Archiv der Kategorie: food for thought

Krise X: Das Sein und das Nichts

Das Gute an der gegenwärtigen Krise ist gleichzeitig existenziell und explosiv. Wir sind, ohne in die Kategorie des Dramas greifen zu wollen, tatsächlich an einem Scheidepunkt angekommen. Gehen wir den Weg weiter, so wie er sich in den letzten Jahren abgezeichnet hat, dann sind wir auf der Beschleunigungsspur zur Selbstaufgabe. Oder, um es existenzialistisch auszudrücken, dann sind wir kurz vorm Erreichen des Status des An-sich. Die Alternative wäre, um bei dem letzten Hinweis zu bleiben, wechseln wir die Richtung und suchen nach der Straße zu einem neuen Für-sich? Letzteres hätte rettenden Charakter.

Die Situation, in der wir uns befinden, hat viel Gutes. Wir sind zu Hause, unsere sozialen Kontakte tendieren gegen Null, wir sitzen aber in keiner Zelle. Die Eremitage, in der wir uns befinden, bringt allerdings Probleme hervor, die jeder Strafgefangene kennt. Wer sich gehen lässt, verkommt. Schon kursieren Hinweise, was alles gemacht werden kann und muss, um nicht abzugleiten. Schaffen Sie sich eine Struktur, heißt es allenthalben. Damit sind Routinen gemeint, die uns einen Rahmen geben, der das Zivilisatorische sichert. Zu beistimmten Zeiten aufstehen, Körperhygiene, Morgengymnastik, ein Spaziergang, Frühstück, eine Aufgabe erledigen, Einkaufen, Lesen, Abendspaziergang, Kochen, Essen etc.. Der Tagesablauf rettet vor Verlotterung, er rettet aber auch vor Fragen, die beunruhigende Antworten bergen können.

Ist die Arbeit, von vielen als Broterwerb, von anderen als Fläche der Selbstverwirklichung begriffen, tatsächlich das einzige Medium, das noch Erziehung und Rettung vor dem Absturz bietet? Und, wie sieht es eigentlich mit uns selbst, den einzigartigen und freien, aber gleichen Individuen aus? Haben wir tatsächlich so viel Substanz, als dass wir einer kollektiven sozialen Interaktion soviel bieten könnten, dass es sich lohnte? Vieles deutet auf eine existenzielle Dominanz des Konsums hin, was problematisch ist.

Wie eine Horrorvision taucht am Horizont das auf, was in den letzten beiden Jahrzehnten als die Ultima Ratio galt. Es ist die Fokussierung auf das Sein an sich. Nicht das, was als Leistung und Wirkung den Menschen ausmacht, das Für-sich, sondern sein passiver Status wurde zu der Währung, mit der die Menschen auf dem Markt der Politik gehandelt wurden. Das viel gerühmte Ende der Geschichte endete mit dem Menschen als Objekt. Das Fatale dabei war, dass sie, die Opfer, sich dabei noch wunderbar exotisch und vielfältig vorkamen, wenn sie damit renommierten, aus welchem Erdwinkel sie stammten, in welche soziale Kaste sie hineingeboren wurden oder mit welcher Physis sie das Licht der Welt erblickten. Alles, nur nicht das Resultat ihrer selbst. Das Eigene, der Wille, die Leistung und die Wirkung verschwanden aus dem politischen Diskurs. Die Degradierung des Menschen zum etikettierten Handelsobjekt war abgeschlossen. 

Die Zeit, die jetzt zur Verfügung steht, bringt die Möglichkeit, aus der Deklassierung des Menschen zum bloßen Objekt eine Umkehr zum handelnden Objekt abzuleiten. Unsere Existenz, als passiver Zustand, ist eine Verschwendung aller Möglichkeiten. Der Eintrag in das Pflichtenheft der menschlichen Existenz, den Jean Paul Sartre in seinem  Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ formulierte, ist einfach. Unsere Existenz, so flüsterte er den längst dekadenten, in der Verwertungsmaschine zu Objekten verkommenen Beaus seiner Zeit ins Ohr, unsere Existenz ist etwas zu Leistendes. 

Hört auf, Euch mit dem zu begnügen, was Ihr seid! Macht Euch auf den Weg, das zu erreichen, was Ihr wollt!

