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Bereit für alles, was das Leben trieb

Muddy Waters. I´m Ready

Seit einiger Zeit, seitdem darüber gestritten wird, wann eigentlich sein 100. Geburtstag genau sei, aber Einigkeit darüber besteht, dass ein ganz Großer gefeiert werden muss, erscheinen unweigerlich Hommagen an ihn. Gute und ihrerseits große Musiker finden sich zusammen und spielen seine Stücke. Wenn sie mutig sind, dann interpretieren sie sie neu und dokumentieren damit seine Aktualität. Wenn sie ihn nur kopieren, dann versinkt die Scheibe nach einmal Hören in der Kommode, denn dann haben sie ihn nicht begriffen und in der Kopie ist niemand besser als das Original. Und I´m Ready ist so ein Original.

Muddy Waters musikalische Biographie kann in vier wesentliche Phasen eingeteilt werden. Die des Blues-Folk-Sängers aus dem tiefen Süden, die des Blues Musikers in Chicago, der zu den Begründern des Electric Blues gehörte und die der späteren Ikone, die irgendwann wieder auftauchte und international eine neue Generation von Musikern aufmischte und inspirierte. Ist Electric Mud das revolutionärste seiner Alben, so steht I´m Ready für seine Rückkehr ins große, internationale Treiben des Blues zu einem Zeitpunkt, zu dem andere in Rente gehen.

Genau genommen ist I´m Ready das zweite Album jener letzten Phase seines Schaffens. Mit Hard Again kam er wieder zurück, nachdem einige schon die Annalen geschlossen hatten. Mit I´m Ready gelang es ihm, das alte Publikum zu reaktivieren und weltweit eine neue Generation für den Blues zu begeistern. Da ist es kein Wunder, dass Jünglinge wie Johnny Winter und Jimmy Rogers bei I´m Ready mitspielten und dabei eine Menge lernen konnten. Muddy Waters selbst war beim Erscheinen des Albums 65. Ungefähr!

Umso aussagekräftiger sind alleine die Titel, mit denen der 65jährige damals der Öffentlichkeit den Kampf ansagte. I´m Ready spricht dabei ebenso für sich wie No Escape From The Blues, That´s Alright oder Lonely Man Blues. Das war ja auch die Devise des Mannes, der alles machte, was ihm in den Kopf kam und der hinterher über sich selbst lachte. Es sollte für sich selbst sprechen. Der Blues, der aus I´m Ready tönt, ist ein Blues, der für sich spricht, der aber neben den Selbstverständlichkeiten wieder eine kleine Revolution mit sich brachte, die viele nicht so richtig registrierten. Es ist einerseits ein wesentlich getriebenerer Rhythmus als bei den vertrauten Weisen und es sind die Soli des Texaners Johnny Winter, die dem Blues dieses Albums eine neue Note geben. Es ist die Öffnung des Electric Blues aus Chicago für andere Varianten, die in den Folgejahren dafür sorgen sollten, dass sich die Perspektiven des Genres noch einmal dramatisch veränderten.

Daneben stand, ein bißchen durch Understatement verkleidet, Muddy Waters, wissend, grinsend, mal eine alte Weise wie I´m Your Hoochie Coochie Man intonierend, mal mit Copper Brown seine Identität provozierend in den Raum werfend und mal mit Rock Me seine alte, nie versiegende Passion zum Besten gebend. I´m Ready zeigt, dass mit Muddy Waters immer zu rechnen war, dass er immer Überraschungen im Gepäck hatte, die er aber nie deklarierte. Sein Cargo war auch immer etwas für die Spürhunde mit den feinen Nasen. Muddy Waters war immer bereit. Für alles, was das Leben trieb!

Blues aus zwei Welten

Buddy Guy. Born To Play Guitar

Er ist einer der letzten Saurier des Blues. Unten, in Louisiana, wo er sich selbst beibrachte, Gitarre zu spielen, machte er das auf die ersten Hits von John Lee Hooker. Dann, mit 21 Jahren war er soweit, vielen seiner Brüder nach Chicago zu folgen, um es dort mit dem Blues zu versuchen. Früh spielte er mit Größen wie Willie Dixon, später dann, mit 28 traf er auf Muddy Waters, mit dem er viele Jahre tingelte. Alle Genannten sind nicht nur in der Hall of Fame, sondern auch längst tot. Nur Buddy Guy wandelt noch auf diesem Planeten, immer noch in Chicago und er betreibt mit seinen 79 Jahren nach wie vor den Blues Club Legends und steht dort das eine oder andere mal auf der Bühne.

Dass Buddy Guy zu einer andren Welt gehörte, wurde vor einigen Jahren einem Millionenpublikum bewusst, als er zu einem einzigen Song von den Rolling Stones bei deren Konzert im New Yorker Beacon Theatre auf die Bühne geholt wurde. Es handelte sich um das Muddy Waters Stück The Reefer, die Stones begannen zu spielen, Mick Jagger sang die erste Strophe und dann passierte es: Buddy Guy tauchte aus dem Off auf und spielte zunächst nur einen Ton. Der hatte aber die Macht über das ganze Theater ergriffen und Keith Richards spie seine Zigarette auf die Bühne wie ein ertappter Schüler, der vom Großmeister persönlich beim Dilettieren gestraft wurde.

