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Das Streben nach Bedeutung

Nietzsche verglich die Verweildauer der Menschheit in der kosmischen Existenz mit dem Moment, den der Ochse brauche, um ein lästiges Insekt abzuschütteln. Damit wählte er zum einen eine Metapher, die über die Kürze der Zeit hinaus der Menschheit noch weniger schmeichelte und den Kosmos als Träger der Last Menschheit auch nicht verschonte, und zum anderen übertrieb er sogar die Dauer menschlicher Existenz. In Wahrheit ist sie kürzer, nur verglichen nach der Dunkelheit als Folge des Urknalls, die ihrerseits 700 Millionen Jahre dauerte, bevor es Licht wurde.

Angesichts dieser Erkenntnis wäre es befremdlich zu beobachten, mit welcher Inbrunst einzelne, zahlenmäßig nicht zu unterschätzende Exemplare dieser Spezies nach Bedeutung streben. Sie opfern ihre Energien dafür, sind sind bereit, andere Zeitgenossen dafür über die berühmte Klinge springen zu lassen und sie lassen sich durch keine persönliche Niederlage davon abbringen, das zu erreichen, was sie als die große Bedeutung begreifen. Und selbst wenn sie um die Vergänglichkeit der humanen Welt wissen, lassen Sie von ihrem großen Unterfangen nicht ab.

Die Erklärung für diese unsinnige Verwegenheit liegt in etwas begründet, das unabhängig von der Determination der menschlichen Rasse und seiner historischen Verweildauer liegt. Es ist das innere Bild, das sich das Individuum von sich selbst macht. Gemäß der vorgegebenen Sozialisationsparameter stehen dort bestimmte Werte, die von Elternhaus, Umgebung und Schule vermittelt werden und die vielleicht auch bereits intrinsisch vorhanden sind. Dort steht allerdings weniger die Bedeutung als Kriterium der Abhebung von den anderen, doch das Gefühl, das in Situationen der Niederlage entsteht, weniger bedeuten zu können oder weniger Wert zu haben als andere, führt zu einer Traumatisierung, die in der Lage ist, Energien freizusetzen, die nicht mit dem, was immer auch erreicht wird, korrespondieren.

Dem Streben nach Bedeutung soll hier auf keinen Fall der Müßiggang der Besserwisser entgegengestellt werden. Diese Reaktion liegt vielen Vertretern der Erkenntnis der zum Teil pathologischen Bedeutungssucht nahe, aber es ist die falsche trotz richtiger Wahrnehmung. Bedeutungssucht als pathologisch zu beschreiben ist das Eine, das Desinteresse und die Faulheit als Medikation zu verschreiben das Andere, aber Falsche.

Das konstruktive Pendant zum Bedeutungssüchtigen, der ständig am ganz großen Rad dreht und dabei sein eigenes, profanes Leben verpasst, findet sich durchaus im realen Leben. Es sind diejenigen, die ihre Bestimmung darin sehen, etwas zu vollbringen, was sie sich vorgenommen haben und die die Mittel, die sie dazu benötigen, nach dem Aspekt des Nutzens und nicht der Bedeutung auswählen. Es sind genau die Gestalten, von denen der Volksmund sagt, dass sie verbunden sind mit der großen Masse, dass sie die Erdhaftung nicht verlieren, was immer sie auch Großartiges tun und die selbst in ihrem größten Erfolg mit einer Bescheidenheit daherkommen, die von den Bedeutungssüchtigen als grenzenlose Dummheit betrachtet würde. Denn wenn du Erfolg hast, so ihr Denken, dann musst du die Gunst der Stunde nutzen und dir für alle sichtbare Statussymbole geben lassen, sodass deine Bedeutung allen noch sichtbarer wird und nie verblasst.

Es geht also auch hier um die Frage, ob, bei aller Kurzfristigkeit der menschlichen Existenz, ein Streben nach persönlichem Ruhm das Movens ist oder der Wunsch nach Gelingen. Person oder Funktion, individuelle Bereicherung oder Entwicklung des sozialen Gefüges, trotz zeitlicher Begrenztheit der gesamten Wirkung. Ein Spiel, das nichts entscheidet und dennoch entscheidend ist, für das Glück des Augenblicks.

Die Zukunft begraben?

