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Wachstum der Grenzen

Der Umgang mit dem Begriff der Grenzen kann durchaus zu einer Art Gesellschaftsdiagnostik verwendet werden. Die eigenen, inneren Zustände führen in der Regel zu der zeitgeschichtlichen Perspektive, die sich in einer gewissen Mentalität bezüglich von Grenzen artikuliert. Beispiele dafür existieren zuhauf. Zum einen zeigt sich immer wieder der Sicherheitsaspekt. Grenzen gewähren Schutz, sie definieren einen gültigen Rechtsraum und bewahren vor einer Invasion, gleichgültig ob militärisch oder kulturell. Nationalstaaten sind ohne die harte Definition von Grenzen undenkbar, ebenso geographische Räume von Bündnissen, mögen sie einer wirtschaftlichen Zielsetzung folgen oder eine machtpolitische Dimension haben. Wer über Grenzen verfügt, hat einen gesichteten Raum für Machtzustände. Diese sind negativ wie positiv deutbar, letztendlich mündet ihre Philosophie in das Begriffsfeld von Sicherheiten.

Andererseits sind eben diese geographischen oder ideellen Regionen der Sicherheit in einem anderen Deutungszusammenhang auch die Sphäre der Einschränkung. Das Zusammenstoßen von der Etablierung von Rechtszuständen und der Wille, mental Grenzen zu überwinden,, ist sicherlich eines der großen Reibungsfelder der Aufklärung. Einerseits sicherten nationalstaatliche Grenzen die unverbrüchlichen Rechte individueller wie gesellschaftlicher Aktivitäten, andererseits war die treibende Kraft des Denkens der Aufklärung die Überwindung von Grenzen. Zunächst rational, spirituell wie emotional, dann aber auch geographisch und übergriffig. Der Export der eigenen Rechtsvorstellung auch über nationale Grenzen hinaus diente in der Moderne seit den napoleonischen Feldzügen auch der Expansion, dem hegemonialen Einfluss und dem imperialen Modell. Sie waren historisch der Anfang, der Faschismus eine fundamentalistische Gegenbewegung, der sowjetische Imperialismus wie die US-Hegemonie eine logische Folge. Die Werte der Grenzüberschreitung wurden materiell zu einem neuen System der Unterdrückung.

Aber auch manches gesellschaftliche Mantra, wie zum Beispiel das des Wachstums, absolvierte eine Wanderung, die vom Aufbruch bis zu revisionistischer Besinnung reichten. Aus dem grenzenlosen Wachstum wurden die Grenzen des Wachstums und aus den Grenzen des Wachstums das Wachstum der Grenzen. Interessant bei der gegenwärtigen Entwicklung ist eine Synchronisierung von ideeller Vorstellung und materieller Tendenz. Denn beides findet statt: Die Grenzen des Wachstums sind längst ausgeleuchtet und durch Jahrzehnte der Reflexion belegt, das Wachstum der Grenzen wird momentan auch in physischer Hinsicht als Notwendigkeit postuliert.

Die Zeit der Grenzenlosigkeit und der Überwindung von Grenzen scheint zumindest für einen kurzen (?) Zeitraum vorbei zu sein. Das Denken in den Kategorien der Überwindung bestehender Ordnungsschemata ist genauso wenig en vogue wie das willentliche konsensuale Einreißen von Zäunen. Das muss nicht unbedingt einer instruierten Vorgehensweise entsprechen. Die Etablierung einer Vorstellung, dass es mit der Grenzenlosigkeit vorbei ist, führt notwendigerweise zu der Schlussfolgerung, dass dieses auch praktisch vollzogen werden muss. Brutal ausgedrückt heißt dies, dass die Revision des Denkens hin zu einer mikrokosmisch-zyklischen Betrachtung notwendigerweise auch zu einer Vorstellung führt, den zu betrachtenden Mikrokosmos schützen zu müssen.

Es ist hilfreich, diese Tendenz zu beschreiben, ohne über sie gleich zu urteilen. Wer das Wachstum der Grenzen im Denken betont, sollte sich nur bewusst machen, dass es praktische Folgen haben wird. Und dieser Zustand wird solange anhalten, wie keine Modelle entwickelt werden, die die Möglichkeit einer menschlich vernünftigen und prosperierenden Existenz deutlich und nachvollziehbar machen. Diese Modelle existieren zur Zeit weder in der politischen Theorie noch in der sozialen Utopie. So bitter es klingt, die Gedanken und Begehrlichkeiten zur physischen Grenzziehung sind das Ergebnis der schon längst vollzogenen mentalen und rationalen Abschottung. Eigentlich ist alles ganz logisch. Und darin besteht der Charme. Die Logik macht deutlich, dass die Verantwortung für jeden Zustand in Ursachen liegt, die nicht plötzlich und unerklärlich ihre Geltung einklagen.

