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Alternde Imperien

Kürzlich erinnerte mich jemand an einen Witz, den man sich in den letzten Jahren der Sowjetunion öfters erzählt hatte. Die Frage war, wie eine Sitzung des Zentralkomitees der KPdSU verliefe. Die Antwort:

  1. Hereintragen der ZK-Mitglieder
  2. Verlesung der Tagesordnung
  3. Beschlussfassung
  4. Absingen des Liedes „Wir sind die junge Garde des Proletariats“
  5. Heraustragen der ZK-Mitglieder

Ob gelungen oder nicht, der Witz hatte deshalb Verbreitung, weil er einen Kern traf. Das höchste Lenkungsorgan der Sowjetunion war hoffnungslos veraltet, was auch das jeweils schnelle Ableben der neu gewählten Generalsekretäre untermauerte. Erst mit Gorbatschow war wieder ein jüngerer gefunden worden, der letztendlich den Untergang des Sowjetreiches – ob wollend oder nicht – mit vollzogen hatte.

Die Erinnerung an die parodierten Verhältnisse kam nicht von ungefähr. Anlass waren Berichte über das Lebensalter und den umstrittenen Gesundheitszustand des amerikanischen Präsidenten. Geschichten über die zahlreichen Verwechslungen seinerseits und die beharrlichen Weigerungen, einen Demenz-Test zu absolvieren, verursachen nicht nur Spöttereien, sondern geben auch an der einen oder anderen Stelle Anlass zu berechtigter Sorge. Der amerikanische Präsident entscheidet über Krieg und Frieden und über den Einsatz atomarer Waffen. Sein Gegenkandidat im diesjährigen Wahlkampf wirkt wesentlich frischer, altersmäßig befindet er sich allerdings auch in einer Zone, die als fragil beschrieben werden kann.

Für viele ist es eine ausgemachte Sache, dass es sich bei Präsident Biden, so wie er auftritt, nur um eine Marionette handeln kann. Analog zu den Deutungen, die während der Zeit Leonid Breschnews kursierten. Auch da witterten viele andere, die im Hintergrund Regie führten. Unabhängig von den geriatrischen Zügen der jeweiligen Machteliten sind bestimmte Konturen zu vernehmen, die anscheinend einem im Niedergang befindlichen Reich eigen sind. Das politische System, um das es geht, hat rapide an Strahlkraft verloren, innovative Initiativen finden nicht mehr statt, es wird mehr verwaltet als gestaltet, die Bürokratie nimmt folglich ein alles lähmendes Ausmaß an und der Wille, Konflikte mit Gewalt anstatt mit Verhandlung und Diplomatie zu lösen, nimmt bedenklich zu. Das handelnde Personal verfügt über längere Krankenberichte als Leistungsbilanzen und der notorische Hang zu doppelmoralischen Betrachtungen dominiert die Sichtweise, was unter anderem dazu führt, dass die eigenen Misserfolge durch die moralische Perfidie der Konkurrenz erklärt werden. Die jeweilige Bevölkerung wendet sich ab. 

Selbstverständlich existieren gravierende Unterschiede im ökonomischen Bereich. Aber die Handlungsweisen zeitigen doch beängstigende Parallelen. Sowohl in der damaligen Sowjetunion als auch in den heutigen USA existierten junge, kluge und dynamische Köpfe, denen vieles  zugetraut werden könnte. Nur in das aktive Handeln kamen und kommen sie nicht. Da standen und stehen die geriatrischen Komparsen, die von der unsichtbaren Hand der eigentlichen Nutznießer eines militanten und militaristischen Managements geführt wurden und werden und die weder eine Idee noch ein Interesse an einer Veränderung der Verhältnisse hatten oder haben. Die jeweilige Staatsidee wird von beiden Machtvarianten kompromittiert. 

Es ist kein Zufall, dass, wie eine brandaktuelle Umfrage aus den USA belegt, zwei Drittel der us-amerikanischen Bevölkerung unglücklich über die vermeintliche Wahl zwischen zwei alten Herren sind. Das ist umso weniger erstaunlich, als dass es sich bei diesem Land um ein noch relativ junges handelt, im Vergleich zu anderen westlichen Ländern. Und dennoch dominiert eine überalterte Nomenklatura. Bestand wird es nicht haben. Das zeigen alle historischen Vorläufermodelle, egal welcher Couleur. Ob es dann besser wird, ist übrigens nicht geklärt. Auch da ist die Geschichte ein gehöriger Spielverderber. In Sachen gouvermentaler Verbrechen steht die Jugend dem Alter nichts nach. Aber das ist eine andere Diskussion. 

