Archiv der Kategorie: food for thought

Kopf und Bauch, Recht und Ethik

In der Wahrnehmung großer Teile der Bevölkerung existiert eine große Anzahl von Verhaltensmustern, die als normal gelten. Dabei handelt es sich um Referenzstücke, die aus dem eigenen Hause stammen und daher als durchaus nachvollziehbar gelten. Jeder Mensch kennt das. Mal ist es eine kleine Schwäche, die einen die eine oder andere Sünde begehen lässt, manchmal ist es berechtigter Zorn, der einen über die Stränge schlagen lässt und mal ist es Desinteresse, das zu fataler Passivität führt. Derartige Verhaltensmuster sind vertraut und sie werden in den Szenarien, die sich in der medialen Öffentlichkeit abspielen, als durchaus nachvollziehbar empfunden. Zwar wird ab und zu darüber räsoniert, ob nicht ein Mensch in einer exponierten Position etwas disziplinierter handeln müsse, aber im Großen und Ganzen hat die große Mehrheit Verständnis für menschliche Unzulänglichkeiten.

Anders verhält es sich bei Verhaltensmustern, die nicht der eigenen Erfahrung und damit der Nachvollziehbarkeit entsprechen. Da wird wesentlich kritischer hingeschaut. Wenn sich Menschen, die bereits in Wohlstand leben, immer weiter bereichern, und dann noch auf Kosten anderer. Oder wenn Menschen, die eine Machtposition inne haben, diese unablässig dazu nutzen, um andere, von ihnen Abhängige, zu demütigen und zu demoralisieren. Oder wenn Menschen, die ein Vertrauensmandat haben, dieses permanent mißbrauchen und darüber keine Auskunft geben. Das sind Muster, die nicht jedermanns Erfahrung entsprechen. Umso kritischer werden sie beäugt und wenn diese Muster immer wieder auftauchen, führt dieses zu einer andauernden Missstimmung in der Bevölkerung.

Das Interessante an dieser Beobachtung ist die Tatsache, dass es trotz der immer wieder und nicht zu Unrecht beklagten Misere in den klassischen Erziehungsinstitutionen dennoch einen Konsens darüber zu geben scheint, was man machen kann oder was nicht. Kürzlich erzählte mir ein aus Pakistan stammender Mann, dessen Familie hier irgendwann vor Urzeiten ankam und der längst und zurecht als deutscher Staatsbürger positive Werbung für dieses Gemeinwesen macht, dass es eigenartig sei, aber unabhängig von Ethnie oder Religion wisse jeder Mensch auf der Welt, was gut und was böse sei. Oder fast jeder, wie er mit einem Augenzwinkern zu verstehen gab. Diese Feststellung scheint zu greifen und sollte darüber zu denken geben, warum die Transition vieler in die Entscheidungselite diese Fähigkeit sukzessive zunichte macht.

Ein Schlüssel für das Dilemma zwischen Volksempfinden und dem Handeln vieler Mitglieder der Eliten scheint darin zu liegen, dass wir es mit einer ausgewachsenen Dichotomie, d.h. Teilung der Wahrnehmung und Beurteilung ein und des selben Gegenstandes, nämlich den des menschlichen Handelns, von zwei sich nicht unbedingt gegenseitig erklärenden Standpunkten aus zu tun haben. Während sich das Empfinden der Bevölkerung aus einer gefühlten Ethik speist, ist das Handeln der Eliten zumeist juristisch definiert. Das Denken in Rechtsbegriffen und der damit verbundenen Logik vermittelt eine Sicherheit, über die andere nicht verfügen. Es stellt sich nicht mehr die Frage, ob etwas lässlich ist, sondern nur, ob etwas rechtswidrig ist oder nicht. Nicht rechtswidrig zu handeln kann aber dennoch bedeuten, in hohem Maße unethisch zu sein.

Diese Empfindung geht den Eliten mit zunehmender Dauer immer mehr verloren und es ist kein Wunder, dass die Vorbildung zum Juristen immer mehr zu einer Zugangsvoraussetzung auch politischer Karrieren geworden ist. Diejenigen, die aus dem Bauch heraus wissen, was sich schickt und was nicht, weil sie eben aus der Masse kommen, wo der Satz noch gilt, diejenigen finden kaum noch Einlass in die Eliten. Die einen handeln rechtlich einwandfrei und die anderen fühlen sich moralisch betrogen.

