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Balkankriege, Konvertiten und Tragödien

Ehrlich gesagt, die Dimension von Feindbildern, die unseren öffentlichen Raum bevölkern, ist erschreckend. Überall lauern sie. Die Kräfte des Verderbens. Woher sie auch immer kommen mögen, sie führen Böses im Schilde. Und es stellt sich die Frage, wo die Feindbilder, mit denen überall jongliert wird, eigentlich produziert werden. Bei Wladimir Putin ist das relativ leicht auszumachen. Der galt, als Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion am Boden lag, als ein naher Freund und lieber Kerl. Erst als deutlich wurde, dass er den Ausverkauf des ehemaligen Imperiums durch rücksichtslose Oligarchen an die lüsternen Broker des prosperierenden Westens zu stoppen gewillt war und die Konjunkturschmuggler in arge Bedrängnis gerieten, setzte in deutschen Landen ein Wandel ein.

Seitdem schlitterte der russischen Präsident mit jedem Erfolg hinsichtlich der Konsolidierung Russlands in ein neues Beliebtheitsloch. Und seitdem ist klar, dass eine Politik, die die vermeintlichen oder echten Interessen Russlands vertritt, nicht im Sinne des Westens sein kann und dass jedes Mittel recht ist, um eine solche Konsolidierung und deren Vertreter zu diskreditieren. Aus dem Freund Deutschlands wurde ein Erzfeind und ohne irgendeine Aggression gegen den Westen war bereits lange klar, dass die militärische Eskalation vorangetrieben werden müsse.

Seit den Balkankriegen Ende der Neunziger Jahre, als ein grüner Außenminister die moralische Kategorie zur aktiven Kriegspropaganda wieder einführte und so das Feuer des Faschismus wieder aufflackern ließ, haben sich die Kräfte formiert, denen an einer weiteren Konfrontation mit Russland gelegen ist. Bis heute, betrachtet man ihre Statements zur Ukraine, haben es die Grünen zu einer Speerspitze der militärischen Aggressionsvorbereitung gebracht. Insofern herrscht auch dort eine Kontinuität über den Konvertiten und Lobbyisten Fischer hinaus. Wie teuer sie waren, wird man nie erfahren, aber schneller ist die Metamorphose von einer Friedensbewegung hin zu einer Kriegspartei wohl selten vollzogen worden.

Zu der Russophobie gesellt sich nun noch die Hysterie gegenüber einer politischen Kurskorrektur in den USA. Gut, dass die amerikanischen Demokraten handfeste Interessen in der Ukraine vertraten, war allen klar, die lasen, dass der Sohn von Obamas Vize Joe Biden bereits im Donbas mit einer Frackingfirma residierte, und insofern rechnete niemand in der deutschen Regierung mit der Möglichkeit, dass es eine Avance aus Washington an Moskau in nächster Zeit geben könne. Zum Erstaunen aller kommen nun Signale vom nächsten Präsidenten der USA, Trump, die genau dieses vermuten lassen. Der Versuch einer Politik der Verständigung löst das blanke Entsetzen aus. Inwieweit das so kommt und ob es gelingt, wenn es so kommt, steht noch in den Sternen. Sicher ist jedoch, dass bereits jetzt, wo nur das Ansinnen formuliert ist, ein entsetzliches Geschrei von jenen ertönt, die vorgeben, deutsche Interessen zu verfolgen. Und es kommt die Idee, dass die Niederlage der Demokraten in den USA alles andere als eine Tragödie gewesen sein könnte.

Letzteres regt die Frage an, ob die Eskalation tatsächlich im Interesse der Republik sein kann. Oder ob es nicht sinnvoller wäre, mit Russland kontrollierte und vorsichtige Versuche der Kooperation zu wagen als nur mit der Zündschnur zu drohen. Die Warnung vor einem deutschen Sonderweg, diet in dieser Frage immer wieder auftaucht, ist längst beantwortet. Der deutsche Sonderweg besteht auf dem Beharren, Märkte für die eigenen Exporte zu erhalten, ohne in das Umfeld dieser Märkte zu investieren. Das haben sogar die USA immer gemacht. Wer das seit dem 20. Jahrhundert noch will, der geht seit einiger Zeit einen sehr gefährlichen Sonderweg. Und der führt in Verwüstung und Zerstörung.

