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Im Eldorado der Apologetik

Was mit den Diskursen Platons im 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung begann, hat einen langen Weg genommen. Ursprünglich beschrieb der Begriff der Apologetik den Versuch, Theorien oder einzelne Thesen durch die Untermauerung mit rationalen Argumenten gegen Angriffe oder Zweifel zu verteidigen. Das war, wie so oft beim antiken Vorbild, ein Unterfangen, das auf Vernunft beruhte und einen Streit befördern sollte, der produktiven Charakter haben sollte. Wie gesagt, es ging um einen Diskurs.

Das Christentum übernahm den Begriff und machte aus ihm eine Verteidigungsstrategie. Zunächst ging es den christlichen Apologeten um den Versuch, den Glauben durch rationale, vernünftige Argumente zu untermauern. Dass es sich dabei eo ipso um eine Aporie, eine Unauflösbarkeit, handelte, denn Glaube und Verstand und Wissen sind unterschiedliche Qualitäten, musste dazu führen, dass mit der Apologetik etwas schlimmes passierte: aus einer edlen intellektuellen Technik der Antike wurde ein propagandistischer Straßenköter.

Die christlichen Apologeten wurden zunehmend hysterischer und propagandistischer, je weniger es ihnen gelang, den Glauben durch kalkulierte Rationalität zu untermauern. Dass ihnen bei diesem Dilemma auch noch der Begriff der Fundamentaltheologie in den Sinn kam, spricht für sich. Nicht umsonst haben alle Theorien und Ansätze, die für sich das Fundamentale reklamieren, die Aura eines totalitären Irrweges.

Aus jener befremdlichen Entwicklung der Apologetik entstammt die negative Konnotation, die heute mit ihr einhergeht. Einfach ausgedrückt, gelten heute als Apologeten diejenigen, die an einer Sache festhalten und sie verteidigen, gerade wenn diese Sache in der Krise ist. Ohne rationale Untermauerung wird daran festhalten, eine kritische Reflexion findet nicht statt. Eigentlich sind die heutigen Apologeten unflexible Gestalten, die an Verhältnissen festhalten, die sich überlebt haben.

Und damit wären wir an einem Punkt angelangt, der das scheinbar in der Philosophie- und Religionsgeschichte liegende Thema zu einem akut zeitgemäßen macht. Wir leben, wenn wir die vorhergehende Geschichte genau nehmen, in einem Zeitalter der massenhaft auftretenden Apologetik. Denn der gesellschaftliche Diskurs ist gewaltig ins Stocken geraten. Nach Argumenten wird nicht mehr gesucht, die Herrschenden und Mächtigen sind getragen von einem Momentum, das sich unter dem Begriff der Alternativlosigkeit zusammenfassen lässt. So ist es nur folgerichtig, dass die herrschenden Verhältnisse im wahren Sinne des Wortes apologetisch verteidigt werden.

Der antike Diskurs lebte vor allem davon, dass ein Streit um die Betrachtungsweisen, Positionen, Inhalte und die sich hinter ihnen verbergende Logik in der Öffentlichkeit stattfand. Das trug zu den großen Erkenntnisgewinnen bei, die mit dieser Epoche assoziiert werden. Verglichen damit, leben wir in einer Zeit, in der allenfalls in kleinen, fachlich abgekapselten oder elitär definierten Kreisen noch so etwas wie ein Diskurs stattfindet. Darunter leidet die gesamte Kultur, und es ist die Ursache für die gesellschaftliche Krise, die überall zum Ausdruck kommt.

Kein Bereich dokumentiert diese Krise besser als der der Politik. Sie hat sich zu einem Eldorado der Apologetik entwickelt, in dem der Status Quo als die Ultima Ratio angepriesen wird. Trotz immer stärker werdender Zweifel, trotz wachsender Proteste und einem energischen Verlangen nach Erklärung wird das Bestehende verteidigt. Man sieht sich nicht mehr bemüßigt, das eigene Handeln vernünftig zu begründen, sondern greift zur flachen Zustandsbeschreibung und gleitet zunehmend herab in das Polemisieren gegen die kritische Nachfrage. Schlimmer kann das Wesen des Diskurses nicht ramponiert werden. Und selbst die Apologetik ist verkommen zu einer schlechten Kopie des Originals.

 

 

Legitimationskrise: Wie sind die bloß dorthin gekommen?

