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In der Arena des gesellschaftlichen Diskurses

Nicht, dass alles entspannt wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Die Auflistung der Irrungen, Wirrungen und Verwerfungen ist lang. Das, was lange Zeit als geordnete Verhältnisse bezeichnet werden konnte, gehört längst der Vergangenheit an, obwohl auch das immer eine Frage des besonderen Blickwinkels ist. Der Blick auf die Welt hat immer etwas mit den eigenen Interessen und Befindlichkeiten zu tun. Manchmal wirken Geschehnisse aus anderen Teilen der Welt als nicht sonderlich interessant, manchmal erregen sie die Gemüter. Es fragt sich, wie das kommt. Vieles hängt damit zusammen, wie man es erfährt. Jetzt, zum Beispiel, im Falle Aleppos, tobt ein Sturm der Entrüstung, der verständlich ist, weil organisiert herbei geführtes menschliches Leid immer eine Tragödie ist. Aber, warum hinterlässt das Drama, das sich gleichzeitig im Jemen abspielt, eine Arktis der emotionalen Kälte? Ja, es sind immer die Interessen, die dabei eine Rolle spielen. Fragt sich nur, wessen Interessen es sind, die dazu aufrufen, im einen Fall medial zu mobilisieren und im anderen die Nachrichtensperre zu verhängen.

Die deutsche Gesellschaft befindet sich an einer Wegmarke. Vieles, was als geregelt galt, ist ins Wanken geraten. Das bestürzt viele, es beinhaltet auch Chancen. Manches spricht dafür, dass ein „Weiter so!“ in eine Katastrophe führen kann. Die Befindlichkeit in diesem Land orientiert sich sehr an dem Begriff der Stabilität. Sie ist es, die nicht mehr existiert. Sie existiert in den meisten Ländern dieser Welt schon lange nicht mehr. Überall, egal in welchem Winkel, macht sich die Beschleunigung breit. Die Beschleunigung durch Technik, die Beschleunigung von Verfahren und die Beschleunigung der Vergänglichkeit. Da ist es ratsam, sich gut zu überlegen, wie damit umgegangen werden soll, wenn nicht das Gefühl entstehen soll, getrieben zu sein.

In einer Zeit, in der sich der herrschende Geist als so weit entwickelt wie nie wähnt, ist es schon enthüllend, wenn plötzlich aus dem Fortschreiten der Weltbewegung so etwas wie Ratlosigkeit resultiert. Da kann etwas nicht stimmen. Und, diese These sei erlaubt, die Ratlosigkeit, die existiert, kommt aus dem Größenwahn, der im Rausch des Tempos entstanden ist. Er hat es zu einer bequemen Erscheinung gemacht, nicht mehr zu reflektieren, was eigentlich vor sich geht. Woher kommen die Impulse, was bezwecken sie und in welchem Verhältnis stehen diejenigen zu der erzeugten Energie, die davon betroffen sind? In einer Zeit, in der sich Feuilletonisten ohne Massenprotest selbst zu Philosophen erklären, ist es nicht verwunderlich, dass große Menschenmassen in der Orientierungslosigkeit versinken, ohne das die Hoffnung aus Abhilfe existierte.

Die in Stein gemeißelten Fragen einer jeden Philosophie, die sich drehen um so Schlichtes wie „wer sind wir?, wohin wollen wir?, was ist der Zweck unseres Handelns?, und welchen Werten folgen wir?“, sie sind kollektiv ausgeblendet, weil sie Elementares ans Tageslicht fördern. Ihre Erörterung würde dazu führen, vieles, das vor sich geht, in einem anderen Licht zu sehen und die Triebkräfte der Veränderung kritisch unter die Lupe zu nehmen. Letztendlich würde sich erweisen, dass wir uns in dem größten Prozess der Entmündigung befinden, der jemals stattgefunden hat. Und er nimmt seine Bahn, und das ist das Phänomen, ohne dass es denn meisten bewusst wäre, dass es so ist. Dieser Prozess kommt ohne Waffengewalt daher, und das kann er, weil kein kollektives Bewusstsein gegen ihn steht. Der klare Verstand, der sich selbst versichert, dass es in der Geschichte immer ein Subjekt und ein Objekt gibt, dieser klare Verstand ist es, der zurück geholt werden muss in die Arena des gesellschaftlichen Diskurses.

