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Lässliche Sünden? Im politischen System?

Wo beginnt eine Fehlentwicklung? Sicherlich nicht dann, wenn die ersten Anzeichen dazu lesbar sind. Es erfordert ein waches Auge und einen tiefen Sinn für die mögliche Gravität einer Entwicklung, um die Zeichen rechtzeitig lesen zu können. Für mich steht außer Zweifel, dass alles, was entsteht, nicht nur laut Mephistopheles wert ist, irgendwann unterzugehen, sondern auch frühzeitig als positiv oder negativ diagnostiziert werden kann. Im Deutschen existiert die so treffende Formulierung der lässlichen Sünde. Sie beschreibt das, was als Wurzel vieler Übel angesehen werden kann. Das Hinwegsehen über einen Misstand, oder eine Inkonsequenz oder was auch immer, um sich nicht gegen den Strom des Einverständnisses wenden zu müssen. Nun lass ihn doch, ist doch alles nicht so schlimm, es gibt Schlimmeres.

Ja, die Toleranz gegenüber derartigen Entwicklungen ist oft angebracht, denn sonst verwandelten wir unser Leben in eine Zuchtanstalt ohne Lebensqualität. Wer es nicht erträgt, Fehler anderer zu tolerieren und über sie hinwegzusehen, der ist ein Pedant oder, wie eine strenge Lehrerin früherer Tage so furchtbar ausdrückte, ein unliebsamer Zeitgenosse. 

Insofern wäre meine anfangs formulierte These, die die Notwendigkeit eines Frühwarnsystems für Fehlentwicklungen beinhaltet, eine überflüssige Bemerkung gewesen, gäbe es nicht Sujets, die eine Unterscheidung in der Haltung verlangen. Ist das duldsame, tolerante Verhalten gegenüber Fehlleistungen von Individuen durchaus auch als ein Gebot einer humanistischen Erziehung zu sehen, so ist die Notwendigkeit brutaler Konsequenz in der Politik und im politischen System eine Voraussetzung vernünftiger Zustände. Die Regeln des Zusammenlebens müssen klar sein und für alle gelten. Ist das nicht der Fall, dann schleichen sich Phänomene ein, die weitreichend sind.

Gelten die Regeln nicht für alle, so ist die Legitimation des Systems dann gefährdet, wenn die Mehrheit beginnt unter dem Privileg der Missachtung zu leiden. Wird die Regelverletzung durch Einzelne bagatellisiert, so ist damit zu rechnen, dass sich daraus ein Massenphänomen entwickeln wird. Sind die Maschen, das System zu umgehen gar für manche Gruppen bewusst so angelegt, dann ist es aus mit der Legitimität. 

Das Spannungsfeld zwischen Toleranz und Konsequenz wird vor allem in Krisenzeiten von allen Teilen der Gesellschaft, aus jeder nur möglichen Perspektive, beobachtet. Wer glaubt, auf der einen Seite mit der Krise eine Verschärfung der Regeln begründen zu müssen und auf der anderen Seite den Vorhang des Schweigens über gravierende Verstöße vertuschen zu können, begeht einen gravierenden Fehler. Das ist kein Spiel mit dem Feuer, sondern Brandstiftung.

Die notwendige, nahezu logische Konsequenz eines Handelns, das einerseits den Regelverstoß bagatellisiert und ihn andererseits zu skandalisieren, ist die Etablierung einer Doppelmoral, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt systematisch zerfrisst. Die beim Regelverstoß Privilegierten tendieren dazu, ihr Verhalten zu kultivieren und beim Verstoß in immer neue Dimensionen vorzudringen. Und die bei Verstoß Gemaßregelten sehen sich als Underdogs und Parias und verlieren damit ihren Glauben an die Gesellschaft. Und die große, staunende und schweigende Mehrheit bleibt zurück im leeren Entsetzen.

Von dieser Geschichte, die leider immer neue Daseinsformen mit jeder neuen Krise darbietet, ist keine Moral zu berichten. Sie dokumentiert eher einen fortschreitenden Zerfallsprozess, der nicht mehr aufgehalten werden kann. Zumindest nicht mit einem politischen Argument. Die Politik, geübt in der systemischen Inkonsequenz, kann nicht oder traut sich nicht zur Konsequenz zurückzukehren. Die in ihren Verstößen Privilegierten sind mittlerweile der Überzeugung, ihr Verhalten sei bereits das System. Und die Gemaßregelten sinnen auf Rache.  

Fundstück

„Zuweilen, wenn uns das Alte nichts mehr und das Neue noch nichts sagt, mögen wir uns wundern über die Kraft, die in uns, in diesem Zustand des Schwellendaseins liegt. Vielleicht werden wir müßigen Gewohnheitsproselyten in jenen Stunden der Vor-Dynamik gewahr, dass die Kraft unseres Daseins im Wandel liegt? Denn wir sind dann erst bewusste Menschen, wenn wir uns wachen Auges der Veränderung stellen und heiteren Blickes das Glas der Vergänglichkeit leeren und mit russischem Übernut hinter uns werfen, auf dass es zerschelle an der kalten Wand der apodiktischen Gewissheit.“ 10.01.1994

Eine letzte Frage sei noch erlaubt!

