Archiv der Kategorie: food for thought

Herrschaft und Tabu

Was ist die Signatur einer aufgeklärten Zeit? Richtig! Es ist die Verbannung des Tabus in die Arsenale der Vergangenheit. Wenn Tabus herrschen, dann ist das der Ausdruck einer unausgesprochenen Herrschaft von Menschen, Interessen und Konventionen. Letzteres ist in der Menschheitsgeschichte eher der Normalfall. Doch wenn die Form von Herrschaft vor allem vom Tabu bestimmt wird, dann ist auch der Diskurs über die Herrschaft unterbunden. Wenn nicht mehr gefragt werden darf, warum etwas so ist, wie es ist, dann ist wird die Herrschaft der Vernunft entzogen. Man könnte auch sagen, alles, was dem Räsonnement verwehrt wird, ist eine Form der Despotie. 

Es existieren Tabus, die sich vor allem auf das Sittenleben beziehen, die einem tiefen gesellschaftlichen Konsens entspringen. Sie beziehen sich auf das Zusammenleben und ergeben durchaus einen Sinn. Die Menschenrechte sind so ein Beispiel. Wenn es Tabu ist, Menschen zu diskriminieren, wenn es Tabu ist, Menschen in ihrer Meinungsfreiheit zu beschränken oder wenn es Tabu ist, ihnen das Recht auf Freizügigkeit zu verwehren, dann ist das eine Sache, die der Zivilisation wie der Vernunft entspringt. Wenn es jedoch nicht mehr gelingt, die vernünftige Grundlage eines unausgesprochenen Tabus zu erklären, dann ist auch in dieser Gesellschaft etwas schief gelaufen.

Der Zeitgeist, auf den wir gesellschaftlich im Hier und Heute treffen, ist jedoch auf eine ganz andere, exzentrische Weise auf eine Tabuisierung zurückzuführen, die jeden Akt einer erratischen Regierungsführung unter Schutz stellen soll. Jede wie auch immer geartete Form von Regierungshandeln unterliegt dem Tabu der Nachfrage. Wir alle kennen es: Wer nachfragt, welche tatsächlichen Interessen hinter militärischen Interventionen außerhalb des eigenen Territorium stecken, wer sich erkundigt, warum eine Regierungskrise in Hongkong die Regierung mehr erregt als ein Bürgerkrieg im benachbarten Frankreich, wer wissen will, welchen ökologischen Impact militärische Operationen haben oder wer generell danach fragt, warum einerseits kritische Stimmen mit dem Bann belegt werden während andere, eindeutig interessenfinanzierte Meinungsmacher ein breites Forum bekommen, wird zur Paria erklärt. Zumeist mit dem zynischen Kommentar, wer wirres Zeug rede, müsse damit rechnen, auch Gegenwind zu bekommen.

Alle, wirklich alle despotischen Herrschaftsformen haben sich des Mittels bedient, diejenigen, die die herrschaftsbedingten Tabus hinterfragt haben, ob ihrer geistigen Zurechnungsfähigkeit anzuzweifeln, um sie dann, bei Bedarf, wenn der Ruf der Delinquenten erst einmal ruiniert war, zu vernichten. Das Beispiel Julian Assange zeigt, wie despotisch es zugeht. Weil er das Tabu gebrochen hat, den Terror und die Folter der Mächte des „Guten“ mit Schweigen zu belegen, soll  er nun vernichtet werden. Und, denken wir an die Gedenkfeiern der letzten Tage und den eindringlichen Appell der überlebenden Opfer des Holocausts, die Reaktion der demokratischsten Gesellschaft aller Zeiten ist Gleichgültigkeit!   

Geistig Verwirrte, von Russland Bezahlte, von Verschwörungstheorien Besessene, von der Komplexität der Welt Überwältigte stehen denen gegenüber, die jeden Herrschaftsmythos unreflektiert glauben schenken und sich in einer langweiligen, öden, überall immer gleichen Welt eines platzenden Warenmarktes als Gewinner der Globalisierung von den tatsächlichen Profiteuren und ihren Meinungsmaschinen feiern lassen. Sie gleichen, dieser Hieb sei erlaubt, den bigotten Pietisten aus grauer Vorzeit, die jedes Tabu dazu nutzen, ihren eigenen, kleinlichen, selbstsüchtigen und schmutzigen Interessen im Schutze der Dunkelheit nachzugehen.

Diejenigen, die die profanen Tabus unserer Tage auf den hell erleuchteten Seziertisch werfen, ihnen gebührt Respekt. In jeglicher Hinsicht.

