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Futur II und strategische Kompetenz

Die Verhältnisse werden sich im wesentlichen in der Form, in der sie vorher existiert hatten, stabilisiert gehabt haben. Viele Menschen, die darauf gehofft hatten, dass sich Grundlegendes an ihren Lebensverhältnissen änderten, werden demoralisiert gewesen sein. Es wird eine Depression stattgefunden gehabt haben, in der die ökonomische Verheerung die kleinere gewesen sein wird. Die Demoralisierung der großen Masse der Bevölkerung wird zu einer entsetzlich gewirkt habenden Haltung geführt gehabt haben, die exakt die Kräfte bestärkt gehabt haben wird, die ursächlich verantwortlich für die Krise betrachtet worden waren. 

Kennen sie die Methode? Es ist ein Denkspiel, zu dem uns die deutsche Sprache befähigt. Es handelt sich um eine selten angewendete grammatische Form, die Futur II genannt wird. Nicht jeder beherrscht sie, und vielleicht sind in dem ersten Absatz sogar Nachweise des Fehlerhaften zu finden. Worauf es jetzt ankommt, ist die Möglichkeit, sich mit einer Denkweise vertraut zu machen, die weiterhelfen kann. Es geht schlicht um den Versuch, sich in eine fernere Zukunft zu versetzen, um eine nähere Zukunft zu betrachten. Man versetzt sich z.B. ins Jahr 2035, um zu betrachten, was von jetzt an bis 2030 geschehen ist. Es geht um eine Handlung, die zwar vor uns liegt, die aber bereits in der Zukunft abgeschlossen ist. Das Vorgehen ermöglicht uns, Wünsche, Vorstellungen und Hoffnungen über die Entwicklung in der Zukunft einmal auf ihre Wahrscheinlichkeit und Wirkung durchzuspielen. 

Eine Erkenntnis, die sich bei diesem Vorgehen relativ schnell durchsetzt, ist die Tatsache, dass die bloße Verneinung dessen, was existiert, genauso wenig hilft wie die Nennung von strukturellen Maßnahmen. Nur zu rufen „Keine NATO!“ sagt noch gar nichts aus über die Frage, ob es Streitkräfte zur eigenen Landesverteidigung geben muss und wenn ja, wie diese beschaffen sein müssen, d.h. welche Waffengattungen, welches Personal und welches Organisationsprinzip erforderlich wäre und welche Art von Bündnis dafür nötig sein würde. Genauso wenig hilft es, nach der Verstaatlichung von Banken zu rufen, wenn nicht definiert wird, welche Leistungen und Wirkungen auf die volkswirtschaftliche Entwicklung von ihnen erwartet werden. Futur II als Methode der politischen Voraussicht erfordert die Beschreibung von politischen, sozialen, psychologischen und kulturellen Qualitäten. 

Jede und jeder, die oder der es versucht, wird schnell feststellen, wie schwierig das ist. Wir sind dieses Vorgehen schlichtweg nicht gewohnt. Die Konsequenz daraus, sofern man sich davon überzeugen konnte, dass es dabei helfen kann, aus einer Phase der Analyse, der Enthüllung und der Entrüstung in eine der konkret gestaltbaren Politik kommen zu können, ist die Übung. Felder, auf die heute, in der Krise, mit dem Wunsch auf Veränderung geschaut werden, gibt es viele: Ökologie, Wirtschaft, Bildung, Infrastruktur, Technologie, Steuerung und Besteuerung, staatliches Handeln, Verteidigung. Es gilt, die einzelnen Felder zu bearbeiten und mit der Methode den Zustand, die Qualität zu beschreiben, die erstrebenswert ist.

Jenseits der regierungsamtlichen Kommunikation und dem medialen Mainstream, der sich in der Hand von 5 Eigentümern befindet, hat sich in der virtuellen Welt neben einer sich in der Hysterie manifestierenden Blase eine durchaus ernst zu nehmende Welt gebildet, die als kritische und analytische Kompetenz bezeichnet werden kann. Ihr kommt es jetzt zu, an der Entwicklung einer strategischen Kompetenz zu arbeiten, die die politische Zielrichtung erlebbar macht und veranschaulicht. Andernfalls wird es bei Abstraktionen bleiben, die nicht in der Lage sind, Menschen zu mobilisieren.

Das eingangs düstere Krisenszenario wird, um bei der „politischen“ Form des Futur II zu bleiben, auch einen positiven Ausgang gehabt haben können, wenn es gelungen gewesen sein wird, die strategische Kompetenz herauszubilden. Darum scheint es jetzt zu gehen. Die Analyse wird bleiben, doch die Energien aus den prall gefüllten Zorndepots müssen nun für den Prozess der Gestaltung genutzt werden. Alle sind eingeladen, die neuen Wege zu beschreiben!

