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Ordnung, Rebellion und das Ungewisse

Paul Feyerabend nannte es einmal „Wider den Methodenzwang“, eher humoristisch gemeint war die Ansage, dass Ordnung nur für die eine wichtige Sache sei, die zu faul seien, um zu suchen. Die Antipathie gegen Ordnung und Methoden vermittelt Sinn, wenn sich der Verdacht erhärtet, dass sie zur Beherrschung benutzt werden. Und Beispiele existieren tatsächlich in großer Menge. Ordnung und Disziplin sind die Grundstruktur hierarchischer Systeme und die meisten Methoden folgen einer sehr genau definierten Zweckrationalität. Es stellt sich immer die Frage, in wessen Interesse die Ordnung und Disziplin walten und welchem Interesse die Methoden folgen. Ist beides repressiv, so ist die Ablehnung durchaus berechtigt. Aus einer Kritik gegen bestimmten Formen von Herrschaft kann so die Auflehnung gegen Ordnung und Methode generell erfolgen. Das ist vielleicht das Wesen dessen, was mit dem Adjektiv antiautoritär bezeichnet wurde. Die Rebellion gegen bestimmte Formen von Unterdrückung kann einen befreienden Charakter haben, aber allein bleibt sie folgenlos.

Das Leben des Individuums bildet in der existenziellen Welt einen Mikrokosmos. Es ist folgerichtig, dass das Mikrosystem Mensch ebenfalls einer bestimmten Systematisierung seiner Handlungsabläufe unterliegt. Das kann eine bewusste Entscheidung sein, die dem Individuum selbst entstammt und von keiner Hierarchie suggeriert wurde. Die Etablierung von Routinen, die immer auch eine Ökonomisierung des Daseins bedeuten, verschafft Lebenszeit, die zur Gestaltung genutzt werden kann. Die Systematisierung dieser Abläufe basiert in der Regel auch auf Ordnungsprinzipien und bestimmten Methoden, um Ungeliebtes, aber Nützliches in seiner Zeitbeanspruchung zu verdichten und diese Rationalisierung dem Konto frei verfügbarer Lebenszeit gutzuschreiben.

Die Rebellion gegen die Rationalisierung und Systematisierung des Lebens hat mit brutaler Gesetzmäßigkeit auch immer dazu geführt, dass die Rebellierenden irgendwann die Fähigkeit einbüßten, sich der Organisiertheit des repressiven Systems zu erwehren. Es handelt sich um einen klassischen Fall von Dialektik: Das, was als Macht anderer bekämpft werden soll, birgt auch den Keim dessen, diese fremde Macht zu bekämpfen. Ohne eigene Rationalisierung verpufft der Esprit der Rebellion in Belanglosigkeit. In der übermäßigen Adaption der Rationalisierung wiederum erstirbt die Kreativität und der Esprit der Rebellion. Die Dosis macht es, die Geschichte ist ein beredtes Journal für den Rationalisierungswahn, von Robespierre bis Lenin, aber auch für das Abgleiten in die den Gestus der Rebellion, wie bei den Aktionisten und Situationisten, denen die Geschichte nur Augenblicke zur Verfügung stellte, um ihr Ansinnen transparent zu machen. Und berechtigterweise stellt sich die Frage, ob die richtige Dosis je gefunden wurde. Sie experimentell zu suchen und vielleicht irgendwann zu bestimmen, bleibt die Aufgabe.

Vieles deutet darauf hin, dass es nicht um Ordnung und Methode, sondern um die Gleichzeitigkeit von Gegenwart und Zukunft geht. Das notwendige Denken ist die Schwierigkeit, die Identifizierung der repressiven Ordnung und Methode und die Notwendigkeit der Rationalisierung von Widerstand. Dieser Widerstand allein genügt jedoch nicht, er muss eine Vision von dem Neuen, nach dem gestrebt wird, entwickeln. Es geht um Lebensformen, die aus den Erfahrungen der alten hervorgehen und in der Lage sind, das schlechte und falsche Leben abzulegen. Ihr Geist ist zumeist präsent, aber ihre Form bleibt ein Mysterium. Diese Unauflösbarkeit kann zur Verzweiflung treiben und sie kann entmutigen. Aber sie zu suchen, das ist das Mandat derer, die bei der Kritik des Alten nicht stehen bleiben wollen. Ihr Bemühen mit Abwinken zu begleiten bringt exklusiv nur einem Gewinn: der alten Ordnung und den alten Methoden.

