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Populismus und Prognose

Prognosen gehören zum Alltag wie das Frühstück. Je mehr die Welt eine ist, die sich in ihren Erklärungsmustern auf Zahlen beruft, desto größer das Bedürfnis, aus dem Besitz der Zahlen die Zukunft zu lesen. Auch das ist Dialektik der Aufklärung. Zählen, Wiegen und Messen, um dann den Himmel zu deuten. Es beginnt mit einfacher Physik und Mathematik und endet bei Dreispitz und Messingfernrohr, manchmal auch bei der türkis- und rosafarbenen Kugel. Nur schade, dass diejenigen, die heute für das Prognostische zuständig sind, ihre allein optische Abenteuerlichkeit verloren haben. Wie graue oder blaue Mäuse schreiten sie durch die kalten Räume der Pseudowissenschaft, um einen Eindruck zu suggerieren, der ihrem Gewerbe gar nicht entspricht, nämlich den der Seriosität. Und angesichts dessen, was sie in der Regel vollbringen, kommt die Sehnsucht auf nach denen, die aus dem Handwerk noch ein aufregendes Mysterium machten, die verschrobenen Spökenkieker, die nach Mist und Fusel rochen und bei rauchender Pfeife in den Himmel starrten.

In dem aus dem Griechischen stammenden Begriff der Prognose steckt die Silbe, die das zeitliche „vor“ beschreibt und Gnosis, das Wissen. Das ist Hinweis genug, dass es um etwas Seriöses gehen sollte. Vorwissen ist nichts Spekulatives, sondern etwas, dass auf Fakten basiert und sich relativ leicht als Muster für die Zukunft ausmachen lässt. Dass das nicht immer so funktionieren kann, liegt in großem Maße daran, dass sich die Gilde der Prognostiker nicht auf das beschränkt, was hinsichtlich dieser Vorgabe geleistet werden kann, sondern selbst die komplexesten Fragen einer Prognose unterzieht und damit genau das tut, was eine Prognose nicht sollte: spekulieren.

Das Spekulieren der Prognostiker hat etwas mit ihrer eigenen Eitelkeit und ihrem auf dem Markt zu erzielenden Preisvorstellungen zu tun, es liefe jedoch ins Leere, wenn nicht ein Publikum vorhanden wäre, das alles gäbe, wenn es wüßte, wie es kommt. Das fängt bei denen an, die gerne an der Börse spielen, zu denen auch die Kleinen gehören, es geht über die Politiker, die gerne wüßten, ob sie in diesem Beruf bleiben können und es geht bis zu denen, die es kulturell nicht mehr aushalten, ohne eine Vorstellung von dem, was kommt. Und die Zahl derer, die zu letzteren gezählt werden können, ist mit Abstand die größte.

Die emotionale Unfähigkeit, ohne das Wissen um die Zukunft leben zu müssen, ist ein Symptom für einen gewaltigen Verlust, einen tatsächlich kulturellen Verlust. Es resultiert aus dem Ausbleiben von Sinn, von Selbstvertrauen und von innerer Festigkeit in Bezug auf die eigene Existenz. Auch wenn die Gewissheit, dass alles im Fluss ist, nie so ausgeprägt war wie heute, im Temporausch der digitalen Globalisierung, das Fehlen eines Trost spendenden Glaubens oder einer alles erklärenden Ideologie treibt die an sich und den Zuständen Leidenden in den Hafen derer, die ein sicheres Bild von der Zukunft versprechen. Ganze Institute sind entstanden, die sich damit beschäftigen, wie aus dem Zählbaren der Gegenwart die Zukunft lesen lässt. Dass ihnen das in der Regel nicht gelingt, hat mit dem Bedürfnis danach wenig zu tun.

Als Instrument, menschliches Verhalten mit manipulierten und frisierten Vorstellungen über die Zukunft lenken zu können, eignen sich die Institute für Prognostik jedoch. Gerade bei Wahlen zeigt sich das immer wieder. Wenn über Gefahren gesprochen wird, wie sie aus der Turbulenz der Gegenwart entstehen können, dann muss mit dem abgegriffenen und unscharfen Begriff des Populismus auch der der Prognose fallen. Denn die Art von Prognose, wie sie vermarktet wird, ist ein fester Bestandteil des Populismus.

