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Besiktas, Fenerbahce, Galatasaray und der Facebook-Journalismus

Es war sinnvoll, ein wenig zu warten. Zu schnell und zu dominant hatte der Facebook-Journalismus die Proteste in Istanbul, die auf das ganze Land übergriffen, zu einer Analogie zu hiesigen Wutbürgergeschichten umgedeutet. Schlimmer kann man Geschichte nicht klittern! Und obwohl bestimmte Strategien der Niederschlagung des Protestes zwischen Istanbul und Frankfurt durchaus Analogien aufweisen, der Protest selbst ist es nicht.

Tayyip Erdogan, der bis vor kurzem unumstrittene AKP-Führer, ist nach dem Brasilianer Lula Da Silva einer der ersten Premiers, die aus den großstädtischen Slums kommen. Seine politische Karriere wurde vor allem durch die Fähigkeit definiert, die moralischen Ängste der Landbevölkerung vor zu schnellen und ungezügelten Veränderungen zu kennen und die Abneigung der städtischen Bevölkerung gegen den Korruptionssumpf ernst zu nehmen. Tayyip Erdogan ist seit seiner Wahl 2004 eine enorme Entwicklung seines Landes gelungen. Er konsolidierte ein marodes Bankensystem, er bekämpfte die Korruption in Politik und Bauwirtschaft, er kontrollierte die Liberalisierung der Gesellschaft insoweit, dass bestimmte Tendenzen die Konservativen im Lande nicht Amok laufen ließ. Erfolge in Bildung und Wirtschaft gaben ihm Recht.

Dann, als die wirtschaftliche Entwicklung unterschiedliche Interessengruppen hervorbrachte und die Stimulans für eine neue Immobilienblase setzte, begann der Präsident innenpolitisch zu rudern. Mit dem Eklat beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos vor vier Jahren, als er unter Protest und schweren Vorwürfen gegen Israel das Podium verließ, leitete er eine Kompensationspolitik ein, die nahezu klassisch ist: Innenpolitische Probleme sollten durch einen Großmachtanspruch nach außen aufgewogen werden. Seitdem ist Erdogan auf Reisen, im so genannten arabischen Frühling gab er die osmanische Visitenkarte vor allem in Ägypten, Tunesien und Libyen ab. Und, wie es scheint, haben die fundamentalistischen Bündnispartner, die als einzige auf seine Avancen positiv reagierten, ihn selbst dazu verführt, mit den intoleranten Botschaften ins eigene Land zurückzukehren.

Dennoch sollte man sich davor hüten, die gegenwärtigen Ereignisse von der eigenen Erwartungshaltung her zu überhöhen: Der Protest, der in Istanbul seinen Anfang nahm, kam zuerst und in erster Linie von den Fangemeinden der drei verfeindeten Fußballclubs Istanbuls, Galatasaray, Fenerbahce und Besiktas. Sie hatten sich zusammengeschlossen, um gegen die ständige, islamische Moralisierung des gesellschaftlichen Lebens zu protestieren. Kulminationspunkt war übrigens das Verbot des Straßenverkaufs von Bier. Erst nach diesem für die Stadt historischen Schritt reihten sich nach und nach jene bunten Gruppierungen ein, die heute wie ein Regenbogen erscheinen. Und gerade weil durch den Facebook-Journalismus die Glorifizierung der Protestbewegung im Sinne einer politisch korrekten Demokratiegemeinde in vollem Gange ist, sei der Hinweis erlaubt, dass es nach wie vor die Fußballfans sind, die sich mit der Polizei die härtesten Auseinandersetzungen liefern und dass die Anwohnerinnen des Taksimplatzes, die mit Essen, Medikamenten und Zuneigung die Bewegung unterstützen, vor allem getrieben werden durch das islamische Gebot der Nächstenliebe und nicht durch einen individualistischen Emanzipationsgedanken.

