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Ohne Vision: Angst, Hass und Entladung

Gesellschaften, denen die Utopien verloren gegangen sind, neigen dazu, in Selbstbetrachtung zu versinken. Ein Ziel, unter dem sich viele versammeln können, vermittelt die Einsicht in die Notwendigkeit von Gemeinsamkeit. Das individuelle Schicksal spielt, auch aus der Perspektive des Individuums selbst, eine wichtige, aber nicht alles dominierende Rolle. Identität wird als eine gemeinsame definiert. Anders als bei Gesellschaften, die keine gemeinsame Vision mehr herzustellen in der Lage sind. Dort überstrahlt die individuelle Befindlichkeit alles. Sie differenziert sich ständig aus und hat als Tendenz eine nicht mehr aufzuhaltende Unterschiedlichkeit. Das Detail, auch auf die humane Existenz bezogen, beherrscht den Diskurs, die Gesamtheit, die Kontur gehen verloren.

Daraus entsteht eine große Unübersichtlichkeit. Diese hat wachsende Unsicherheit zur Folge, die traditionell mit mehr staatlicher Intervention verbunden ist. Je ausdifferenzierter das gesellschaftliche Sein, desto größer die Unwägbarkeiten. Je größer die Unwägbarkeiten, desto größer die Ängste. Je größer die Ängste, desto lauter der Schrei nach staatlicher Regelung. Je mehr staatliche Regelung, desto unübersichtlicher die Rechtslage. Je unübersichtlicher die Rechtslage, desto größer die Unsicherheit. –  Es handelt sich um einen Teufelskreis, den weiter zu beschreiben bedeutet, irgendwann zu der Erkenntnis kommen zu müssen, dass das alles nicht gut ausgehen kann.

Erstaunlich und besonders ist der Konnex von Individuum und Gesellschaft in diesem Dilemma. Denn wie es dem Individuum ergeht, so erfährt es auch die Gesellschaft. Individuen wie das gesellschaftliche Bewusstsein stehen vor einer großen Unübersichtlichkeit und Unsicherheit, der Ruf nach einfachen Lösungen wird immer lauter. Das Brisante an dieser Entwicklung ist die Gefühlslage. Da die beschriebenen Phänomene Ängste auslösen, ist nachvollziehbar, wie sich  das energetische Kontingent des Angstgefühls bereits aufgeladen hat. Und es ist gewiss, dass die Ängste sich irgendwann in Gewaltprozessen entladen, denen nicht selten der emotionale Umschlag in Hass vorausgeht. Es ist die Hochzeit für Demagogen, die Sündenböcke anbieten, um die vermeintliche Ursache für die Misere zu adressieren. 

Machen wir uns nichts vor. Eine Sogwirkung, ausgelöst durch das Versprechen einer neuen Vision, die wohl zivilisierteste Möglichkeit aus dieser Sackgasse wieder herauszukommen, ist nicht in Sicht. Die neu gewählte Regierung reklamiert den Anspruch, dieses einlösen zu können, aber eine positive Resonanz ist bis jetzt ausgeblieben. Zu sehr, das sei gesagt, sind die Beschränkungen der Grundrechte und des gesellschaftlichen Lebens mit Begründung der Epidemie-Bekämpfung als negative Blaupause in den Köpfen präsent. Das Bild, das dem repräsentativen Individuum unserer Tage am besten entspräche, wäre nicht ein zielendes Auge, sondern ein leerer Blick.

Stattdessen mangelt es nicht an Feindbildern, die momentan miteinander konkurrieren, um als finale Zielscheibe bei der kollektiven Entladung zu dienen. Je nach Klasse, Schicht oder Funktionsgruppe werden sie bemüht, um von denen eigenen operativen wie strategischen Unzulänglichkeiten abzulenken und sich vor der Entladung zu schützen. International sind es Russen und Chinesen, oder auch mal Schleuser, national sind es momentan Ungeimpfte, die Erbengeneration oder die Alten, korrupte Politiker oder alle auf einmal. Sollte sich das Gefühl durchsetzen, das alles zusammen wohl zutrifft, dann wäre der Ausgang noch offen. Sollten entweder die Russen und Chinesen, oder eine Gruppe wie die Ungeimpften ausgedeutet werden, dann sind wir nahe an dem Desaster, dass uns der Nationalsozialismus schon einmal beschert hat. Hetze auf eine Bevölkerungsgruppe und deren Ausgrenzung und Verfolgung im Innern und ein Aggressionskireg nach außen. Die Gefahr geht von denen aus, die diese Agenda verfolgen. Und die Unfähigkeit zu einer mehrheitsfähigen Vision wird nicht kompensiert durch die Beschwörung von Werten, die im eigenen Terrain nicht mehr gelten. 