Living in the Past

Das mit der Modernität ist so eine Sache. Unzählige Definitionen konkurrieren miteinander und es könnte gegensätzlicher nicht zugehen. Fest steht, dass mit der Moderne die Bewertung derselben einherging. Diejenigen, die von der rasanten Entwicklung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, der Allzugänglichkeit von Wissen und der Gewerbefreiheit profitierten, interpretierten die Moderne als das Endziel der Gattung, und diejenigen, die Privilegien verloren oder der messerscharfen Konkurrenz nicht standhalten konnten, verfluchten sie von Anfang an. Seit langem, spätestens seit dem, was Adorno und Horkheimer in ihrer Schrift „Die Dialektik der Aufklärung“ benannt hatten, gilt die Moderne als eine bereits historische Epoche, die potenziell Grausames wie Befreiendes hervorbringen konnte und die vorbei ist. Was wir heute durchleben, ist zwar noch umstritten, aber die Moderne mit ihrer großen Erlösungsbotschaft ist es nicht mehr, aber modern, so das gemeinsame Urteil aller, modern sind die Zeiten immer noch.

Ja, es ist widersprüchlich, und ja, an dem Begriff der Modernität scheiden sich immer noch die Geister. Für die einen ist es eher eine Denkweise, die sich in den radikalen, aber toleranten Kategorien der Aufklärung bewegt. Für die andern ist es die sich ständig revolutionierende Technik, die mit ihren Halbwertzeiten atemberaubende Erneuerungen mit sich bringt. Fest steht, dass zu viel polarisiert wird, und das Maß zwischen technischer Machbarkeit und Vernunft eine zu geringe Rolle spielt. Der Mensch in der Moderne an sich ist ein überfordertes Rudiment aus dem Dreißigjährigen Krieg, das sich anmaßt, mit elaborierter Technik Prozesse steuern zu können, deren Ende offen ist. Die Offenheit wiederum hält es nicht aus, deshalb wird aus der Steuerung noch ein besonderes Desaster.

Aber die Aporien der Moderne sind bekannt, und es wird noch vieler Erfahrungen und glücklicher Umstände bedürfen, um sie und ihre Folgeperioden vernünftig beurteilen zu können. Was jedoch heute bereits gelingt, sind bestimmte diagnostische Versuche auf bestimmte konkrete Erscheinungen. So schnell, wie die Technik entwickelt wird und diese auf die konkreten Lebens- und Arbeitsumstände wirkt, genauso schnell werden Theorien geboren, die die Menschen auf die konkreten Existenzbedingungen einschwören sollen. Vor allem die Managementtheorien sind ein unerschöpflicher Fundus für Erkenntnisse über das Verhältnis von Produktionsbedingungen zu den in ihnen zu beobachtenden menschlichen Unzulänglichkeiten.

Als versucht wurde, durch Regulierung und Bürokratisierung der Dynamik Herr zu werden, kam der Zeigefinger mit der Propagierung des Lean Management, als zu sehen war, dass die wachsende Komplexität der Prozesse dazu führte, die partikularen Interessen in den Vordergrund zu schieben und eine Eigendynamik zu entwickeln, wurde mit dem Management By Objectives daran gemahnt, die Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Ein ganzer Wald von Theorien durchzieht die jüngere Geschichte, und alle beschreiben eher die Defizite, an denen die Entwicklung leidet, als dass sie analytisch eine Lösung böten. Sie wirken eher wie Appelle an die Vernunft, als Konzepte für ein anderes Vorgehen.

Der Appell, der momentan als jüngste Theorie durch die Werkshallen, Büros und Labors hallt, ist der der Agilität. Und wenn ein Theorem diagnostischen Charakter hat, dann ist es dieses. Es appelliert an die Beteiligten, durch Aktivität und Impulsivität die Arbeit zu bereichern und die Prozesse voran zu treiben. Wenn so etwas gefordert wird, dann scheint es nicht mehr präsent zu sein. Das ist der eigentliche Befund. Produktive Prozesse erfordern prinzipiell agile Subjekte, sonst sind sie nicht produktiv. Aber die zur Theorie erhobene Tautologie macht deutlich, dass die Konstellationen eher so sind, dass die Subjekte zu sehr dominiert werden von Faktoren, die menschliche Kreativität unmöglich machen. Und das wäre alarmierend.