Think Tanks: Wie die Seuchen im Dreißigjährigen Krieg

Sie haben sich verbreitet wie die Seuchen im Dreißigjährigen Krieg. Diese waren es, die die verheerende Wirkung hervorbrachten, die mit diesem jahrzehntelangen Ereignis in die Geschichte eingegangen sind. Im Verhältnis zu den Seuchen waren die menschlichen Verluste aus militärischen Konflikten sehr gering. Das ist den meisten nicht bewusst, sollte bei Kenntnisnahme jedoch zum Nachdenken anregen. Die Seuche, die sich bereits in die existierenden und zeitgenössisch drohenden militärischen Auseinandersetzungen eingeschlichen haben, ist als solche kaum identifiziert. Was sie nicht davon abbringen wird, ähnliche Verheerungen anzurichten, wenn ihrer nicht Einhalt geboten wird.

Es handelt sich um den Befall des unabhängigen Denkapparates. Der Befall, um den es hier in einigen Kulturen im bereits besorgniserregenden Ausmaß geht, wurde andernorts geplant und dient einem strategischen Ziel. Ist erst einmal das kritische Denkvermögen und der Impuls zur eigenen Recherche aus den Denkstuben verbannt, kann aller mögliche Unsinn verbreitet werden, um die eigenen Handlungen, die von den Interessen derer, die da infiltriert werden, erheblich abweichen, als deren eigene verkauft werden. Und alles, was unter dem blasphemischen wie irreführenden Namen der Fake News als Bazillus in die Kulturen der sich erodierenden Staaten eingepflanzt wurde, breitet sich in raschem Tempo aus. Das beobachtete Phänomen gleicht einer Seuche. Es ist die Pest der Gegenwart.

Nicht, dass es nicht sinnvoll wäre, Organisationen zu fördern, die sich mit bestimmten Fragestellungen und Themen beschäftigten. Das gab es schon immer. Kreise, die sich besonders für bestimmte Aspekte von Politik und den Beziehungen, die zur Realisierung dieser führten, interessierten. Was bei der gegenwärtigen Ausdehnung dieser Kreise erstaunt, ist die Tatsache, dass sie zumeist in den USA gegründet und auch von dort finanziert wurden und werden. Da werden oft als Financiers große Mäzene genannt oder Stiftungen angeführt, die von alten Hasen der Politik gegründet wurden. Was allen, Mäzenen wie Politprofis, gemein ist, ist die Tatsache, dass sie für eine expansive imperiale Politik der USA stehen. 

Letztere hat sich in den Dekaden seit Ende des Kalten Krieges von dem Zwang befreit, für das Gute, Demokratische stehen zu müssen, um sich in Konfrontation mit der Sowjetunion hier und den Blockfreien dort mit der Aura einer neuen, friedlichen, freien Welt umgeben zu können. Das gelang partiell, wurde aber immer überflüssiger und spielt heute unter der existierenden Präsidentschaft keine Rolle mehr. America first. 

Und obwohl viele der Organisationen, die sich die Metapher einer Fabrik gegeben haben, was ihren Charakter sehr gut beschreibt, da dort serienmäßig an Meinungsbildung gearbeitet wird,  nicht unbedingt mit der konkreten Politik des gegenwärtigen Präsidenten übereinstimmen, mit dem strategischen Ziel der imperialen Dominanz der Vereinigten Staaten von Amerika identifizieren sie sich in Gänze.

Der Coup, der den Strategen jenseits des Atlantiks mit der massenhaften Etablierung von Think Tanks und Denkfabriken gelungen ist, hat zu der anfangs erwähnten seuchenmäßigen Verbreitung von Ideologieversätzen unterschiedlicher Nuancierung geführt, die von überall auf die unabhängigen Denkapparate der hier lebenden Menschen abgefeuert werden. Die Agenten dieser Institutionen haben bereits die hiesigen Institutionen der öffentlichen Meinungsbildung unterwandert. Vor allem die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten sind flächendeckend infiziert. Keine Nachrichtensendung ohne die Bezugnahme auf eine dieser Fabriken und ihre dort produzierte Ware, kein Expertengespräch ohne die unmaßgebliche Meinung einer solchen nicht an exponierter Stellung einzuholen. 

Der Diskurs, der zur öffentlichen Meinungsbildung führt, ist längst von den Ideologieschmieden jenseits des Atlantiks durchdrungen. Das Vorgehen, das sich empfiehlt, kann gar nicht anders sein als das der medizinischen Expertise bei akutem Befall durch schädliche Viren: Lokalisierung der Keimträger, großzügige Entfernung derselben und Entwicklung eines Heilplans, der sich vor allem auf die Autoimmunkräfte konzentriert.  