Nichts ist von Dauer

Empedokles, der damals große Denker in der Neuen Welt Sizilien, wohin die unruhigen Geister aus Griechenland zogen, brachte die Aporie der menschlichen Existenz lapidar, aber treffend auf den Punkt. Nach der Befindlichkeit seiner Mitbürger zu Agrigent befragt, antwortete er, sie bauten, als wollten sie ewig leben und sie äßen, als müssten sie morgen sterben. Besser kann der unausweichliche Widerspruch nicht charakterisiert werden. Nicht jede Gesellschaft löst die Frage so vortrefflich wie die Menschen aus Agrigent, aber sie scheinen nicht nur lebensfreudig und sich dennoch des Todes bewusst, sondern auch klug gewesen zu sein.

Der Wunsch, für die Ewigkeit zu bauen, ist ein Appell an die Verantwortung einzelner Generationen gegenüber der Spezies selbst. Und da taucht schnell die Frage auf, was denn die Substanz und Form für die Ewigkeit ist. An der Schwelle von der Antike zur Neuzeit waren es Gebäude und zunehmend Infrastruktur, beides ist aus dieser Zeit zum Teil noch zu bewundern, und im Vergleich zu heutigen Halbwertzeiten ist vieles von dem tatsächlich für die Ewigkeit entstanden.

Obwohl der Begriff aus den selben Zeiten entlehnt ist, als Empedokles und seines Gleichen die menschliche Existenz zu entschlüsseln drohten, beschreibt er ein Massenphänomen unserer Tage. Hedonisten, von Vereinfachern auch gerne Hedoniker genannt, beschreiben Individuen, die sich in erster Linie durch den Konsum definieren. Das muss nicht teueres Gut sein, was sie da verbrennen, aber es muss eben passiv verbraucht werden. Der Hedonismus ist das Resultat der Massenproduktion und Konsumgesellschaft und er lässt sich auch als eine Passivisierung des Individuums beschreiben. Passiv deshalb, weil Hedonisten ihrerseits kaum noch Produktives zur gesellschaftlichen Entwicklung beitragen.

Der Diskurs, der von Wirtschaftsliberalisten so gerne unter der Überschrift der schwarzen Null geführt wird, beruft sich ausdrücklich auf künftige Generationen und das, was wir, die Lebenden, ihnen überlassen werden. Das Hört sich sehr verantwortungsvoll an, entpuppt sich bei näherer Betrachtung jedoch als eines der profundesten Betrugsmanöver gegenwärtiger politischer Argumentation. Bilanzen sind das Letzte, was für die Ewigkeit bestimmt ist. Bei ihnen handelt es sich um Momentaufnahmen der Liquidität, die nichts, aber auch gar nichts über die Zukunft aussagen. Die Täuschung über die Generationenverantwortlichkeit gipfelt in dem Manöver, unter dem Vorwand der schwarzen Null Investitionen in Schulen, Bildung und Infrastruktur zu unterlassen.

Und das ist die Frage, die alle, die von der Maxime der Hinterlassenschaft sprechen, tatsächlich bewegen sollte: Was ist es, das ein Beitrag für die Ewigkeit sein könnte? Es wären tatsächlich Schulen, die durch ihre Architektur die Phantasie anregen, die von der Substanz Bestand haben und die als öffentlicher Raum eine Funktion haben. Es wären Bibliotheken, die moderne Arbeitsbedingungen aufweisen und in denen sich die Menschen gerne treffen, es wären Musikhäuser, die die Seele und das Empfinden inspirieren und zu einem Diskurs über das Schöne anregen und es wären Sportstätten, die dazu einladen, sich einfach nur zu bewegen oder sich um eines Zieles willen zu verausgaben. Es gäbe noch vieles, was sich sagen ließe, über eine ganz bescheidene Vorstellung von Ewigkeit.

Die zeitgenössische Menschheit vegetiert auch in ihren Diskursen am Rande der Selbstaufgabe. Unter den Maximen primitiver Gewinnideologien wird ins Unterbewusstsein das dumpfe Gefühl gesprüht, dass nichts von Dauer sei. Raub den Menschen die Zukunft, und du hast sie sehr schnell im Stadium der Barbarei.

