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Demokratie: Mehr Strenge und Konsequenz

Die Diskussion um die Krise der Demokratie oder gar der Gefahr ihrer Existenz reicht weiter zurück als die russische Invasion in der Ukraine. Seitdem ist, zumindest was den öffentlichen Diskurs anbetrifft, völlig klar, dass hinter allen möglichen Dysfunktionalitäten die Russen direkt stecken oder zumindest mit ihrem Handeln dafür verantwortlich sind. Neuerdings, seitdem das Auswärtige Amt von Sektenmitgliedern gekapert wurde, stecken auch noch die Chinesen dahinter. Die eigenen Geschehnisse werden für den Prozess der Ent-Demokratisierung, die zweifellos anhand einiger Beispiele belegt werden kann, nicht verantwortlich gemacht. Dass das, was in Zusammenhang mit der Regierungspolitik in der Corona-Krise veranstaltet wurde, massiv zu einem Vertrauensverlust in das politische System geführt hat, wird schlichtweg geleugnet. Alle Versuche, diese Phase aufzuarbeiten, werden als staatsfeindlich diskreditiert. Wer so weiter macht, darf sich nicht wundern, dass die Zweifel wachsen.

Zu den Bedenken über die Aufrichtigkeit der politisch Handelnden gesellt sich seit einiger Zeit auch noch der stetig wachsende Eindruck, dass bei dem Management von Krisen, die sich seit langem wie bei einem Staffellauf ablösen, die Hilflosigkeit überwiegt. Die eigene Hilf- und Ratlosigkeit wird jedoch nicht eingestanden, was ein tatsächlich mutiger Schritt wäre und die Tore für einen Konsens bringenden Diskurs weit öffnen würde, sondern diejenigen, die die Überforderung beobachten und zum ansprechen, werden entweder als unwissend und naiv, oder sogar als staatsfeindlich betrachtet. Dass am Rande von Krisen auch tatsächliche Trachtenträger in der Kulisse herumlaufen und Zuspruch bekommen, ist nichts Neues und sollte richtig professionell arbeitende Menschen nicht von einer vernünftigen Strategie abhalten. Aber auch die liegt nicht vor. Das Fazit in vielen Fällen lautet: man kann die Probleme nicht lösen, man hat keine Strategie und läuft selbst Unheilflüsterern hinterher.

Wenn nur einer aus dem handelnden Politensemble den Mut aufbrächte, die Situation so zu schildern, wie er sie tatsächlich erlebt und sich nicht von der heulenden Kriegs- und Aufmerksamkeitspresse einschüchtern ließe, sähe man, wie schnell er oder sie große Resonanz aus der Bevölkerung bekäme. Der Vertuschungsmanöver ist das Gros der Menschen müde. Nach einem Vorfall wissen schon alle, was als nächstes gesagt wird und dass es nicht dazu beiträgt, die Probleme zu lösen. Wer sich selbst aufgegeben hat und sein Dasein auf den Zuspruch fremder Mächte baut, zieht immer den Kürzeren.

Das alles steht in krassem Gegensatz zu dem lange Zeit verbreiteten Mantra, dass alles verhandelbar sei. Im politischen System hat es dazu geführt, dass sukzessive alle Prinzipien verwaschen wurden, die eine Demokratie ausmachen. Das Ergebnis ist in vielen Fällen unfähiges Personal und unheilvolle Allianzen, die allesamt ihren eigentlichen Auftrag aus den Augen verloren haben. Sie haben nämlich die Interessen derer, die sie entsandt haben, wahrzunehmen. Der Zustand, dass mittlerweile von namhaften Vertretern öffentlich auf diesen Auftrag gepfiffen wird, ist der eigentliche Grund für die Krise.

Alles ist verhandelbar? Wenn es um politische Säulen geht, eben nicht. Unveräußerliche Grundrechte gehören dazu, genauso wie der Auftrag, der mit einem politischen Mandat verbunden ist. Mehr Strenge und Konsequenz hätte gut getan. Mehr Strenge und Konsequenz gegenüber den Sektierern wird erforderlich sein.

Noch Zeit für eine Einheit, für einen Neuanfang?

