Archiv der Kategorie: food for thought

„Und träumt im Bett vom Attentat…“

Zuerst tauchten sie nur sporadisch auf. Tastend, etwas schüchtern. Da kam dann mal eine Note, in der ein Zweifel angemeldet wurde an einer These oder einem benutzten Begriff. Das ist legitim und berechtigt und manchmal hat die Leserschaft auch ein Recht darauf zu erfahren, ob die Qualität des veröffentlichten Textes nicht tatsächlich anzuzweifeln wäre. Niemand ist perfekt. Dann wurde es zuweilen etwas mehr. Da klangen in den Fragen oder Andeutungen Vorstellungen an, die vermuten ließen, es mit Zeitgenossen zu tun zu haben, die irgendeine Sequenz in der Geschichte überhaupt nicht wahrgenommen hatten und so sprachen wie Archetypen deutscher Befindlichkeit vor den beiden großen Kriegen. Auch die wurden veröffentlicht, weil auch das eine Information ist, die die Leserinnen und Leser dieses Blogs verdienen, wenn sie sich die Mühe machen, die Artikel zu lesen und zu kommentieren. Letztendlich gesellten sich Nachrichten hinzu, die M 7 dann nicht mehr veröffentlichte, weil sie Vorboten von Gewalt waren und keine Atmosphäre der Angst entstehen soll bei einem Diskurs, der zum Ziel hat, Zustände zu kritisieren, die verbessert werden können. Das ist ein wichtiges Unterfangen, das langen Atem benötigt und so etwas wie ein dickes Fell.

Es ist durchaus verständlich, wenn Akteure in der Bloggerwelt mit Pseudonymen arbeiten. Es kann sogar die Welt von Produktion und Rezeption wunderbar inspirieren, wenn das geschieht. Was irritiert ist etwas anderes. Es ist vorgebrachte Kritik an den Werken anderer, die durchaus über das Gewohnte hinausgeht oder sogar die Person angreift. Auch das ist vollkommen in Ordnung. Es ist sogar anzumerken, dass wir in einer Zeit leben, in der die harte Polemik viel zu kurz kommt. Sowohl die Verfasser bissiger Polemiken scheinen auszusterben als auch Akteure und Institutionen, die dieses auszuhalten imstande sind, wirken wie eine Rarität. Was jedoch nicht geht, ist die Radikalattacke unter dem Schild der Anonymität. Das ist die Nutzung eines bürgerlichen Rechtes ohne bürgerliches Bewusstsein, das ist Hinterhalt, das ist das Wesen von Heckenschützen.

Es existieren genug psychologische Diagnosen über den Affront im Schutz der Anonymität, die alle auf Schwäche und die eigenen Minoritätskomplexe verweisen. Politisch, in seiner Wirkung, beschrieb allerdings der Polemiker und Barde Wolf Biermann, über den wiederum mit gutem Grund trefflich gestritten werden kann, dieses Phänomen nahezu exzellent:

„Der legendäre kleine Mann,
Der immer litt,
Doch nie gewann,
Der sich gewöhnt an letzten Dreck,
Kriegt er nur seinen Schweinespeck,
Und träumt im Bett vom Attentat,
Den hab ich satt.“

Auch wenn Biermanns Tirade sich gegen eine bestimmte soziale Spezies richtete, so traf er auch das Wesen derer, die hier im Netz das unsichtbare Maul weit aufreissen und damit versuchen, Unruhe zu stiften und Angst zu verbreiten. Es wäre unklug, mit der gleichen Methode zu antworten. Das ist leider allzuoft ein Fehler, der diejenigen, die die Verhältnisse besser machen wollen, an den Rost der alten Zeit kettet. Es kann nur die Nachricht geben, dass die Pfeile aus der Dunkelheit eher eine Bestätigung des eigenen Weges sind. Und es muss die Einladung bestehen bleiben, zu diskutieren, auch hart zu diskutieren, dann aber unter Wahrung der Identität. Wer sich dem in Zukunft verweigert, mag im Bett liegen bleiben und von Attentaten träumen, hat aber auch als Kommentator hier nichts mehr verloren. Direkte Kritik wird nur noch mit Namen genehmigt, sonst landet sie im Trash. Und der Streit auf der Suche nach Wahrheit geht weiter. Ich freue mich darauf!