In Deutschland liebt man es, sich mit Strukturen und Organisationsabläufen zu befassen. Bis zum Exzess! Woher das stammt, ist letztendlich schwer zu erklären. Das Phänomen hat den Vorteil, ohne die Voreingenommenheit, im Zusammenhang mit Personen entsteht, sich eine Vorgehensweise vorstellen zu können, die sinnvoll und wirksam ist. Das ist ein hohes Gut, das gepflegt werden muss. Der Nachteil, der aus der organisatorischen und strukturellen Betrachtung erwächst, ist genau die Schattenseite des Vorteils: Wenn die Strukturen und Organisationsabläufe stimmen, so das häufige Credo, dann ist nahezu egal, welche Personen die Funktionen übernehmen. 

Um es böse zu formulieren, so haben wir aufgrund des beschriebene Dilemmas nicht selten den Umstand zu verzeichnen, dass wunderbar ausgetüftelte Systeme einfach nicht funktionieren, weil sie von überforderten Akteuren an die Wand gefahren werden. Das Vertrauen ins „System“, wie es so oft heißt, ist eine Referenz an die Arglosigkeit gegenüber Personen. Wer die Augen aufmacht, wird das in allen Bereichen der Gesellschaft beobachten und bestätigen können. Ob in Wirtschaft, Politik oder Sport, überall treffen wir auf Funktionäre, bei denen wir uns bei näherer Betrachtung die Frage stellen müssen: Wie sind die nur dorthin gekommen? Denn mit dem, was die vor allen in Leistungsorganisationen tätigen Bürgerinnen und Bürger unterwegs sind und was sie als normale Anforderungen selbst erleben, hat das alles nicht viel zu tun. 

Wir haben es also mit dem Kuriosum zu tun, dass eine Kernkompetenz, nämlich die analytische Gestaltung von Struktur und Organisation, zu einer bedenkenlosen Nonchalance bei der Besetzung der verantwortlichen Positionen führt. Dass die gute Organisation dann nichts nutzt, wenn überforderte Chargen die falschen Entscheidungen treffen oder bedenkliche Haltungen an den Tag legen, ist anscheinend innerhalb dieser Organisationen noch nicht angekommen. In der großen Masse der Betrachtenden schon. 

Eine solch unterschiedliche Wahrnehmung nennt man in normalen Zeiten eine Krise. In Zeiten wie diesen, die dahingehend als große bezeichnet werden können, weil vieles in Bewegung geraten ist und sich verändert, ist eine solche Krise fundamental. Ein etwas älterer Begriff trifft es dennoch sehr genau: Wir stehen vor einer gesellschaftlich relevanten Legitimationskrise. Und zwar deshalb, weil das beschriebene Phänomen nicht nur bestimmte Sparten betrifft, sondern die essenziellen, vitalen Bereiche der Gesellschaft. Von den politischen Parteien über die staatlichen Institutionen bis hin zu den Bildungsinstitutionen und der Automobilindustrie haben wir es mit Funktionsträgern zu tun, deren Qualität nicht mit den Organisationen und Strukturen korrespondieren, in denen sie die Macht haben.

Die Konsequenz aus dieser Überlegung kann nicht sein, die anfangs beschriebene Kernkompetenz zu diskreditieren. Es sollte weiterhin Energie auf die Frage verwendet werden, wie Dinge organisiert und strukturiert werden. Das kann sich immer als strategischer Vorteil herausstellen. Es muss jedoch andererseits eine unverblümte Fokussierung auf die Frage der Eignung des entsprechenden Personals stattfinden. Wohin es führt, wenn gute Organisationen von schlechten Leuten geführt werden, davon bietet uns der Alltag reichhaltiges Material. 

Eine Ursache für das Dilemma, in dem sich dieses Gefüge befindet, ist die Abkoppelung der Leistung als Entscheidungskriterium. Es wurde ersetzt durch ein Befindlichkeitsportfolio, das in der Regel genügt. Wer den Ansprüchen von Herkunft und Neigung genügt, empfiehlt sich für verantwortungsvolle Funktionen? Wer so denkt, ist bereits von einer gesellschaftlichen Psychopathologie befallen. 

Weder Befindlichkeit noch Loyalität sind die entscheidenden Kriterien, um Menschen auszuwählen, die in Leistungsorganisationen gute Ergebnisse erzielen. Eine einfache Erkenntnis, die sich in Zeiten der Krise schwer durchzusetzen vermag.

In welchem Land wollen wir leben?

