Archiv der Kategorie: food for thought

Mensch, Maschine IV: Homo ludens in der Falle

Jede Phantasie, die sich mit der Kontrolle von Menschen beschäftigte, ob in fiktionaler Literatur oder wissenschaftlichen Abhandlungen, entpuppt sich im Nachhinein als eine naive Vorstellung. Von George Orwell bis H.G. Wells muss vor allem den so gescheiten Literaten attestiert werden, dass sie, gemeinsam mit dem Rest der Menschheit, zu ihrer Zeit keine Vorstellung davon haben konnten, was die digitale Technologie noch möglich machen sollte. Sowohl 1984 als auch Brave New World sind, betrachtet man die tatsächliche Entwicklung, aus heutiger Sicht romantische Darstellungen einer nicht gewollten Welt. Die Digitalisierung hat alles überboten, was die Kontrolle des homo sapiens anbetrifft. Und das große Phänomen, das mit der technischen Möglichkeit einher geht, ist die Tatsache, dass die Durchsetzung der totalen Kontrolle über keine extraordinäre Gewaltanwendung vonstatten gegangen ist.

Wie jede neue Technologie, so begann auch die digitale damit, zunächst die emanzipatorischen Möglichkeiten ihrer selbst hervorzuheben. Der freie und unbegrenzte Zugang zu Information, so hieß es, ermögliche Demokratie und Selbstbestimmung. Dass zu einer tatsächlichen Flut von Informationen auch Strukturen im Kopf gehören, wurde dabei geflissentlich übersehen. Wer nicht weiß, was er sucht, wer keine eigenen Filter hat, was den Trash anbetrifft, kurz, wer nicht zu strukturieren weiß, der ertrinkt in dem, was an Informationen zugänglich ist. Wobei als kleine Randbemerkung erwähnt werden sollte, dass längst nicht alles so zugänglich ist, was interessant sein könnte.

Hinzu kommt, dass diese Technologie, ganz im Gegensatz zu allen Vorläuferinnen, tatsächlich in vielen Fällen als eine Arbeitserleichterung daher kam und sich, und dort ist die tödliche Falle zu suchen, in Form von spielerischer Anwendung sich Platz machte. Die Totalkontrolle unserer Tage gelang nicht über den homo sapiens, sondern über den homo ludens, den spielenden Menschen. In dem alles nicht so ernst gemeint war, in dem alles eine kleine Übung ohne sichtbare Konsequenzen war, in dem nicht darüber unterrichtet wurde, dass alles, komplett alles in den ewigen Archiven der Tyrannei landen würde, vertrauten sich viele diesem Spielchen an und verloren damit ihre Unschuld. Dinge, die vordem als essenzielles Privatissimo gegolten haben, wurden in den digitalen Orkus ohne Vorbehalt geschleudert. Man überlege sich, welches Theater hierzulande noch bei einer Volkszählung in den achtziger Jahren stattgefunden hat, um dem Staat bestimmte Informationen über die Person nicht zugänglich zu machen und sich ansieht, was heute freiwillig in den Rachen privater Akteure geworfen wird, könnte man am Verstand der kompletten Gesellschaft zweifeln.

Die wahre, totale, radikale und komplette Kontrolle vermittels der digitalen Technologie erfolgt jedoch über die Arbeits- und Geschäftsprozesse. Alles wird dokumentiert, nicht nur die Zeiten, in denen gearbeitet wird, sondern auch die Inhalte, die bearbeitet werden. Hinzu kommen Einkäufe, Banküberweisungen, die Benutzung von Verkehrsmitteln etc.. Über jeden ist es möglich, Typen- wie Bewegungsprofile zu erstellen, bei deren Publikationen die Individuen über sich selbst sehr viel Neues erfahren würden. Die Vernetzung, wieder so eines der Zauberwörter, macht den Kontrolltotalitarismus komplett. Wie furchtbar wirkt da doch der nahezu religiöse Hinweis, wer nichts zu verbergen habe, müsse sich auch keine Sorgen machen. Angesichts der handfesten Interessen von Leuten, die alles verkaufen – die Oma liegt schon längst auf dem Ramschtisch – und einem Staat, der seine eigentliche Liquidierung zugunsten ersterer im Sinne hat und deshalb jede kritische Äußerung bereit ist zu kriminalisieren, ist das kein Trost. Woran wir uns zu gewöhnen hatten, war die Neuheit, zu begreifen, wie ein Totalitarismus ohne physische Gewalt funktioniert.