Geduld ist eine Größe, die von Individuum zu Individuum und von Gesellschaft zu Gesellschaft variiert. Und Geduld ist eine Qualität, die sich direkt aus dem Verhältnis der Handelnden zur Zeit bestimmen lässt. Wer keine Zeit hat, ist auch nicht geduldig und wer geduldig ist, der ist bereit, von seinem Zeitkontingent etwas herzugeben. Das Verhältnis von Geduld und Zeit hat sich mit dem, was allgemein das Entwicklungstempo genannt wird, dramatisch verändert. Gesellschaften, um genauer zu sein Ihre Geschäftsprozesse, sind schneller geworden. Heute existieren routinemäßige Untersuchungen über die Geschwindigkeiten von Gesellschaften. Genommen werden die wesentlichen Prozesse, die das Funktionieren einer Gesellschaft bestimmen und es wird gemessen, wie lange die jeweiligen Organe durchschnittlich brauchen, um deinen solchen Prozess abzuschließen. Das reicht von der Reisedauer zwischen Städten mit öffentlichen Verkehrsmitteln über die Herstellung und Verteilung von Grundnahrungsmitteln bis zu einem Gesetzgebungsverfahren.

Der Westen hat mit der Aufklärung für sich und den Rest der Welt eine Bewegung ins Leben gerufen, die vieles verändert hat, deren letztendliche Konsequenz aber noch nicht abzusehen ist. Die bürgerliche Revolution hat unter dem hier zu betrachtenden Aspekt zwei wesentliche Resultate gezeitigt. Sie hat mit der Öffnung der Gesellschaft für die Resultate der naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung die Tür zu Industrialisierung und Konkurrenz geöffnet und sie hat durch die Individualisierung die Entwicklungsdimension einer Gesellschaft auf die Lebenszeitbetrachtung einzelner Generationen reduziert. Beides trug zur Beschleunigung gesellschaftlicher Prozesse wie zu einer Reduzierung der Geduld bei.

Das westliche Individuum ist aufgrund dieser Entwicklung zu Überzeugungen gekommen, die nicht überall in der Welt und in anderen Kulturkreisen gegriffen haben. Die Erwartung, Freiheit und Glück in der eigenen Biographie erreichen zu können, hat in Anbetracht des eigenen Anteils zu einer Jagd geführt, die als Formulierung, dem Recht auf die Jagd nach Glück, sogar expressis verbis Eingang in die amerikanische Verfassung gefunden hat. Die Folge ist für die allgemeine, längere Perspektive der Gesellschaft fatal: aus Heroismus, der Bereitschaft des Individuums, sich für die Sache der Allgemeinheit aufzuopfern, wurde Hedonismus, in seiner heutigen Form Konsum und Luxus des Einzelnen im Jetzt. Auch für die Politik hat das Konsequenzen. Mit Zielrichtungen wie Nation oder Gerechtigkeit sind keine Wahlen mehr zu gewinnen. Es geht um Wohlstand und Sicherung.

In den so genannten kollektivistischen Gesellschaften, die mehrheitlich in Asien leben und allen voran China, hat diese Individualisierung nicht stattgefunden und dort spielt sie auch keine Rolle. Dort heißt es auch nicht Freiheit und Glück, sondern Reichtum und Glück. Wobei der Reichtum durchaus immaterieller Natur sein kann. Insgesamt weist der Kollektivismus ein anderes Verhältnis zu Zeit und Geduld auf. Der zeitliche wie geographische Horizont der Betrachtung ist weiter gefasst und die Bedeutung der einzelnen Teile bei der Betrachtung des Ganzen ist weitaus geringer als im Westen.

Als im Dezember 1997 das Handover von Hongkong zurück an China stattfand, hatten sich die Briten vorher vertraglich den Sonderstatus von Hongkong als Freihandels- und Rechtsraum von der Volksrepublik China für einen Zeitraum von 50 Jahren vertraglich zusichern lassen. Für westliche Verhältnisse schien das ein großer Zeitraum zu sein. Kürzlich erzählte mir ein Honkong-Chinese, 19 Jahre seien bereits verstrichen. Schauen wir mal, räsonierte er lächelnd und entspannt, was 2047 passieren wird. Eine Betrachtungsweise, die so im Westen gar nicht mehr stattfindet. Die Zukunft scheint begraben zu sein.

