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Historische Relativität

Historische Relativität! Noch so ein Begriff, der aus dem Handwerkskasten des Denkens allmählich verschwunden ist. Sein Überdenken wäre in Zeiten gravierender Veränderungen umso wichtiger. Denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht. Nicht nur Mephistopheles in Goethes Faust wusste das, sondern das kritische Denken, das der klassischen Deutschen Philosophie folgte, insgesamt. Alle wussten, dass alles, was existiert, eben auch Gesellschaftsordnungen und ihre Institutionen, nur in bestimmten historischen Kontexten Bestand haben konnten und irgendwann Bedeutung wie Existenz verloren. Ein ganz normaler Vorgang also. Wenn man um die historische Relativität weiß. Kein Grund zur Panik also.

Diese Panik aber ist es, die derzeit viele Diskussionen überstrahlt. Warum? Weil viele Menschen davon ausgehen, dass mit dem Untergang von Ordnungen und Institutionen, so wie wir sie kennen, der Untergang der gesamten Gattung Mensch oder gar des Planeten einherginge. Wer sich ein Bild von der Untergangsphantasien vorheriger, längst überlebter Epochen machen will, möge das tun, große Bibliotheken sind reich gefüllt mit den Horrorszenarien der letzten Tage untergehender Ordnungen. Dass die Zerstörungspotenziale in Bezug auf Menschheit und Planeten in einem nie gekannten Ausmaß vorhanden sind, ist nicht zu bezweifeln. Wie wäre es jedoch, ihre Destruktivität in Verbindung gerade mit dem Funktionieren der bestehenden, wankenden Ordnung in Beziehung zu setzen?

Wenn das Prinzip der Kapitalverwertung und des damit korrelierenden permanenten Wachstums Ursache für die krisenhafte Entwicklung sind, dann kann der Zerfall dieser Ordnung zuversichtlich stimmen. Die Frage ist nur, ob mit dem Zerfall der politisch und gesellschaftlich relevanten Institutionen nicht gerade die alte, destruktiv wirkende Ordnung einen weiteren Versuch startet, ihre eigene, unangefochtene Herrschaft weiter auszubauen? Auch dafür existieren historische Beispiele. Notbremse für historisch überlebte System bildet immer die Diktatur. Auch, wenn eine solche nur herausschiebende Wirkung hat, von den humanen und kulturellen Schäden einmal abgesehen.

Und noch einmal zurück zur historischen Relativität. Das, was momentan zu beobachten ist, dokumentiert nahezu eine klassische Situation eines solchen Falles. Die bestehende Ordnung produziert eine Krise nach der anderen und ihre eigenen politischen Institutionen sind nicht mehr in der Lage, diese Krisen so zu managen, dass die Benachteiligten und Opfer der Ordnung nicht zunehmend zu der Überzeugung kämen, dass sich grundsätzlich etwas ändern müsste. Insofern befinden wir uns in einer komfortablen Situation. Das Nadelöhr, durch das die Erkenntnis von der historischen Relativität der alten Ordnung und dem Versuch von etwas Neuem muss, ist die politische Artikulation des Willens, das auch zu wollen.

Und auch in diesem Kontext stellt sich die Frage nach der historischen Relativität. Sind Mittel wie politische Zusammenschlüsse und Parteien im altbekannten Sinne noch die Instrumente, die dabei helfen, Menschen so zu vereinen, dass sie als politisch organisierter Wille in der Lage wären, Veränderungen zu gestalten? Scheitert es an der Organisationsform solcher Zusammenschlüsse oder sind die Menschen, die heute anzusprechen sind, bereits sozial nicht mehr dazu in der Lage, weil sie durch die exzessive Fortführung des systemimmanenten Individualismus nicht befähigt oder willens sind, ihren alltäglichen Willen einem höheren sozialen Ziel unterzuordnen? 

Die Hitze, die in allen mit den aufgeworfenen Debatten entsteht, führt nicht zu den Ergebnissen, die erforderlich sind, um kühlen Kopfes die notwendigen Veränderungen zu gestalten. Das Phänomen der historischen Relativität dabei im Kopf zu behalten, ist ein empfehlenswertes Mittel, um den Pulsschlag nicht allzu sehr nach oben zu treiben. Was sich überlebt hat, geht auch unter. Und was kommen muss, das kommt. Mit und ohne eigene, innere Erregung.

