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Karl Marx. Lesen Sie das Original!

Jetzt ist sie wieder unterwegs, die Meute der Rechercheure und Erklärer, die ihre Kalender so führen, dass sie schon Jahre vorher im Visier haben und wissen, wer wann geboren oder gestorben ist, wann ein großes Jubiläum fällig und wann zu einer runden Zahl eine Schlacht geschlagen wurde. Und so wundert es nicht, dass passgenau zum Ereignis die Kanäle prallvoll sind. Heute trifft es den Journalisten, Politiker, Wissenschaftler, Philosophen und Satiriker Karl Marx. Er hinterließ der Welt ein gigantisches geschriebenes Werk, zwei seiner Schriften zählen zum Weltkulturerbe (Das Manifest der Kommunistischen Partei und der 18. Brumaire des Louis Bonaparte) und, das macht die Angelegenheit so prekär, viele Staaten beriefen sich direkt auf ihn. Dass es dort nicht so gut lief kreiden ihm viele an, obwohl er wohl am meisten über die Vermessenheit einer solchen Legitimation gelacht hätte.

Nun, da der Kapitalismus, den Karl Marx sein Leben lang analysiert hat und dem er keine rosige Zukunft prognostizierte, da dieser Kapitalismus immer noch existiert, sind viele seiner Schriften sehr aktuell. Denn der Gehalt dieser Werke trifft in vielem immer noch das Wesen. Aber, heute und in der folgenden Zeiten werden viele Experten erscheinen und dem staunenden Publikum noch erklären, wie Karl Marx und seine Schriften zu sehen sind. Bei manchen von ihnen erstaunt wiederum, dass sie den Eindruck machen, als hätten sie selbst das nicht gelesen, worüber sie referieren.

Die beste Referenz, die Karl Marx in diesen Tagen erwiesen werden kann, ist seine Schriften selbst zu lesen. Dann ist das Urteil authentisch. Und hier einige Tipps: 

Wer den eloquenten Journalisten genießen will, der sich mit dem verzwickten Thema der Geschichte befasst, der lese das Manifest der Kommunistischen Partei und den 18. Brumaire des Louis Bonaparte. Vor allem letztere Schrift ist eine gute Messlatte für den politischen Journalismus unserer Tage. 

Wer den Philosophen und Dialektiker etwas näher kennenlernen will, dem sei die Deutsche Ideologie empfohlen und die winzige, aber kolossale Schrift Zur Kritik der Hegel´schen Rechtsphilosophie. Einleitung ans Herz gelegt.

Wer den Ökonomen Marx in seinem größten, nicht vollendeten Versuchslabor begreifen will, der lese das Kapital. Zumindest den ersten Band. Da versteht man die Ware als zentrale Erscheinungsform des Kapitalismus ebenso wie die Tatsache, dass das Kapital nichts anderes als die Abstraktion menschlicher Arbeit darstellt. Und natürlich, wie ein Wert entsteht, wie zwischen Gebrauchs- und Tauschwert unterschieden wird und wie sich der der Ware Arbeitskraft bemisst und was ein Mehrwert ist. Und wer dann noch gute Laune hat, der vergleiche diese Kategorien einmal mi dem sinnlosen Geschnipsel, mit dem heute die Phänomene der Weltökonomie erklärt werden.

Und wer dann immer noch nicht genug hat, und wer immer noch zweifelt, dass die Lektüre von Marx Schriften vieles grausam erhellt, der widme sich dem Konvolut, das unter dem Titel Das Maschinenfragment zu finden ist. Dort ist alles thematisiert, was im Zeitalter der Digitalisierung virulenter denn je ist: Die Entfremdung der Arbeit, die Degradierung der Anwender vom Subjekt zum Objekt und die Enteignung der Weltgemeinschaft durch das technologische Monopol. Da fallen einem Namen wie Zuckerberg ein, und nicht verstaubte Figuren aus den Annalen.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Karl Marx wird 200! Lesen Sie das Original!

