Archiv der Kategorie: food for thought

Fundstück: Das Ei des Kolumbus

Ja, wir leben in unruhigen Zeiten. Und ja, viele Menschen fühlen sich verunsichert. In unzähligen Gesprächen, egal, wo sie geführt werden, ob im Büro oder morgens beim Bäcker, ob in der Straßenbahn oder abends mit Freunden, immer mehr wird der Wille deutlich, dass etwas geschehen muss, um das destruktive Treiben derer, die die Macht haben, durch Wille und Vernunft zu beenden. Warten, dass ist der Tenor, Warten ist keine Alternative. Wenn gewartet wird, dann kommen andere, die vorgeben, Lösungen parat zu haben. Was daraus wird, hat die Geschichte gezeigt. Insofern ist die positive Botschaft dieser Tage, dass sich immer mehr Menschen darüber im Klaren sind, dass sie etwas machen müssen, um die Verhältnisse zu ändern.

Die negative Nachricht kann jedoch nicht unterschlagen werden. Immer mehr von denen, die bereit wären, etwas zu tun, beklagen die Wirre im Kopf, wenn es darum geht, herauszufinden, was richtig und falsch ist. Sie beklagen, die Orientierung verloren zu haben. Es ist ein Massenphänomen, das zurückzuführen ist auf die heiße Schlacht um die Wahrheit, die nicht selten endet in einem Duell beiderseitiger Fake News. Da ist guter Rat teuer. Deshalb ist ein Anliegen, auf Narrative zu verweisen, die jeder kennt und die deutlich machen, dass es gut ist, dem eigenen Verstand und der eigenen Erfahrung zu trauen und daraus die entsprechenden Schlüsse und Entscheidungen abzuleiten.

Als erstes Beispiel soll das berühmte Ei des Kolumbus gelten. Was war da noch geschehen?

Als Kolumbus mit seiner ramponierten Flotte zurückkam von der Entdeckung der Neuen Welt, löste das selbstverständlich großes Aufsehen aus. Auf einem der vielen Bankette, auf denen sich Kolumbus zeigen musste, stellte ihn der berühmte und berüchtigte Kardinal Mendoza zur Rede. Man bedenke, diese Begebenheit spielte im Jahr 1493 und es war bei weiten nicht die Geburtsstunde der Aufklärung im Land. „Wenn ich dich so reden und erzählen höre“, so richtete Kardinal Mendoza sein Wort direkt an Kolumbus, „so komme ich zu der Auffassung, dass deine Reise, die du so herausstreichst, von einem jeden hier im Saale hätte gemacht werden können!“

Christoph Kolumbus forderte in seiner Replik die gesamte Tischrunde auf, doch bitte ein Ei mit der Spitze nach unten zum Stehen zu bringen. Zwar etwas verwirrt, aber dennoch begann gleich der Versuch eines jeden, der Aufforderung nachzukommen. Logischer wie bekannter Weise scheiterten die Versammelten allesamt. Dann nahm Kolumbus ein Ei und schlug es mit der Spitze nach unten leicht auf die Tafel, so dass es zum Stehen kam. Und noch während die Runde, allen voran Kardinal Mendoza, begann, gegen die Methode des Kolumbus zu protestieren, sendete er ihnen die Botschaft, um die es ihm ging: „Ihr sagt, so hättet ihr es machen können, ich aber habe es getan!“

Das Narrativ, das sich seit einem halben Jahrtausend hält, stellt heraus, dass es darum geht, den eigenen Verstand zu benutzen und bereit zu sein, pragmatisch das zu tun, von dem man überzeugt ist und dass es zum Ziel führt. Ein sehr einfacher Sachverhalt, der besonders in Zeiten der ideologischen Verkomplizierung des Lebens von besonderem Wert ist. Bitte denken Sie an das Ei des Kolumbus, wenn sich die nächste Gelegenheit bietet, etwas zu tun, das vernünftig ist und etwas Courage erfordert. Sie könnten neue Kontinente entdecken!

September 2018

Kehrt die Logik noch einmal zurück?