Mensch, Maschine III: Applikation

Mein Freund Menne, der Bauernsohn, Erfinder zahlreicher Weltpatente und Ingenieur des Jahres, pflegte schon zu Schulzeiten zu sagen, die Vereinfachung ist der strukturelle Feind der Kompetenz. Später, als er längst ein weltweit angesehener seines Faches war, fügte er hinzu, die Entwicklung ginge immer über eine einfache, aber geniale Idee, die dann in ihrem technischen Verlauf über eine komplizierte Lösung bis hin zu einer federleichten führe. Und damit ist das Dilemma auch der digitalen Technologie bestens beschrieben.

Die heutige Anwendung ist bereits so einfach, dass alle sie beherrschen. Die damit transportierte Ambivalenz ist die Schlichtheit der Botschaften, die mit ihr übermittelt werden. Das Zauberwort neben der Standardisierung, welches auch als die immer wiederkehrende, identische Methode übersetzt werden kann, ist die sich hinter dem Kürzel App verbergende Applikation. Neben dem Standard also die Anwendung. Immer das gleiche Muster, und das überall angewendet. Das in diesem Kontext ausgerechnet auf den sozialen, kulturellen und politischen Feldern besonders häufig von Vielfalt die Rede ist, könnte als Kompensationshandlung gewertet werden. Uniformität ist die Realität, garantiert durch die Standardisierung und ihre Applikation auf alle möglichen Lebenswelten.

Von dem tendenziellen Fall der unmittelbaren Erfahrung war bereits die Rede. Die Garantie für die Abnahme der eigenen, mit einem ständigen Lernprozess einher gehende Erfahrung sind die Apps. Sie garantieren den synthetischen Zugang, zu allen möglichen Bereichen, ohne Fehler, ökonomisch, ohne Kontrollverlust. Was dadurch verloren geht, ist das eigentliche Leben.

Das beste Beispiel sind so genannte Reise Apps, über die die Nutzer sich an fremden Orten orientieren. Über das Display erfährt man alles über die Sehenswürdigkeiten, die Wege, Restaurants bis hin zu öffentlichen Toiletten. Es gibt keine vergeblichen Wege mehr, keine Treffen mit kuriosen Gestalten, die man um Auskunft bittet, keine Verirrungen, die Geschichten erzeugen, die man aufgrund ihrer Dramatik bis ans Lebensende erzählt und keine Notsituation, aus der man für das Leben lernen könnte. Reise wird zu einer Gebrauchsanweisung, wie das Leben selbst. Die Anwendung, App, Applikation ist die Enthumanisierung der Lebensbereiche.

Enthumanisierung bedeutet Synthetisierung. Synthetisierung bedeutet kulturelle Maschinendominanz. Die Lobby der Technologie hat ganze Arbeit geleistet. Wer sich zu einer Kritik versteigt, hat sehr schnell das Schisma des rückständigen Querulanten am Revers. Der bekannte Hirnforscher und vordem besonders in Pädagogenkreisen gefeierte Manfred Spitzer ist das beste Beispiel. Durch sein Buch mit dem Titel „Lernen“ räumte er mit der Rückständigkeit des deutschen Schul- und Vorschulalltags auf und wurde dafür gefeiert. Mit seiner Veröffentlichung „Digitale Demenz“ erwarb er sich den Ruf des schrulligen Kauzes, der die Welt nicht mehr versteht. Die Lobby der digitalen Technologie ist, was Marktanteile und Herrschaft anbetrifft, genauso wenig modern und genauso wenig zimperlich wie die von Blutdiamanten.

Die Kreativität, die der Technologie an sich zugeschrieben wird, ist durch den Mythos der omnipotenten und omnipräsenten Anwendungen zu der wohl bedeutendsten Illusion der Epoche geworden. Der Todfeind der Kreativität verbirgt sich hinter den Hauptsolgans der Standardisierung und deren Anwendung. Eine größere Mystifikation hat es selten gegeben.

Standardisierung und Apps, die generierte, industriell produzierte Garantie auf Stupidität und Langeweile, werden nach wie vor vermarktet als kreative Produkte und Schlüssel zu einer aufregenden Welt. Die Ideologiekritik am digital-technologischen Zeitgeist könnte wunderbar auf diesem Feld beginnen. Zu erklären, wie banal das alles ist und zu enthüllen, welche Art von Erkenntnissen und Kompetenzen dadurch verhindert werden.