Tayyip Erdogan selbst ist angeschlagen, und Politiker, die so erfolgreich waren wie er, neigen in der Stunde der Demontage manchmal auch zu Verzweiflungstaten. Sollte er die konservativen Traditionalisten der AKP gegen den urbanen Protest mobilisieren wollen, droht ein Bürgerkrieg. Möge ihm das Plakat der drei Fanclubs immer vor Augen sein. Dort ist zu lesen: Tayyip – Do you know – Istanbul United – Since 31 May 2013

Der Zauber des Derbys schlechthin

Der Stellenwert von Fußballderbys wie des Fußballs insgesamt wird von politisch interessierter Seit seit Jahren in diesem Land in Frage gestellt. Ohne Erfolg. Auch die aktive Umgestaltung des Images derer, die sich in den Arenen bewegen, von ehemals arroganten Siegertypen, wie eine spanische Zeitung über die erfolgreichen deutschen Fußballer schrieb, zu sympathischen Verlierertypen, hat sich durch sportliche Misserfolge nicht als geeignet erwiesen, die letzte Männerdomäne zu schleifen. So wie es scheint, sind die Zeiten der Jogis, Hansis, Schweinis und Poldis vorbei. Doch das, wenn überhaupt, nur als Randnotiz.

Das Derby in Deutschland überhaupt ist die Begegnung zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04. Im Ruhrgebiet selbst läuft schon Wochen vorher der Countdown. Ein wie überall in der Republik durchaus breit angelegtes Gesprächsangebot reduziert sich an den Theken zwischen Rhein und Ruhr, zwischen holländischer Grenze und Siegerland zunehmend, es wird monothematisch. Mögliche Mannschaftsaufstellungen und Spieltaktiken werden diskutiert, alte Ressentiments zwischen den Lagern aktiviert und es wird alles getan, um die Emotionen hoch zu peitschen. Vielen, aber das wissen alle, ist ein Sieg über den Rivalen wichtiger als Meisterschaft oder Pokal. Und wenn eins schmerzt, dann ist es die Bezeichnung Nummer Eins im Revier.

Treffen die beiden Mannschaften dann aufeinander, wie gestern, zum 141. Mal, dann muss niemand mehr etwas tun, um die Adrenalinspiegel zu steigern, sondern die Verantwortlichen beginnen, zumindest in den letzten Jahren, der Strategie der De-eskalation zu folgen, um das Schlimmste zu verhindern. Und wenn, nach den Schlachtgesängen und Ritualen der Anpfiff erfolgt ist, dann sieht man in der Regel ein ganz gewöhnliches Fußballspiel, das mal die eine, mal die andere Mannschaft gewinnt. Gestern war es Schalke, verdient, aber beim nächsten Mal kann alles wieder ganz anders sein.

Was auffällt, hinter den Kulissen, ist der große Sachverstand und Respekt, der vorherrscht und der das ist, was eine wahre Rivalität ausmacht. Es ist das Wissen um die Notwendigkeit eines Rivalen, dessen Dominanz man nie und nimmer will, dessen dauerhafte Schwäche aber das Geschäft verdirbt. Und es ist das Wissen um die Ähnlichkeit. Beide Vereine, Schalke wie Dortmund, sind mit Kohle und Stahl groß geworden, auch wenn der Dortmunder Anhang immer industriell-proletarischer war als der Schalkes, da kamen immer noch die Bauern aus dem Münsterland dazu. Dortmund war immer eine Bastion polnischer Immigranten, Schalke die der Ostpreußen und Niederländer. Aber das sind Feinheiten, vergleicht man beide Clubs mit anderen der Republik, dann sind sie dem selben Schoß entschlüpft, und das macht, wie in den besten Familien, die Rivalität so einzigartig.

Wer einmal in Dortmund bei einem solchen Spektakel war und die Münchner Arena erlebt hat, dem wird klar, worin der Unterschied zwischen denen, die den Fußball in unseren Breitengraden populär gemacht haben und denen, die damit Prestige zu erreichen suchten, besteht. Mögen die Söldnerensembles an der Isar auch noch so erfolgreich sein, den Geist, die Seelenkraft und das Klassenbewusstsein, das der Fußball im Ruhrgebiet bis heute hervorbringt, werden sie nie erreichen, genauso wie ihrem Anhang es immer verschlossen bleibt, was es bedeutet, im Wettstreit zu liegen, zu kämpfen, und dennoch so etwas wie Respekt und Fairness zu bewahren. Man wird es ihnen erklären können, aber als Reaktion bleibt immer nur der leere Blick.