Für viele hier ist es neu. Es handelt sich jedoch um ein uraltes Phänomen menschlicher und damit gesellschaftlicher Existenz. Nach einer Phase relativer Ruhe folgt eine Periode rascher Veränderung. Schon vor Jahren wiesen menschliche Seismographen darauf hin. Nach Jahrzehnten ohne Krieg und Not, nach einer langen Episode relativen Wohlstands sind die Menschen zu unaufmerksam, zu satt und zu imprägniert gegen jegliche Form von Warnzeichen. Da wird vieles mit einem Schulterzucken als harmlos erachtet. Denn das saturierte Leben geht weiter. Nur diejenigen, die aufgrund ihres Alters oder aufgrund der Unmittelbarkeit ihrer eigenen Eltern noch eine Vorstellung davon haben, was Krieg und ein totalitäres Regime bedeuten, heben den mahnenden Zeigefinger. Wenn sie Glück haben, werden sie als belustigende Figuren aus einer anderen Epoche belächelt.

Hier und auf unzähligen anderen Seiten wurde darauf hingewiesen, was Kriege verursacht, was sie beschleunigt und dass sie nichts hervorbringen, was der Masse der Menschen auf beiden Seiten etwas bringen würde. Und ebenso wurde aufgezeigt, welche Maßnahmen des politischen Designs nicht gegen den totalitären Ungeist schützen, sondern ihn gesellschaftsfähig machen. Es ist tatsächlich ein Circulus vitiosus. Wir sind mitten im berühmten Kreis des Teufels und das große gesellschaftliche Echo, das wir täglich vernehmen, befeuert ihn. Wer es fertig bringt, Befürworter des Friedens als Agenten des Feindes und Freunde des Totalitarismus zu bezichtigen, hat die Fibel der Heiligen Inquisition intensiv studiert. Denn der Großinquisitor, das wissen wir seit Dostojewski, glaubt selbst gar nicht an Gott. Aber von ihm zu erwarten, noch an einem gemeinsamen gesellschaftlichen Projekt der Hoffnung zu arbeiten, hieße mit dem Teufel den Beelzebub auszutreiben, um im Bild zu bleiben.

Heute las ich den Wunsch einer immer in der Politik dieses Landes aktiv gewesenen Frau, es möge hier doch, wie in Frankreich, gelingen, dass sich die Demokraten zusammenschlössen, um ein Abdriften in den Totalitarismus zu verhindern. Ein teilbarer Wunsch, auch wenn noch lange nicht feststeht, wie das Drama im geliebten Nachbarland ausgehen wird. Vielleicht ist die Situation gar nicht so komplex, wie sie oft dem staunenden Volk dargestellt wird. Vielleicht ist es einfach zu vieles, was aufgearbeitet werden muss. Wie Jean Paul Sartre es so treffend formulierte, Vertrauen gewinnt man in Tröpfchen, aber man verliert es in Eimern. Es wäre folgerichtig, zu einer Tabula rasa der Schuldzuweisungen aufzurufen und an einer Plattform der unzweifelhaften Gemeinsamkeiten zu arbeiten. Die muss jedoch auf zwei Pfeilern stehen, die, da bin ich mir sicher, von der Mehrheit getragen werden, und die heißen: Frieden und Recht. Wer damit nicht leben kann, soll sich weiter der Zerstörung widmen.

Tabula rasa der Schuldzuweisungen, Frieden und Recht sind die Voraussetzungen, die noch, als minimale Plattform, das Zeug hätten, einen Neuanfang zu definieren. Alles andere führt dahin, wohin eine große Kohorte bereitwillig mitgelaufen ist. Wer den Frieden und das Recht nicht schätzt, hat sich überfressen am Backwerk des unpolitischen Daseins, an den Sahnestückchen, garniert mit der Abwesenheit von Not, ist stumpfsinnig geworden aus konsumistischer Selbstverliebtheit und hat alles, was ein zivilisiertes Individuum ausmacht, eingetauscht gegen die bachanale Lust am Untergang. Mögen sie ins Verderben gehen, aber bitte alleine.

Ob noch Zeit ist, für eine Einheit, für einen Neuanfang? Ich habe Zweifel. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt!

