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Krieg: Eskalation wahrscheinlich, es sei denn…

Während sich auf der einen Seite eine als Zivilgesellschaft oder Expertengruppe überhöhte Meute täglich in neuen bellizistischen Schaumbädern verlustiert, existieren immer noch Menschen, die in der Lage sind, ohne Wallung und kühlen Kopfes die Lage zu analysieren. Was auf der einen Seite Mut vermittelt, ist auf der anderen Seite ein trauriges Zeugnis für Politik und Medien. Dort herrscht die Verrohung,  das gegenseitige Überbieten mit Feindbildern sowie sprachlichen und logischen Dummheiten. Von ihnen noch eine Lösung zu erwarten, die Tod und Zerstörung minimiert, ist pure Illusion. Wenn der Scheiterhaufen brennt, ist alles erlaubt. Im heutigen Spiegel giftet ein medialer Tausendsassa mit einer Irokesenfrisur, dessen Expertise einzig und allein durch die Häufigkeit seines Erscheinens definiert ist, in unzivilisierter Form gegen alle, die sich für eine Option des Friedens aussprechen. Und in der BILD wird eine Initiatorin des Manifests für den Frieden als eine bezahlte Agentin des Bösen diffamiert, als hätte es das Attentat auf Rudi Dutschke nie gegeben. 

Aber einmal den Unrat, mit dem zivilisierte Menschen täglich belästigt werden, beiseite. In einer informellen Gruppe von Menschen mit unterschiedlicher Biographie und Perspektive konnte ich gestern einer Analyse beiwohnen, die es verdient, formuliert zu werden. Das Prinzip war das nach Heinrich von Kleist, der es einmal die allmähliche Entstehung der Gedanken beim Reden nannte.

Demnach stellte sich die Situation für die Diskutanten wie folgt dar:

Dass Russland der Forderung der USA/NATO/EU nachkommt und die Truppen aus der gesamten Ukraine abzieht, inklusive der Insel Krim, ist nicht wahrscheinlich.

Dass die ukrainischen Streitkräfte in der Lage wären, auf russisches Terrain vorzustoßen und Russland militärisch eine Niederlage zuzufügen, ist ausgeschlossen.

Dass China es zulassen würde, dass Russland bezwungen und unter den Einfluss des Westens käme, ist ebenfalls ausgeschlossen. Die Koexistenz von Russland und China ist für beide Seiten essenziell.

Dass USA/NATO/EU ihren bisherigen Kurs korrigieren und zu Verhandlungen mit Russland bereit wären, was z.B. den Donbas und die Krim anbetrifft, ist nicht zu erwarten. 

Dass Putin in Russland gestürzt wird, könnte eine Möglichkeit sein, aber sie würde auf keinen Fall zu einem Einlenken hinsichtlich der russischen Ansprüche führen. Betrachtet man die Figuren, die sich im russischen Macht-Portfolio bewegen, wäre eher eine Radikalisierung zu erwarten.

Dass sich in den USA die politischen Verhältnisse ändern und ein republikanischer Präsident eine andere Position in diesem Konflikt einnimmt, ist möglich, aber erst nach den Wahlen 2024. Es wäre die wahrscheinlichste Option mit Effekt. 

Dass Wahlen in einem europäischen Land die Kriegsphalanx aufbrechen könnten, ist unwahrscheinlich.

Dass die Tendenz zahlreicher Länder, sich vom Dollar als Weltwährung zu lösen und sich anderen internationalen Organisationen wie BRICS anzuschließen, dazu führt, das Zeitfenster für die USA weiter zu schließen, sicher ist.

Die Schlussfolgerungen, die aus dieser Aufzählung resultierten, ergaben sich von selbst. Eine Einstellung der Kampfhandlungen ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zu erhoffen. Die einzige Möglichkeit auf eine De-Eskalation bestünde tatsächlich in den Wahlen in den USA oder in Dysfunktionalitäten der jeweiligen Militärmaschinerie (Munitionsmangel, technisches Versagen, logistische Probleme, keine Soldaten etc.). Insofern ist die Gefahr einer gewaltigen Eskalation immens, da die Biden-Administration um das Zeitfenster bis zu den Wahlen im nächsten Jahr weiß.