Wieviel Morde pro Woche?

Es lohnt, einmal für sich selbst zu zählen, wieviel Morde beim Fernsehen oder bei der Nutzung von Streaming-Diensten binnen einer Woche beobachtet werden können. Es sind mehr, als einem noch bewusst ist. Bereits vor Jahren lag eine Studie vor, nach der ein junger Mensch, der einen durchschnittlichen Fernsehkonsum aufwies, bis zur Vollendung seines 18. Lebensjahres an die 18.000 Mordfälle erlebt hatte. Meine These: die Zahl ist heute noch höher. Und die Frage, die sich kaum jemand stellt, die allerdings auf der Hand liegt, ist eine kulturprognostische. Was ist eigentlich mit einer Gesellschaft los, in der virtuell, zum Zeitvertreib, täglich gemordet wird, was das Zeug hält. Zugute zu halten ist der Gesellschaft, dass die virtuelle Übung nicht der tatsächlichen Statistik entspricht. Wäre das der Fall, dann hätte der Begriff des Fachkräftemangels bereits eine andere Dimension. 

Anscheinend existiert so etwas wie eine humane Urangst, die die Möglichkeit spiegelt, quasi aus dem Nichts heraus immer und überall gemeuchelt werden zu können. Was die vielen Mord- und Totschlag Serien allerdings garantieren, ist die Aufklärung der Delikte. Der Kitzel wird in der Regel besänftigt durch die Bestrafung der Täter und der damit verbundenen Rückversicherung, dass die Zahl der möglichen Mörder im Einklang mit ihren Vergehen reduziert wird. Ende gut, alles gut. Nichtsdestotrotz handelt es sich bei diesem Unterhaltungssetting um ein Indiz für eine krankhafte Entwicklung, die nicht unbedingt einen hohen Grad der Zivilisation widerspiegelt.

Dass diese archaischen Ängste systematisch genutzt werden, um die Gefühlslage der Bevölkerung emotional zu steuern, liegt auf der Hand. Ein bewährtes und immer wieder genutztes Mittel ist dafür der Agententhriller. Auch da geht es um Mord, Verschwörung, Betrug, Skrupellosigkeit und letztendlich das Überleben der Guten. Dass es sich bei den Delinquenten und den Charakteren des Bösen seit dem Kalten Krieg um Russen handelt, sofern die Produktionsstätten des Genres in den USA liegen, ist nicht verwunderlich. Kommen die Filme aus Großbritannien, sind bis zum heutigen Tag die Hunnen, sprich die Deutschen, immer noch die Bösewichter. Dass es so ist, bekommt man auf dem deutschen Markt wohlweislich kaum vermittelt.

Bei der Betrachtung der geschilderten Sachverhalte ist es kaum möglich, sich einer kritischen Gesellschaftsdiagnostik zu entziehen. Die Frage lässt sich nicht ausklammern, was mit einer Gesellschaft los ist, in der die Unterhaltung aus archaischen Existenzängsten besteht und in der eine politische Steuerung der nationalen Emotionslage mit Feindbildern bedient werden, die als Verursacher möglicher kollektiver Untergänge charakterisiert werden? 

Das Bedrückende sind die Ergebnisse. Alles scheint so zu funktionieren, wie geschildert.  Nach einem langweiligen Arbeitstag ein wenig gekitzelt und dann wieder beruhigt zu werden, erledigt durch die unzähligen, massenhaft produzierten Kriminalserien, oder, am besten kurz vor Wahlen, ein Agentenszenario frei Haus zu bekommen, bei dem die Salznüsschen nur unter Gänsehaut verschlungen werden können, ist die Art und Weise, wie es kredenzt wird.

Angesichts der gegenwärtigen, hoffentlich nicht mehr lange andauernden politischen Verhältnisse, die keinen qualitativen Wandel erwarten lassen, bleibt nur der Rat, sich dieser Art von Gehirnwäsche durch Abstinenz zu entziehen. Suchen Sie das Gespräch, sowohl mit Freunden als auch mit Menschen, die anders denken! Lesen Sie Bücher, die gut geschrieben sind und den Geist schulen! Und sprechen Sie mit denen, die sich immer noch im Prozess der sozialen Kontaminierung befinden! Sie brauchen Hilfe! Dringend!