Das Revolutionäre an Lernprozessen

Sobald irgendwo ein Fehler passiert, nimmt das Drama seinen Lauf und es wird nach Schuldigen gesucht. Das ist ein tradiertes Muster, welches allerdings längst nicht mehr in eine Zeit passt, in der so gerne von lernenden Organisationen gesprochen wird. Unabhängig davon, wo Fehler gemacht werden, in der Familie oder im privaten Umfeld, am Arbeitsplatz, beim Sport oder in einem Musikensemble, der erste Reflex aller, die den Fehler bemerken, richtet sich zunächst auf die Person, die den Fehler begangen hat. Die Personalisierung von Fehlern hat Tradition. Diese Tradition erschwert es, sich weiterzuentwickeln.

Lernprozesse sind die Grundvoraussetzung für eine positive Entwicklung. Ihr Wesen besteht in dem einfachen, jedermann verständlichen Schema, das in dem Anglizismus Try & Error so prägnant umrissen und auf den Punkt gebracht wird. Vernunft- und lernbegabte Wesen versuchen zunächst, etwas zu bewirken, was ihrem Ziel oder ihrer Absicht entspricht. Gelingt das nicht, d.h. ist das Ergebnis nicht mit dem Ziel in Einklang zu bringen, so wird in der Regel von einem Fehler gesprochen. Das muss zwar nicht immer so sein, denn auch Irrtümer können große, entscheidende Entwicklungsprozesse initiieren, aber die tägliche Lernroutine besteht meistens zunächst aus der Feststellung, das Ziel aufgrund eines gemachten Fehlers nicht erreicht zu haben.

Ein konstruktiver Umgang mit der Situation des Scheiterns ist der eines neuen Versuchs. Aber auch die ständige Wiederholung einer solchen Routine entspricht nicht unbedingt einem wohl durchdachten Lernprozess, wenn aus den gemachten Fehlern keine Rückschlüsse gezogen werden. Das entscheidende Moment eines lernenden Menschen wie einer lernenden Organisation ist die Fähigkeit einer systematisierenden Fehleranalyse, die Rückschlüsse auf zukünftige Versuche zulässt. Fragen, die sich auf das Wesen des Versuchs selbst, die Rahmenbedingungen, in denen er stattfand, das soziale Umfeld etc. beziehen, sind von entscheidender Bedeutung für die Qualität der Rückschlüsse und die daraus resultierenden erneuten Versuche.

Führt die Personalisierung von Fehlern zu einer negativen Lern-Aura, so kann die Systematisierung der Fehleranalyse zu einer sehr produktiven Atmosphäre führen. Im Fokus stehen nun nicht mehr Schuldfragen, die immer emotional belastend sind, sondern Fragestellungen, die menschliches Versagen erklären und dazu beitragen, das negative Erlebnis in Zukunft zu vermeiden. Aus einer durch das Gefühl der Angst dominierten Situation im Falle der Personalisierung wird bei der Systematisierung ein Klima positiver emotionaler Stimulanz, die etwas Gemeinschaftsbildendes in sich trägt.

Soviel zu einer Theorie, die keine sonderlich radikale Denkweise erfordert, da ihre Plausibilität augenscheinlich ist. Die Schwierigkeit, diese in tägliche Praxis zu übersetzen, darf allerdings nicht unterschätzt werden und korrespondiert mit den täglichen Erfahrungen, die wir alle machen. Und gerade darin liegt eine Dimension, die aus einer zumeist psychologisch und pädagogisch angelegten Betrachtung eine Überlegung macht, die – in positivem Sinne – kulturrevolutionäre Züge trägt. Die tägliche Routine der Fehlerpersonalisierung erweist sich als eine Manifestation von Machtinteressen, die keine Transparenz in die systemischen Bedingungen ihrer eigenen Anlage zulassen.

Der Paradigmenwechsel, der sich von einer Personalisierung von Fehlern hin zu einer systematisierenden Fehleranalyse bewegt, trägt somit zu einer Dokumentation bestehender Verhältnisse und letztendlich der Veränderung von Machtverhältnissen bei. Die Schwere, die eine durchaus willige Gemeinschaft fühlt, wenn es darum geht, sich in ein lernendes System zu verwandeln, ist zu erklären aus der Furcht, bestehende Verhältnisse verändern zu müssen. Und oft ist die Furcht so groß, dass das Opfern von Individuen als das kleinere Übel erscheint.