Zwar existieren Detailstudien, die gewichtig wie komplex sind, aber eine Betrachtung über zumindest die letzten zweitausend Jahre gibt es noch nicht. Der Gegenstand dieser Untersuchung sollte sein, genau zu untersuchen, inwiefern sich historisch entweder diejenigen durchsetzen, die eine Idee, einen Glauben, eine Religion verfolgen oder die, die exklusiv auf das Machtkalkül setzen. Das Ansinnen klingt zunächst naiv, weil wahrscheinlich weder die eine noch die andere Variante eine generelle Erfolgsgarantie aufweisen kann, mit einer leichten Tendenz zum Machtkalkül vielleicht, aber auf keinen Fall kann einer Variante die Überlegenheit in Reinform zugesprochen werden. Das einmal als These.

Ein gutes Beispiel für eine derartige Untersuchung ist der Dreißigjährige Krieg. Der mit einem politologischen Ansatz operierende Herfried Münkler hat dies jüngst getan (1). Seine Auswertung bringt es relativ leicht auf den Punkt: diejenigen, die das Motiv des Krieges auf das religiöse Ziel reduzierten, waren denjenigen, die die gesamtpolitischen und geostrategischen Konstellationen in ihr Kalkül mit einbezogen, strategisch und real unterlegen. 

Man könnte die großen Epochen der Neuzeit, in denen Ideen eine gewaltige Rolle spielten, weiter untersuchen und käme zu erstaunlichen Ergebnissen. So war die Sowjetunion, obwohl alles andere als ein vom Idealismus durchtränkter Staat, vielleicht doch Opfer einer blendenden Ideologie. Und die USA haben, seit ihrem Sieg über die UdSSR die positiven Ideen für überflüssig gehalten und ließen im euphorischen Triumphalsmus dem reinen Machtkalkül freien Lauf, was ihren Niedergang beschleunigen wird. Und ob China aus all diesen Fehlern des ideen- oder  machtbezogenen Purismus gelernt hat, wird sich noch herausstellen, wobei einiges dafür spricht(2).

Jedenfalls zeiht sich die Frage wie ein roter Faden durch die Weltgeschichte. Zumeist ist, wenn große Ideen im Spiel sind, der Machtfaktor in den Hintergrund gedrängt und das führt in der Regel zu einem bösen Erwachen. Von den schönen Ideen bleibt dann noch die Erinnerung, während sich ein neuer Moloch in der Sonne räkelt. 

Das Resümee dieser Betrachtung ist recht simpel und führt zu der in der Politik bekannten Standardfrage: Schöne Idee, nur wie soll sie umgesetzt werden? Wie breit ist die Basis derer, die als Unterstützer gelten können? Existieren Bündnispartner? Mit wem sind Koalitionen möglich? Wie gestaltet sich die Interessenlage? Wer muss mobilisiert werden, um welche Bündnisse zu erreichen? 

Die Fragen sind existenziell und sie gelten im Kleinen wie im Großen. Wer im Großen, das heißt international, etwas erreichen will, muss sich diese Fragen genauso stellen und er braucht dabei Zeit, Geduld und Verhandlungsgeschick. Wer nur durch die Gegend läuft und seine Position als die einzig Wahre deklamiert, wird sich um keinen Millimeter fortbewegen. 

Um das Vertrauen möglicher Bündnispartner zu gewinnen, wird eine Offenheit benötigt, die sich auf die eigene Interessenlage bezieht. Wer nur von Ideen und Überzeugungen spricht, wird dieses nicht bewerkstelligen. Es geht darum, zu sagen, was man braucht und will und was man im Gegenzug dazu bereit ist zu geben und zu zahlen. Das ist eine alte, sehr alte und immer noch geltende Erkenntnis, die in der gegenwärtigen Politik dieses Landes nicht mehr zu hören ist.

Letzteres hat mehrere Gründe. Die Gewissheit hinsichtlich des Charakters dieses Landes ist nicht mehr gegeben, eine große Orientierungslosigkeit hat sich breit gemacht, die durch die schleichende Abkehr vom Industrialismus noch Dimensionen hervorrufen wird, die schlimme Szenarien wahrscheinlich machen. Das Marktgeschrei um Bekenntnisse und Überzeugungen ist nur ein Indiz für die allgemeine Verwirrung.

Das Erfordernis, Klarheit zu schaffen über Charakter, Zielsetzung und Bedürfnisse des Landes, ist zu einer existenziellen Frage geworden. 

1) Herfried Münkler, Der Dreissigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, Deutsches Trauma 1618 – 1648, Hamburg 2017

2) Jörg Kronauer, Der Rivale. Chinas Aufstieg zur Weltmacht und die Gegenwehr des Westens, 2019