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Der Fußball und die lernende Organisation

Rein gefühlsmäßig wäre ein italienisches Basta! jetzt wohltuend. Die EM geht ins Finale ohne die Deutschen, aber mit zwei Teams, die sich das durchaus verdient haben. Irgendwie ist es auch langweilig, sich wieder die Ideologen vorzunehmen, die ihre Tiraden über das Turnier zu transportieren suchten. Lassen wir es dabei: Deutschland ist raus, obwohl es teilweise überzeugen konnte, andere waren besser, weil sie mehr Tore geschossen haben. Aber getreu der festen Überzeugung, dass der Fußball auch immer wieder eine Plattform ist, auf der lebens- und gesellschaftsrelevante Themen illustriert werden, sei doch noch ein Gedanke gestattet. Das Spiel gegen Frankreich ist wieder so ein Ereignis, das genug Material für die Gegenüberstellung zweier Herangehensweisen an Komplexe wie die Arbeit und das Leben insgesamt liefern. Es handelt sich um den Umgang mit Fehlern.

Die eine Betrachtungsweise ist klassisch und destruktiv. Sie sieht sich einen Vorgang an und versucht anhand seines Ablaufes auszumachen, wo Fehler aufgetreten sind und wer sie verursacht hat. Im vorliegenden Fall ist das sehr einfach: der erste Fehler wurde von Schweinsteiger bei seinem Handspiel begangen, der zweite in der zweiten Hälfte war das Abwehrverhalten von Kimmich gegenüber Pogba und die falsche Technik Neuers kurz darauf. Die Methode ist so populär, weil sie durch ihre Einfachheit besticht. Es handelt sich dabei um die Personalisierung von Fehlern, als deren Resultat immer Sündenböcke, Schuldige und bei den Betroffenen eine starke Belastung der Zukunft stehen.

Eine andere Herangehensweise hingegen wäre die systemische Analyse der Fehler, unabhängig davon, wer sie begangen hat. Besonders Schweinsteigers Handspiel wäre dann, weil es ebenso unerklärlich bleibt wie das Boatengs gegen Italien, zu untersuchen auf einen Bereich wie die Häufigkeit bestimmter Übersprunghandlungen und die Gründe, die dazu geführt haben, dass so eine Reaktion eintritt. Des Weiteren wäre die Frage, warum es einem so großen Talent wie Kimmich psychisch nicht gelingen konnte, einen brisanten Ball einfach weg und in den Himmel zu dreschen. Auch dort könnte eine Beziehung zwischen Corporate Identity und damit verbundenen No Gos gefunden werden, über die die die ganze Organisation diskutieren und sich Klarheit verschaffen muss. Deutlich würde und wird bei dieser Methode, dass die Fehler im System begründet sind und jedem passieren können, solange der Grundkonflikt nicht geklärt ist. Es ginge also nicht um die Person, sondern um das System, in dem die Person agiert.

Der Unterschied zwischen der Personalisierung von Fehlern und der systemischen Analyse derselben ist genau der zwischen technokratischem Modell und einer lernenden Organisation. Was den Sprachgebrauch im Fußball anbetrifft, so befindet sich das Gros der Betrachter noch in der Welt des technokratischen Modells, weil kurioserweise immer von individuellen Fehlern gesprochen wird, einem Synonym für menschliches Versagen. Es unterstellt, dass das System im Gegensatz zum Menschen unfehlbar ist. Praktisch aber scheint bereits der Weg in Richtung systemischer Analyse geöffnet zu sein, weil zumindest in den Reihen der Nationalmannschaft die Sündenbocksuche nicht auf fruchtbaren Boden fällt.

Bleibt zu hoffen, dass sich die systemische Analyse mehr und mehr durchzusetzen beginnt, da es sich dabei um den ersten und entscheidenden Schritt Richtung lernender Organisation handelt. Letztere wird seit Jahrzehnten propagiert und gefordert, aber in nur seltenen Fällen gelebt. Wenn es dem Fußball gelingt, der Ära der ätzenden Personalisierung von Fehlern die Grenzen aufzuzeigen, dann hat auch dieses Ausscheiden etwas zum Guten bewirkt. Und Frankreich wie Portugal stehen aufgrund ihrer bisherigen Leistungen zu Recht im Finale. Warum? Weil das immer so ist, ob das den Ideologen gefällt oder nicht!

