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Weder Brot noch Moral

Bereits in der von Martin Luther ins Deutsche übersetzten Bibel steht der weise Satz: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Es geht um eine existenzielle Frage. Es geht darum, dass es jenseits der materiellen Bedürfnisbefriedigung noch etwas geben muss, dass sich diese eigenartige, durch soziale, spirituelle und kulturelle Attribute von andern unterscheidende Spezies, noch nach etwas sucht, das über die Sicherung der Existenz hinaus geht.

Im Gegensatz zu dem Bibel-Zitat steht bei Bertolt Brecht, einem ebenso brutalen Aufklärer wie Luther, der nur einige Hundert Jahre später lebte: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Ebenso auf den Punkt gebracht, dokumentiert es, quasi als Antwort und Antipode auf das erste Zitat, dass es eine Wirklichkeit gibt, die die Lust auf Kultur und Spirituelles als eine weltfremde Begierde darstellt, solange das rein Existenzielle, das materiell Erforderliche, nicht zur Verfügung steht. Die Welt, der es an Wertschöpfung zu Zeiten der Bibelformulierung wesentlich schlechter ging als zu Zeiten des Brecht-Zitats, hatte sich verändert. Je reicher sie wurde, desto weniger Menschen waren in der Lage das zu befriedigen, was als die Grundbedürfnisse erklärt werden.

Man kann es auch drastisch formulieren: Je reicher die Welt wurde, desto mehr nahm, zumindest subjektiv, die Garantie für das rein Existenzielle ab und desto geringer wurde der Wunsch nach Kultur. Das ist Holzschnitt, aber als Arbeitsthese muss es nun herhalten.

Die großen Epochen, in die die Geschichte aufgeteilt werden kann, sie hatten ihre Vision, die sie auch in sozialer, spiritueller, kultureller Form zum Ausdruck brachten. Erst als Vision, dann als zumeist etwas anders umgestaltete Realität. Das war das römische Imperium, das waren die großen Kolonialreiche, und bei beidem ging es um Weltherrschaft, das waren aber auch Gegenbewegungen wie die Renaissance oder die Romantik, in denen ein kritischer Reflex auf das Expansive und Materielle erfolgte, und das war natürlich die bürgerliche Revolution. Alle besagten Epochen hinterließen in der Realität wie im kollektiven Gedächtnis die Manifestationen ihrer Ideen in Form von Architektur, von gegenständlicher Kunst, in Form von Literatur und in Form von Religion und Philosophie.

Zurück zu den zwei Zitaten. Die gegenwärtig beschriebene Phase der Globalisierung, bei der es eindeutig um den Kampf um eine neue Weltherrschaft geht, entweder der Bestätigung der alten, vertreten durch die USA, oder der der neuen, vielleicht durch China, stellt sich die Frage, wie es bestellt ist um die Sicherung des Existenziellen und den Wunsch nach Kulturellem. Hat die Epoche der finanzkapitalistischen, imperialen Globalisierung außer einer potenzierten weltweiten Wertschöpfung so viel Wohlstand in die Fläche gebracht, dass das Fressen gesichert und Zeit für Moral wäre? Und erheben sich von überall her Stimmen, die danach riefen, sie hätten auch noch etwas anderes im Sinn als volle Bäuche?

Die Antworten liegen auf der Hand und sie lassen das zutage treten, was die Misere unserer Zeit zum Ausdruck bringt: Das Missverhältnis zwischen Reichtum und allgemeinem Wohlbefinden war noch nie so groß wie heute. Und die kulturelle Öde, in der eine hoch technisierte und digitalisierte Welt dahinvegetiert, könnte nicht größer sein. Es sind nicht nur, im Weltmaßstab, denn kein anderer kann an die Epoche der Globalisierung angelegt werden, so viele leere Bäuche wie nie zu verzeichnen, diese leeren Bäuche korrelieren mit einer gleich großen Anzahl leerer Hirne. Die Globalisierung ist ein Tiefpunkt der Gattungsgeschichte.