Wann kommt der deutsche Trump?

Die Empörung ist groß. Immer, wenn der Name Donald Trump fällt, sind sich die Beobachter hierzulande schnell einig, dass diese Figur nicht nur ein Ärgernis darstellt. Nein, oft folgt im gleichen Atemzug die Äußerung, dass es sich bei diesem Gegenentwurf eines Politikers um ein typisches amerikanisches Dekadenzphänomen handelt. Einmal abgesehen von der Tatsache, dass Trumps Gegenkandidatin Hilary Clinton in diesem Vergleich viel zu gut wegkommt, denn ihre Vita beinhaltet vieles, was vor allem europäische Friedensfreunde in hohem Maße beunruhigen sollte, ist die Aussage mehr als blauäugig. Denn der bisherige Erfolg Donald Trumps kann auch als eine Warnung angesehen werden. Er ist ein Vorbote für einen dramatischen Wechsel im politischen Geschäft weltweit.

Die Globalisierung mit ihren heutigen Konnotationen ist eine Epoche, die exorbitant viel von denjenigen verlangt, die sie noch lesen und verstehen wollen. Die einstige Nationalstaatlichkeit hilft schon lange nicht mehr dabei, das zu verstehen, was jedermann betrifft. Längst reichen nationale Aktionen nicht mehr aus, um dem zu begegnen, was die Globalisierung bewegt. Ein Grund dafür ist die Assistenz vieler nationaler Politiken, dem Agieren der Global Player aus einem nationalen Interesse zu begegnen. Ohne Gegenwehr wurde die Ideologie des sich selbst regulierenden Marktes übernommen und der Untergang ganzer sozialer Klassen begünstigt. Das Gesetz der maximalen Verwertung bei Plünderung nationaler Ressourcen von Mensch bis Materie wurde flankiert von einem Defätismus bei der Beteiligung derer an den entstandenen lokalen Kosten, die als die Gewinner aus diesem Prozess herausgingen, hat zu einer Demontage vieler Gemeinwesen geführt. Letztere wären jedoch der letzte Garant bei der Regulierung der gesellschaftlichen Kosten, die durch die ungezügelte individuelle Bereicherung entstehen.

Monokausale Ansätze zur Erklärung der destruktiven Prozesse nützen nichts mehr, denn sie greifen zu kurz. Das Verständnis der Globalisierung setzt die Fähigkeit voraus, Komplexität zu erfassen, Interdependenzen zu erkennen und die Verhältnisse nach den konvergierenden oder sich entgegenstehenden Interessen zu strukturieren. Mit dieser Aufgabe sind viele überfordert. Flankiert wird diese wachsende Unfähigkeit, die von der Klasse der Politiker über die Gruppe vieler Wissenschaftler bis hin zu den Wählerinnen und Wählern reicht, durch eine atemberaubende Erosion von Bildung und Wissen. Die Globalisierung hat mit der Digitalisierung der Kommunikation ein Höllentempo der Informationsweitergabe geschaffen, das vermeintlich keine Zeit mehr lässt für die ruhig und kühl angelegte Analyse. Dass letztere auch in den Bildungsinstitutionen ad acta gelegt worden ist, macht die desolate Situation perfekt.

Was passiert, wenn die Menschen zwar täglich die ganze Wucht der Veränderungen zu spüren bekommen, aber nicht mehr in der Lage sind, zu erklären, warum das so ist und woher das kommt? Sie suchen nach schnellen Erklärungen, die Sicherheit zurückbringen. Diese Erklärungen sind jedoch zumeist falsch und treffen das Phänomen nicht, aber sie beruhigen die Emotion und führen zu der vermissten Sicherheit. Die Reduktion von Komplexität kann bei der Analyse der Phänomene zwar helfen, aber die Komplexität selbst bleibt davon unberührt. Wem das ob des eigenen Vorteils egal ist, der haut in diese Kerbe.