Fundstück: Umbrüche

Wenn die großen Umbrüche stattfinden, dann bleibt nichts so, wie es einmal war. In der Erinnerung verklären sich die Bilder, vielen Menschen erscheint es so, als hätten sie in goldenen Zeiten gelebt und alles, was an Neuem entstanden ist, kann unter diesen Eindrücken nicht mehr imponieren. Nichts ist trügerischer als diese Art von Erinnerung. Sie liegt unter einem Schleier, der alles verdeckt, was in der Vergangenheit an Dreck, an Unrat, an Schmerz und an Verzweiflung existierte. Die so genannte gute, alte Zeit, entpuppt sich, wenn der realistische Blick die Oberhand gewinnt, als eine Fata Morgana. Zumindest für diejenigen, die sich erfolgreich aus ihr heraus gekämpft haben. 

Diejenigen, denen das nicht gelungen ist, die sind längst nicht mehr unter den Lebenden. Und, sollten sie es dennoch sein, dann haben sie keine Stimme mehr. Die einzige Gruppe, die zu recht über die goldene Vergangenheit sprechen kann, sind die ehemaligen Gewinner, die sich in Ruhm und Reichtum sonnen konnten, bis das alles zusammenbrach. Doch sie sind in einer verschwindenden Minderheit, wie immer. Das Gros der Gesellschaft muss kämpfen. Das war so in der verklärten Vergangenheit, das ist so während der Zeiten der großen Umbrüche und das wird so sein, wenn sich alles neu sortiert hat.

Umbrüche hat es immer gegeben. Auf der Oberfläche lassen sie sich als etwas beschreiben, das die Dominanz der Kräfte, die für ein bestimmtes Zeitmaß die Entwicklung maßgeblich bestimmt haben, an einem gewissen Zeitpunkt den Zenit erreicht hat. Dann lassen sich neue Kräfte beobachten, die innovativer sind, die mehr Dynamik besitzen und die andere Interessen verfolgen und die sich zum Angriff auf das Bestehende formieren. Zunächst erscheinen die herrschenden Verhältnisse dann als nicht mehr so gut wie allgemein dargestellt, vieles bekommt das Attribut „marode“ und die Eliten vermitteln ein Bild, als seien sie sich des Ernstes der Lage gar nicht bewusst.

Es ist wie eine Wiederholung der Kapitel in den Geschichtsbüchern, in denen die späte Dekadenz von Gesellschaften beschrieben wird. Da steht nur noch das eigene, in Verschwendung und Unmaß badende Wohlergehen im eigenen Fokus, da wird nichts mehr investiert, da findet keine Erneuerung mehr statt, da werden Probleme verdrängt und es wird ein Lied angestimmt, in dem die eigene Glorie auf Ewigkeit besungen wird, obwohl sie längst am Abgrund steht. Die späte Dekadenz am Ende einer Epoche ist das verlässlichste Zeichen für einen gravierenden Umbruch.

Während dieses Lärms, der durch die Sattheit und Verschwendung hier wie der wachsenden Not und dem Überdruss gegenüber dem Alten dort verursacht wird, wirken bereits die Kräfte des Wandels. Sie nutzen den Alltag, um die Routinen zu Fall zu bringen, sie erneuern alles, sie reden nicht viel und sie haben mit dem, was auf der großen Bühne passiert, nicht viel im Sinn, weil sie mit der Veränderung des Profanen alle Hände voll zu tun haben. Wenn diese Vertreter einer neuen Ordnung die Bühne betreten, dann ist bereits alles vorbei – für die alte Zeit und deren Prinzipien. Sie kann sich dann verklären lassen, von denen, die damals das Sagen hatten und denen, die an den Schmerz nicht mehr erinnert werden wollen. 

Die neuen Kräfte hingegen werden sich mit dem Neuen selbst, das oft technischer und wirtschaftlicher Natur ist, auseinanderzusetzen haben und dann daran gehen müssen, politisch ihre Interessen zu vertreten, um eine neue soziale Ordnung zu etablieren. In Zeiten des Umbruchs, wenn er in vollem Gange ist, bleibt für diejenigen, die ihn betreiben, keine Zeit, in der Verklärung des Vergangenen zu verharren. 

Und wer bei der hiesigen Beschreibung bestimmte Bezüge zum Zeitgeschehen gewittert hat, verfügt über eine gute Nase.