Archiv der Kategorie: football

WM: Fast nichts als Standard!

Obwohl die WM nicht mehr im Fokus steht, zumindest offiziell, bietet sie nach wie vor Erkenntnisse, die über die Analyse des deutschen Scheiterns hinausgehen. Wichtig, und der Vollständigkeit halber, muss konstatiert werden, dass den Deutschen die Tatsache nicht deutlich genug gemacht werden kann, dass in Momenten des Erfolges, dann, wenn alles im Zenit steht, es erforderlich ist wie nie, einen strukturellen wie mentalen Wandel einzuleiten. Wer das unterlässt, gibt den Kräften des Niedergangs freien Lauf.

Eine weitere Aufhellung ist das Ende des Besitzfußballs. Besonders Spanien und Deutschland waren es, die sich auf die Möglichkeit besonders großer Ballbesitzanteile spezialisierten und feststellen mussten, dass die Ermüdung des Gegners dadurch nicht mehr gewährleistet werden kann. Ganz im Gegenteil, aus der ehemaligen Machtdemonstration, als die der Ballbesitz immer galt, wurde nun das Signet des behäbigen Fußballs.

Der logische Schluss dieser Beobachtung ist wiederum die Erkenntnis, dass das letzte, was von einem niedergehenden System übrig bleibt, die Standards sind. So gesehen waren viele Teams zu sehen, die ihren Zenit bereits überschritten hatten, obwohl sie als Zukunftsmodelle gehandelt wurden. Dazu gehören sowohl Frankreich, ein TOP-Aspirant auf den Titel, als auch England, das, wie bei jedem Turnier, auch diesmal dramatisch überbewertet war. Beide Teams waren in den entscheidenden Spielen nur über Standards erfolgreich, aus dem Spiel heraus entwickelten sie kein einziges Tor.

Noch zwei kleine Beobachtungen: Frankreich bezwang Belgien mit der gleichen Spielweise, mit der es selbst im Finale vor zwei Jahren bei der EM im eigenen Land von Portugal besiegt worden war. Damals sprach die Fachwelt von Anti-Fußball, den Portugal gespielt habe. Die heutige, analog von Frankreich praktizierte Spielweise wird hingegen als taktisches Meisterstück gepriesen. Soviel nur nebenbei zu nationalistischen Ressentiments.

Und England, das als so sympathisch apostrophierte Team, begann eine der größten Unsportlichkeiten des Turniers, als es, noch während die Kroaten nach dem 2:1-Führungstor hinter dem englischen Tor jubelten, schnell den Anstoß ausführten und sich im Vorteil wähnten, weil sie glaubten, eine Regel besage, wenn auch nur ein Gegenspieler auf der eigenen Feldseite stünde, wäre eine solche Aktion möglich. Dem ist nicht so. Und so wurden sie zurückgepfiffen. Gezeigt wurde die Episode auf den Bildschirmen nicht. Und auch nicht von den Kommentatoren erwähnt. Der Vorfall dokumentiert nicht nur das im Verhältnis zu früheren Jahren extrem unfaire Agieren des englischen Teams, sondern es war auch eine Analogie zu dem sich mehr und mehr durchsetzenden Propagandakrieg.

Last not least ist es ein kleines europäisches Land auf dem Balkan, mit maximal vier Millionen Einwohnern, das der Welt gezeigt hat, wie man selbst unter extrem großen Erfolgsdruck in der Lage ist, noch aus dem Spiel heraus Tore zu erzielen. Eine Qualität, die früher mehrere europäische Teams ausgezeichnet hatte, die ihnen aber aufgrund ihrer Systemkrise nicht mehr beschieden war.

Kroatien wird das System nicht retten und Kroatien ist nicht das Team, das den Fußball neu erfinden wird. Aber es repräsentiert mit seiner Spielweise die Zeit, als noch aus den Optionen, die der Spielfluss bot, Erfolge abgeleitet werden konnten. Alle andern Teams haben sich mit der Perfektionierung von Standards begnügt.

Was sehen wir? Systemische Innovation ist Mangelware. Es dominiert die Routine. Ausnahmen bestätigen die Regel!

