Archiv der Kategorie: food for thought

Fundstück: Macron wie Trump

12. Juni 2017

Vielleicht war die historische Analogie keine einmalige Sache. Die „Amerikaner“ um Benjamin Franklin, die im Paris des Ancién Regime weilten und um französische Waffenlieferungen warben, mit denen sie in Übersee den Erzfeind Großbritannien bekämpfen konnten, sie hatten den Gedanken der Revolution auf den alten Kontinent gebracht. Nichts war so heroisch, wie es die Geschichtsbücher berichten, weder der amerikanische Unabhängigkeitskampf gegen die Briten noch die spätere französische Revolution, aber es veränderte dennoch die Welt. Seit jener Zeit pflegen diese beiden Nationen ein besonderes Verhältnis, in dem sie beide sich als die Prototypen des bürgerlichen Zeitalters begreifen.

Obwohl von der europäischen Öffentlichkeit ganz anders wahrgenommen, existiert momentan wieder eine Analogie zwischen den USA und Frankreich. Sie ist gekennzeichnet durch eine so noch nicht da gewesene Abkehr der wahlberechtigten Bevölkerung von dem jeweils verfassungsrechtlich garantierten Wahlsystem. Sowohl in den USA als auch in Frankreich hat das so genannte politische Establishment bei den letzten Wahlen seine Demission erhalten. 

Der gewählte Präsident Donald Trump trat in den USA gegen die Auswirkungen der Globalisierung an und machte gegen die bestehenden Akteure des politischen Systems mobil. Ob die politische Stoßrichtung, die er dabei wählte, zu einer neuen Qualität von Politik gereicht, sei zwar bezweifelt, aber diese Frage ist zunächst sekundär. Wichtig scheint, dass die Abkehr der Wahlbevölkerung von den bestehenden Protagonisten des jeweiligen politischen Systems so noch nicht da gewesen ist. Fest steht, dass vor allem die deutschen Kommentatoren außer Rand und Band geraten, wenn sie darüber zu berichten haben.

Anders hingegen in Frankreich. Da ist die Lage von den Fakten ähnlich, der neue, nicht dem politischen System entstammende Präsident Macron wird wie eine Heiligenfigur verehrt, obwohl seine Agenda sehr viele Parallelen zu der des Donald Trump aufweist. Mit seiner Liste, mit der er in die Parlamentswahlen ging, gewann er die Mehrheit und damit hatten die etablierten Parteien der Konservativen, der Sozialisten, der Linken wie der Rechten das Nachsehen. Und obwohl die 32 Prozent für seine Liste bei einer hälftigen Wahlbeteiligung nur 15 Prozent Unterstützung aus der Bevölkerung bedeuten, und obwohl nicht klar ist, was sein Mandat in der tatsächlichen Politik bedeuten wird, wird Macron hierzulande ebenso rational gefeiert wie Trump verdammt. 

Wie der Hass gegen einen Bastard, der nicht ins etablierte politische Milieu passt, umschlagen kann in nahezu amouröse Zuneigung wie bei Macron, sei denen überlassen, die sich auf dem Feld von Psychoanalyse und Massenpsychose besser auskennen. Es scheint nur in hohem Maße irrational, was da gerade passiert und wie mit beiden Phänomenen umgegangen wird.

Was zu den unumstößlichen Fakten zählt ist die Analogie beider Länder im Bereich eines sich andeutenden Politikwechsels. So wie es scheint, haben sich die Funktionäre der Globalisierung in ihrer Massenwirkung gehörig verschlissen. Und so wie es scheint, reichen momentan einige Gesten aus, um sich von diesem Sozialtypus zu distanzieren. Trump hat dieses gemacht im typologisch reinen Sinne in Form des amerikanischen Selfmademans, hemdsärmelig und derb, während Macron daher kommt wie der unbefleckte Eliteschüler, der sich über den schmutzigen Willen der Funktionäre hinwegsetzt. 

Macron wie Trump stellen das bisherige parlamentarisch-demokratische System in Frage. Beide haben als Agenda noch mehr Zurückdrängung von Politik zugunsten der Wirtschaft. Der eine wird dafür gefeiert, der andere verdammt. So ungerecht kann die Welt sein. 