Gestern, beim 1:2 für Schalke, vor über 80.000, ging es wieder hart zur Sache, und danach werden die Wunden wieder geleckt. Und hinterher, beim Pils unter Gleichen, kam es zu tiefen Einsichten, bodenständig, ehrlich, so wie es den Zauber dieser Region ausmacht.

Circus Maximus

Nur im Erfolg berauscht sich die Menge an der warmen Strömung der Einigkeit. Sobald das Scheitern sein hässliches Gesicht vorzeigt, macht sich Zwietracht breit. Insofern ist alles, was wir nach dem Ende der Fußballeuropameisterschaft erleben, immer mit Blick auf den Erfolg oder Misserfolg zu bewerten. Alles richtig gemacht haben, vom berühmten Ende her gedacht, nur die Spanier. Die waren längst nicht so brillant wie in den letzten großen Turnieren, nervten sogar das Publikum mit ihrem ewigen Tiki-Taka, hatten ungemein großes Glück durch eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters oder einen schwach geschossenen Elfmeter des Gegners, aber als es darauf ankam, da waren sie da und zeigten ihre Klasse. Und an diese Klasse ragt zumindest in Europa niemand heran. Portugal war im direkten Vergleich die einzige Mannschaft, die es hätte tun können.

Anders dagegen die Deutschen, die mit hohen Erwartungen anreisten, wenig schön anzusehende Spiele ablieferten, aber kalt berechnend bis ins Halbfinale vordrangen, wo sie ihrem Nationalcharakter erlagen: Im Kopf schon im Endspiel und auf dem Platz vernascht wie Jungs aus der Provinz. Wie das ging zeigten die Italiener in diesem Spiel, die bis auf das Finale, in dem sie mit fliegenden Fahnen untergingen, einen herrlichen Offensivfußball spielten. Mit Buffon hatten sie einen Torwart, der vielleicht ein letztes Mal über allen anderen seiner Zunft stand. Mit Pirlo einen Künstler, der den Fußball zelebrieren kann wie eine italienische Oper und mit Balotelli einen Vollstrecker, der etwas Gladiatorenhaftes ausstrahlte. Das war im besten Sinne Circus Maximus und der eigentliche Höhepunkt des Turniers.

Hervor stachen noch die Iren, die sportlich als Außenseiter kamen und wieder fuhren, deren Anhang aber zeigte, wie sinnstiftend sportliche Begeisterung sein kann und wie viel wohl gemeinte Identität dem entspringen kann. An Sportsgeist hat es den Insulanern sowieso noch nie gefehlt und ihr Begriff von Fairness muss in vielen Ländern noch aus dem Fremdwörterbuch übersetzt werden.

Die auf diesem Turnier dargebotene Philosophie der Sportart wurde eher nicht weiter entwickelt. Die spanische Vorstellung von der Prozessorientierung war wieder einmal erfolgreich, die italienische Renaissance des Spielmachers blieb eine Momentaufnahme und die Defensivtaktik einiger Hardliner verhalf auch nicht zum Erfolg. Bleibt abzuwarten, welche Spielauffassung in Zukunft in der Lage sein wird, die spanische erfolgreich zu beerben.

Der Fußball ist und bleibt eine Sportart, aus dessen Praxis man sehr gut das gesellschaftliche Leben eines Landes lesen kann. Wir können sehr viel lernen über die Art und Weise, wie das deutsche Team bei den osteuropäischen Nachbarn aufgetreten ist: Die Fähigkeiten und Fertigkeiten sind herausragend, der Teamgeist funktioniert nur bei stabilem Wetter und die kantige Individualität darf keine Rolle spielen, geschweige denn sich entfalten. Es dominiert der Größenwahn, wenn Demut und Respekt gefordert wären und es triumphiert die Angst, wenn die Stunde des Mutes an der Reihe gewesen wäre. Es fehlte die Größe, die Klasse anderer anzuerkennen und leider wurde sie nicht selten ersetzt durch das Ressentiment gegen das Andere, Fremde. Es gibt also vieles, was wir noch lernen müssen, bevor es Titel sind, die kommen.