Psychedelisches Schattenboxen

Eine revolutionäre Situation ist dann gegeben, wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen. Dieser Satz wird Lenin zugeschrieben, und zuzutrauen wäre er ihm auf jeden Fall. Denn seine Erfolge feierte er, weil er nicht lange fackelte und es sogar fertig brachte, in einem Bauernland eine proletarische Revolution anzuzetteln. Der Satz ist nicht unbedingt ein Choral der hohen politischen Analyse, und dennoch spricht aus ihm eine nicht rückweisbare Evidenz. Denn tatsächlich, was passiert denn, wenn diejenigen, die die Macht haben, das irgendwie nicht mehr hinkriegen und diejenigen, die beherrscht werden, darauf einfach keine Lust mehr haben? Es wird auf jeden Fall ein Aufbegehren geben. Ob das gar in eine Revolution mündet, ist eine zweite Frage.

Viele verweisen hinsichtlich der momentanen Situation auf dieses Zitat. Es wird immer wieder ins Gedächtnis gerufen, wenn die Verzweiflung über das Regierungshandeln groß ist und die Sprachlosigkeit über das Schweigen der Unzufriedenen sich der Depression nähert. Es ist mehr das Pfeifen im Walde als eine wie auch immer volkstümliche Analyse. Denn: Weder dilettieren die Mächtigen, noch sind die Ohnmächtigen in Aufbruchstimmung.

Das Agieren der Mächtigen ist nichts anderes als ein Austarieren der Möglichkeiten, wie weit sie gehen können mit der lokalen Herabsetzung des Lebensniveaus bei gleichzeitiger Abdeckung des Finanzkrieges und der Ausweitung eines eigenen militärisch-industriellen Komplexes. Alles steht gegen das Narrativ der alten Bundesrepublik und hat mit dem Land der nach Frieden trachtenden sozialen Marktwirtschaft nichts mehr zu tun. Um eine Bevölkerung, die zum größten Teil in diesem Geiste erzogen worden war, auf den dramatischen Kurswechsel vorzubereiten, war es erforderlich, das Bildungssystem zu schwächen, was durch unterlassene Reformen und Investitionen geschah. Sein Einfluss wurde ersetzt durch die neuen Medien, die in der Meinungsbildung beherrscht werden von großen Konzernen, die immer wieder als ideologische Treiber von Kriegen ausgemacht werden können. 

Die Erosion eines kritischen öffentlichen Bewusstseins macht es mittlerweile möglich, das eigene Handeln mit nachweislichen Lügen zu begründen und die Motive anderer durch ebensolches Vorgehen zu diskreditieren. Trotz vieler Beschwörungen: Die Medien, inklusive der öffentlich-rechtlichen, sind, was die Standards eines kritischen, reflektierenden und investigativen Journalismus anbetrifft, völlig auf den Hund gekommen. 

Wenn dieser Zustand zu den Früchten der Digitalisierung wie der Monopolbildung im Medienbereich gehört, dann ist es durchaus möglich, dass der viel gepriesene Zugang zu allen Quellen dieser Erde zum genauen Gegenteil führt, nämlich inquisitorischer Zustände gegenüber allen, die den Populismus der quantitativen Wahrheitsfindung angreifen. Es wäre nach der Entmündigung in den meisten Arbeitsprozessen die zweite große Bresche, die die Digitalisierung gegen die Emanzipation der arbeitenden Menschen schlüge. Genauer gesagt, nicht die Digitalisierung an sich, aber die irrwitzigen Besitzmonopole, die dort herrschen. Wenn Verhältnisse aufgrund einer absurden Disproportion reif für die Vergesellschaftung waren, dann die der Digitalisierung. 

Um noch einmal zu Lenins Zitat zurückzukommen. Es könnte sein, dass ganz plötzlich ganz offen zutage träte, dass diejenigen, die die Macht haben, mit einer Bevölkerung spekuliert hätten, die es so gar nicht gibt. Denn diese ist schlauer, als „da oben“ angenommen. Dann käme auf einmal alles aus dem legendär heiteren Himmel. Dann ist gar kein Aufstand mehr nötig. Dann sind die einen in einem Augenblick Vergangenheit und die anderen plötzlich da. 