Populismus und Prognose

Prognosen gehören zum Alltag wie das Frühstück. Je mehr die Welt eine ist, die sich in ihren Erklärungsmustern auf Zahlen beruft, desto größer das Bedürfnis, aus dem Besitz der Zahlen die Zukunft zu lesen. Auch das ist Dialektik der Aufklärung. Zählen, Wiegen und Messen, um dann den Himmel zu deuten. Es beginnt mit einfacher Physik und Mathematik und endet bei Dreispitz und Messingfernrohr, manchmal auch bei der türkis- und rosafarbenen Kugel. Nur schade, dass diejenigen, die heute für das Prognostische zuständig sind, ihre allein optische Abenteuerlichkeit verloren haben. Wie graue oder blaue Mäuse schreiten sie durch die kalten Räume der Pseudowissenschaft, um einen Eindruck zu suggerieren, der ihrem Gewerbe gar nicht entspricht, nämlich den der Seriosität. Und angesichts dessen, was sie in der Regel vollbringen, kommt die Sehnsucht auf nach denen, die aus dem Handwerk noch ein aufregendes Mysterium machten, die verschrobenen Spökenkieker, die nach Mist und Fusel rochen und bei rauchender Pfeife in den Himmel starrten.

In dem aus dem Griechischen stammenden Begriff der Prognose steckt die Silbe, die das zeitliche „vor“ beschreibt und Gnosis, das Wissen. Das ist Hinweis genug, dass es um etwas Seriöses gehen sollte. Vorwissen ist nichts Spekulatives, sondern etwas, dass auf Fakten basiert und sich relativ leicht als Muster für die Zukunft ausmachen lässt. Dass das nicht immer so funktionieren kann, liegt in großem Maße daran, dass sich die Gilde der Prognostiker nicht auf das beschränkt, was hinsichtlich dieser Vorgabe geleistet werden kann, sondern selbst die komplexesten Fragen einer Prognose unterzieht und damit genau das tut, was eine Prognose nicht sollte: spekulieren.

Das Spekulieren der Prognostiker hat etwas mit ihrer eigenen Eitelkeit und ihrem auf dem Markt zu erzielenden Preisvorstellungen zu tun, es liefe jedoch ins Leere, wenn nicht ein Publikum vorhanden wäre, das alles gäbe, wenn es wüßte, wie es kommt. Das fängt bei denen an, die gerne an der Börse spielen, zu denen auch die Kleinen gehören, es geht über die Politiker, die gerne wüßten, ob sie in diesem Beruf bleiben können und es geht bis zu denen, die es kulturell nicht mehr aushalten, ohne eine Vorstellung von dem, was kommt. Und die Zahl derer, die zu letzteren gezählt werden können, ist mit Abstand die größte.

Die emotionale Unfähigkeit, ohne das Wissen um die Zukunft leben zu müssen, ist ein Symptom für einen gewaltigen Verlust, einen tatsächlich kulturellen Verlust. Es resultiert aus dem Ausbleiben von Sinn, von Selbstvertrauen und von innerer Festigkeit in Bezug auf die eigene Existenz. Auch wenn die Gewissheit, dass alles im Fluss ist, nie so ausgeprägt war wie heute, im Temporausch der digitalen Globalisierung, das Fehlen eines Trost spendenden Glaubens oder einer alles erklärenden Ideologie treibt die an sich und den Zuständen Leidenden in den Hafen derer, die ein sicheres Bild von der Zukunft versprechen. Ganze Institute sind entstanden, die sich damit beschäftigen, wie aus dem Zählbaren der Gegenwart die Zukunft lesen lässt. Dass ihnen das in der Regel nicht gelingt, hat mit dem Bedürfnis danach wenig zu tun.

Als Instrument, menschliches Verhalten mit manipulierten und frisierten Vorstellungen über die Zukunft lenken zu können, eignen sich die Institute für Prognostik jedoch. Gerade bei Wahlen zeigt sich das immer wieder. Wenn über Gefahren gesprochen wird, wie sie aus der Turbulenz der Gegenwart entstehen können, dann muss mit dem abgegriffenen und unscharfen Begriff des Populismus auch der der Prognose fallen. Denn die Art von Prognose, wie sie vermarktet wird, ist ein fester Bestandteil des Populismus.