Das Absingen schmutziger Lieder aus der Ferne

Marshall McLuhans zentrale Botschaft sei noch einmal auf den Prüfstand gelegt: Das Medium ist die Botschaft! Vieles spricht dafür und wenn dem so ist, dann trifft das genauso auf die sozialen Medien zu. Die Faszination, die sie ausüben, ist die nahezu banale Bedienung und die Überwindung von Raum und Zeit. So können nicht nur tatsächliche, sozial unmittelbar entstandene Kontakte gehalten und gepflegt, sondern auch zufällige, artifizielle Beziehungen hergestellt werden. Plötzlich sind die einzelnen Teilnehmer nicht mehr angewiesen auf die Möglichkeiten wie Barrieren einer direkten Begegnung. Ein feuchter Händedruck, olfaktorische Penetranz, ein unsicher Blick oder eine quäkende Stimme, das alles belastet nicht mehr bei der Kontaktaufnahme und es verlangt ganz andere Fähigkeiten, die eine oder andere individuelle Malaise in der virtuellen Welt zu dechiffrieren.

Das Eigentliche, worüber jedoch reflektiert werden muss, das ist die Reduktion der sozialen Komplexität, die das soziale Medium herstellt. Da geht es schlicht um binäre Entscheidungen über Profanes. Mögen oder Nicht-Mögen. Da stellt jemand ein Bild von einem Essen auf seinen Account, und schon reagieren die Freundinnen und Freunde darauf mit einem Mögen oder Nicht-Mögen. Im direkten sozialen Kontakt wäre eine solche Disposition zweifelhaft. Wer fragt schon, wenn ihm sein Essen serviert wird, die sich in der Nähe befindlichen Menschen, ob ihnen das gefällt, was er auf dem Teller hat? Zumindest würden einige Umstehende ihr Befremden zum Ausdruck bringen. Die Reihe lässt sich fortsetzen, zum Beispiel das Posten von Selfies. In der direkten sozialen Konfrontation wäre das Risiko, eine Debatte über die eigene Eitelkeit auszulösen, viel zu groß.

Doch die eigentliche Veränderung, die durch die sozialen Medien erfolgt, ist die Veränderung des Diskurses in eine Abfrage reflexartiger Zustimmung oder Ablehnung. Durch die Reduktion von Komplexität auf Mögen oder Nicht-Mögen verschwindet die Auseinandersetzung um komplexere Lebensperspektiven nicht nur aus den Köpfen, sondern es sinkt auch die Fähigkeit, dieses zu tun. Diejenigen, die mit den sozialen Medien, deren Fähigkeit, die einzelnen Mitglieder mikroskopisch auszuspionieren hier nicht betrachtet werden soll, aufwachsen, haben in einem echten Dialog, der nicht nur aus einem sozialen Konsens besteht, keine Chance. Wer die Möglichkeit des Widerstandes gegen die eigene Meinung oder den eigenen Standpunkt nicht kennt, der hat auch nicht gelernt, um ein Thema in verschiedenen Variationen zu kreisen, die Perspektive zu verändern und, das wohl wichtigste, sozialem Druck standzuhalten.

Die sozialen Medien sollen damit nicht verdammt werden. Sie sind nicht mehr wegzudenken. Aber sie sollten mit ihrer verheerenden Wirkung auf die Diskursfähigkeit der ganzen Gesellschaft nicht unterschätzt werden. Ein Indiz für die Unterlassung kritischer Sicht und die Ergreifung notwendiger Maßnahmen dagegen ist das tatsächliche Schwinden kontroverser Betrachtungen. Genauer gesagt, die unterschiedlichen Standpunkte verschwinden nicht, aber die Fähigkeit, sich in einer harten, aber sozial akzeptablen Form darüber auseinanderzusetzen. Mit der Abnahme der Fähigkeit, sich sozialem Druck zu stellen und die eigenen Motive freizulegen und offen zu verteidigen, ist die Fähigkeit der Diskreditierung und Diffamierung gestiegen. Um es deutlich auszudrücken: Das Absingen der berühmten schmutzigen Lieder aus der Ferne ist der neue Weltsport geworden, während der Streit mit dem vis-a-vis kaum noch beherrscht wird. Das gilt im Privaten wie in der Öffentlichkeit, das betrifft den berühmten kleinen Mann wie den Amtsträger. Und das wirkt schlimmer als militärisches Equipment. Das kommt zur Geltung, wenn der Diskurs misslungen ist.