Jetzt, wo es wieder heiß ist, während der berüchtigten Hundstage, ist eine Zeit angebrochen, in der es durchaus geraten ist, sich etwas zurück zu nehmen, und in einem abgedunkelten Zimmer oder unter einem Schatten spendenden Raum sich grundsätzlicheren Überlegungen hinzugeben. Der Vorteil, den die den Körper verlangsamenden Temperaturen bringen, ist die mangelnde individuelle Bereitschaft, sich in einen noch mehr erhitzenden Gemütszustand zu versetzen. Das Denken funktioniert noch, langsamer und dadurch mitunter vorsichtiger, während die Hitze der Debatten, die wir in den letzten Jahren so fürchterlich zu lieben gelernt haben, als etwas nicht so Erstrebenswertes erscheint. So gibt uns das Dasein die eine oder andere Stunde, in der wir uns ohne Zwang und Widerrede mit dem beschäftigen können, was als die Schule des Denkens bezeichnet wird. Vielleicht stimmt es auch, um der Romantik noch eine späte Ehre zukommen zu lassen, dass die in ihren Texten beschriebenen Glückszustände etwas mit der Nähe zur Logik zu tun haben. Ohne dass es einer der klugen Köpfe, die sich so wunderbar hinter den Formulierungen des Müßiggangs zu verstecken wussten, jemals zum besten gegeben hätte. Und sehen Sie? Schon sind wir einem neuen Schulgeheimnis auf der Spur, ohne dass wir diesem Ziele zweckrational gefolgt wären.

Ja, die Logik. Wie hat sie doch gelitten in den letzen Dekaden. Kaum eine Disziplin wurde derartig in der journalistischen Schnellverwertung entjungfert, missbraucht und den gierig wartenden Ratten vorgeworfen wie das Verlangen, den einen Schritt der menschlichen Überlegung dem anderen nach den Regeln strenger Plausibilität folgen zu lassen. Nicht, dass die Menschen, die es gelernt hatten, nach diesen Maximen ihre Art zu denken zu bemessen, das Geschäft des serienmäßigen Betrugs nicht bemerkt hätten. Anfangs haben sie sich auch noch dagegen gesträubt. Aber die kollektive Wucht der Meinungsmaschinen und Denkmonopole, die unüberschaubare Anzahl von sektiererischeren Quellen und Stiftungen haben auf die Dauer die unwiderlegbaren Schritte der Logik geflutet und im Unrat erstickt.

Und wer sich dem dennoch entgegenstellte, dem wurde mit Isolation und Verachtung gedroht. Das, was dieses Geschäft der groß angelegten Manipulation dabei in die Hände spielte, waren gar nicht die schnellen Überläufer in das Lager des Obskurantismus. Sie gibt es immer. Es sind die ganz Schwachen, die noch nie etwas zustande gebracht haben, das Substanz hätte. Sie sind schnell dort, wo der Bestechungsgroschen, in welcher Form auch immer, in Metall oder Lorbeer, schnell zu kassieren ist. Nein, das Unglück wuchs durch jene, die sich dem Trugschluss hingaben, weil sie es bereits vorher nicht so mit der Logik hatten. Sie sahen in die Sterne und entdeckten große Pläne, traumatisiert durch die Ereignisse begannen sie mit Erzählungen, die in die Räume der Therapie gehörten und nicht in das Institut der unbestechlichen und harten Logik. Auf sie wurde dann auch verwiesen, wenn es darum ging, die wenigen, aber unbeugsamen Geister zu diskreditieren, die sich dem Coup der kollektiven Verblendung entgegenstellten.

Der Prozess ist längst nicht abgeschlossen. Die Hyperaktivität der Erregungsmaschine läuft solange weiter, bis sich die Kräfte der Logik erholt haben und zum Gegenschlag ausholen. Was nicht außer Acht gelassen werden darf, ist die Inkongruenz von veröffentlichter Meinung und der unbezwingbaren Folgerichtigkeit der Logik. Die Stille, von der letztere im Gegensatz zur ersteren umgeben ist, sagt nichts aus über die letztendlich vorhandene Durchsetzungskraft. Mit dieser Gewissheit lässt es sich einmal im Schatten ruhen.

Fundstück: Der Endsieg steht vor der Tür!