Wahlen: Ämter ohne Votum, Zocker, Bankrotteure und giftige Greise

Und wieder stehen Wahlen an. Es wird zwar darüber berichtet, aber kaum eine Kolumne widmet sich der Qualität von Verfahren wie Kandidaten. Wenn man bedenkt, dass gerade freie Wahlen zu einem der Hauptargumente gehören, die für die bürgerliche Gesellschaft sprechen, ist das sehr verwunderlich. Gleich vier Wahlen sollten genauer unter die Lupe genommen werden.

Die erste ist eine, die im strengen Sinne des Wortes keine ist. Die Besetzung der Spitzenämter in der Europäischen Union erfolgt nicht durch Kandidatinnen und Kandidaten, die direkt durch das Votum der Wählerinnen und Wähler ausgesucht wurden. Dass die jetzige Präsidentin der EU-Kommission auch die zukünftige sein wird, wurde von Fraktionen ausgehandelt. Eine Stärkung des Gedankens direkter Demokratie und damit verbundener Legitimation ist das nicht. Es sei die Prognose erlaubt, dass zu Ende der zweiten Amtszeit dieser Person die EU in der jetzigen Form nicht mehr existieren wird. Die Instrumentalisierung der EU durch die NATO wird fortschreiten und die Umstellung der Ökonomie auf Kriegswirtschaft wird spalten und zu Austritten führen. Vielleicht ist es sogar geplant. Jedenfalls wird mit der Bestätigung des Personalensembles der Abgesang auf die Vorstellung eines demokratischen, blühenden und vereinten Europas vollzogen werden.

Im quasi benachbarten Großbritannien werden, hier kaum noch wahrgenommen, am 4. Juli Neuwahlen stattfinden. Festzustellen ist, dass sich Großbritannien nie als Teil Europas gefühlt hat und man sich an diesen Gedanken so schnell wie möglich gewöhnen sollte. Zum anderen ist das, was in der dortigen von der Börse und dem transatlantischen industriellen Komplex abhängigen Politikblase abspielt, nur mit einer Form des distanzierten Befremdens wahrzunehmen. Der wesentliche Punkt der Auseinandersetzung wenige Tage vor der Wahl bezieht sich auf das Phänomen, dass Mitglieder der regierenden konservativen Partei, nachdem sie um den noch anzusetzenden Termin der Wahl wussten, in die Londoner Wettbüros gelaufen sind und eben auf diesen Termin gesetzt haben. Es ist, als spielten Hasardeure Kaufmannsladen.

In Frankreich wiederum hat der vermeintliche Retter der französischen Demokratie mit seinem Neoliberalismus und seinem martialischen Vorgehen gegen jede Art der Opposition alles verspielt. Jetzt setzt er alles auf Schwarz. Die französische Gesellschaft steht vor einer nahezu unüberbrückbaren Spaltung. Von Versöhnung und gemeinsamer Perspektive keine Spur. Und sieht man sich von hier aus, östlich des Rheins, die Entwicklung der französischen Staatsanleihen angesichts der bevorstehenden Wahlen an, dann ist die Wahl der EU-Präsidentin noch eine Petitesse gegen das, was ökonomisch in Europa passieren kann. 

Und, never forget the real force behind it, in der kommenden Nacht steht das erste Aufeinandertreffen zwischen dem amtierenden Präsidenten Joe Biden und seinem Herausforderer Donald Trump an. Und, angesichts der Frage von Demokratie und Qualität sei der Aspekt nicht unterschätzt, die gesamte Presse in den USA thematisiert eigentlich nur ein Thema. Und das lautet: hält Biden ohne Aussetzer die Veranstaltung durch und behält Trump sich im Griff. Eine miesere Referenz für das, was dort zur Debatte steht, ist kaum vorstellbar. Da sind die Machtkämpfe in den Hinterhöfen des Großstadtdschungels in der Regel mit mehr Inhalt und Niveau behaftet.

Wie gesagt, wir reden über Veranstaltungen, die systemisch als ein wesentliches Asset der bürgerlichen Demokratie gehandelt werden. Sollte man sich da nicht Gedanken über die Qualität machen dürfen? Und, so nebenbei, auch wenn die Egozentrik immer wieder den Blick verstellt, was werden die Beobachter von außen, aus anderen Teilen der Welt, wohl denken, wenn sie sehen, dass die wichtigsten Posten hinter verschlossenen Türen vergeben werden, wenn Parlamentarier nichts anderes im Sinn haben, als zu zocken, wenn Präsidenten stehenden Auges ihr Land in den Ruin führen oder sich zwei Greise duellieren, von denen der eine giftig und der andere desorientiert ist?  