Deprivation

Der Begriff der Deprivation hat quasi über Nacht einen neuen Stellenwert erhalten. Etymologisch, also bedeutungshistorisch, meint er nichts anderes als die Beraubung eines Menschen von Dingen, die ihm lieb sind. Dass sich daraus eine regelrechte Wissenschaft entwickelt hat, die so genannte Deprivationsforschung, hat etwas mit der allgemeinen Verwissenschaftlichung der Welt, mit dem Ansinnen von Herrschaft und mit der Überalterung der Gesellschaft zu tun. Das klingt verwegen, ist jedoch folgerichtig.

Die beiden genannten Felder sind, in ihrer Chronologie, zunächst im Strafvollzug und dann in den Altenheimen bearbeitet worden. Bei ersterem ging es darum, Kenntnisse darüber zu haben, welche Folgen die soziale Deprivation auf als gefährlich eingestufte Strafgefangene haben kann. Bei der zweiten Variante wurden mit dem Alter einhergehende Folgen sensorischer, kognitiver und sozialer Deprivation beobachtet und Ansätze entwickelt, wie therapeutisch den zu beobachtenden Verlusten der Persönlichkeit entgegengewirkt werden kann.

Damit wären die drei kardinalen Typologien der Deprivation benannt. Die sensorische beginnt mit dem Verlust des Individuums in der Fähigkeit der eigenen Sinneswahrnehmung. Einschränkungen von Gehör, Sicht und Geschmack können – neben dem tatsächlich physischen Verlust – auch Folgen auf Lebensfreude und Lebenswillen haben. Die Textur des Individuums überschreitet immer die Grenzen zwischen Physis und Psyche. Die kognitive Deprivation resultiert aus der schwindenden Fähigkeit von Gedächtnis und Abstraktion und hat eine dramatische Abnahme am allgemeinen gesellschaftlichen Leben zur Folge. Letztendlich ist die soziale Deprivation der Verlust an sozialen Kontakten und hat eine psychische Vereinsamung zur Folge, die in schwerer Depression enden kann. Letzteres war die Motivation von Haftformen wie der Kontaktsperre, um Häftlinge mental zu zerstören.

Warum das Thema?  Weil, ohne dass wir uns dessen bewusst sind, alle genannten Formen der Deprivation auf die Gesellschaft zukommen oder bereits zugekommen sind. Was bisher mehrheitlich für Alte und Strafgefangene galt, ist jetzt in der gesamten Gesellschaft und zunehmend als Massenphänomen zu beobachten. Damit sind nicht die gegenwärtigen Beschränkungen gemeint, solange sie nur temporär gelten würden. Zu einem Problem könnten sie jedoch auswachsen, wenn der Zustand sich stabilisiert, d.h. wenn die gewohnten Sozialkontakte auf Dauer drastischen Einschränkungen unterliegen. 

Alle drei Kategorien der Deprivation, die sensorische, die kognitive sowie die soziale sind bereits im Stadium ihrer Ausbreitung. Vieles hat mit dem Prozess der Zivilisation zu tun, in dem wir uns befinden und der aus vielen guten Absichten heraus stattfindet. Man könnte die einzelnen, bereits beobachteten und beschriebenen Phänomene Revue passieren lassen, um sich das Ausmaß bewusst zu machen. Dazu würde es reichen, sich mit Lehrerinnen und Lehrern aus einem typischen, normalen Schulbetrieb zu unterhalten. Sie würden beschreiben, welche Entwicklungsdefizite sie täglich beobachten: Das nicht Ausbilden eines repetitiven Gedächtnisses durch permanenten Zugriff auf Daten, die Bewegungseinschränkungen durch Bewegungsmangel, der ebenfalls kognitive Defizite hervorbringt und die ansteigende soziale Kälte, die durch digitalisierte Kommunikation und den damit einhergehenden Verlust der Unmittelbarkeit entsteht. 

Die nun, aus der Not, entstehende Ausbreitung der Digitalisierung, die die direkte soziale Kommunikation noch weiter zurückdrängen wird, hat analoge, potenzierte Wirkungen zur Folge. Es ist also ratsam, sich mit dem Gebiet der Deprivationsforschung intensiver zu befassen, um sich Klarheit darüber zu verschaffen, was das Wesen des zeitgenössischen Individuums und seines Bedürfnisspektrums tatsächlich ausmacht und was eine Degradierung desselben zu einem Objekt technisch rationaler Prozesse für dessen Pathologisierung bedeutet: in sensorischer, in kognitiver wie in sozialer Hinsicht.