Loyalität & Leistung

Zwei Prinzipien stehen sich in der humanen Gesellschaft immer gegenüber, auch wenn es gar nicht so wahrgenommen wird. Aber gerade weil diese Konfrontation oft im Verborgenen stattfindet, führt sie zu sehr großen Irritationen. Es handelt sich um die Welt der Leistung und die der Loyalität. Zwei Qualtäten, die selten miteinander harmonieren, die aber für sich stets eine Belohnung aus ihrer jeweiligen Welt erwarten. Wer Leistung bringt, erwartet Gegenleistung und wer sich als loyal erweist, erwartet für diese Loyalität einen Lohn. So zumindest sehen es die meisten Individuen, es soll allerdings auch Exemplare geben, die über genügend intrinsische Motivation verfügen, um von sich aus, ohne Spekulation über Erträge, aktiv zu werden.

Das Prinzip der Leistung wird in erster Linie durch wirtschaftliche Sichtweisen und ökonomische Systeme getrieben. In dieser Hemisphäre existiert ein Wertgesetz und in der Regel kommt das auch zum Tragen. Wer eine Leistung erbringt, kann eine Gegenleistung erwarten. Nur wenige entziehen sich diesem Dualismus, mehr noch, wer sich dem Wertgesetz entzieht, der spielt mit dem Feuer seiner Zurechnungsfähigkeit.

Die Loyalität hingegen folgt einem sozialen Prinzip, d.h. es werden keine Berechnungen über Aufwände, Wege, Materialien oder Kosten angestellt, sondern das Aus- oder Durchhalten in einem sozial schwierigen Moment gilt als Gradmesser für die Entlohnung durch den Mächtigeren. Denn das ist eine Besonderheit der Loyalität: Es gibt sie nach oben und nach unten, aber die nach oben ist weitaus öfter gegeben als die nach unten. Loyalität findet auch formal niemals – es sei denn in einer Liebesbeziehung – auf Augenhöhe statt, was bei der Leistung der Fall ist.

Die große Irritation der Gesellschaft, die im Bann des Wertgesetzes und der Leistung steht, findet sich gegenüber dem System der Loyalität, wie es in der Politik funktioniert. Es ist wohl das Feld des gesellschaftlichen Seins, wo die Täuschung am größten ist, weil sie zweierlei Maßstäbe von ihrem Bezugsrahmen löst. Augenreibend steht die auf Leistung verpflichtete Gesellschaft oft dem Loyalitätsprinzip der Politik gegenüber. Da werden ein Edmund Stoiber oder ein Günter Oettinger aus ihren präsidialen Ämtern als Kommissare in hoch dotierte Ämter in Brüssel verfrachtet, weil sie in ihrem Job augenscheinlich versagten. Das erregt die Gemüter, bei Beibehaltung des Leistungsprinzips versteht sich. Was allerdings logisch erscheint, ist die Entlohnung wegen der Loyalität dieser beiden schillernden Beispiele, weil sie sich weiteren, von den Parteien favorisierten Lösungen nicht in den Weg gestellt hatten. Das politische System gewinnt nahezu ausschließlich an Plausibilität, wenn das Motiv der Loyalität eingeführt wird.

Anders verhielte es sich bei der Dominanz des Leistungssystems, dort hätte die genannten Figuren nie eine Chance auf Entlohnung erhalten, es sei denn in der Form von Hohn und Spott. Und so werden sie dann im Volk auch interpretiert, ohne dass sie im inneren politischen System daran Schaden nähmen.

Es ist müßig, darüber zu räsonieren, wie es wäre, wenn Politik wie Wirtschaft nach dem gleichen Prinzip funktionieren würden. Sie tun es schlichtweg nicht und es war auch noch nie anders. Es scheint eine selbst über verschiedene historische Epochen hinaus bestehende Konstante menschlichen Verhaltens wie menschlicher Irritation zu sein, dass Leistung und Loyalität aus zweierlei Bezugsrahmen stammen und immer wieder aufeinander treffen. Aber das Verständnis dieser strukturellen Unterschiede allein hilft in starkem Maße, vielem eigenartig Wirkendem doch noch eine Logik abgewinnen zu können.