Fundstück aus einem alten Notizbuch

„Im Postskriptum der bürgerlichen Gesellschaft wird einmal zu lesen sein, dass die Verwertung aller Werte zu tauschbaren Gütern die Entsubstanziierung des Gemeinwesens herbeigeführt habe. Tendenziell habe der Tausch den Gebrauch übertrumpft und die Menschen davor „bewahrt“, den Kopf noch frei zu haben für eine kreativ wirkende Sicht des eigenen Daseins. Der Schatten wurde zu einem Reich, das die eindringende Sonne erfolgreich bekämpfte.“ 10.01.1994

Die Wiederkehr der Konsorten

Der Begriff an sich wurde von einer Körperschaft abgeleitet, die nichts unverfängliches beinhaltete. Aus dem Lateinischen entsprungen, wurde sie als eine Zusammenkunft unterschiedlicher Teile zu einem gemeinsamen Zweck beschrieben. Bis heute existieren Konsortien und niemand käme auf die Idee, sie per se als eine dubiose Unternehmung zu beschreiben. Im Zeitalter der Anglisierung wird der Begriff allerdings immer seltener gebraucht. Anders ist es mit den, streng genommen, einzelnen Gliedern. Niemand wäre so frei und unbekümmert, sich als Konsorte zu bezeichnen, auch wenn er Mitglied eines an sich unverfänglichen Konsortiums wäre. Denn Konsorten haben ein denkbar schlechtes Image. 

Im allgemeinen Sprachgebrauch sind Konsorten nämlich zwielichtige Gestalten, die sich zum zwecke unlauterer, moralisch verwerflicher Taten zusammenschließen. Warum es die eigenartige unterschiedliche Bewertung zwischen Körperschaft und den einzelnen Individuen dieser Körperschaften gibt, mag vielleicht an der synonymen Verwendung des Wortes im Französischen mit dem Begriff Syndikat liegen, aber das ist Spekulation. 

Was auffällt, ist, dass die Bezeichnung von Menschen als Konsorten, unabhängig davon, ob sie Mitglieder eines tatsächlichen Konsortiums sind, sondern als negative Beschreibung ihres Charakters und ihrer Taten, in den letzten Jahrzehnten eigentlich nahezu verschwunden ist. Es schien so, als sei es ein Begriff, den die ältere Generation noch kannte, für den die Jüngeren aber längst andere Vokabeln benutzten. 

Das Spannende an Sprache ist ihre Sensibilität, mit der sie auf Erscheinungen und Ereignisse reagiert und die damit verbundene Eigenschaft als Symptom gesellschaftlicher, kultureller und politischer Verhältnisse. Das mag auch der Grund sein, warum manche die Veränderung der Sprache willentlich und wissentlich mit der Brechstange betreiben wollen, um die Köpfe der Individuen zu erobern. Ein Phänomen übrigens, das zum Grundbesteck totalitärer Systeme zu zählen ist.

Die Sprache hat nun auf bestimmte Verhältnisse und Entwicklungen mit der Renaissance des Begriffs geantwortet. Es ist erstaunlich, dass und wie so etwas passiert. Aber die Empiriker sitzen überall und betreiben ihr akribisches Geschäft. Und tatsächlich: sie haben festgestellt, dass die Konsorten im Sprachgebrauch wieder vermehrt auftauchen. So, als erinnere sich das kollektive Gedächtnis an eine Bezeichnung, die in unserer totalitären Geschichte schon einmal als treffend empfunden wurde. Spätestens seit dem Einmarsch des Corona-Virus ist der Begriff wieder en vogue. 

Die Anwendung des Begriffs findet vor allem bei der Bezeichnung einzelner Politiker statt, für diejenigen, die mit Masken Geschäfte gemacht haben, für jene, die an Impfstoffen verdienen, für andere, die das Monopol bestimmter Impfstoffe schützen etc.. Aber auch für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die in jeder Talk Show sitzen und sich von ihrem eigenen Fach entfernt und zu politischen Ratgebern gemausert haben. Trotz oder gerade wegen ihrer Omnipräsenz haben letztere nahezu den kompletten Ruf ihres Metiers verspielt, gerade weil sie sich haben instrumentalisieren lassen.

So, wie es aussieht, dokumentiert die Verwendung von Begriffen jenseits des offiziellen Ausgrenzungs- und Diskriminierungs-Sprech, das durch die Medien wabert, eine ungeheure Feinfühligkeit der Bevölkerung in Bezug auf das, was sich vollzieht. Ausgerechnet diejenigen, denen permanent von den in die Ämter drängenden Sozialmilieus die intellektuelle Fähigkeit abgesprochen wird, Politik noch zu begreifen, haben mal wieder ein Phänomen entdeckt, das mit allen Mitteln vertuscht werden soll: im gesellschaftlichen Überbau wimmelt es von Konsorten! Schaut dem Volk aufs Maul!