Naher Osten: Ressourcen und ihre Zeit

Irgendwo in der Wildnis, jenseits aller Zivilisation, wenn dort Bodenschätze in der Neuzeit gefunden wurden, dann begann es, dass ein archaischer Kampf um das edle Gut ausbrach. Das, was als Ressource der Menschheit viel Gutes bringen konnte, wurde Anlass für Fieberträume, Gier, Raub und Mord. Nicht die Vorstellung vom Nutzen des edlen Gutes beherrschte die Akteure, die daran gingen, es zu bergen, sondern die Fantasie von unbegrenztem, unermesslichem Reichtum. Das war so beim Silber in Peru, bei den Gewürzen in Südostasien, beim Gold am Klondike, bei den Diamanten am Kongo, und das war so beim Öl in den Wüsten Arabiens. Der große Nutzen des Fundes machte ihn schnell zum allgemeinen Äquivalent, sein Wert machte ihn zur Währung, die alles beherrschte. Wer über diese Ressource verfügte, dominierte Wirtschaft und Politik. Und um an diese Ressource heranzukommen, dafür wurde alles getan.

Der konkrete Nutzen war, wie die unvollständige Auflistung zeigt, sehr unterschiedlich. Von der Zubereitung von Speisen, einem sehr großen, erdumspannenden Markt, über das Ästhetische und den großen Wert auf kleinem Raum (Silber, Gold, Diamanten) bis zur Energie. Jede dieser Ressourcen steht für eine bestimmte Epoche. Die strategisch wohl am dramatisch am meisten begrenzte ist die des Öls. Selbst historisch ist sie kurz, aber umso intensiver. Öl als Treibstoff für die sich nun langsam aus der Geschichte verabschiedenden Automobile und als Energie für den sich ebenfalls in dieser Form dramatisch wandelnden Industrialismus dürfte auch bald passé sein. So, wie es aussieht, ist die Muskatnuss von den Molukken historisch resistenter als das Barrel Öl.

Dennoch sind historische Erkenntnisse und persönliche Interessen von Menschen mit einer immer noch und auch in Zukunft geringen Halbwertzeit zwei unterschiedliche Dinge. Die Akteure einer untergehenden Epoche handeln nicht mit der Weisheit der historischen Betrachtung, sondern sie gehorchen nach wie vor dem Impuls der persönlichen Bereicherung und dem größtmöglichen Nutzen. In Phasen des Umbruchs wird dieses Spiel als besonders grotesk erlebt. Dramatisch inszeniert, gleicht das dem Bild eines Roulette-Spielers auf der Titanic, der trotz seines Wissens um das Sinken des Schiffes gierig den Tisch nach seinen gewonnenen Chips absucht und sich die Taschen damit vollstreckt. Von außen betrachtet ist dieser Akteur geblendet von den Erfolgen vergangener Tage, die in der aktuellen historischen Situation angesichts der veränderten Umstände nur noch den Eindruck eines Irrsinnigen vermitteln.

Und das ist das Bild, das sich aufdrängt bei der Betrachtung der Politik des nur noch formal vereinigten Westens in der arabischen Welt und im Nahen Osten. Selbstverständlich wird das Öl noch einige Zeit eine Rolle spielen, aber seine Zeit ist vorbei. Und so geht es mit Imperien, die die Bewegung der Geschichte missverstehen. Sie suchen die alten, ihnen nutzenden Verhältnisse mit aller Macht zu erhalten oder wiederherzustellen und machen sich keine Gedanken darüber, wie die Zukunft auszusehen hat. Keine Vorstellung von dem, was da kommen wird, führt zu einem wilden, hysterischen Festhalten am Altbekannten.

Die historischen Momente, in dem die Akteure des Alten mit aller Gewalt am Bekannten festhält, während das Neue sich zunehmend bemerkbar macht, sind die Augenblicke, in denen große Dramen geschrieben werden können. Sie können die Dilemmata der menschlichen Natur zuspitzen und illustrieren, am Lauf des Großen und Ganzen werden auch diese Dramen nichts ändern. Trost spenden sie nicht, aber sie faszinieren. Sie zeigen Wesen, die immer weiter voranschreiten und dennoch untergehen. Wer würde das nicht interessiert betrachten, wenn er in der Loge säße? Das Heikle ist nur, dass dieses Privileg niemand besitzt.