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EM: Der Fußballkapitalismus und die alten Werte

Das Finale bestätigte die Eindrücke, die sich während des Turniersaufgedrängt hatten. Fußballerisch waren keine Innovationen zu verzeichnen. Vor allem bei den Auftritten Italiens und Portugals fiel die Rückbesinnung auf den Gemeinschaftsgeist auf. Von deutscher Seite her sich darüber zu mokieren, ist insofern absurd, als dass das Branding Die Mannschaft nun schon über Jahre läuft. Wie insgesamt die Polemik gegen Portugal unangebracht ist, weil sich das Team a) als eine Turniermannschaft und b) als ein sehr stabiles Team erwiesen hat. Der einzige Makel, den man ihm zuweisen muss ist die Tatsache, dass sie sich den Pokal geholt haben, obwohl im UEFA-Establishment entweder Frankreich oder Deutschland gesetzt waren. Gut, dass es nicht so gekommen ist, denn die Leistungen dieser beiden Teams waren bereits in einer lauen Vorrunde sehr durchwachsen.

Die Propaganda in der Gruppenphase hat einen Vorgeschmack dafür geliefert, was das Fußballvolk bei der nächsten WM in Russland erwartet. Während die Fokussierung auf russische Hooligans entlarvten, wie milde man mit den britischen Vandalen umging, wurde klar, der Kalte Krieg gegen Russland steht nach wie vor auf dem Programm und wird auch von der UEFA verfolgt und vor dem Brexit, als noch Hoffnung auf das Plebiszit bestand, durfte man gegen England nicht vorgehen. Da stellt sich die Frage, wodurch unterscheiden sich eigentlich die Initiatoren und Organisatoren dieser EM von den Hooligans? Eines ist sicher: an pechschwarzen Stunden hat es in diesem Turnier wahrlich nicht gefehlt.

Dem amtierenden Weltmeister ist es nicht gelungen, sein Erbe auch nur zu verwalten, geschweige denn mit Innovationen aufzuwarten. In zwei Jahren ist es nicht gelungen, Leistungsträger wie Philip Lahm oder Miroslav Klose zu ersetzen. Thomas Müller lag bei dieser EM auf dem Platz wie der Schatz im Silbersee, weil ein Lahm ihn nicht bediente und der Angriff war eine zahnlose Tiki-Taka-Gala. Über diese naheliegenden Fragen wurde nicht einmal diskutiert, weil alles, was auch nur den Anschein an Kritik erweckt, als Majestätsbeleidigung diffamiert wird. So wird aus Absolutismus schnell freier Fall. Nach dem Turnier ist die Frage berechtigt, wo sich der Bundestrainer in den letzten beiden Jahren mental aufgehalten hat. Gerade wegen des durch die Talentförderung existierenden Potenzials ist der Ruf nach neuen Impulsen nicht nur berechtigt, sondern logisch.

Die Teams, die positiv in Erinnerung bleiben werden, sind vor allem Island, Wales und Nordirland. Sie sind es nicht unbedingt wegen ihrer Spielweise, die zum Teil archaisch wirkte, aber dennoch erfolgreich war, weil die Favoriten überspielt und zum Teil unmotiviert wirkten. Aber sie überzeugten durch ihre Anhänger, die dem Spiel viel Freude abgewinnen konnten und das auch zeigten. So wird es auch dort nicht bleiben, aber es hat deutlich gemacht, woran es dem immer dramatischer werdenden Fußballkapitalismus zunehmend fehlt, nämlich an Herzblut. Dass damit die Marktgrundlage, die auf der Begeisterung der Massen beruht, zerstört wird, interessiert die Funktionäre der Verbände wenig, genauso wie das bei denen der EU in vielen Fällen zu beobachten ist.

Und damit wären wir wieder bei der Politik. Was hat die EM uns gezeigt? Frankreich und England wurden überschätzt. England massiv und Frankreich fatal. Deutschland hat das Geschehen dominiert, aber keinen Zugriff entwickeln können. Ein neuer Spirit, der auf alten Werten beruht, wurde in Italien und Portugal entwickelt. Noch Fragen?