Sartres Diktum

In Zeiten, in denen Welten und Weltbilder ins Wanken geraten, ist es ein guter Hinweis, sich der Tatsache bewusst zu werden, dass die Welt auch im Detail zu finden ist. Ohne am großen Rad drehen zu müssen, können Erkenntnisse durch die Analyse des Profanen gewonnen werden. Und das Profane, da machen wir uns selbst nichts vor, das Profane sind auch wir. Und es es lässt sich nicht bestreiten, dass Zeiten, aus denen ersichtlich wird, dass sie sich überlebt haben, auch an einem Geist gescheitert sind, der sie lange Zeit getragen hat.

In einer solchen Situation seien theoretisch-analytische Betrachtungen empfohlen, die nicht den Schlüssel zum Weltgeschehen in einem verborgenen Großen, wie etwa einem Demiurg oder Weltgeist suchen, sondern die die Individuen ihrer Zeit genau beobachten und daraus ihre Schlüsse zogen. Einer, der dies gemacht hat und zudem, zu aller Abstraktionsfähigkeit noch die Gabe mitbrachte, die ganze Komplexität der Existenz so zum Ausdruck zu bringen, dass sie verstanden werden konnte, war Jean Paul Sartre. Zwei Belege aus seinem Werk mögen reichen, um einen Ansatz anzubieten, der im Moment neue Korridore der Erkenntnis eröffnen könnte.

„Es kommt nicht darauf an,“ so Sartre in seiner Schrift Saint Genet, „was man aus uns gemacht hat, sondern darauf, was wir aus dem machen, was man aus uns gemacht hat.“ Dieser Satz, der sich so lapidar anhört, ist insofern revolutionär, als dass er die Verantwortung für das Schicksal des Individuums zurück in den ureigenen Bereich legt. Als hätte er es miterlebt, dass Zustandsbeschreibungen von Subjekten, die sie quasi auf Dauer zu Objekten machen, ausreichen, um ihnen eine gesellschaftliche Legitimation zu geben, weist Sartre diese Verherrlichung des Passiven zurück.

Das Anerkennen fremder Mächte wie gesellschaftliche Verhältnisse, Konventionen, Traditionen oder die nackte Gewalt einzelner Gruppen formen das Individuum, aber es ist in seiner Bestimmung dadurch nicht finalisiert. Sartre leugnet nich den Umstand der Gewalt von außen, aber er besteht auf einer gestaltenden Gegengewalt von innen. Das ist ein Aktionsprogramm gegen alles, was unter dem Titel der Political Correctness subsumiert werden kann. Dort, in deren Kanon, wird der Status Quo aller Opfer auf immer sanktioniert und das Opfer-Sein zum Leitbild erhoben. Im Spiegel zu Sartres Überlegungen zur Existenz des Individuums entpuppt sich der Zeitgeist der letzten zwei Jahrzehnte als eine dramatische Entwicklung zur Entmündigung des Individuums. Das Subjekt wird zum Objekt deklariert und in dieser Rolle glorifiziert.

Ja, Political Correctness ist Herrschaftsideologie, weil sie die Inferiorität derer, die in dieser synthetischen Sprache so absonderlich beschrieben wird, nicht mit der Forderung konfrontiert, diesen Zustand zu ändern. Der ganze Kanon der verbalen Glorifizierung von Einschränkung, Unterdrücktheit und Übervorteilung und das ganze Arsenal an therapeutischen Ansätzen täuscht nicht mehr darüber hinweg, dass es um die Festschreibung der bestehenden Verhältnisse geht. Das ist affirmativ, das sanktioniert die Verhältnisse, die sich momentan als der Zustand herausstellen, der verändert werden muss. Der Bauch ist bereits unterwegs, während der Kopf noch im vergangenen Zeitalter liegt.

In dem wir das, was man aus uns gemacht hat, annehmen und es so formen, wie wir es wollen, überwinden wir die Ideologie der subjektiven Passivität. Sartre drückte das Ganze in seinem Hauptwerk, „Das Sein und das Nichts“, noch prägnanter aus: „Das Sein ist etwas zu Leistendes.“