Wandel: Momentane und strategische Sicherheit

Der Zustand taucht in einem Leben immer wieder einmal auf: das Gesetzte erscheint plötzlich zweifelhaft, der Rahmen, in dem sich alles abspielt, beginnt Risse zu zeigen, die Akteure im Tableau der eigenen Existenz beginnen ihr Verhalten zu ändern und alles gerät ins Wanken. Von der Faktenlage her ist damit ein normaler Vorgang, der Wandel,  beschrieben, der der Daseinsform der Bewegung zugeschrieben werden kann. Für das Individuum selbst wird dieser Umstand zumeist als Krise erlebt. Das, was die Predigerinnen und Prediger des ewigen Change nicht müde werden zu verkünden, so die Sicht der zumeist verängstigten Individuen, nämlich das Wandel immer auch Chancen beinhaltet, perlt ab und die Angst um die Sicherheit der eigenen Existenz überwiegt.

Die Angst vor der Veränderung ist nichts Neues und sie ist älter als die Anthropologie, die zu erklären versucht, warum sich Menschen in ihrem Ethno- und Sozialmilieu so verhalten, wie sie es tun. Während die Vertreterinnen und Vertreter der konservativen Anthropologie es dabei belassen, die Angst vor Veränderung quasi aus dem Sozialisationsprogramm des Homo sapiens zu erklären und sein Streben nach Sicherheit zu einer Konstante seiner Existenz zu machen, stellen sich andere, kritischere Ansätze, der Frage, ob es nicht eine Qualität im menschlichen Bewusstsein gibt, die in der Lage ist, zwischen einer, nennen wir es momentanen Sicherheit und einer strategischen in der Lage ist, zu unterscheiden.

Das hieße, dass Menschen in der Lage sind, die scheinbare Sicherheit, in der sie leben, als eine trügerische zu entlarven, weil sie es vermögen, die Entwicklung aller bestimmenden Faktoren in die Zukunft zu projizieren und erkennen, dass es fatal sein könnte, wenn die momentane, trügerische Sicherheit nicht durch einen willentlichen, gewaltsamen Eingriff aufgelöst und durch etwas Neues ersetzt werden sollte. So etwas nennt man strategische Weitsicht.

Dass die Globalisierung unter dem Vorzeichen frei agierender Waren- und Finanzmärkte nicht nur Ressourcen erkannt und verbraucht, Produktionsweisen radikalisiert und Verhaltensweisen geändert hat, ist unbestritten. Dass zudem die Sicherheiten, die auf überschau- und kalkulierbaren Zeiträumen basieren, durch die Halbwertzeiten der ökonomischen wie technologischen Entwicklung nicht mehr lange Geltung haben, sollte bewusst sein. An dieser Stelle ist jedoch eine eigenartige Widersprüchlichkeit zu erleben. Obwohl es offensichtlich ist, dass die erlebte Sicherheit in Gefahr ist, wird daran auf Hochtouren gearbeitet, eine Trance herzustellen, die trotz aller sichtbaren Indizien den Trugschluss vorherrschen lässt, alles könne so bleiben, wie es ist und nichts von den bekannten Faktoren der Existenz sei in Gefahr. Es ist das Geschäft der Beschwörer und Demagogen, die das Momentane zu einem Zeitpunkt betonen, wo das Strategische immer bedeutsamer ist.

Neben denen, die das Jetzt beschwören, um der politischen Krise – vergeblich – zu entkommen suchen, tauchen vermehrt auch wieder diejenigen auf, die es schon immer gewusst haben und vor allem mit der Botschaft brillieren, alles ende in einem einzigen Desaster und das sei unvermeidlich. Das scheint ihre Rolle zu sein. Damit vergrößern sie die Ängste vor der notwendigen Veränderung, ohne dazu beizutragen, die Verunsicherten der Notwendigkeit einer strategischen Sicht näher zu bringen. Und diejenigen, die mit der Botschaft hausieren gehen, alles sei doch in Ordnung, legen, ohne dass sie sich dessen immer bewusst sind, die Lunte für das große Feuer, das entsteht, wenn diejenigen, die ihnen vertraut haben, in einer aus ihrer Sicht letzten Eruption ihre Angst in unbändige, destruktive Kraft verwandeln.  