Donald Trump ist so einer und die amerikanische Gesellschaft auch. Auch sie hat gerade in den letzten zwanzig Jahren traumatische Erlebnisse hinter sich und sucht nach Sicherheiten. Das liegt in der Natur der Sache und es wird dazu kommen, dass analoge Erscheinungen auch in der deutschen Gesellschaft greifen werden. Der Reflex gegen eine Politik, die die harten sozialen Schläge gegen wachsende Minderheiten mit sich bringt und die Unfähigkeit, die multiple Kausalität zu lesen, wird auch hier Figuren dazu animieren, den Trump zu machen. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Systemrelevanz und Eigeninteresse

Der Begriff „System“ ist im Deutschen in hohem Maße kontaminiert. War es doch seit der klassischen deutschen Philosophie ein unbedingtes Muss, gleich ein ganzes, in sich abgestimmtes System begründen zu müssen, um sich der Anerkennung sicher zu sein. Spätestens seit den Tagen Kants und Schellings, Fichtes und Hegels ist es Pflicht, ein ganzes Haus der Erkenntnis zu bauen, auch wenn es nur um einen im Tageslauf winzigen Aspekt gehen mag. Das Momentum des großen Systems schwebt über allem und es gibt wahrscheinlich kaum ein Volk, das sich dem so verpflichtet fühlt wie die deutsche Kohorte, die bis in die entlegensten Winkel ihrer Bürokratie die Kohäsion des großen Systems spüren will. Nichts könnte dem angelsächsischen Pragmatismus ferner stehen als die Systemophilie der teutonischen Denker.

Eine kurze Episode gab es, da war dann alles anders. Da wurde die Demokratie als Staatsform mit dem Begriff System gleichgesetzt und die Kritik an diesem politischen Gebilde nannte sich fortan Systemkritik. Vieles an der Kritik, mal von rechts und mal von links geäußert, hatte sicherlich Substanz, nur ein Gegenmodell, das die Fehler aufhob, war nirgends zu sehen als in den Köpfen derer, die nicht wussten, was sie wollten, aber die sich sicher waren, was sie nicht wollten. Die nihilistische Prämisse der Systemkritik führte bekanntlich in die Katastrophe.

So ist es kein Wunder, dass seitdem der nahezu erotische Drang zum Gesamtsystem nur im Unterbewusstsein vieler Zeitgenossen existiert, während der offene, transparente Diskurs das Konstrukt neuer Systeme eher meidet. Und so kam es, dass mit der soziologischen Systemtheorie, die erst Jahrzehnte nach der Katastrophe den Versuch machte, das System als Ding in seiner Gesetzmäßigkeit zu analysieren, eine andere Disziplin erschien, die sich systemische Beratung nannte und therapeutischen Ursprung hatte.

Warum das alles? Weil es illustriert, dass das manische Streben nach Ganzheitlichkeit eine lange Tradition in diesem Land hat, dass das para-religiöse Verhältnis zum „System“ seine rationale Durchdringung verhindert, dass das metaphysische Verhältnis zum System in die Katastrophe führt, dass selbst destruktive Gebilde mit dem Signum der Systemrelevanz überleben und dass eine Regenerierung der Geschädigten nur in einem therapeutischen Rahmen geschehen kann. Das ist genug, um einen anderen Umgang mit „Systemen“ zu begründen.

Der berühmte Satz des chinesischen Reformers Deng Hsiao Ping, ihm sei egal, ob eine Katze schwarz oder weiß sei, Hauptsache, sie fange Mäuse, ist ein nahezu königliches Angebot des Pragmatismus, durch einfache Betrachtungsweisen das Seichte und Metaphysische der Systemrhetorik zu entzaubern. Analog dazu helfen die Fragetechniken, derer sich immer wieder Bertolt Brecht bediente, wenn er dem System der Herrschaft den Garaus machen wollte. Wer hat welches Interesse? Wem nützt es, wenn etwas ist, wie es ist? Wem geht es schlecht? Wer will nicht, dass sich die Verhältnisse ändern?

Das alles sind banale Fragen, aber ihre Banalität dokumentiert die noch größere Banalität des Systems, des schlechten Systems natürlich, denn es gibt auch gute. Das schlechte System kann nur aufrechterhalten werden mit ungeheurem Aufwand. Mit Aufwand der Steuerung, mit Aufwand von Kommunikation, mit Gewalt. Dem gegenüber steht die einfache, aber viel bestechendere Plattform der eigenen Interessen, die nicht belastet sind von Systemrationalität. Auf diese Interessen zu hören, hat etwas berauschend Befreiendes.