Nun, passend zu seinem 79. Geburtstag, präsentiert sich Buddy Guy mit einer neuen CD, die dem Titel Born To Play Guitar. Die CD umfasst insgesamt 14 Titel, die unter anderem zusammen mit Billy Gibbons, Kim Wilson, Joss Stone und Van Morrison angenommen wurden, übrigens einer Rezeptur, die bei vielen alternden Blues-Stars nicht unüblich ist und einigen von ihnen wieder auf die Beine geholfen hat. Das wäre bei dem vorliegenden Material nicht nötig gewesen, denn die Stücke, die von Buddy Guy allein vorgetragen werden, zählen mit Abstand zu den bemerkenswertesten.

Es sind dieses Born To Play Guitar, der Titelsong, sowie Backup Mama. In beiden Stücken sind die essenziellen Phrasierungen des Electric Blues ebenso zu hören wie die schöne, nach wie vor kräftige Erzählstimme Buddy Guys. Dass Guy und Van Morrison im Duett Flesh & Bone eine Hommage an den soeben verstorbenen B.B. King zum besten geben gehört neben den unterschiedlichen Stilisierungen in den einzelnen Stücken zu einem weiteren Höhepunkt. Das letzte Stück auf der CD, Muddy Come Back, hat allerdings alles, was erforderlich ist, um die menschliche Seele zerrinnen zu lassen.

Da erinnert sich Buddy Guy an die Zeit mit Muddy Waters, als sie in dessen Cadillac in Chicago um die Blöcke gecruised sind, im Handschuhfach eine Tüte und eine Flasche Whiskey im Sack, wie sie auf der Bühne standen und dem Blues das Leben eingehaucht haben. Das ist Wehmut und Nähe zugleich, das ist Sehnsucht und Freude. Wenn Blues eine Form hat, dann hier, und wenn Blues etwas bewirkt, dann mit diesem Song. Da steht jemand auf der Schwelle, der die eine Welt kennt wie seine Westentasche und die andere bereits erahnt und in beiden dieser Welten herrscht der Blues. Grandios!

Was sind schon 100 Jahre?

Muddy Waters 100. A Tribute From John Primer And Special Friends

Nun ist der 1946 in Camden, Mississippi, geborene Gitarrist und Bluesmusiker John Primer nicht irgendwer. Immerhin kann er für sich reklamieren, selbst in den Bands von Willie Dixon, Muddy Waters und Memphis Slim gespielt zu haben. Von seiner Herkunft, seinem Können und seiner individuellen Erfahrung bringt er alles mit, um eine musikalische Referenz an einen der ganz Großen des Blues zu erweisen. So verwundert es nicht, wenn er, zusammen mit allerlei Cracks wie Billy Branch, Shemekia Copeland, Gary Clark Jr., James Cotton, Keb Mo oder Johnny Winter ein Album mit dem Titel Muddy Waters 100 aufgenommen hat. Es ist eine Hommage an den großen Inspirator und Inventor des amerikanischen Blues zu dessen 100. Geburtstag, von dem allerdings keiner so genau weiß, wann er eigentlich war.

Die Titel, die John Primer für dieses Album ausgewählt hat, sind eine Auswahl aus dem ungeheuren Repertoire Muddy Waters´. Wie viele der großen Blues Musiker tingelte er sein ganzes Leben von Bühne zu Bühne und schuf hunderte von Songs, die bis heute überall auf der Welt gespielt werden. Über die Güte Primers und der von ihm ausgewählten Musikerinnen und Musiker besteht kein Zweifel und auch die Stücke sind gut getroffen. Was bei den insgesamt 15 Titeln jedoch nur ansatzweise gelingt, ist den Spirit der Musik Muddy Waters in das Jahrhundert nach ihm zu übertragen. Viele der Stücke, wie Got My Mojo Working, Still A Fool, I Be´s Troubled, Why Don´t You Live So God Can Use You, Good News etc. sind so gespielt, als säße Muddy Waters mit im Studio, nur hat John Primer seinen Platz eingenommen. So etwas geht immer ins Auge. John Primer, so gut er ist und so analog zum Original er auch spielt, ist eben nicht Muddy Waters. Die Kongruenz zu den Originalen lässt die Frage zurecht aufkommen, warum man sich die Kopie anhören soll, wenn es doch immer noch die Originale gibt? Die Aura eines Muddy Waters war einzigartig, die Kopie, so gut sie auch ist, kommt nicht an die Atmosphäre des Originals heran. Es ist ein Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.

Zur Ehrenrettung und als Empfehlung sei gesagt, dass doch einige Songs dabei sind, die sehr gelungen sind, eben weil sie eigene Aspekte enthalten. I´m Ready zum Beispiel, bei dem Johnny Winter noch mitspielt, allerdings sehr nah an der Waters-Version, allerdings mit einer Frische und Verve, die den Eindruck hinterlassen, als sei das Stück gerade neu eingespielt. Insgesamt am gelungensten ist allerdings die Version Mannish Boy. Das Stück, kongruent zum Original, wirkt allerdings durch einen intelligenten Off-Beat im Drum Loop Programming und die melancholischen Piano-Akkorde von Blaise Barton wie ein Zitat, das nicht nur in die Moderne passt, sondern sie auch distanziert erklärt. Rosalie, eine augenzwinkernde Ballade aus dem Jahr 1942, wird durch die Violine von Steve Gibbons aus den Archiven zu neuem Leben erweckt und ist ein so untrüglicher Hinweis auf die sprichwörtliche Lebensfreude Muddy Waters. Und letztendlich 40 Day And 40 Nights, mit Gary Clark Jr., dem Shooting Star aus Texas an der Gitarre und einer rhythmischen Innovation zum Original, deutet daraufhin, wie zeitlos die musikalischen Ideen des Mannes waren, der am Mississippi aufwuchs und Chicago auf den Kopf stellte. Was sind schon hundert Jahre? Eine Frage, die ihm gefallen hätte.