Neue Formen des westlichen Fundamentalismus

Sich mit der Zukunft zu beschäftigen ist ein Muss für jede Gesellschaft. Macht sie das nicht, so ist die Prognose wahrscheinlich, dass sie von Entwicklungen überrollt wird, mit denen sie nicht gerechnet hat und auf die sie nicht vorbereitet ist. Je komplexer Gesellschaften und je höher die Frequenz der sich über den Globus erstreckenden Interaktionen mit anderen Gesellschaften und deren Organisationen, desto komplexer werden die Fragestellungen, die mit der Zukunft zusammenhängen. Einfache Kausalitäten existieren kaum noch, Interdependenzen steigen ins Unermessliche. Dennoch kann das extrem hohe Niveau der Fragestellung Zukunft nicht davon abhalten, sich mit ihr zu beschäftigen.

Was machen die Menschen und Organisationen, die Lösungsmodelle für die Fragen von Morgen entwickeln wollen? Ja, sie rechnen vorhandene Entwicklungen hoch, ja, sie entwickeln Modelle, und ja, sie betrachten mögliche Widerstände gegen ihre Modelle. Das Wichtigste jedoch, was sie, oder zumindest die Erfolgreichen unter ihnen leitet, ist die radikale Hinterfragung der eigenen, vielleicht auch ehernen Annahmen und der bewusste Ausschluss von Tabus. Letztere sind kulturell regional und hinsichtlich von Lösungen restriktiv.

Selbstverständlich können Zukunftsmodelle mit Fehlern behaftet sein oder sich gar als gänzlich untauglich erweisen. Es gehört sogar zu ihrem Wesen. Denn das Wesen von Zukunft ist ein Lernprozess, der von Hypothesen ausgeht und diese immer wieder verifiziert oder falsifiziert. Diejenigen, die sich damit befassen, sind diejenigen, die die berühmten Komfortzonen verlassen und ins Risiko gehen. Ohne sie gäbe es keine Lernprozesse und Entwicklung.

Immer dann, wenn sich die gefühlte Erdumdrehung beschleunigt, sammeln sich die Lager, um Antworten zu finden. Neben denen, die Zukunft als etwas Unvermeidliches ansehen, das auch Chancen birgt, existieren immer auch die, die in der mit der Zukunft einhergehenden Veränderung etwas sehen, das vermieden werden muss, weil es Verlust bedeuten könnte und auf jeden Fall Ängste erzeugt. Ihre Strategie ist eine andere. Sie versuchen mit Gewalt, die Entwicklung zu vermeiden.

Die Mittel, die sie dabei anwenden, sind zumeist nicht zimperlich, weil ihr ganzes Handeln emotional gesteuert ist. Der erste Baustein ihres Retro-Modells ist die Personifizierung der Erscheinungen. Da sind einerseits die Übeltäter, die das Neue selbst verkörpern und andererseits die Übeltäter, die Antworten auf das Neue suchen. In dem personifiziert wird, wird emotionalisiert, und das mit Kalkül. Und diejenigen, die nach Antworten auf die neuen Erscheinungen suchen, werden in einem Umkehrschluss zum Übel selbst und aus der Sicht der Zukunftsverhinderer werden sie sogar zum Kern des Problems.

Der Versuch, die Internationalisierung von Gesellschaften und die De-Geographisierung von Konflikten zu leugnen und die Überbringer dieser Entwicklung zu meucheln ist die Auftaktveranstaltung zu einer neuen Form des Fundamentalismus. Das, was momentan als Populismus erlebt und in Formen der Propaganda übermittelt wird, hat angesichts der aggressiven Emotionalisierung und der radikalen Tabuisierung eine Qualität erreicht, die Analogieschlüsse zu historischen Formen des Fundamentalismus zulassen. Prinzipiell, d.h. vom Prinzip her, sind Phasen der Modernisierung immer von diesen Strategien eskortiert worden. Die großen Namen, die diese Art von Zukunftsvermeidungsstrategie umschreiben, sind die Heilige Inquisition, die verschiedenen Formen des europäischen Faschismus wie die Operationen islamistischer Revolutionsgarden oder Terrorgruppen unserer Tage. Der deutsche und europäische Populismus, wie er sich momentan spreizt, weist die gleiche systemische DNA auf. Die bittere Realität ist nicht die Tatsache, dass diese demagogische Vorgehensweise existiert, sondern die Resonanz, auf die sie momentan stößt. Und damit ist die Zielrichtung politisch verantwortlichen Handelns auch benannt.