Demolition Type

Kennen Sie den Typus? Der, der immer dazu kommt, wenn sie sich mit jemanden unterhalten und gleich interveniert? Das, was er gehört hat, nimmt er als Aufhänger, um die Sache richtig zu stellen, um Sie als Interakteure zu korrigieren? Um dann das Gespräch an sich zu reißen und Ihnen den Eindruck zu vermitteln sucht, dass Sie bislang eigentlich sehr naiv durch Leben gegangen sind. Der, der keine Formate respektiert, der immer im Mittelpunkt ist, unabhängig davon, nach welchem Reglement die anderen sich bewegt haben?  Und der, sollten Sie die Chuzpe besitzen, ihm aufgrund der Art wie des Inhalts seiner Intervention zu widersprechen, versucht Sie zu disqualifizieren, lächerlich zu machen und als üblen Akteur zu diskreditieren? Und, sollte das nichts fruchten, damit beginnt, Sie hinter ihrem Rücken in ein schlechtes Licht zu setzen?

Ja, diesen Typus gibt es. Überall. Er gehört zur menschlichen Spezies. Seine Wirkung ist fatal. Denn, lässt man ihn gewähren, vermag er jedes soziale System über kurz oder lang zu beschädigen und zu zerstören. Die Betroffenen versuchen, mit unterschiedlichen Mitteln, sich dieses Typus zu erwehren. Die einen pädagogisch, in dem sie bei jeder Gelegenheit auf das konkrete Ereignis hinweisen und im Guten versuchen, ihn noch zu formen. Andere wiederum wenden sich nach einer Zeit ab und beginnen, unter bewusstem Ausschluss seiner Person zu kommunizieren. Und dann gibt es diejenigen, denen das Phänomen aus anderen Kontexten bereits bekannt ist. Bei ihnen überwiegt die Auffassung, dass nur der kalte Schnitt des Ausschlusses das jeweils soziale Subsystem noch retten kann.

Die Motivlage dieses Archetypus ist nicht selten Gegenstand der Diskussion. Je nachdem, welchen Interpretationsansatz man wählt, ob sozial, psychoanalytisch oder phänomenologisch, es läuft immer auf eine Ursache hinaus: die Probleme mit dem eigenen Ego sind größer als der Glaube an die Gruppe. Und wäre dieser Typus nicht archetypisch, d.h. gäbe es ihn nicht schon seit Menschengedenken, könnte man auf die Idee kommen, es läge an der Individualisierung in der bürgerlichen Gesellschaft, oder an der Ellenbogenmentalität des Neoliberalismus, oder am Wesen des Kapitalismus. Wären da nicht Repräsentanten dieses Verhaltensmusters bereits im alten Rom, im Reich der Mitte oder der griechischen Mythologie, dann wäre das ein Ansatz. Aber helfen würde dieses Wissen auch dann nicht.

Das disruptive Ego eines in der Gemeinschaft Gescheiterten oder ihr Misstrauenden ist ein Faktum, mit dem die Gemeinschaft selbst umgehen muss. Jeder möge für sich selbst entscheiden, wie er oder sie damit umgehen möchte. Über jeden Zweifel erhaben ist die Erkenntnis, dass der beschriebene Typus eine große Gefahr für jedes soziale System ist. Die Stabilität sozialer Systeme wiederum generiert sich aus klaren Regeln, und, um die höhere Kategorie zu wählen, aus den Gesetz. Das Gesetz die die Formulierung des Geistes des Zusammenlebens. Und ist dann nicht die Präferenz die beste, mit aller Konsequenz in Berufung auf das Gesetz mit dem, der durch sein Verhalten die Prinzipien, die dort formuliert sind, missachtet, zur Räson zu rufen und konsequent bis zum Ende zu gehen? Wer das friedliche Zusammenleben stört, wer andere verächtlich macht, wer die Prozesse der Entschlussfindung sabotiert und wem es nur darum geht, die Gemeinschaft zu einem Forum der Selbstdarstellung zu machen, ist dort deplatziert.