Was denen bleibt, die die überwältigende Mehrheit in diesem Krieg ausmacht, die in der einen oder anderen Form dafür bezahlen, aber deren Stimme im blutrünstigen Geheul der Meinungsmaschinen keine Rolle spielt? Wahlen, das Hoffen auf ein Versagen der Militärmaschinerie, und vielleicht auch ein bisschen mehr.

Die sieben Todsünden und die Geschichte

Wem sind sie noch präsent? Die sieben Todsünden? Neid, Völlerei, Habgier, Wollust, Hochmut, Trägheit und Zorn! Da die Legitimation unseres Daseins sich nur noch subkutan auf die christlich-abendländische Ethik bezieht, würde kaum noch jemand auf die Idee kommen, sich bei dem, was uns an menschlichen Handlungen umgibt, auf diese Liste Bezug zu nehmen. Obwohl, das leuchtet bei der bloßen Lektüre sofort ein, es genügend Anlässe gibt, um menschliches, zeitgenössisches Handeln unter dem Aspekt dieser sieben Todsünden auf den Index zu setzen.

Neid? Kein Tag vergeht, ohne dass diese Regung spürbar würde. Völlerei? Nur ein Blick auf die Werbung macht deutlich, dass es als schick gilt, dieser Sünde zu frönen. Habgier? Muss darauf überhaupt geantwortet werden? Ist es nicht das Prinzip, das alles leitet? Wollust? Ob ihre Befriedigung tatsächlich gelingt, sei einmal dahin gestellt. An sie appelliert wird unablässig. Hochmut? Geschenkt, überall präsent. Trägheit? Gilt als erstrebenswert und sie zu pflegen, gelingt nur den Privilegierten. Und Zorn? Durchaus vorhanden, aber, im Gegensatz zu den anderen Todsünden zumindest kein Massenphänomen. An ihn wird gerne appelliert, aber er scheint sich nicht in der spätkapitalistischen Postmoderne so etabliert zu haben wie die anderen sechs ethischen Frevel.

Vielleicht ist der Zorn jedoch die Regung, die sich der Modernität durch eine Mutation perfekt angepasst hat. Es ist die Ranküne, die Rachsucht. Sie geht weiter als der spontane Zorn, denn ohne eine meistens vielleicht auch langfristige Berechnung ist sie nicht zu haben. Welthistorisch gesehen ist das Phänomen zur Zeit hochaktuell. Die Demütigung von Nationen nach Niederlagen, die sie nicht selten selbst zu verantworten hatten, führt ziemlich sicher zu einer geballten Form der Ranküne. Es dauert in der Regel zwei bis drei Jahrzehnte, bis die nach der Niederlage Geschmähten zurückschlagen. Historiker nennen das Phänomen Revisionismus. So verhielt es sich mit Deutschland nach der Niederlage im I. Weltkrieg und den heute so genannten Pariser Vorortverträgen (früher schlicht nach Versailles benannt), in denen der einstigen Großmacht demütigende Bedingungen zugemutet wurden. Die Reaktion kam mit dem Faschismus. Und so verhielt es sich mit Russland, das 1990 als Sowjetunion unterging und alles zu akzeptieren hatte, was die Ramponierung einer russischen Identität beinhaltete. Die Antwort darauf erhielt die Welt im Februar 2022. 

Wie gesagt, Historiker haben auf derartige Zusammenhänge aufmerksam gemacht. Das konkret handelnde politische Personal hat das Wissen um das mögliche Entstehen von Rankünegedanken nicht auf dem Schirm. Das Unrecht des Moments bedeutet alles, die historische Demütigung hingegen nichts. Sie wird und wurde stets vom Tisch gewischt. Auf allen Seiten! Um auf die sieben Todsünden, die unseren Alltag in hohem Maße bestimmen, zurückzukommen: Das Auftauchen des Zorns in Form von Rachegefühlen ist nicht selten das Ergebnis von Hochmut auf der Gegenseite. Und, betrachtet man den Zusammenhang, dann sind wir mitten im Teufelskreis der sieben Todsünden. Alles hängt miteinander zusammen und das eine bedingt das andere. Ohne Habgier kein Neid, ohne Wollust keine Völlerei und keine Trägheit. Und ohne Hochmut kein Zorn. 