Profession und Konfession

Es scheint kein Zufall zu sein, dass die Termini Profession und Konfession nah beieinander liegen. Das, was als Professionalität mental verortet ist, hat sehr viel mit einem Bekenntnis zur wahr genommenen Tätigkeit zu tun. Es geht, vor aller technischen Finesse und Virtuosität, um eine Überzeugung, vielleicht auch um große Leidenschaft oder Liebe. Nur, wer sich zu einer Aufgabe hingezogen fühlt, ist in der Lage, die Mühen, Widrigkeiten und Rückschläge zu akzeptieren, die zur Erlangung tatsächlicher Meisterschaft erduldet werden müssen. Wer sich das Adjektiv professionell redlich erworben hat, blickt auf große Zeiträume der Übung zurück. Übung, die dennoch mit Leidenschaft durchdrungen war, weil eine innere Bindung zu der substanziellen Tätigkeit bestanden hat.

Die Geschichten der einzelnen Berufe, vor allem in Deutschland, weil dort die Zünfte eine Organisationsform darstellten, die weit über das rein Berufliche hinausgingen und von der Vertretung einer allgemeinen Ethik bis hin zur Korporierung wirtschaftlicher und politischer Interessen reichten, sind ein beredtes Beispiel für die Hingabe und Leidenschaft, die mit dem Erwerb der Rechte verbunden waren, sich als ein Vertreter der Professionalität in der Gesellschaft bewegen zu dürfen.

Max Weber, der den Prozess der Moderne in vielerlei Hinsicht geistreich kommentierte, hat das Berufsethos der Gewerke versucht auf das Politikerdasein zu übertragen. Analog zu der hier angestellten These von der Nachbarschaft von Profession und Konfession wählte er die Analogie von Beruf und Berufung. Im Grunde ging er normativ noch weiter. Er unterstellte dem Typus des Politikers, der gesellschaftliche Berechtigung erlangen wollte, über die Befähigung zum Beruf die Notwendigkeit zur Bekenntnis der Berufung. Damit drehte er, der gar nicht zu den Dialektikern gehörte, die Verhältnisse einfach um. Das ideelle Commitment, wie es heute zu formulieren wäre, war besonders zu seiner Zeit in den Gewerken zu finden. Im Beruf des Politikers musste es noch entwickelt werden.

Die allgemeine Vergesellschaftung aller relevanten Prozesse hat zu einer Ent-Privatisierung der handelnden Subjekte geführt. Manager sind keine Eigentümer mehr und Politiker entwickelten sich zu Managern. Weder die einen noch die anderen arbeiten nach eigener Wahrnehmung in konkreten Sozial- und Beziehungssystemen, sondern in korporierten, komplexen und anonymen Organisationen, für die der individuelle Tribut an eine Berufsidee nicht mehr adäquat erscheint.

Das erste, was unter dieser Entwicklung gelitten hat, war die Trennschärfe zwischen den beiden Systemen, um die es sich handelt. Das Leistungssystem bekam politische Züge und das politische System erhielt Anteile des Leistungssystems. Plötzlich wurde Politik gemanagt und in Unternehmen zunehmend mehr Politik gemacht. Die Referenzgröße des Leistungssystems wurde genauso erodiert, wie die Loyalität als Bezugsgröße in dem der Politik. Damit zurecht zu kommen, wird immer schwerer, weil die Spielarten in ein und demselben Prozess des Öfteren wechseln.

Die Verhältnisse und ihre Entwicklungen sind so wie sie sind und es ergibt keinen Sinn, sich darüber zu beklagen. Wichtig scheint zu sein, dass der Typus des beruflich spiritualisierten Menschen, der das entwickeln konnte, was im Englischen so treffend mit Craftsmanship beschrieben wird, bis auf Randerscheinungen nicht mehr existiert. Stattdessen haben sich Fähigkeiten entwickelt, die auf einer Meta-Ebene stattfinden. Es ist der Systemwechsel innerhalb eines Prozesses, es ist das Jonglieren mit Referenzsystemen. Wahrgenommen werden diese Fähigkeiten selten, zumeist wird das kritisiert, was dem Purismus des jeweiligen einen Systems zu fehlen scheint. Und die Instanzen, die das Neue beschrieben hätten und zu würdigen wüssten, die existieren noch nicht.