Mensch, Maschine II: Subjekt, Objekt

Ein Zauberwort durchflutet das Denken in den modernisierten Arbeitsprozessen. In ihm wird die Lösung vieler Probleme gesehen und mit ihm wird vor allem wirtschaftliches Handeln assoziiert. Woher es kommt, ist kein Geheimnis. Es entstammt den Baukästen des Industriezeitalters und hat etwas mit artifiziellen Produkten zu tun. Dass mit dem Begriff eine ungeheure Popularität heute vor allem im Design sozialer Beziehungen liegt, ist tragisch und komisch zugleich. Es dokumentiert, dass die Gestalter von Arbeits- wie Beziehungsprozessen zumindest im Westen soweit degeneriert sind, dass sie die Maschinen- und Verwertungslogik verinnerlicht haben und sie die Komplexität der humanen Denkweise nicht mehr begreifen wollen.

Der Heilsbegriff ist der der Standardisierung. Sagen wir, vor zwanzig Jahren, hätten noch viele Menschen gezuckt, wenn vorgeschlagen worden wäre, ein Problem, das zunächst einmal in seiner Eigenart gelesen werden muss, durch Standardisierung lösen zu wollen. Es klang befremdlich, nein, es klang völlig deplatziert und der Komplexität der Frage nicht gerecht, durch irgendwelche Standards die Welt erklärlicher machen zu wollen. Aber so, wie der Begriff des Analytikers, dem man die Betrachtungsweise von anderen Perspektivtableaus noch zuschrieb, durch den des Analysten ersetzt wurde, genauso gewann der Terminus der Standardisierung an Kontur. Der kleine, stromlinienförmige Geist hat sukzessive das tiefe Denken ersetzt. So wie die Akzeleration die Muße liquidiert hat, so hat die oberflächliche Betrachtung den tiefen Blick ersetzt.

Die Begrifflichkeiten, einen Wandel vollzogen haben, können auch an einer anderen gedanklichen Linie sortiert werden. Die Dualität von unmittelbarer und mittelbarer Erfahrung, eine Grundlage rationaler Erkenntnis, wurde durch die Monokultur der exklusiv vermittelten Erfahrung ersetzt. Um es deutlich zu sagen: Wer keine eigenen unmittelbaren Erfahrungen mehr macht, auf die er seine Betrachtung stützen kann, der ist auf das Glauben angewiesen. Und wir reden hier nicht an die mögliche positive Wirkung eines Glaubens, der mit Gottvertrauen und existenzieller Gewissheit übersetzt werden kann, sondern von einem Glauben, die Ausscheidungen einer synthetischen Maschine für die Realität zu nehmen. Es geht also nicht um den Glauben, sondern das Glauben.

Somit ist derzeit die ganze Glitzerwelt der digitalen Befreiung eine wüste Show, um den Vollzug der Degradierung des Subjektes zum Objekt zu verschleiern. Denn die Entscheidungen, was wir machen, treffen tendenziell immer weniger humane Wesen, sondern synthetische Subjekte, die den humanen Objekten Anweisungen geben. Das Abrutschen in die Unmündigkeit hat somit eine Dimension angenommen, die in ihrer Dramatik nicht übertrieben werden kann. Häufig werden nicht zu Unrecht Parallelen gezogen zum Mittelalter. Jenes Mittelalter, das bis dato als Ausgeburt der Entmündigung und des Obskurantismus galt, wird heute als eine Phase der relativen Mündigkeit des Menschen beschrieben, verglichen mit dem Nonsens, dem Tabu und dem Zynismus des digitalen Zeitalters.

Die erfolgreiche Mystifikation der Epoche liegt in ihrer tatsächlichen Unsichtbarkeit. Es sind nur noch Symbole, die die Macht widerspiegeln, die sich hinter ihnen verbirgt. Aber hinter dem Symbol ist nichts als die abstrakte Macht, die dennoch wirkt. Das muss zu Defätismus und Verwirrung führen, es kann aber auch der Beginn dessen sein, was immer am Anfang von etwas Neuem steht: der Revolte. Die brutale, aber einfältige Logik, die sich nur in zwei Zuständen zu zeigen in der Lage ist, nutzt die Standardisierung, um die dürftige Schlichtheit in Glanz zu verwandeln.