Hätten wir es mit einem ethischen Diskurs zu tun, dann müssten wir uns mit diesen Wechselwirkungen auseinandersetzen und dürften nicht, auf hohem Ross sitzend, hochmütig wie die Königin der Todsünden, über alles urteilen, was unter dem Blick der Auserwählten kreucht und fleucht. Ja, sind wir ehrlich, es ist beschämend. Und die Scham wäre vielleicht auch das erste Mittel, zur Linderung der Sünden. 

Die Ignoranz der Marie Antoinette

Das Heranziehen historischer Figuren geschieht sehr oft aus Gründen einer Vereinfachung. Wenn jemand, der klein von Wuchs ist, sich gerne in den Vordergrund drängt und mit Vehemenz seine Meinung vertritt des Napoleon-Komplexes bezichtigt wird, dann wissen zumindest diejenigen, die sich ein wenig in der Geschichte auskennen, was gemeint ist. Obwohl es sich bei einem solchen Vergleich um völligen Humbug handelt. Die historische Figur des Napoleon war alles andere als ein Kleinwüchsiger, der sich gerne aufspielte. Er gehört zu den komplexesten Charakteren der neueren Geschichte und ohne ihn wäre die Weltgeschichte anders verlaufen. Insofern ist es kein Wunder, dass kaum eine andere historische Person so oft zu Vergleichen inspiriert.

In letzter Zeit tauchte des öfteren eine andere historische Figur, die ebenso wie Napoleon tragisch endete und längst nicht dessen Bedeutung erlangte, in den Fokus. Es handelt sich um die letzte französische Königin vor der Revolution. Die Habsburgerin Marie Antoinette war die Gemahlin Ludwigs XVI. von Frankreich. Sie teilte das Schicksal ihres Gatten und wurde wie dieser im Jahr 1793 guillotiniert. Ihr wurden bestimmte Äußerungen zugeschrieben, die das hungernde und revoltierende Volk in Frankreich zur Weißglut trieben. So soll sie, während in Paris Demonstrationen gegen den Hunger und die Forderung nach Brot stattfanden, den lakonischen Satz ausgespien haben, dass das Volk doch Kuchen essen solle, wenn es kein Brot habe. Ob das so stimmt, ist meines Wissens historisch nicht belegt. Was ihr allerdings tatsächlich unterstellt werden kann, ist eine völlige Ahnungslosigkeit hinsichtlich der Lebensbedingungen des einfachen Volkes. Dass sie aufgrund dessen davon unberührt bleib, versteht sich dann von selbst. Letztendlich führte diese wie auch immer zu erklärende Ignoranz dazu, dass ihr Kopf unter dem Jubel des versammelten Volkes in einem Weidenkorb landete.

Die aufmerksamen Beobachter werden bereits eine Ahnung haben, worauf der zeitgenössische Vergleich hinausläuft. Angefangen hatte es mit einer Antwort, nachdem ein Kind gesagt hatte, dass die hohen Benzinpreise für ärmere Familien ein Problem sein könnten. Ihre Antwort war, dass diejenigen, denen das Benzin zu teuer sei, doch dann E-Autos fahren sollten. Und schon war der Vergleich der heutigen Außenministerin zur letzten vorrevolutionären Königin Frankreichs hergestellt. Und der wurde nun erneuert, als bekannt wurde, dass die Dame jährlich an die dreihunderttausend Euro für Make-up und passende Fotos aufwendet, während die Versorgung vieler Familien mit den basalen Gütern des täglichen Lebens zunehmend schwerer wird.

Nicht, dass von Amtsträgern gefordert werden sollte, wie unglückliche und verarmte Gestalten ihren Geschäften nachzugehen. Aber ein Gespür dafür, was die Existenz und die Gefühlslage derer ausmacht, die durch dieses Amt vertreten werden, sollte schon vorhanden sein. Und ist es nicht. Die Ignoranz gegenüber den Umständen im eigenen Land offenbart sich mit jedem Auftritt. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass die Äußerungen gegenüber Dritten von einer analogen Unwissenheit geprägt sind. Insofern ist die Prognose, dass das alles nicht gut ausgehen wird,  ein durchaus wahrscheinliches Unterfangen. Dass das von niemandem aus dem politischen Geschäft thematisiert und geschweige denn kritisiert wird, zeigt, wie weit sich der Club von den konkreten Lebensrealitäten entfernt hat. Natürlich, um auf die unglückliche Marie Antoinette zurückzukommen, wird heute niemand mehr auf der Guillotine enden. Aber gut ausgehen wird das nicht. Das ist sicher.