Archiv der Kategorie: food for thought

Voltaire, Questions sur les miracles

Entgegen vieler Interpretationen existiert ein Zusammenhang von Wahrnehmung, Verarbeitung und Aktion. Das hört sich abstrakt an, ist aber eine lebenswichtige Erkenntnis. Sehr verkürzt kann gesagt werden, dass ein soziales System folgendermaßen mit den Erscheinungen umgeht: die einzelnen Subjekte nehmen die Eindrücke, die auf sie einwirken, wahr. Die verschiedenen subjektiven Eindrücke formen sich in der Interaktion zu einer Art kollektiven Wahrnehmung. Deren Resultat sind die Ideen, die über das Erlebte in Umlauf sind. Aus den Ideen kristallisiert sich, wiederum in der Interaktion, ein Handlungskonzept, aus dem gesellschaftliche Taten entstehen, die als Politik zu identifizieren sind.

Es hängt von der wahrgenommenen Realität in sehr starkem Maße ab, welche Ideen daraus geformt und welche politische Realisierungsgewalt aus ihnen entsteht. Es ist kein Zufall, sich jetzt, in diesem Augenblick, diesem Nexus zu widmen. Es wird nämlich sehr viel unternommen, um Eindrücke, die nicht einfach zu verarbeiten sind, in eine Wahrnehmungsrichtung zu steuern, die bestimmte Ideen und Rückschlüsse nahelegen. Beispiele dafür existieren zuhauf, ob es die Auseinandersetzungen in der Ukraine waren und sind, ob es die wirtschaftliche Verelendung Griechenlands und nur nuanciert weniger dramatisch Spaniens und Portugals betrifft, ob es die Flüchtlingsbewegung Richtung Zentraleuropa ist, ob es um die Auseinandersetzungen in Syrien geht, ob es Anschläge in Paris oder San Bernadino sind oder ob es die Merkwürdigkeiten um den Volkswagen Konzern geht.

Alles, was über die leitenden Medien der Republik verbreitet wurde und wird deutet darauf hin, dass bei der Wahrnehmung des kollektiven Bewusstseins nichts dem Zufall überlassen werden soll. Deutlich wird, dass alles, was an Komplexität existiert, ausgeblendet wird und die Nachrichten, die sich allesamt auf konfliktäre Interessenlagen beziehen, bereits designt und gestylt das Publikum erreichen. Der Prozess der gesellschaftlichen Interaktion, durch den die Ideen über das, was an Eindrücken zu verarbeiten ist, wird schlicht vorweggenommen und dahin gehend beeinflusst, dass das Urteil, die Bewertung über die Realität bereits stattgefunden hat, bevor die Nachrichten die Redaktionen und Studios verlassen. Die Meinung ist bereits gefertigt, die Mündigkeit derer, die die Nachricht erreichen soll, existiert nicht mehr.

Bei dieser Aufbereitung von Informationen mit gesellschaftlicher Relevanz handelt es sich nicht um ein lässliches Vergehen, sondern um eine gezielte Intervention zur Beeinflussung der politischen Meinungsbildung. Es ist ein Angriff auf eine zentrale Konstituante einer verfassungsmäßig angelegten demokratischen Gesellschaft. Denn es geht nicht nur um Meinung und Votum, sondern es geht um Verleitung. Es geht darum, den kollektiven Meinungsbildungsprozess hin zu gesellschaftlichen Taten zu lenken, von denen momentan noch niemand denkt, dass sie möglich wären. Ein Déjà-vu ist bei dieser Aussage durchaus angebracht, aber es ist bekannt, dass derartige Déjà-vus nichts mehr bewirken.

Nicht zu Unrecht gilt Voltaire bis heute wohl als einer der profundesten und konsequentesten Denker der bürgerlichen Demokratie. Sein Esprit ist bis heute in allen Verfassungen zu finden, die sich auf den Gedanken der Demokratie beziehen. Auf ihn sei auch im Kontext der meinungsbildenden Interventionen durch die öffentlich-rechtlichen und privaten Massenmedien verwiesen, die momentan an der Architektur einer neuen, desaströsen Weltordnung arbeiten. In einem Essay aus dem Jahre 1765 mit dem Titel Questions sur les miracles formulierte er den beschriebenen Zusammenhang sehr präzise:

„Diejenigen, die euch Absurditäten glauben machen können, werden euch auch veranlassen können, Grausamkeiten zu begehen.“