Krise IX: Die Legitimation von Politik durch Wissenschaft

Die gegenwärtige Krise verstärkt eine Tendenz, die mit der Fridays For Future-Bewegung eingesetzt hatte. Es geht um die Legitimation von Politik mit dem Verweis auf die Wissenschaft. Das wohl wichtigste Argument dieser Bewegung sind Aussagen von Wissenschaftlern zum Klimawandel. Unabhängig von der notwendigen Betrachtung von Wissenschaft fiel auf, dass dieser Verweis bei weitem nicht auf so offene Ohren stieß wie die folgende Welle mit der Pandemie. Da griff die Politik schleunigst zu, zu jeder politischen Entscheidung, die getroffen wird, werden die Politiker von nickenden Virologen und Epidemiologen umrahmt. Anscheinend ist in diesem Fall auch die Akzeptanz derer, die die politischen Entschlüsse mittragen sollen, uneingeschränkt vorhanden.

Aufgrund dieser Erfahrung ist zu erwarten,  dass sich die Politik in Zukunft vermehrt das Testat der Vernunft und Seriosität aus dem Lager der Wissenschaft holen wird. Wäre die Wissenschaft so, wie sie vielen erscheint, könnte das hilfreich sein. Doch so heilig ist die Wissenschaft nicht, auch sie hat in den letzten Jahrzehnten sehr unter Sparprogrammen einerseits und Privatisierung andererseits gelitten. Längst kursieren Begriffe wie Auftrags- und Gefälligkeitswissenschaften, die Zustände beschreiben, in denen die Wissenschaft sich dafür hergibt, die notwendigen Botschaften derer, die als Geldgeber in Erscheinung treten, mit dem Instrumentarium der eigenen Disziplin zu untermauern. 

Bei den vielen Zitaten aus den Wissenschaften, mit denen wir bereits heute konfrontiert werden, empfiehlt es sich, zunächst einmal zu fragen, aus welchem Haus die Untersuchung, auf die man sich beruft, tatsächlich kommt. Meistens sind es private Institute oder Stiftungseinrichtungen, während staatliche Universitäten relativ selten für politische Legitimation zur Verfügung stehen. Ein weiteres Indiz ist der Umgang mit unterschiedlichen Auffassungen. Selten wurden Wissenschaftler derartig demontiert, wie in diesen Zeiten. 

Was als typisch für die Inquisition galt, ist durchweg gesellschaftsfähig geworden. Man sehe sich alle an, die sich der offiziellen Meinungsversion als Wissenschaftler nicht anschließen. Über Nacht sind Menschen, die bis dahin eine unangefochtene professionelle Reputation genossen, mit dem Label des Verschwörungstheoretikers, des Scharlatans oder des Psychopathen versehen.

Andererseits sei der kleine Hinweis auf den wissenschaftlichen Dienst des Bundestages erlaubt. Selbiger ist gerade in der jüngsten Zeit immer wieder zu Ergebnissen gekommen, die der Politik der Bundesregierung diametral entgegenstanden. Der Verweis auf die Wissenschaft bleibt in solchen Fällen aus. Es sollte allen klar sein, dass die Wissenschaft instrumentalisiert wird, auch wenn die Legitimation von Politik durch die Wissenschaft punktuell vernünftig und sinnvoll sein kann. Generell, als politisches Paradigma, ist es ein Desaster.

In Erinnerung ist das Bild, das Dürrenmatt einst von einem Physiker zeichnete, der endlich die Formel für die H-Bombe gefunden hatte und müde, aber glücklich in seinen Sessel sackte. Dann ließ er den Blick schweifen und entdeckte, dass er während der fieberhaften Forschungsarbeit vergessen hatte, seine Pflanzen zu gießen. Sie waren eingegangen. Als er das realisierte, entlockte es ihm eine Träne. 

Es sollte im Kopf sein, dass das Interesse von Wissenschaft nicht kongruent sein muss mit dem, was politisch vernünftig ist. Und es sollte immer bewusst sein, dass die größten Verbrechen der Menschheit von Wissenschaftlern begangen wurden, denen man zu „Forschungszwecken“ Macht gab. Auschwitz wäre ohne ihr Zutun nicht so möglich geworden und, als der Krieg vorbei war, sorgte der amerikanische Geheimdienst dafür, dass man diese Kriminellen in die USA holte, um den militärisch-industriellen Komplex aufzubauen. 

Harmlos ist die Legitimation von Politik durch die „Wissenschaft“ also nicht. Auge, sei wachsam!     