Eliten: Stillstand oder Bewegung?

Bei der Betrachtung von Gesellschaften spielt das Thema immer wieder eine wichtige Rolle. Es geht um die Eliten. Ihre Zugehörigkeit ist in der Regel ein Beschleunigungsfaktor im sozialen Vergleich und befördert die innere Dynamik. Die Art der Definition sagt sehr viel über die Befindlichkeit der Gesellschaft selbst aus und das Verhalten derer, die sich zur Elite zählen, lässt Prognosen über zukünftige Perspektiven derselben zu. Die Definition des Elitebegriffs ist relativ trivial, er hält sich immer an die lateinische Wurzel der Auslese und schränkt eine kleine Gruppe als das ein, worum es geht. Weitaus interessanter beziehungsweise weiter führender ist die Soziologie der Elite und die damit verbundene gesellschaftliche Diagnostik.

Bei allen möglichen Konfigurationen dominieren soziologisch vor allem zwei Kategorien von Eliten, die nur durch bestimmte Adjektive verwässert werden, die einen Mikrokosmos ausweisen, der nur bedingt gesellschaftliche Wirkung zeigt. Das können Metiers wie Bildung, Musik oder Sport sein. Die wesentlichen Kategorien sind allerdings weit mächtiger. Es handelt sich dabei zum einen um die Elite, die sich nach Status definiert. Ihr geht es um Insignien wie Macht und Reichtum. Die Frucht des elitären Daseins wird dort zum Zweck. Ohne einer Bewertung vorgreifen zu wollen, ist dieser Elitebegriff kein gesellschaftlich gestaltendes, sondern ein verzehrendes Moment. Wer sich einer Status-Elite zugehörig fühlt, der hat es in der Regel geschafft, zu dem auserwählten Kreis zu gehören. Damit hat es sich dann aber auch bereits getan. Ein Blick auf diese Eliten zeigt in der Regel eine relative Lust- und Trostlosigkeit, weil die alles erschlagende Metapher die der Sattheit zu sein scheint. Die, die dorthin wollen, haben den Hunger nach Bestätigung, die, die bereits dort sind, sind zwar auch nie satt, aber ihnen ist es permanent schlecht.

Im Gegensatz dazu ist die Definition der Elite nach Funktion respektive Leistung eine andere Geschichte. Dabei geht es zwar auch um Macht und Privilegien, diese resultieren jedoch nicht aus einem Selbstzweck, sondern aus einer Gestaltung innerhalb der Gesellschaft. Wer in Funktionen denkt, wird vom Wunsch nach Gelingen und nicht dem nach Verweilen getrieben. Demnach ist es nicht übertrieben zu schlussfolgern, dass die Eliten des Status den Stillstand und die der Funktion die Bewegung verkörpern.

Und genau an diesem Punkt wird es interessant. Dominiert in einer Gesellschaft der Wunsch nach der Zugehörigkeit zu einer Status-Elite, dann ist das eine Referenz für relativen gesellschaftlichen Stillstand. Überwiegt die Attraktivität einer Funktionselite, dann lässt das auf eine dynamische Gesellschaft schließen. Eine Analyse der eigenen, gegenwärtigen Gesellschaft bleibt jedem selbst überlassen. Wer gilt als Elite und welcher Elitebegriff dominiert?

Interessant ist der Versuch, einen Spagat zwischen Status und Funktion zu vollziehen. Traditionell ist diese Version in der chinesischen Kultur verwurzelt. Dort existierten immer schon Meritokratien, d.h. Eliten, die sich über Funktionen definierten, die einen bestimmten Status versprachen, den man aber nur erlangte, wenn man sich durch Leistung verdient gemacht hatte. Folglich könnten sie Verdienst-Eliten genannt werden.