Sprachverwirrung: Kontext oder Bedeutung?

Wichtig ist, sich von der Illusion zu befreien, irgendwie würde alles schlechter. Der Gedanke, der häufig in den Diskussionen um die Gegenwart und die Gestaltung der Zukunft auftaucht, beinhaltet eine Unterstellung, die so nicht zu halten ist. Sie spielt mit der These, früher sei alles besser gewesen. Dass dem nicht so ist, wissen alle, denn sonst hätte es keine Triebfeder für die Veränderung gegeben. Richtig scheint vielleicht eine weniger optimistische, dem gegenwärtigen Verlauf aber vielleicht gerechter werdende These zu sein, die besagt, dass es zwar nicht besser, aber anders werde. Und ich möchte an dieser Stelle nicht auf die Geschichte an sich eingehen, denn das wäre vermessen, und auch nicht auf die politischen Entwicklungen auf unseren Breitengraden, denn da träfe die These nicht zu, weil es momentan schlechter wird, aber vielleicht auf das Phänomen der Kommunikation. Keine Angst, es geht um nichts Abstraktes, sondern die Sprache.

Es fällt auf, dass die benutzte Sprache mit der Interaktionsgeschwindigkeit, die die Digitalisierung mit sich bringt, eine Veränderung in ihrer Nutzung wie Formung erfährt und erfahren hat. Das zu benutzende Wort wird in großer Geschwindigkeit aus dem Vokabular entnommen und in den Äther geschleudert. Dort wird es wie eine flüchtige Erscheinung aufgenommen und es erfährt eine Erwiderung, die ebenso schnell und sphärisch ist. Das, was dabei verloren geht, ist die Bedachtheit wie die Bedächtigkeit. Beides hat bei der Auswahl und Wahl von Sprache eine immense Bedeutung. Sprache verliert so an Macht, und, bei den Nutzern, in vielerlei Hinsicht auch an Bedeutung. Das Resultat ist, dass der Sinn eines Wortes und einer Aussage nicht mehr in der eigenen Bedeutung, sondern in dem am häufigsten benutzten Kontext rekonstruiert wird. Das hat Folgen.

Prekär kann es werden, wenn sich Menschen, die die Sprache aus diesen unterschiedlichen Kulturen entnehmen, sich unterhalten wollen. Das geht eigentlich kaum noch, weil die Bedeutung der Worte nicht mehr gleich ist und ein semantischer Austausch mehr zur Verwirrung als zur Klärung führt. Um die These zu untermauern, hier ein aktuelles Beispiel:

In einem Text auf dieser Seite war die von mir wiederholt vertretene These zu lesen, dass der Erfolg die Mutter der Motivation sei. Ich bin bei der Formulierung dem gefolgt, was in der Etymologie, der Geschichte der Wortbedeutung, das Adäquate ist. Erfolg kommt von erfolgen, d.h. bei einem Erfolg handelt es sich um ein Ergebnis von irgend etwas. Und in dem Substantiv Motivation steckt die Urform Motiv. Lapidar und dennoch treffend ausgedrückt bedeutet Motivation schlichtweg, über ein Motiv zu verfügen. Ein Mensch, und so ist die These gemeint, der etwas probiert und dabei ein Ergebnis erzielt, hat ein Motiv, in seiner Aktivität fortzufahren. Wenn die Aktivität in eine Übung mündet, handelt es sich dabei sogar um den Prozess des Erlernens.

Die Kritiker der These, dass ein positives Ergebnis das Motiv zum Weitermachen liefert, beriefen sich bei den entscheidenden Begriffen auf den allgemein üblichen Kontext der Nutzung dieser Wörter. Erfolg deuteten sie als Glanz und Glitter, sowie monetären Reichtum. Und Motivation war ein Synonym für den eher therapeutischen Versuch, Menschen zu bestimmten Aktivitäten zu ermutigen. Beide Begriffsnutzungen korrelieren nicht miteinander, deshalb führte der Diskurs zu einer Irritation. Es lohnt, sich die Ursachen klar zu machen. Aber die unterschiedliche Nutzung von Sprache sollte bewusster wahrgenommen und thematisiert werden.