Ein Grund, warum sich die politische Satire nahezu flächendeckend verabschiedet hat, ist die täglich erlebte Realität. Denn das Schauspiel, das diese präsentiert, ist grotesker als alles, was sich kreative Quälgeister ersinnen könnten. Täglich überholt der Alltag den zynischsten Witz. Zu erleben ist das alles in den Medien, seien es die großen traditionellen Print-Organe oder die Radio- und Fernsehstationen, die rund um die Uhr mit Interviews und Talkshows versuchen, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Dass diese geballte Kraft zum großen Teil die Politik treibt, gehört zu den Malaisen unserer Zeit. Wen sie dabei zu sich holen und als Experten präsentieren, das ist keine Fehlentwicklung mehr, sondern ein Komplott. Denn dümmer und dreister geht es nicht.

Da tauchen immer wieder dieselben Gesichter auf, von denen die meisten nicht wissen, warum sie dort auftauchen und wo ihre Referenzen liegen. Dass das Gros aus Denkfabriken stammt, die direkt oder indirekt von interessierter Seite der USA finanziert sind, gilt nicht als Hinderungsgrund, sondern als Empfehlung. Oder sie gehören zu der Fraktion, die es seit langer Zeit wieder in die Regierungsverantwortung geschafft hat und die schon einmal unter Beweis stellen konnte, dass sie mit dem Instrument der moralischen Demagogie ihr Klientel schneller in die Kriegsbegeisterung treibt, als dass es jede Form von Anstand zuließe.

Und gerade aus diesem Milieu kommen die ideologischen Speerspitzen, auf die alles anwendbar ist, was in den seichten Fahrwassern der alten Republik noch als Rechtsradikalismus bezeichnet wurde. Die Kriegspropaganda wird geschmückt mit rassistischen Accessoires, die eigenen Völkerrechtsverletzungen werden als humanistische Akte verkauft, der politische Beischlaf mit Verbrechern als Notwendigkeit einer regelbasierten Ordnung gepriesen, die offenen Rechnungen aus den Verletzungen durch den Kolonialismus als aggressive Schimären diskreditiert, die schrittweise Aussetzung von Grundrechten als Bedingung für das eigene Überleben gepriesen.

In diesen Tagen kulminiert dieser Affront in der Omnipräsenz einer Redakteurin aus dem Szene-Blättchen, die nicht nur von einer energetischen Kriegsökonomie schwärmt, sondern auch noch den Endsieg gegen Russland in Aussicht stellt. Sie spricht offen darüber, dass die Regierung bei der jetzigen Lösung in Bezug auf den befristeten Weiterbetrieb der verbliebenen drei deutschen Kernkraftwerke von der Hoffnung ausgehe, dass ab dem Frühjahr wieder russisches Gas nach Deutschland komme, da Russland militärisch vor dem Zusammenbruch stehe.

Für alle, die sich nicht schlüssig sind, was die Dame sagt: Der Endsieg steht vor der Tür! Während den Mitgliedern der Grünen zuzutrauen ist, dass sie diesem Unfug glauben schenken, beunruhigt zum einen die Frage, ob die Bundesregierung in toto dermaßen den Verstand verloren hat oder nicht. Und es zeigt sich, dass die wiederholte Bemühung einer solchen Quelle durch verschiedene mediale Formate die Unmöglichkeit einer jeglichen Reform unterstreicht. Das Ausmaß der Desinformation, welches in dieser Republik unter staatlicher Mitwirkung und institutioneller Duldung Verbreitung findet, beantwortet die Frage, wie es nach dem jetzigen Krieg weitergehen soll.

Da von den zitierten Trommlern sowieso niemand von einem Ende des Konfliktes spricht, ist davon auszugehen, dass sie nach dem Motto „Sieg oder Tod“ unterwegs sind. Bis jetzt sind sie schon recht erfolgreich gewesen, denn die Ukraine als Staat mit einer unabhängigen Zukunft wird es nicht mehr geben. Und vieles spricht dafür, dass ein handlungsfähiges Europa ebensowenig übrig bleiben wird. Wie gesagt, wenn es die gegenwärtig so gehypten Irrlichter nicht noch fertigbringen, den Krieg flächenmäßig oder nuklear auszudehnen und es noch ein Danach geben sollte, dann muss die Formulierung, Verantwortung zu übernehmen, eine ganz andere Bedeutung bekommen.

20.10.2022