 

Der Fußball und die lernende Organisation

Rein gefühlsmäßig wäre ein italienisches Basta! jetzt wohltuend. Die EM geht ins Finale ohne die Deutschen, aber mit zwei Teams, die sich das durchaus verdient haben. Irgendwie ist es auch langweilig, sich wieder die Ideologen vorzunehmen, die ihre Tiraden über das Turnier zu transportieren suchten. Lassen wir es dabei: Deutschland ist raus, obwohl es teilweise überzeugen konnte, andere waren besser, weil sie mehr Tore geschossen haben. Aber getreu der festen Überzeugung, dass der Fußball auch immer wieder eine Plattform ist, auf der lebens- und gesellschaftsrelevante Themen illustriert werden, sei doch noch ein Gedanke gestattet. Das Spiel gegen Frankreich ist wieder so ein Ereignis, das genug Material für die Gegenüberstellung zweier Herangehensweisen an Komplexe wie die Arbeit und das Leben insgesamt liefern. Es handelt sich um den Umgang mit Fehlern.

Die eine Betrachtungsweise ist klassisch und destruktiv. Sie sieht sich einen Vorgang an und versucht anhand seines Ablaufes auszumachen, wo Fehler aufgetreten sind und wer sie verursacht hat. Im vorliegenden Fall ist das sehr einfach: der erste Fehler wurde von Schweinsteiger bei seinem Handspiel begangen, der zweite in der zweiten Hälfte war das Abwehrverhalten von Kimmich gegenüber Pogba und die falsche Technik Neuers kurz darauf. Die Methode ist so populär, weil sie durch ihre Einfachheit besticht. Es handelt sich dabei um die Personalisierung von Fehlern, als deren Resultat immer Sündenböcke, Schuldige und bei den Betroffenen eine starke Belastung der Zukunft stehen.

Eine andere Herangehensweise hingegen wäre die systemische Analyse der Fehler, unabhängig davon, wer sie begangen hat. Besonders Schweinsteigers Handspiel wäre dann, weil es ebenso unerklärlich bleibt wie das Boatengs gegen Italien, zu untersuchen auf einen Bereich wie die Häufigkeit bestimmter Übersprunghandlungen und die Gründe, die dazu geführt haben, dass so eine Reaktion eintritt. Des Weiteren wäre die Frage, warum es einem so großen Talent wie Kimmich psychisch nicht gelingen konnte, einen brisanten Ball einfach weg und in den Himmel zu dreschen. Auch dort könnte eine Beziehung zwischen Corporate Identity und damit verbundenen No Gos gefunden werden, über die die die ganze Organisation diskutieren und sich Klarheit verschaffen muss. Deutlich würde und wird bei dieser Methode, dass die Fehler im System begründet sind und jedem passieren können, solange der Grundkonflikt nicht geklärt ist. Es ginge also nicht um die Person, sondern um das System, in dem die Person agiert.

Der Unterschied zwischen der Personalisierung von Fehlern und der systemischen Analyse derselben ist genau der zwischen technokratischem Modell und einer lernenden Organisation. Was den Sprachgebrauch im Fußball anbetrifft, so befindet sich das Gros der Betrachter noch in der Welt des technokratischen Modells, weil kurioserweise immer von individuellen Fehlern gesprochen wird, einem Synonym für menschliches Versagen. Es unterstellt, dass das System im Gegensatz zum Menschen unfehlbar ist. Praktisch aber scheint bereits der Weg in Richtung systemischer Analyse geöffnet zu sein, weil zumindest in den Reihen der Nationalmannschaft die Sündenbocksuche nicht auf fruchtbaren Boden fällt.

Bleibt zu hoffen, dass sich die systemische Analyse mehr und mehr durchzusetzen beginnt, da es sich dabei um den ersten und entscheidenden Schritt Richtung lernender Organisation handelt. Letztere wird seit Jahrzehnten propagiert und gefordert, aber in nur seltenen Fällen gelebt. Wenn es dem Fußball gelingt, der Ära der ätzenden Personalisierung von Fehlern die Grenzen aufzuzeigen, dann hat auch dieses Ausscheiden etwas zum Guten bewirkt. Und Frankreich wie Portugal stehen aufgrund ihrer bisherigen Leistungen zu Recht im Finale. Warum? Weil das immer so ist, ob das den Ideologen gefällt oder nicht!