Die europäische Adaption dieser sehr klugen Konstruktion resultiert ideell aus dem revolutionären Frankreich. Auch die Französische Revolution war ein vehementes Aufbegehren gegen die aristokratischen Status-Eliten. Leistung sollte durch Besitz ersetzt werden, und zwar Leistung im Sinne der gesellschaftlichen Erfordernisse. Diese Dynamik ist momentan allerdings kaum identifizierbar.

Der große Hass und die schlichten Regeln

Wer sich dem kommunikativen Grundrauschen dieser Tage aussetzt, der bekommt zwei Begriffe immer wieder zu hören. Es sind Wut und Hass. Etwas abgesetzt in der Rangliste, aber nicht weit davon entfernt ist es die Lüge. Sowohl Wut als auch Hass sind Begriffe, die einer extrem negativen Emotion zugesprochen werden müssen, die sich in der Regel negativ entlädt. Von denen, die sich zum Teil selbst mit einer der beiden Begrifflichkeiten charakterisieren, wird oft die Lüge in einen kausalen Zusammenhang zu ihrem jetzigen Gemütszustand gebracht. Interessant bei dem Bekenntnis zu den die hohe Emotion beschreibenden Begriffe ist die Tatsache, dass die Wut dem Bürgertum vorbehalten zu sein scheint, während der Hass, dem etwas Primitiveres anhaftet, folglich für die Unterschichten reserviert ist. Es könnte gefolgert werden, dass selbst in den Zeiten der Rage die Klassengesellschaft vor den armen Menschenkindern nicht halt macht.

Nur die Lüge, wo sie auch immer zu verorten ist, für Massenzustände bestimmter Bevölkerungsteile verantwortlich machen zu wollen, greift dann doch etwas kurz. Trotz vieler Dissonanzen sei hier auf das längst verblichene Buch Sloterdijks Zorn und Zeit verwiesen, in dem er treffend darauf verwies, dass sich Gesellschaften mit einem Elefantengedächtnis regelrechte Depots anlegten, in denen der Zorn über jede Schmähung akkumuliert werde. Dieser These folgend, ist der immense Hass und die große Wut, die momentan die Gesellschaft prägt, nicht das Ergebnis irrationaler Kurzschlüsse von ungebildeten Proletariern oder wohlstandsverwahrloster Bürger, sondern eine logische Folge einer langen, komplizierten historischen Entwicklung.

Es wäre anmaßend, diese historische Kausalität hier, in wenigen Worten auch noch erklären zu wollen. Aber es wäre ein Versuch, aus der täglichen, grausigen und zu nichts führenden Konfrontation über die aktuellen Gemütszustände etwas machen zu können, das dieser Gesellschaft weiterhilft. Eine Prämisse dafür ist die Feststellung, dass wir es weder im einen wie im anderen Fall, und hier soll weder der Wutbürger noch der johlende Mob in seiner destruktiven Wirkung unterschätzt werden, mit einer rein personifizierten Erscheinung des Irrsinns zu tun haben. Und auch, dass die Lüge, auch hier einmal ein aktuelles Wort Sloterdijks, deren Äther nie so dicht war wie heute, nur den Versuch darstellt, aus einem bereits existierenden ein noch größeres Dilemma zu machen. Und es ist hilfreich, dass in anderen europäischen Gesellschaften Ähnliches geschieht. Die Angst geht um auf diesem Kontinent, und es sind nicht nur die aktuellen Tagesereignisse, die sie speisen. Es liegt tiefer, und auf diese Gründe muss der gesellschaftliche Diskurs stoßen.

Und, by the way, es gibt historische Ursachen für die vollen Zorndepots, daran herrscht kein Zweifel, aber es gibt keinen Grund für die Verrohung der Sitten, für die ständigen Attacken gegen die Zivilisation. Da spricht vieles dafür, die Dinge persönlich zu nehmen und ihnen auf den Grund zu gehen. Der Respekt vor dem Individuum wie vor den Gütern der Gesellschaft darf bei aller Schmach über das eigene Schicksal nie zur Disposition stehen. Wer das als Nichtigkeit in den Wind schlägt, muss sich darüber bewusst sein, Bestandteil des Problems und nicht der Lösung zu sein. Die Regeln für die Kommunikation stehen, so wie sie immer gestanden haben. Sie sind schlicht, sehr schlicht. Respekt vor dem Gegenüber, Zuhören, auf die Argumente eingehen. Es ist die Grundlage nicht der heutigen, sondern menschlicher Kommunikation generell. Wut und Hass sind die Säure, die sich in ihr Fundament frisst.