EM: Blütezeit des Positivismus

Auch wenn diese EM für viele Beobachterinnen und Beobachter eine Enttäuschung zu sein scheint, so ist der Erkenntniswert, der von ihr ausgeht, extrem groß. Das aufmerksame Publikum konnte jenseits des Ballspiels sehen, wie sich vor allem britische und russische Hooligans in einem fremden Land aufgeführt haben. Das war gleichermaßen entsetzlich. Interpretiert und verurteil wurde es von offizieller Seite jedoch unterschiedlich und schon waren wir auf einer Plattform, die gut mit dem Terminus Double Standards bezeichnet werden kann. Ziehen wir doch einfach einmal einen logischen Schluss und erkennen, dass die Verrohungspotenziale in der britischen wie in der russischen Gesellschaft äquivalent sind. Und damit es richtig weh tut, seien die isländischen wie walisischen Fans betrachtet, die trotz der gewaltigen UEFA-Geld- und Propagandamaschine gezeigt haben, was Freude am Spiel an sich an positiven Schwingungen produzieren kann.

Aber die letztgenannten Resonanzen sind Nischenphänomene in einem Spektakel, das zu einem regelrechten Überlebenstest für die hoch bezahlten und hoch dekorierten Profis geworden ist. 70-Spiele-Plus ist das Pensum, welches die High Professionals in der zurückliegenden Saison hinter sich gebracht haben. Da ist es kein Wunder, wenn mehr über Achillessehnen, Patella, Muskelfaserriss, Muskelabriss, ramponierte Waden etc. gesprochen wird als über geglückte Fallrückzieher. Das Turnier, noch einmal wegen der Einnahme- und Vermarktungsmöglichkeiten aufgeblasen, ist zu einem regelrechten Humanmaterialtest geworden. Wer jetzt argumentiert, so sähe man auch Nationen wie Island oder Wales, der sollte sich die ungleichen Wettkampfbedingungen vor Augen führen, nämlich ausgelaugte, angeschlagene Profis gegen euphorisierte Amateure, denen die dampfende Wurst vor der Nase hängt, Geschichte schreiben zu können. So werden Illusionen erzeugt, die keiner Überprüfung standhalten.

Nein, die EM hat keine Neuigkeiten in fußballerischer Hinsicht parat. Es sei denn, man betrachtet die Systemvariabilität während eines laufenden Spieles als neuen, sich durchsetzenden Standard. Das ist hoch komplex und wird von vielen Enthusiasten nicht einmal verstanden, aber es ist ein wichtiger Hinweis, der dokumentiert, dass der Fußball wie immer mit den Produktions- und Arbeitsbedingungen korreliert. Natürlich geht es um Erfolg, und natürlich geht es um Geld. Den Fußball an sich gab es noch nie, seine Unschuld hatte bereits noch hinter den Halden der Kohlebergwerke verloren. Aber genau deshalb ist er so relevant, weil er sich zu einem Spiegelfeld der sich entwickelnden, realen gesellschaftlichen Verhältnisse hat etablieren können. Nirgendwo sonst ist die gesellschaftliche Relevanz so präsent wie bei ihm.

Das beste Beispiel für diese These ist die jüngste Auseinandersetzung zwischen dem EX-Profi und Fernsehkommentator Mehmet Scholl und dem DFB. Letzterer hatte Chef-Trainer Löw vorgeworfen, sich zu sehr von den Tablet-Taktikern beeinflussen zu lassen. Er meinte damit die Einheit um den Schweizer Urs Siegenthaler, der IT-gestützt sämtliche Spieldaten der Gegner auswertet und anhand der empirischen Daten Taktikempfehlungen formuliert. Eine solche Empfehlung hatte zu der umstrittenen Dreierkette gegen Italien geführt. Die Art und Weise, wie Löw und Siegenthaler auf diese Kritik reagiert haben, hat deutlich gemacht, dass beide radikale Vertreter eines Positivismus sind. Siegenthalers Replik, vor tausend Jahren hätten auch viele Zeitgenossen geglaubt, die Erde sei eine Scheibe, verhilft dem scheinbaren Streit über eine fußballerische Taktik gar zur Dimension eines Paradigmenstreits. Was im Arbeitsleben immer wieder versucht wird, die totale Steuerung der Menschen durch Maschinenlogik, ist jetzt auch im Fußball angekommen. Das ist ein heißes, ein brandheißes Thema. Es geht darum, ob das menschliche Sein zu einer Randerscheinung mit Relevanz zum Irrtum degradiert wird oder ob es das Zentrum der Kreativität bleibt. Fast zu viel, für eine lapidare Sportart, oder?