EM: Blütezeit des Positivismus

Auch wenn diese EM für viele Beobachterinnen und Beobachter eine Enttäuschung zu sein scheint, so ist der Erkenntniswert, der von ihr ausgeht, extrem groß. Das aufmerksame Publikum konnte jenseits des Ballspiels sehen, wie sich vor allem britische und russische Hooligans in einem fremden Land aufgeführt haben. Das war gleichermaßen entsetzlich. Interpretiert und verurteil wurde es von offizieller Seite jedoch unterschiedlich und schon waren wir auf einer Plattform, die gut mit dem Terminus Double Standards bezeichnet werden kann. Ziehen wir doch einfach einmal einen logischen Schluss und erkennen, dass die Verrohungspotenziale in der britischen wie in der russischen Gesellschaft äquivalent sind. Und damit es richtig weh tut, seien die isländischen wie walisischen Fans betrachtet, die trotz der gewaltigen UEFA-Geld- und Propagandamaschine gezeigt haben, was Freude am Spiel an sich an positiven Schwingungen produzieren kann.

Aber die letztgenannten Resonanzen sind Nischenphänomene in einem Spektakel, das zu einem regelrechten Überlebenstest für die hoch bezahlten und hoch dekorierten Profis geworden ist. 70-Spiele-Plus ist das Pensum, welches die High Professionals in der zurückliegenden Saison hinter sich gebracht haben. Da ist es kein Wunder, wenn mehr über Achillessehnen, Patella, Muskelfaserriss, Muskelabriss, ramponierte Waden etc. gesprochen wird als über geglückte Fallrückzieher. Das Turnier, noch einmal wegen der Einnahme- und Vermarktungsmöglichkeiten aufgeblasen, ist zu einem regelrechten Humanmaterialtest geworden. Wer jetzt argumentiert, so sähe man auch Nationen wie Island oder Wales, der sollte sich die ungleichen Wettkampfbedingungen vor Augen führen, nämlich ausgelaugte, angeschlagene Profis gegen euphorisierte Amateure, denen die dampfende Wurst vor der Nase hängt, Geschichte schreiben zu können. So werden Illusionen erzeugt, die keiner Überprüfung standhalten.

Nein, die EM hat keine Neuigkeiten in fußballerischer Hinsicht parat. Es sei denn, man betrachtet die Systemvariabilität während eines laufenden Spieles als neuen, sich durchsetzenden Standard. Das ist hoch komplex und wird von vielen Enthusiasten nicht einmal verstanden, aber es ist ein wichtiger Hinweis, der dokumentiert, dass der Fußball wie immer mit den Produktions- und Arbeitsbedingungen korreliert. Natürlich geht es um Erfolg, und natürlich geht es um Geld. Den Fußball an sich gab es noch nie, seine Unschuld hatte bereits noch hinter den Halden der Kohlebergwerke verloren. Aber genau deshalb ist er so relevant, weil er sich zu einem Spiegelfeld der sich entwickelnden, realen gesellschaftlichen Verhältnisse hat etablieren können. Nirgendwo sonst ist die gesellschaftliche Relevanz so präsent wie bei ihm.

Das beste Beispiel für diese These ist die jüngste Auseinandersetzung zwischen dem EX-Profi und Fernsehkommentator Mehmet Scholl und dem DFB. Letzterer hatte Chef-Trainer Löw vorgeworfen, sich zu sehr von den Tablet-Taktikern beeinflussen zu lassen. Er meinte damit die Einheit um den Schweizer Urs Siegenthaler, der IT-gestützt sämtliche Spieldaten der Gegner auswertet und anhand der empirischen Daten Taktikempfehlungen formuliert. Eine solche Empfehlung hatte zu der umstrittenen Dreierkette gegen Italien geführt. Die Art und Weise, wie Löw und Siegenthaler auf diese Kritik reagiert haben, hat deutlich gemacht, dass beide radikale Vertreter eines Positivismus sind. Siegenthalers Replik, vor tausend Jahren hätten auch viele Zeitgenossen geglaubt, die Erde sei eine Scheibe, verhilft dem scheinbaren Streit über eine fußballerische Taktik gar zur Dimension eines Paradigmenstreits. Was im Arbeitsleben immer wieder versucht wird, die totale Steuerung der Menschen durch Maschinenlogik, ist jetzt auch im Fußball angekommen. Das ist ein heißes, ein brandheißes Thema. Es geht darum, ob das menschliche Sein zu einer Randerscheinung mit Relevanz zum Irrtum degradiert wird oder ob es das Zentrum der Kreativität bleibt. Fast zu viel, für eine lapidare Sportart, oder?