Koloniale Wirkungen

Nicht, dass die Völker, die unter dem kolonialen Joch gelitten haben, besonders nachtragend wären. Nein, für das, was sie in der Regel mit den europäischen Kolonisatoren erlebt haben, verhalten sie sich in der Regel äußerst moderat. Der Verweis, dass der Kolonialismus lange vorbei sei, hält einer ernsthaften Probe für die historische Version dieses Kolonialismus nicht stand. Die Zeiten, in denen die betroffenen Länder unter dem Regime einer europäischen Kolonialmacht standen, dauerten weitaus länger als die kurze Periode, die seit der Unabhängigkeit hinter ihnen liegt. Die gemeinsame Vergangenheit der meisten ehemaligen Kolonien bezieht sich auf mehrere Hundert Jahre und das Argument, sie seien mittlerweile lange genug unabhängig, um zu beweisen, dass sie es besser könnten, ist ein letztes Indiz für die nicht endende koloniale Arroganz.

In Anbetracht der Traumata, der strukturellen Veränderungen und physischen Ausbeutung haben viele der ehemaligen Kolonien in den letzten 50-70 Jahren erstaunliche Erfolge erzielt und Großartiges geleistet. In der Darstellung der ehemaligen Kolonisatoren ist dass jedoch alles nichts und nur ein weiterer Beweis für ihre substanzielle Unterlegenheit. Die Eliten seien zumeist korrupt, die alten Mängel wie die Unfähigkeit, Substanz zu erhalten und wirtschaftlich zu planen seien so aktuell wie eh und je und die Mentalität sei eine der modernen Gesellschaft nicht entsprechende.

Bei diesen Vorwürfen handelt es sich um die Erinnerung der Täter. Sie waren es, die das Mittel der Korruption installierten und jahrhundertelang einübten, um die kolonisierten Gesellschaften zu spalten, sie waren es, die über den gleichen Zeitraum wirtschaftliche Ausbeutung ohne die geringste Überlegung an strukturelle Schäden oder nachhaltige Entwicklung zu bemühen und sie waren es, die durch ihr brutales Regime eine Mentalität erzeugten, die von dem Trauma der Inferiorität und einem auf persönlicher Finesse beruhendem Überlebenswillen geprägt war.

Der Kolonialismus, der weltweit zu beklagen ist, bezieht sich auf den gesamten Erdball und er lässt sich nicht auf Europa als Kontinent der Urheber reduzieren. Auch die Araber kolonisierten in Südostasien und auch  Japan gab sich die zweifelhafte Ehre in China. Und auch heute wird kräftig kolonisiert, doch diese Betrachtung hat später zu folgen. Entscheidend ist die ungeheure Gravität, mit der das europäische koloniale Erbe bis heute die internationalen Beziehungen belastet. Und es ist an der Zeit sich klarzumachen, dass die aus dem heutigen Europa an die Welt gerichteten Appelle nichts fruchten und in der Regel das Gegenteil dessen bewirken, was sie zu bewirken suchen.

Um nur zwei Bespiele zu nennen: Wie verrückt ist es eigentlich, einem Land wie Indonesien, in dem 250 Millionen Menschen leben, dass eine Ost-West-Ausdehnung von 5.500 Kilometern hat und in dem ungefähr 200 Ethnien mit unterschiedlichen Sprachen leben, dessen Mehrheit Muslime sind, das aber Religionsfreiheit gewährt, das im nächsten Jahr seinen 70. Unabhängigkeitstag feiern wird und das vorher 300 Jahre durch die Niederländer durch ein ausgeklügeltes Korruptionssystem kolonisiert war, Korruption vorzuwerfen? Und wie seriös ist es, China, das in zwei Opiumkriegen nicht nur besiegt wurde, sondern dessen Bevölkerung systematisch, massenhaft und durch Anwendung von Gewalt in die Drogenabhängigkeit gezwungen wurde, von einer Säule Europas, dem Königreich von Großbritannien, gegen das das Drogenkartell von Medellin wie ein Kindergeburtstag wirkt, wenn diesem China heute vorgeworfen wird, es stelle sich aus niedrigen, ökonomischen Gründen gegen eine nachhaltige Entwicklung?

Wer die eigenen Taten vergisst, läuft nicht nur Gefahr, alte Fehler zu wiederholen. Zudem haben sich die Verhältnisse auf dem Globus geändert. Und zwar gewaltig.