Enge und Langeweile als Impuls der Revolte?

Angeregt durch den Brief eines Freunde, der seit mehr als drei Jahrzehnten in einem immer noch fernen Land auf einem anderen Kontinent lebt, kam ich ins Grübeln. Er hatte geschrieben, dass ihm zunehmend die Frage durch den Kopf gehe, was die Versäumnisse und Fehler unserer Generation seien, wenn wir nun auf vieles zurückblickten. Wir selbst seien mit unseren Eltern auch nicht gerade zimperlich umgegangen und wir hätten bei jeder Gelegenheit laut deklamiert, dass wir alles anders und besser machen wollten. Er spielte auch auf das an, was wir alle zunächst im Kopf haben, wenn wir darüber nachdenken: Imperialismus und Krieg bzw. Frieden, soziale Gerechtigkeit, Emanzipation und Ökologie. 

Bei redlicher Überlegung waren das aber nicht die Themen, die den ursprünglichen Impuls zur persönlichen Revolte gaben. Das waren andere Erscheinungen. Ich versuchte mich in die Stimmung zu versetzen, die bei mir vieles ausgelöst hatte und ich hatte sehr schnell Begriffe im Kopf wie Enge und Langeweile. Und wie von selbst tauchten dann die ersten Parolen auf, die vielen meiner Generation durch den Kopf gingen: Abhauen, Rauswollen, Ausbrechen. Ja, ich glaube, es waren tatsächlich die soziale Enge und die unsägliche Langeweile, die herrschte, wenn Schule und Arbeit getan war. 

Die großen politischen Themen seien einmal ausnahmsweise ausgespart. Aber gerade Enge und Langeweile haben den Wunsch nach Mobilität erhöht und das Überwinden von Grenzen zur Bedingung gemacht. Die Persönlichkeitsbildung meiner Generation fand zu einem beträchtlichen Maße auch durch Reisen statt. Meistens mit wenig Mitteln, dafür aber im Bestehen großer Abenteuer. Das Reisen bestand aus der Nutzung falscher Straßen und dem unbeabsichtigten Treffen Fremder, die einem Perspektiven eröffneten, von denen wir vorher nichts wussten, die manchmal bedrohlich waren, aber oft auch bereichernd. Der unbestechliche Reiz dieser Unternehmungen bestand darin, ins Unbekannte zu kommen, das neue Blicke öffnete. 

Die soziale Sprengkraft von Enge und Langeweile ist selten beachtet worden. Wenn es jemand war, dann Ernst Bloch in seinem Prinzip Hoffnung. Selbst aus Ludwigshafen stammend, wusste er, wovon er sprach. Er wies darauf hin, dass dieses Fühlen von Einschränkung und Öde den Impuls für die Revolte geben kann. Aber Bloch gehört zu den Weisen, die in der aktuellen Welt in Vergessenheit geraten sind. Vielleicht, weil die Hoffnung ihrerseits auf außerplanetarischer Reise ist.

Der Grund dafür ist nämlich ein Resultat dessen, was wir Globalisierung nennen. Was den ursprünglichen Impuls der Revolte ausmachte, ist zurück. In einer nie gekannten Weise sind Enge wie Langeweile zurückgekehrt. Wer heute noch behauptet, er ginge in ein anderes Land, weil dort alles anders sei, der war lange nicht mehr unterwegs. Die Globalisierung in Form von Produktions- und Warenketten haben nahezu global und flächendeckend etwas mit sich gebracht, das auch im Sprachgebrauch lange alles dominiert hat: die Standardisierung. Alles ist überall gleich: Waren, die Form der Bezahlung, Unterbringung, Speisen, Verkehrswege. Und, zur Krönung, wer ganz sicher sein will, dass er auf seiner Reise niemandem begegnet, der ihm Rätsel aufgeben könnte und in keine Straße einbiegt, auf der er etwas tatsächlich Neues noch erleben könnte, der lässt sich von einer App durchs den bekannten Standard der Verkehrs- und Lebensform führen. 

Überall das Gleiche. Das ist, selbstverständlich auf einem anderen Niveau, die Rückkehr von Enge und Langeweile. Die Frage ist nur, ob sich irgendwann das Gefühl breit macht, aus dieser uniformen Welt ausbrechen zu wollen. Der Unterschied zwischen dem Damals und dem Heute besteht darin, dass es noch vor der glorreichen Globalisierung reichte, seinen Schlafsack zusammenzurollen und den Daumen in den Wind zu halten. Heute bildet die geographische Flucht vor Enge und Langeweile keine Option mehr. Heute muss alles verändert werden. Und zwar genau dort, wo der Mensch sich aufhält.