Vieles ereignete sich im zur Neige gehenden Jahr, über das sich nachzudenken lohnt. Es ist aber auch so, dass der Zug der Zeit über so manches, das uns bewegt, unbarmherzig hinwegrollt und dann doch in wenigen Monaten zumindest im Bewusstsein gar keine große Rolle mehr spielt. Was aber bleibt, das sind die Faktoren, die unser Dasein bestimmen. Da ist die Frage von Krieg und Frieden, die existenziell ist, weil davon das direkte Überleben abhängt, da bleibt die Frage nach den Mitteln, die ein Mensch braucht, um auch in Friedenszeiten überleben zu können und da ist der Faktor der Umweltbedingungen, die so sein müssen, dass wir Säugetiere in der jetzigen biologischen Form eine gute Prognose auf den Fortbestand haben. Alle drei Bedingungen sind seit langem nicht überall auf dem Globus gegeben. In zu vielen Regionen tobt ein Krieg, in zu vielen Regionen herrscht Armut und die Menschen sterben des Hungers und in zu vielen Regionen haben sich die Umweltbedingungen so entwickelt, dass bereits gelitten und irgendwann kein Leben mehr möglich sein wird. Tendenz: Kriege breiten sich aus, die Armut nimmt zu und der Raubbau am Planeten setzt sich fort.

Angesichts dieser Ausgangslage sei eine Überlegung erlaubt. Laut dem Stockholm Institute for Peace Research, kurz S.I.P.R.I. genannt und ob seiner wissenschaftlichen Vorgehensweise wie seiner Neutralität international anerkannt, haben die Staaten dieser Welt in diesem laufenden Jahr insgesamt mehr als 2 Billionen Dollar für Militärausgaben aufgewendet. Angeführt wird die unselige Liste von den USA, die alles mit mehr als 800 Milliarden Dollar überragen, gefolgt von China mit ca. 290 Milliarden bis hin zur Bundesrepublik Deutschland, die neben den jährlichen Ausgaben von ca. 52 Milliarden Euro nun noch ein Sondervermögen von 100 Milliarden für die militärische Aufrüstung angelegt hat. 

Militärausgaben sind, noch bevor sie zum Einsatz kommen, denn bei ihrem Einsatz sprengen sie alles, was noch sinnvoll als ökologischer Fußabdruck bezeichnet werden könnte, von ihrer Konzeption her ein Klimakiller per se. Sie basieren auf dem Verbrauch von Unmengen fossiler Energieträger und ihre Emissionen bei Anwendung ruinieren alle Bilanzen. Das zu Ende gehende Jahr war, wie die Jahre davor, ein Jahr des Krieges. Dass viele Menschen anders empfinden und genau das Jahr 2022 als besonders schrecklich in dieser Hinsicht begreifen, hängt mit der geographischen Nähe eines neuen Krieges zusammen und mit der propagandistischen Verarbeitung desselben. Das Perverse: Diese Kampagnen werden betrieben, um noch mehr Kriegswerkzeuge herstellen und verkaufen zu können.

Im Jahr 2022 fanden allerdings auch zwei Konferenzen statt, die sich mit der ökologischen Entwicklung des Planeten befassten. Einerseits die COP27 im ägyptischen Sharm El-Sheikh, bei der es um die Klimaentwicklung ging und die Weltnaturschutzkonferenz im kanadischen Montréal. Beide Konferenzen wurden mit hochkarätiger internationaler Besetzung abgehalten, Staatspräsidenten gaben sich die Klinke in die Hand, Tausende von Teilnehmern waren angeflogen und, wie immer bei solchen Gelegenheiten, bis spät in die Nacht wurde verhandelt. Was unter dem Strich herauskam, stand in keinerlei Verhältnis zu den skizzierten Problemen. Wenn man es in Geld messen wollte, so käme man zu dem Schluss, dass es, und damit sind alle gemeint, die dort dabei sind, der vermeintlich freie Westen wie der gelenkte Osten, alle, die industriell konstituiert sind und die das Wachstum predigen, insgesamt, global, d.h. weltweit nicht einmal ein Vierzigstel der weltweiten jährlichen Militärausgaben bereit sind aufzuwenden, um etwas gegen die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen zu unternehmen.

Wer, das meine Frage, glaubt bei einer solchen Gegenüberstellung überhaupt noch an die Möglichkeit zur Besinnung, wenn die Grundlagen der menschlichen Existenz denen, die die Verantwortung tragen, nicht einmal ein Vierzigstel dessen wert sind, was sie bereit sind für die bewusste und geplante Zerstörung auszugeben? Und wer, bitte schön, wird nicht von gerechtem Zorn und Verachtung übermannt, wenn gerade diese Figuren es wagen, einer armen Seele, die ihre Zukunft existenziell gefährdet sieht und sich irgendwo festklebt, um auf sich aufmerksam zu machen, vorwirft, sie befinde sich auf dem Weg zum Terrorismus? Die Zeitenwende, die nötig wäre, würde keiner von diesen Zynikern politisch überleben.