Ordnung, Rebellion und das Ungewisse

Paul Feyerabend nannte es einmal „Wider den Methodenzwang“, eher humoristisch gemeint war die Ansage, dass Ordnung nur für die eine wichtige Sache sei, die zu faul seien, um zu suchen. Die Antipathie gegen Ordnung und Methoden vermittelt Sinn, wenn sich der Verdacht erhärtet, dass sie zur Beherrschung benutzt werden. Und Beispiele existieren tatsächlich in großer Menge. Ordnung und Disziplin sind die Grundstruktur hierarchischer Systeme und die meisten Methoden folgen einer sehr genau definierten Zweckrationalität. Es stellt sich immer die Frage, in wessen Interesse die Ordnung und Disziplin walten und welchem Interesse die Methoden folgen. Ist beides repressiv, so ist die Ablehnung durchaus berechtigt. Aus einer Kritik gegen bestimmten Formen von Herrschaft kann so die Auflehnung gegen Ordnung und Methode generell erfolgen. Das ist vielleicht das Wesen dessen, was mit dem Adjektiv antiautoritär bezeichnet wurde. Die Rebellion gegen bestimmte Formen von Unterdrückung kann einen befreienden Charakter haben, aber allein bleibt sie folgenlos.

Das Leben des Individuums bildet in der existenziellen Welt einen Mikrokosmos. Es ist folgerichtig, dass das Mikrosystem Mensch ebenfalls einer bestimmten Systematisierung seiner Handlungsabläufe unterliegt. Das kann eine bewusste Entscheidung sein, die dem Individuum selbst entstammt und von keiner Hierarchie suggeriert wurde. Die Etablierung von Routinen, die immer auch eine Ökonomisierung des Daseins bedeuten, verschafft Lebenszeit, die zur Gestaltung genutzt werden kann. Die Systematisierung dieser Abläufe basiert in der Regel auch auf Ordnungsprinzipien und bestimmten Methoden, um Ungeliebtes, aber Nützliches in seiner Zeitbeanspruchung zu verdichten und diese Rationalisierung dem Konto frei verfügbarer Lebenszeit gutzuschreiben.

Die Rebellion gegen die Rationalisierung und Systematisierung des Lebens hat mit brutaler Gesetzmäßigkeit auch immer dazu geführt, dass die Rebellierenden irgendwann die Fähigkeit einbüßten, sich der Organisiertheit des repressiven Systems zu erwehren. Es handelt sich um einen klassischen Fall von Dialektik: Das, was als Macht anderer bekämpft werden soll, birgt auch den Keim dessen, diese fremde Macht zu bekämpfen. Ohne eigene Rationalisierung verpufft der Esprit der Rebellion in Belanglosigkeit. In der übermäßigen Adaption der Rationalisierung wiederum erstirbt die Kreativität und der Esprit der Rebellion. Die Dosis macht es, die Geschichte ist ein beredtes Journal für den Rationalisierungswahn, von Robespierre bis Lenin, aber auch für das Abgleiten in die den Gestus der Rebellion, wie bei den Aktionisten und Situationisten, denen die Geschichte nur Augenblicke zur Verfügung stellte, um ihr Ansinnen transparent zu machen. Und berechtigterweise stellt sich die Frage, ob die richtige Dosis je gefunden wurde. Sie experimentell zu suchen und vielleicht irgendwann zu bestimmen, bleibt die Aufgabe.

Vieles deutet darauf hin, dass es nicht um Ordnung und Methode, sondern um die Gleichzeitigkeit von Gegenwart und Zukunft geht. Das notwendige Denken ist die Schwierigkeit, die Identifizierung der repressiven Ordnung und Methode und die Notwendigkeit der Rationalisierung von Widerstand. Dieser Widerstand allein genügt jedoch nicht, er muss eine Vision von dem Neuen, nach dem gestrebt wird, entwickeln. Es geht um Lebensformen, die aus den Erfahrungen der alten hervorgehen und in der Lage sind, das schlechte und falsche Leben abzulegen. Ihr Geist ist zumeist präsent, aber ihre Form bleibt ein Mysterium. Diese Unauflösbarkeit kann zur Verzweiflung treiben und sie kann entmutigen. Aber sie zu suchen, das ist das Mandat derer, die bei der Kritik des Alten nicht stehen bleiben wollen. Ihr Bemühen mit Abwinken zu begleiten bringt exklusiv nur einem Gewinn: der alten Ordnung und den alten Methoden.