„Und dann stehen wir auf den Champs-Élysées“

Heute, an einem Sonntagmorgen, nach dem Sport, im Dampfbad, ertönte beim Eintreten aus den wabernden Schwaden gleich eine schrille Ansage, jetzt, so tönte es, geht es im Halbfinale nach Marseille, da wird entweder Frankreich zerlegt oder den Isländern das Licht ausgepustet, und dann stehen wir auf den Champs-Élysées und haben den Triumphbogen fest im Auge. Trotz des aufkommenden Gelächters ließ sich der Sender nicht beirren und fuhr fort, in einer Diktion, die an die alte Landserrhetorik erinnerte, seine Phantasien in den Nebel zu senden. Bei näherem hinsehen entpuppte sich der Militärstratege alle ein etwas älterer kleiner Mann mit verkniffenen eisgrauen Augen, der den Eindruck vermittelte, als stünde er mitten im Leben. Eine Episode, die sicherlich kein Alleinstellungsmerkmal genießt. Der Sieg der deutschen Nationalmannschaft über Italien hat auch wieder jene Kräfte freigesetzt, die zeigen, was tief im Innern immer noch in dem kollektiven Bewusstsein steckt, selbst wenn es um nichts anderes als um ein sportliches Ereignis geht.

Die Weltmachtsphantasien sollten vielleicht einer kleinen Prüfung standhalten und auf Dilemmata hinweisen, mit denen Deutschland immer wieder zu kämpfen hat. Eine Voraussetzung, sich mit anderen zu messen ist immer die, sich seiner eigenen Mittel bewusst zu sein, bevor man sich auf einen Wettkampf einlässt. Im Hinblick auf die zurückliegenden Spiele dieser EM wären da einige taktische Varianten, die zu den bisherigen Erfolgen geführt haben. An ihnen festzuhalten, wäre eine kluge und weitsichtige Entscheidung. Sobald jedoch der Name Italiens auftaucht, scheint sich diese Erfahrung in das große Nichts aufzulösen. Gleich einer großen Wolke scheint dann nämlich regelmäßig das aufzutauchen, was selbst international nicht unzutreffend The German Angst bezeichnet wird. Dann starren die Akteure wie das Kaninchen auf die Schlange und disponieren um. Sie definieren sich und ihr Spiel im überdimensionierten Abgleich zu dem System, das die Italiener spielen.

Trotz schmerzhafter Niederlagen und Erfahrungen tat dieses diesmal auch wieder der Bundestrainer, der sich nicht beirren ließ und die Kaninchenstrategie wählte. Die Folge war ein an Melodramatik nicht zu überbietendes Spiel, das dieses eine Mal jedoch nicht in einer Niederlage endete. Sie war wahrscheinlich und setzte sich deshalb nicht durch, weil in einem aberwitzigen, weil reihenhaft fehlerhaften Elfmeterschießen auch die Italiener einen rabenschwarzen Tag erwischt hatten. Gewinnen hätten beide Teams können, verdient hätte es keines. Denn der Fußball, den sie boten, war von Taktik regelrecht zerfressen. Und wer behauptet, das Spiel hätte für die Zuschauer mehr Gehalt und Spannung gehabt als die anderen vorhergegangenen Spiele, nach denen ein Elfmeterschießen notwendig geworden war, der kam nur zu dem Schluss, weil er emotional betroffen war. Schön war das nicht, fußballerisch exzellent war es auch nicht und, wie es so schön heißt, verdient zu gewinnen hatte es auch keiner.

Aber manchmal reicht es eben, wenn zum Schluss nichts als der Erfolg steht, kalt und leblos, nachdem alle, die sich von diesem Spiel begeistern lassen, mit den Nerven völlig am Ende waren. Ja, das Viertelfinale gegen Italien war ein schlechtes Spiel mit hohem Nervenverschleißcharakter. Daraus nun den Schluss zu ziehen, irgendwer hätte geniale Einfälle gehabt, ist eine jener Täuschungen, die zerrüttete Nerven nicht selten hinterlassen. Nun geht es weiter und die Großmachtsbüchsen sind schon wieder geladen. Solange das im Dampfbad passiert, ist das völlig in Ordnung. Zu mehr besteht nun aber gar kein Anlass.