tenor oder das Alt. Gerry Mulligan entlockte dem Bariton Töne, die man ihm nicht zutraute und er gab dem Jazz mit seiner Spielweise, die vor nichts zurückschreckte, eine neue Perspektive.

Nach Mulligans Tod glaubten viele, dass es damit mit der Karriere des Baritons vorbei sei. Dass dabei vielen sehr guten, weniger bekannten Jazzern unrecht getan wurde, liegt auf der Hand. Einer der heute noch lebenden und hörenswerten Baritonisten ist der 1941 in Brooklyn/New York City geborene Ronnie Cuber, der seinerseits auf eine beredte Karriere zurückblicken kann. Er spielte in allen möglichen Formationen, bei Lee Konitz ebenso wie bei George Benson, bei Woody Herman und bei Frank Zappa und nicht zuletzt in der Charles Mingus Big Band. Nun, als etablierter Mann in den Siebzigern, hat er ein Soloalbum vorgelegt, das sich ein Maß ausgesucht hat, welches bis zum heutigen Zeitpunkt für Saxophonisten nicht zu toppen ist. Mit dem Album Boblicity hat Cuber insgesamt neun Stücke ausgewählt, die allesamt dem Bebop zuzurechnen sind und mehrheitlich sowohl auf den Altisten Charlie Parker und den Trompeter Dizzy Gillespie verweisen. Sprich, es sind die Klassiker des Bebop schlechthin. Sich mit diesen wieselflinken Solisten des innovativen Jazz auf dem Bariton-Saxophon zu messen ist nur mit großem Können und einem gehörigen Maß an Chuzpe zu erklären.

Um es gleich zu sagen: Bei keinem der Stücke hat man das Gefühl, dass da jemand etwas beweisen will und sich in irgend einer Form überhebt. Bei den Charlie Parker-Stücken Quasimodo, Cheryl und Now´s The Time rast Cuber genauso durch die Akkordwechsel wie der sich mittlerweile im Elysium befindende Urheber und bei der wundervollen Interpretation von My Little Suede Shoes zeigt er, wie gefühlvoll das Bariton eine dringliche Präsenz der Melancholie beschreiben kann. Gillespies Kompositionen, OW! und Groovin´High, treiben genauso durch die Tempi wie beim Original und auch hier gelingt es Cuber, trotz der Geschwindigkeit genau die Beschaulichkeit herzustellen, wie Dizzy dieses bei seinen legendären Auftritten vermochte. Das Stück Boblicity von Cleo Henry, dem das Album seinen Namen verdankt, klingt wie ein Referenzstück auf den Bariton getriebenen Bebop selbst und Gillespies Night In Tunisia, mit dem die Aufnahmen enden, ruft noch einmal die ganze Exotik der Bebop-Pioniere wach, die es nämlich waren, die mit ihrer Offenheit und genialen Verbindung von eingängig infantilen Melodielinien und hochkomplexen Akkordfolgen das Tor des Jazz zur Weltmusik aufstießen. Ronnie Cuber erzählt diese Geschichte auf dem Bariton. Aufregender geht es nicht!

Was bleibt ist der Soul!

Lou Pride. Ain’t No More Love In This House

Wer in Chicago geboren ist, zur Gruppe der Afroamerikaner gehört und Musik macht, der kann den Blues nicht leugnen. Lou Pride war so einer. Über den Gospel in den Baptistengemeinden fand er schnell zum Blues. Und wie alle, die es bei der Musikerdichte nicht schafften, zu den Platzhirschen in den großen Clubs der Southside zu avancieren, zog es ihn bald in die Ferne. Selbst hier in Deutschland tingelte er mit der Gruppe The Karls durch diverse Shows im TV. Zurückgekehrt in die USA hatte er Engagements mit diversen Blues-, Rhythm&Blues- und Soulformationen auf dem berühmten Chitlin´Circuit im Süden der USA, benannt nach dem Schweinefleisch und Innereien lastigen Soulfood, das dort in den Clubs zur hitzigen Atmosphäre kredenzt wird. Wer es dort nicht lernt, der lernt es nie. Und wer es dort lernt, der kann mit seiner Musik und der dazugehörigen Show verzaubern. Lou Pride heiratete und ließ sich in El Paso in Texas nieder. Er verstarb 2012 im Alter von 68 Jahren in seiner Heimatstadt Chicago, kurz nachdem er sein letztes Album mit dem Titel Ain´t No More Love In This House aufgenommen hatte.

Ohne es zu wissen, hinterließ Lou Pride mit diesem Album sein Vermächtnis. Es ist ein überaus starkes Werk des Soul, das den Blues nie leugnet und durch die Üppigkeit des Souls, wie er im Süden zelebriert wird, überzeugt. Mit insgesamt 11 Titeln, die, ob sie in den Charts waren oder auch nicht, als Klassiker dieses Genres gelten können. Zusammen mit einer überaus wirksamen Band, die mit einem Chor und einem starken Bläsersatz korrespondiert, holt Pride das Sortiment der musikalischen Lebensphilosophie des Souls heraus und thematisiert das, was ihn am Vorabend seines Abschieds bewegte und auch wohl aufbrachte. Pride beklagt die Auflösung sozialer Systeme wie der Familie, die Aggressivität der Politik, die sich immer wieder durch militärische Abenteuer aus der Bredouille zu bringen sucht. Ain´t No More Love In This House, I Didn´t Take Your Woman, Take It Slow und Key To The World sind Auseinandersetzungen mit den Kämpfen des Individuums in einer zunehmend fremdbestimmten Welt. Es handelt sich um einen hochkarätigen Diskurs, den die Hörer auch ausblenden können, wenn sie sich den elektrisierenden Gitarrensoli von Johnny Moeller, den bluesigen, soligen, stickigen und dann wieder messerscharfen Arrangements von Kenny Rittenhouses Bläsersatz hingeben. Das grunzt und walzt durch den Dschungel menschlicher Gefühle und verrät trotz aller Klage dennoch einen unbändigen Lebenswillen. Da delektiert sich niemand an der eigenen Unzulänglichkeit, da spricht ein unbändiges Vertrauen in die Macht der Gemeinschaft.