Krise VII: Mit der schwarzen Mamba zum Gemeinwohl?

Wer kennt sie nicht? Immer unterwegs, in gediegenen Limousinen oder voluminösen SUVs, im Flieger mit Senator-Status oder in der Bahn mit der schwarzen Mamba: die Vielreisenden, die von einem Meeting zum nächsten hetzen, die eine Konferenz nach der anderen besuchen und mit Smalltalk und kurzen Statements am Leben, d.h. im Geschäft bleiben? Irgendwie haben sie sich darauf eingerichtet, die Anzahl der Kilometer, die sie hinter sich lassen, die Sterne der Hotels, in denen sie nächtigen oder die Sprechminuten auf den Events, die sie abspulen, als Zeichen ihrer eigenen Bedeutung zu werten. Unterschätzen wir es nicht. Neben der tatsächlich notwendigen Mobilität, in der Akteure von A nach B müssen oder Waren transportiert werden, sind es der Tourismus und die Tagungs- und Konferenzhaie, die dafür sorgen, dass der Planet unter zu viel Verkehr leidet. 

Die gegenwärtige Krise könnte dazu beitragen, das tatsächlich Notwendige wieder in den Fokus zu nehmen und das Lässliche mit einem anderen Blick zu betrachten. Vor wenigen Tagen telefonierte ich mit einem Berliner Filmproduzenten, der mir erzählte, dass er momentan überhaupt nicht reise und festgestellt habe, das meiste ginge auch anders, z.B. via Videokonferenz oder Skype. Das ist eine Erfahrung, die momentan viele machen und diese Erkenntnis wird sicherlich dazu führen, tatsächlich notwendige Mobilität in einem anderen Licht zu betrachten. Dann reden wir nicht nur über eine erforderlich andere, sondern auch über weniger Mobilität. Eine Erkenntnis, die sich ohne die Krise nicht durchgesetzt hätte. Und eine Erkenntnis, die dieTourismusindustrie gewaltig wird verändern können. Wenn, ja wenn, die richtigen Schlussfolgerungen gezogen werden und nicht ökonomische Einpunktstrahler mit ihrem Lobbyismus die Politik an die Wand drängen.

Doch keine gute Botschaft ohne Skepsis. Was mit der Chance, durch die Digitalisierung notwendige Mobilität einschränken zu können, korreliert, ist der Irrglaube, soziale Interaktion durch Technik ersetzen zu können. Konfliktäre Situationen, die sich auf dem Bildschirm und über Mikrofone entwickeln sind etwas anderes, als wenn sich zwei Tiere, die riechen und schmecken, die wittern und empfinden, gegenüber sitzen. Die Technik, eine drastische Reduktion unmittelbarer Erfahrung, erzeugt Kälte und Gefühllosigkeit. Letzteres  wirkt bei gravierenden Entscheidungen verheerend und muss vermieden werden. Was also für die oben beschriebenen Kohorten gilt, darf zum Beispiel nicht für Politikerinnen und Politiker gelten. Zu ihrer Aufgabe gehört es, zu spüren, was auf der Straße, im Laden, im Büro, in der Fabrikhalle, im Theater und allen anderen Routinen vor sich geht. Bereits heute wird nicht zu Unrecht moniert, dass dieses Gespür einigen aus dem politischen Feld gehörig abhanden gekommen ist. Die Reduktion auf digitale Kommunikationsformen würde diese Tendenz drastisch verstärken.

Wie zu sehen, stellt die Krise eine beträchtliche Chance dar, Fehlentwicklungen zu korrigieren bzw. auch neue Qualitäten zu erzeugen. Es verlangt allerdings Aufmerksamkeit und Differenzierung. Die tatsächlich vorhandene Komplexität verbietet Pauschalisierungen. Wie eigentlich immer, ist es geraten, die Frage nach dem „Warum“ und die nach „In wessen Interesse“ zu stellen. Vieles wird dahin führen, dass das Spannungsfeld von individueller Freiheit und gesellschaftlicher Notwendigkeit in den Fokus tritt. Die Berichte über China und dessen Vorgehen gegen die Pandemie und der Vergleich mit den hiesigen Verhältnissen deutet auf diese Frage hin. Wahrscheinlich wird es in den nächsten Jahren genau darum gehen. Individuum versus Kollektiv. Vielflieger hin oder her.