Neue Formen des westlichen Fundamentalismus

Sich mit der Zukunft zu beschäftigen ist ein Muss für jede Gesellschaft. Macht sie das nicht, so ist die Prognose wahrscheinlich, dass sie von Entwicklungen überrollt wird, mit denen sie nicht gerechnet hat und auf die sie nicht vorbereitet ist. Je komplexer Gesellschaften und je höher die Frequenz der sich über den Globus erstreckenden Interaktionen mit anderen Gesellschaften und deren Organisationen, desto komplexer werden die Fragestellungen, die mit der Zukunft zusammenhängen. Einfache Kausalitäten existieren kaum noch, Interdependenzen steigen ins Unermessliche. Dennoch kann das extrem hohe Niveau der Fragestellung Zukunft nicht davon abhalten, sich mit ihr zu beschäftigen.

Was machen die Menschen und Organisationen, die Lösungsmodelle für die Fragen von Morgen entwickeln wollen? Ja, sie rechnen vorhandene Entwicklungen hoch, ja, sie entwickeln Modelle, und ja, sie betrachten mögliche Widerstände gegen ihre Modelle. Das Wichtigste jedoch, was sie, oder zumindest die Erfolgreichen unter ihnen leitet, ist die radikale Hinterfragung der eigenen, vielleicht auch ehernen Annahmen und der bewusste Ausschluss von Tabus. Letztere sind kulturell regional und hinsichtlich von Lösungen restriktiv.

Selbstverständlich können Zukunftsmodelle mit Fehlern behaftet sein oder sich gar als gänzlich untauglich erweisen. Es gehört sogar zu ihrem Wesen. Denn das Wesen von Zukunft ist ein Lernprozess, der von Hypothesen ausgeht und diese immer wieder verifiziert oder falsifiziert. Diejenigen, die sich damit befassen, sind diejenigen, die die berühmten Komfortzonen verlassen und ins Risiko gehen. Ohne sie gäbe es keine Lernprozesse und Entwicklung.

Immer dann, wenn sich die gefühlte Erdumdrehung beschleunigt, sammeln sich die Lager, um Antworten zu finden. Neben denen, die Zukunft als etwas Unvermeidliches ansehen, das auch Chancen birgt, existieren immer auch die, die in der mit der Zukunft einhergehenden Veränderung etwas sehen, das vermieden werden muss, weil es Verlust bedeuten könnte und auf jeden Fall Ängste erzeugt. Ihre Strategie ist eine andere. Sie versuchen mit Gewalt, die Entwicklung zu vermeiden.

Die Mittel, die sie dabei anwenden, sind zumeist nicht zimperlich, weil ihr ganzes Handeln emotional gesteuert ist. Der erste Baustein ihres Retro-Modells ist die Personifizierung der Erscheinungen. Da sind einerseits die Übeltäter, die das Neue selbst verkörpern und andererseits die Übeltäter, die Antworten auf das Neue suchen. In dem personifiziert wird, wird emotionalisiert, und das mit Kalkül. Und diejenigen, die nach Antworten auf die neuen Erscheinungen suchen, werden in einem Umkehrschluss zum Übel selbst und aus der Sicht der Zukunftsverhinderer werden sie sogar zum Kern des Problems.

Der Versuch, die Internationalisierung von Gesellschaften und die De-Geographisierung von Konflikten zu leugnen und die Überbringer dieser Entwicklung zu meucheln ist die Auftaktveranstaltung zu einer neuen Form des Fundamentalismus. Das, was momentan als Populismus erlebt und in Formen der Propaganda übermittelt wird, hat angesichts der aggressiven Emotionalisierung und der radikalen Tabuisierung eine Qualität erreicht, die Analogieschlüsse zu historischen Formen des Fundamentalismus zulassen. Prinzipiell, d.h. vom Prinzip her, sind Phasen der Modernisierung immer von diesen Strategien eskortiert worden. Die großen Namen, die diese Art von Zukunftsvermeidungsstrategie umschreiben, sind die Heilige Inquisition, die verschiedenen Formen des europäischen Faschismus wie die Operationen islamistischer Revolutionsgarden oder Terrorgruppen unserer Tage. Der deutsche und europäische Populismus, wie er sich momentan spreizt, weist die gleiche systemische DNA auf. Die bittere Realität ist nicht die Tatsache, dass diese demagogische Vorgehensweise existiert, sondern die Resonanz, auf die sie momentan stößt. Und damit ist die Zielrichtung politisch verantwortlichen Handelns auch benannt.