Manuel, Toni und Thomas

Oft ist es so, dass die Erinnerung an den Glücksmoment oder das Trauma bleibt. Im Gegensatz zu den vielen Gründen, die zu dem einen oder anderen geführt haben. Momentan leben wir hier in einer Zeit, in der man die Analyse dessen, was geschehen ist, sogar regelrecht untersagt. Wer sich im Nachhinein an die Aufschlüsselung von einschneidenden Begebenheiten macht, erhöht das Risiko, der geltenden Erzählung den Boden zu entziehen. Selbstverständlich existiert kein gesetzliches Verbot. Stattdessen steht eine ganze Armee von Billigschreibern, Moderationsfälschern und Schlechtrednern bereit, um es den Delinquenten medial zu besorgen.

Dessen ungeachtet sei es erlaubt, sich dennoch einem Thema zuzuwenden, das im momentanen Kriegsrausch kaum Beachtung findet, aber einiges enthält, worüber nachgedacht werden sollte. Es ist, und nun erschrecken Sie nicht: der Rücktritt Manuel Neuers aus der Nationalmannschaft. Ich will es erklären.

Am Vorabend des Finales der Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien traf ein deutsches Fernsehteam den ehemaligen argentinischen Nationaltrainer César Luis Menotti, seinerseits einer der profundesten Fußballphilosophen seiner Zeit, um in einem Café in Buenos Aires mit ihm über das bevorstehende Spiel zwischen Argentinien und Deutschland zu sprechen. Auf die Frage, was an der deutschen Mannschaft besonders sei, nannte er drei Namen: Manuel Neuer, der mit seinem Spiel die Rolle des Torwarts neu definiert habe, Toni Kroos, der dem Spiel wie eine Präzisionsmaschine den Takt vorgäbe und Thomas Müller, der agiere wie ein Straßenfußballer.

Mit Manuel Neuer hat sich nun in diesem Jahr der dritte in dieser Aufzählung aus der Nationalmannschaft für immer verabschiedet. Und nun, zehn Jahre später, wird es darum gehen, das Spiel von Grund auf neu zu konzipieren. Was sehr spät nach dem Erfolg ist, aber, auch das gehört zu den Geschichten, die Menschen schreiben, nach großen Erfolgen meinen sie, es könne immer so weiter gehen und sie versäumen es, rechtzeitig die Weichen neu zu stellen.

In Bezug auf das andere, das zivile Leben und das Wirken von Institutionen, sind die drei jedoch nach wie vor eine wunderbare Inspiration. Übersetzt in die Organisationsentwicklung reden wir von einem Konzept, in dem Rollen neu definiert, Abläufe präzise gestaltet und Lösungen mit dem praktischen Verstand der Straße gefunden werden können. Das klingt nicht nur inspirierend, sondern es ist auch machbar und erfolgversprechend. Und es drängt sich die Frage auf, warum derartige Erkenntnisse aus tatsächlichen Erfolgsgeschichten nur sehr selten einen größeren Wirkungsgrad haben.

Selbstverständlich haben die drei diese Geschichte mit dem Erreichen des Weltmeistertitels nicht allein geschrieben. Dazu gehörten auch die drei TTT. Toleranz, wenn man sich die Zusammensetzung der Mannschaft ansieht. Technologie, wenn man sich die Methoden anschaut, mit denen die Gegner analysiert wurden. Und Talent, wenn man sich die Fertigkeiten und Charaktere aller beteiligten Spieler anschaut. Auch das ist ein Lehrstück für die Organisationsentwicklung. Man muss nur aus dem reinen Emotionsmodus herauskommen.

Da Manuel Neuer der letzte der drei von César Luis Menotti Genannten ist, der sich nun verabschiedet, sei ihm auch noch eine Einschätzung als Würdigung mitgegeben: Nach dem Russen Lew Jaschin, der als der große Innovator der Torwartrolle im 20. Jahrhundert bezeichnet wurde, ist Manuel Neuer sicherlich der Größte.

Wie immer: Aus dem Fußball lässt sich vieles lesen, was auch im „richtigen“ Leben von Bedeutung ist.