Der einbetonierte Kompass

Ein ehemals prominenter Sozialdemokrat schrieb in seinen Memoiren, dass während seiner aktiven Zeit eines seiner Traumata aus dem Auftreten der Traditionalisten entstanden war. Immer, wenn er zu Parteiveranstaltungen vor Ort gegangen sei, hätten sie dort gesessen, immer gewusst, was zu machen sei, mit einbetonierte Kompass. Das Bild hat Wucht. Wer sich jetzt die Hände reibt und zu dem Schluss kommt, große Teile der SPD seien damit gut beschrieben, sollte sich etwas Zeit lassen. Denn der einbetonierte Kompass steht nicht nur bei allen Parteien in den Zentralen, sondern überall, in jeder Firma, in jedem Verein und in jedem Haushalt. Es handelt sich um ein Massenphänomen, das vielleicht sogar aus unserem Nationalcharakter gehört, den die euphorischen Globalisierungsgewinner fälschlicherweise und folgenschwer leugnen und in dem der Terminus der „German Angst“ eine zentrale Rolle spielt. Der einbetonierte Kompass ist besonders in Deutschland sehr verbreitet und er erfreut sich momentan wieder eines massenhaften Absatzes.

Auf der phänomenologischen Ebene handelt es sich um den Habitus, immer alles aufgrund einer einmal erworbenen Weltsicht erklären zu können. Nicht nur, dass Erkenntnisse nun einmal immer in einem historischen Kontext gelten, sondern auch die Attitüde, die daraus resultiert, ist beschämend. Menschen mit einem einbetonierten Kompass sind zumeist ein Ausbund an Dogmatismus und Intoleranz. Oft reicht die Anregung, noch einmal über das eine oder andere, das gesetzt ist, nachzudenken, um einen Sturm der Entrüstung und eine Totalblockade hervorzurufen. Dann geht das Kesseltreiben gegen diejenigen los, die nach neuen Einsichten streben.

Und noch einmal, wer meint, es handele sich exklusiv um ein Phänomen der Sozialdemokratie, liegt falsch. Ebensowenig ist der Typus nur im konservativen Lager zu finden, sondern, vielen wird das nicht schmecken, auch bei denen, die für sich reklamieren, sogar revolutionär zu sein. Besonders dort sind die Sanktionen gegen die, die zementierte Wahrheiten neu beleuchten wollen, besonders drakonisch. Da muss nicht der legendäre Eispickel aus Mexiko zitiert werden, der im Kopf Trotzkis landete. Auch aktuell werden von selbst definiert Links bis Rechts Existenzen vernichtet, wenn sie den eingebauten Kompass im falschen Moment ignorieren.

Die Gewissheiten, die aus der zementierten Lebensroute resultieren, sind beruhigend und ein wunderbares Narkotikum gegen die Lebensangst. Insofern ist das Verständnis für die Motive des eingebauten Kompasses sehr wichtig, um an die Demontage dieses Instruments zu gelangen. Denn eine tatsächlich innovative, vielleicht auch revolutionäre Herangehensweise an die Fragen der Zeit kann nur gelingen, wenn der aggressive Skeptizismus derer, die schon immer alles wussten, überwunden werden kann. Dazu gehört die Überwindung der Angst gegen den Identitätsverlust. 

Denn neben der Angst, sich auf unbekanntes Terrain begeben zu müssen und somit verletzlich zu sein, gesellt sich die noch weitaus größere Furcht davor, nicht mehr als das, was man sich mühevoll erworben hat, von außen identifiziert zu werden. Damit handelt es sich bei dem einbetonierten Kompass also auch um einen vermeintlich identitätsstiftenden oder zumindest identitätserhaltenden Mechanismus. 

Es reicht nicht, die Notwendigkeit neuer Fragestellungen und Hypothesen mit den praktischen Erfordernissen der Gegenwart zu begründen. Es ist notwendig, auch die Relativität der vermeintlich gesicherten Existenz mit ins Spiel zu bringen. Wer in Zeiten großer Veränderungen darauf beharrt, dem einbetonierten Kompass stur zu folgen, wird das befürchtete Desaster nur wahrscheinlicher machen. Beim Kurs auf den berühmten Eisberg ist alles vonnöten, nur nicht das sture Festhalten am alten Kurs. Da verwundert schon manchmal die zur Schau getragene Arroganz derer, die auf der Brücke stehen und „volle Kraft voraus“ schreien.