Dass das Album unter dem Label Roots Music For The 21ST Century figuriert, passt zu den Botschaften, die mit dieser Musik gesendet werden. Bei Rhythm&Blues wie Soul handelt es sich um Genres, die sich gegen die Dominanz der alten Eliten in Nordamerika längst durchgesetzt haben, gerade weil sie sich als Fundament für Innovationen als weitaus geeigneter erwiesen als die leichten Moden weißer Eliten oder die Plagiate aus dem alten Europa. Sie sind die Volksmusik der Afroamerikaner, die sie von den Baumwollfeldern in die hochindustriellen Metropolen herübergerettet und weiterentwickelt haben. Zu sehen, wohin das alles noch führen mag, bleib Lou Pride nicht vergönnt. Er schien es zu ahnen, denn Holding Back The Years beendet das Album. Schöner kann man sich nicht verabschieden.

Satter Blues aus dem Old Absinth House

Bryan Lee. Play One For Me

1943 in Two Rivers, Wisconsin geboren, verlor er bereits mit acht Jahren komplett sein Augenlicht. Dann griff er zur Gitarre und ließ sie nicht mehr los. Nachts lauschte er den Sendungen von WLAC-AM aus Nashville, die viele seiner Generation prägten. Dort hörte er zum ersten Mal Elmore James, Albert King und Albert Collins. Seine erste Band coverte Songs von Elvis Presley, Little Richard und Chuck Berry. Da war er noch Teenager. Und dann entdeckte er den Chicago Blues, dem er bis heute treu blieb. Mit seiner ersten Blues Band nahm er das Album Beauty Is not Always Visual auf, ein Hinweis auf sein eigenes Erleben. Und ab 1982 folgte etwas, was von der typischen Blueser Karriere des modernen Amerika abweicht, aber gerade das geformt hat, was ihn ausmacht. Er wechselte nach New Orleans und erhielt ab 1982 ein Engagement im Old Absinth House in der Bourbon Street, wo er in den folgenden 14 Jahren fünfmal in der Woche auftrat. Das prägt, das ist eine richtig harte Schule, jede Nacht die Wünsche von besoffenen Touristen zugerufen zu bekommen, sie und die wenigen Kenner bei Laune zu halten und gegen das Geklimper von Flaschen und Geschirr, das Geschrei der Überhitzten und das Anmachen der vom Gingrößenwahn Befallenen anzuspielen.

Bryan Lee hat das alles mit Bravour überstanden und die Musik, die er mit seinem neuen Album Play One For Me ist eine gelungene, wunderbare und herzliche Referenz an all die Jahre On-Stage, in denen der wahre Musiker seine Kunst entwickelt. Lee fährt alles auf, was ihm zur Verfügung steht und er beginnt mit einer Hommage an Aretha Franklin unter dem schlichten Titel Aretha, bei dem nicht nur seine siebenköpfige Band, sondern auch noch sieben Bläser und drei Streicher mitwirken. Satter geht es nicht und es hört sich nicht nur an wie eine Liebeserklärung an Aretha Franklin, sondern auch wie ein Treueschwur auf B.B. King, denn Bryan Lee greift die Riffs und akzentuiert die Gitarre wie die große Ikone des Blues. Die folgenden Songs sind das, was von einem im Blues Sozialisierten zu erwarten ist: Lebensweisheiten, die niemand widerlegen kann, Gefühle, die jedes enttäuschte Herz kennt und Erkenntnisse, die die Härte des Lebens unterstreichen. When Love Begins (Friendship Ends) oder You Was My Baby (But You Ain´t My Baby No More) unterstreichen das in nahezu zu deutlicher Form, aber da spricht wohl der Bühnenpädagoge aus dem Old Absinth House.

Das Phänomenale an der mit insgesamt zehn Titeln eingespielten CD ist die Atmosphäre, die sie herüber bringt, obwohl sie im Studio aufgenommen wurde. Bryan Lee und seinen Mitstreitern gelingt es, Idee wie Atmosphäre eines Blues House zu entfachen. Und das, was dort gelingt, spiegelt eben das pralle, durchsichtige, etwas oberflächliche Leben der Bourbon Street. Die eher besinnliche, selbst reflektive Version des Blues ist auf dieser CD nicht zu erwarten. Aber wer das satte, raue, und auch politisch renitente des Blues mag, der hat mit Bryan Lees Play One For Me einen guten Griff gemacht. Da fließt die berühmt berüchtigte gute Zeit und man kommt nicht in Versuchung, sich über das Morgen den Kopf zu zerbrechen.