Über den Umgang mit Pleiten

Es ist einmalig wieder eine jener Lehrstunden, die sich aufgrund ihrer Aussagewucht keine noch so guten Pädagogen ausdenken können. Es geht um den Umgang mit Pleiten. An ihnen zeigt sich, wie die direkt Beteiligten und das ganze Umfeld disponiert sind. Am Beispiel des Ausscheidens der deutschen Fußball-Equipe wird deutlich, wie dieses Land, in dem der Fußball immer noch eine sehr große Rolle spielt, tatsächlich tickt. Vieles von dem, was in diesen Tagen als Reaktion auf den Misserfolg an die Öffentlichkeit dringt, kann gelesen werden wie das Protokoll einer Anamnese. 

Es ergibt Sinn, die Reaktion auf das gefühlte Desaster in Kategorien von Beteiligung aufzuteilen. Direkt nach der Niederlage gegen Südkorea wurden vornehmlich Fans gezeigt, die bestürzt und sehr traurig waren. Als das verflogen war, setzte sich wohl mehrheitlich die Erkenntnis durch, dass das Ausscheiden das ureigenste Verdienst war. Also keineswegs eine neue Dolchstoßlegende, ein Betrug durch einen Schiedsrichter oder eine Verschwörung aus Russland. Alles wäre möglich gewesen, aber die Fans behielten insoweit ihren Verstand. Bei der Betrachtung der unzähligen Äußerungen auf den Kommentarseiten der so genannten Leitmedien, endete die Analyse bei den Fans damit, dass der Trainer sowie die involvierten Abteilungen des DFB einen schlechten Job gemacht haben.

Herbe Kritik an Trainer wie DFB gab es auch aus Reihen ehemaliger Fußballprofis, die ihrerseits nicht mehr unbedingt im großen Geschäft sind und die die Gelegenheit gerne genutzt haben, um ihrem Frust ein Ventil zu geben und ehemaligen Konkurrenten etwas heimzuzahlen.

Und dann existiert eine medial stark präsente Kritik, die die Spieler ausgemacht hat. Dass die Akteure für ihre Aktionen verantwortlich gemacht werden, ist selbstverständlich. Dass dieses aber geschieht, ohne die Ebene, in der die Direktionsrechte liegen, ebenfalls zur Verantwortung zu ziehen, ist absurd. Die Kritik an den Spielern wird jedoch dazu benutzt, um bestimmte Ressentiments zu nähren. Da sind es die durch Reichtum entstandenen Spleens, die manche Akteure haben, die jetzt skandalisiert werden. Dass die Spieler diese Spleens auch vor dem Turnier und über Jahre hinaus hatten, als sich die Erfolge noch einstellten, bleibt davon unberührt. Und da sind natürlich die geschickt lancierten Ressentiments gegen das Konzept der Toleranz, dass den Erfolg der Mannschaft vor vier Jahren noch in starkem Maße mit geprägt hat. Dass die vor allem emotional immer wieder überzeichneten Sündenböcke ausgerechnet jene Spieler sind, die aus Immigrantenfamilien stammen, ist ein betrübliches Indiz.

Und da ist natürlich die Reaktion der direkt Verantwortlichen. Der DFB, seinerseits kein gutes Beispiel für Transparenz und Effizienz, bei dem die leitenden Funktionäre die Chuzpe besessen hatten, dem Trainer vor dem Turnier bereits einen neuen Vierjahresvertrag gegeben zu haben. Das klingt fast so wie die Praktiken in dem von allen gescholtenen Russland. Dieser DFB spricht sich nun für den Verbleib des Hauptverantwortlichen aus, weil man ihm den notwendigen Umbruch zutraue. Natürlich, so könnte gesagt werden, der Vertrag ist ja bereits da. Der in diesem Zusammenhang oft geäußerte Verweis auf die historischen Verdienste des Trainers kann einerseits hinterfragt werden, denn vor ihm gab es keinen Trainer, der eine so große Auswahl an exzellenten Fußballern hatte. Und historisch ist es reiner Unsinn. Weitaus größere Figuren als der Schwarzwälder mussten auf allen Feldern der Geschichte ihren Posten aufgeben, wenn es um eine neue Ära ging. 

Das kann man mit Würde und Verantwortung tun, in dem man die Einsicht zur Grundlage seiner Entscheidung macht und selber die Konsequenzen zieht. Man kann es, angesichts der bräsigen Partner, auch aussitzen. Dann geht das Gewürge erstmal weiter, bis alles noch viel scheußlicher und unwürdiger wird. 