Innere Krisen und äußere Feinde

Gerade in Momenten großer Emotionen kann es sehr hilfreich sein, sich kleineren mathematischen Betrachtungen und Operationen hinzugeben. Es ist interessant zu beobachten, wie gut das funktioniert, wie gut eine Disziplin, die auf kühles Rechnen setzt, den Blutdruck senken kann. Es ist nicht die Lösung für die vielen Ursachen von emotionaler Intensität, aber manchmal ist es sogar sehr vernünftig, die Ereignisse und Erscheinungen, die das Blut kochen machen, versuchen in Form von Zahlen herunter zu kühlen.

Die Luftschläge in Syrien mögen jetzt einmal Anlass sein, um sich jenes Phänomen anzuschauen, das beschrieben werden kann als zumindest mentale Krise der westlichen Demokratien. Vieles von dem, was sie in Zeiten der großen Globalisierung produziert, verursacht Unbehagen und Ängste. Und diejenigen, die das Erscheinungswesen dieser Demokratie kritisieren, werden sehr schnell diffamiert. Dann sind sie, so zumeist die Funktionäre des kritisierten Systems, dem Populismus auf den Leim gegangen oder sie seien nicht in der Lage, mit der Kompliziertheit der Welt umzugehen.

Deshalb ist es geraten, möglichst wenig Kompliziertes und Komplexes in diese Betrachtung mit einzubeziehen, sondern sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und das führt zu der Frage, was den meisten Menschen wichtig ist. Dabei sind zwei Faktoren entscheidend: 1. Sind die Menschen in der Lage, unter den gegebenen Voraussetzungen ein auskömmliches Einkommen zu erwirtschaften? 2. Können sie die Früchte ihrer Arbeit in Frieden genießen?

Seit einem halben Jahrzehnt sind bei regelmäßigen Umfragen 70 -80 Prozent der Befragten in Deutschland besorgt über die wirtschaftliche Entwicklung. Nicht in Bezug auf Export- und Beschäftigungsstatistiken, aber in Bezug auf die Einkommensverhältnisse und die rapide auseinandergehende Schere zwischen Arm und Reich. Und ebenso seit einem halben Jahrzehnt, seit der westlichen Intervention in der Ukraine, die mit Geld und Agenten vollzogen wurde und der russischen mit Soldaten vorausging, sprechen sich ca. 70 – 80 Prozent der Bevölkerung gegen die von der Bundesrepublik zu verantwortende Außenpolitik aus. Sie halten den europäischen wie den Weltfrieden für gefährdet.

Im Parlament sehen die Verhältnisse nicht nur anders aus, sie sind nahezu diametral entgegen gesetzt. Die ökonomische Politik, die von den letzten wie der gegenwärtigen Regierung betrieben wird, basiert auf den Grundsätzen des Wirtschaftsliberalismus und versteht sich als Notkasse für spekulierende Banken. Und die dramatische Verarmung eines Teiles der Gesellschaft ist zurückzuführen auf den Abbau sozialer Leistungen. Grob geschätzt kann man davon ausgehen, dass in diesem Falle ca. 70 – 80 Prozent der Parlamentarier für die bestehende Politik votieren. Und genauso verhält es sich mit der Friedens- respektive Sicherheitspolitik. Auch diese wird von ca. 70 bis 80 Prozent der Parlamentarier so getragen. Gerade die Reaktionen auf die aktuelleren Militärschläge gegen Syrien bestätigen das umgekehrte Verhältnis.

Ist es so befremdlich, dass, wenn in den entscheidenden existenziellen Fragen das Parlament und das Volk so weit auseinanderliegen, von einer Krise gesprochen werden muss? Und ist es bei einer solchen Konstellation wahrscheinlich, dass irgendwelche russischen Trolle dafür verantwortlich sind, dass sich tiefes Misstrauen breit macht im Land? Es ist ein altes Rezept, auf Feinde von außen zu verweisen, wenn die Politik im Innern nicht mehr stimmt beziehungsweise zunehmend kritisiert wird. Da greift Frau Merkel zu den gleichen Instrumenten wie Herr Erdogan. Aber, wenn das Instrument durchschaut ist, stehen die richtigen Fragen immer noch im Raum.