DFB: Mit Zitronen gehandelt!

Als die deutsche Nationalmannschaft vor vier Jahren die Weltmeisterschaft gewann, hatte sich eine jahrelang zu beobachtende positive Entwicklung endlich ausgezahlt. Vorausgegangen war eine mit Ausdauer und Präzision durchgeführte Nachwuchsarbeit, die ihren Erfolg bereits bei der WM 2006 und 2010 abzeichnete. Bei der WM 2010 hätte es bereits mehr sein können, ähnlich wie bei der folgenden EM. Dort waren die entscheidenden Spiele verloren worden, weil Kleinmut und Vorsicht zu einer zu zaghaften Taktik geführt hatten. Dasselbe wiederholte sich bei der EM 2016 in Frankreich. Diese Erfahrungen sind nicht verarbeitet worden. Ganz im Gegenteil, es wurde das konkrete Abschneiden gefeiert, anstatt sich auf das Verpasste, Größere zu konzentrieren.

Es ist immer eine immense Herausforderung, eine Top-Leistung zu wiederholen. Gerade im Augenblick des Zenits stellt sich allerdings die Frage, was zu tun ist, um sich in diesen Regionen weiter zu bewegen. Die Antwort ist kein Mirakel: Weiterentwicklung. Besonders der Confed-Cup im letzten Jahr in Russland war in dieser Hinsicht ein Fingerzeig des Schicksals. Aufgrund einer besonderen Konstellation fuhr das DFB-Team dorthin mit einer komplett anderen, jüngeren Mannschaft und überraschte mit frischem, ideenreichem Fußball und dem Sieg des Turniers. 

Die Konsequenz war genau die falsche. Anstatt darin einen Neuanfang zu sehen, griff der Trainer bei der WM 2028 auf die Kräfte, die nicht von sich aus zurückgetreten waren, zurück. Was folgte, war das Schicksal, das alle Weltmeister der jüngeren Geschichte teilten. Italien, Weltmeister 2006, scheiterte 2010 in der Vorrunde, Spanien, Weltmeister von 2010, scheiterte ebenfalls 2014 in der Vorrunde. Ohne nennenswerte Veränderung wiederholte Deutschland dieses traurige Spiel 2018.

Vor kurzem schrieb eine Bloggerin hier auf der Seite, das Schöne am Fußball sei die Tatsache, dass man gesellschaftliche Entwicklungen dort miterleben könne, ohne dass Menschen ihre Existenz verlören und Blut fließe. Recht hatte sie! Denn das, was mit dem heutigen Ausscheiden in der Vorrunde endete, ist ein Lehrstück für das Versäumnis, Fortschritt nicht als fortgeschritten sein, sondern als Fortschreiten zu begreifen. Wer oben ist, kann tief fallen, wenn er sich nicht der Erfordernis der Veränderung bewusst ist. Aus nichts anderem speist sich die Volksweisheit, dass Hochmut dem Fall vorausgeht.

Die Art und Weise, wie das deutsche Team aus diesem Turnier ausgeschieden ist, dokumentiert genau dieses Versäumnis. Das Festhalten an dem Alten, Bewährten, das die Konkurrenz bis zum Erbrechen studiert hat, lädt dazu ein, die Schwachstellen zu benennen und zu nutzen. Der Spirit, wenn der Begriff in diesem Kontext gar verwendet werden darf, war der einer verängstigten und dennoch bräsigen und selbstverliebten Truppe, die den Kampfgeist und die Bereitschaft, alles zu geben, verloren hatte. 

Das Ende ist folgerichtig. Nicht nur, weil die notwendigen Veränderungen nicht vorgenommen wurden, sondern auch, weil ein Verband, gegen dessen ehemalige Vorstandsriege die Staatsanwaltschaft wegen Korruption ermittelt, derartig weltfremd geworden ist, dass sie dem Cheftrainer noch vor dem Turnier einen neuen Vierjahresvertrag gegeben hatte. Man stelle sich so etwas in einer anderen Organisation vor: Noch vor der Erreichung des Erfolges bereits die Belohnung zuzusprechen! Deutlicher kann der tiefe Fall nicht illustriert werden.

Aber, wie alle, die noch nicht Opfer der Verblendung geworden sind, wissen: Niederlagen haben auch etwas Gutes. Sie legen nahe, dass es höchste Zeit für einen Umbruch ist.