Dirty Dancing

Hysterie ist nie ein gutes Mittel, um sich in Krisen zu orientieren. Manchen reicht auch schon die Normalität, um hysterisch zu werden und andere wiederum behalten selbst in nicht haltbaren Verhältnissen dermaßen die Nerven, dass sie alle anderen irritieren. Bei einem ganz normalen Verkehrsunfall kann man beobachten, dass eine Unterscheidung in Bezug auf die Katastrophe gemacht werden kann: In der Regel sind diejenigen, die sich von Berufswegen, d.h. professionell mit dem Unfall beschäftigen müssen, bei Bedarf Polizei, Sanitätsdienste und Feuerwehr, mit einer erstaunlichen Ruhe bewegen. Das haben sie trainiert und das ist gut so. Denn alle anderen Akteure sind durch Traumatisierungen, Schockzustände oder schlichte Emotionalisierung ein weiteres Sicherheitsrisiko.

Und so wie es im Zivilverkehr der Fall ist, sollte es auch in allen anderen Bereichen zugehen. Und auf dem Feld der Politik ganz besonders. Gesellschaftliche Krisen bergen das Höchstmaß an zu verursachendem gesellschaftlichen Schaden. Eine ganz besondere, delikate Krise kam mit dem Finanzcrash von 2008 daher. Aufgrund der Versuche, die Gesellschaft zu beruhigen, was sehr vernünftig war, weil Panik und Geld immer eine tödliche Mischung sind, hat sich jedoch eine Beruhigung eingeschlichen, die in hohem Maße gefährlich ist. Die Krise von 2008 ist nicht nur noch nicht ausgestanden, sondern sie ist die Ursache für die wachsende politische Destabilisierung der Welt. Und in einer solchen Situation keine Diskussion darüber zu führen, was die Entfesselung der Banken mit staatlicher Unterstützung an Gegenmaßnahmen erfordert, ist nur mit der Agenda zu erklären, den Kurs weiter zu verfolgen. Die Banken wurden ermutigt, so weiter zu machen, wie bisher. Dabei wird nicht gesehen, dass es eben jener Crash war, der den USA die ökonomische Grundlage für ihre Weltherrschaft entscheidend angeschlagen hat und diese nun darauf reagieren.

Die Reaktion der USA auf die Veränderung der Weltwirtschaft wiederum führt dazu, dass sie ihre Politik neu orientieren und vermutlich ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen neu definieren. In diesem Prozess ist für die alten Allianzen zunächst einmal wenig Platz. Und genau diese Erkenntnis führt zu der Hysterie im deutschen Regierungslager auf die Wahl Donald Trumps. Alles, was dieser bis jetzt zu weltökonomischen wie politischen Konstellationen von sich gegeben hat, spricht für diese Neuorientierung, die übrigens auch Obama im Gepäck hatte, die ihm jedoch misslungen ist. Die Bundesrepublik, die seit ihrer Gründung quasi mit einer Meistbegünstigungsklausel im Windschatten der USA gefahren ist, hat heftige Veränderungen zu befürchten, entweder finanziell oder sogar militärisch. Das macht die Regierung regelrecht kirre, weil es in ihren Szenarien nicht vorkam.

Es ist also nicht die Ursache der Krise, der Crash von 2008 und seine Folgen, der die Regierung in die Hysterie treibt, sondern die Reaktion des großen Verbündeten USA darauf. Und deshalb sind die staunenden Europäer mit einem Phänomen konfrontiert, das nur in die aberwitzige Psychologie deutscher Kalkulation passt, das sich jedoch als zunehmend real herauskristallisiert. Man scheint zu kalkulieren, dass eine militärische Konfrontation mit alt bekannten Größen dazu führen könnte, die alten Bündnisse konservieren zu können. Und deshalb gehen die Initiativen, vor allem gegen Russland, von Berlin aus, immer gepaart mit der Forderung an die USA, gefälligst mitzumachen. Das ist eine neue Erkenntnis, die unglaublich ist. Aber wenn man genau hinschaut, ist keine andere Erklärung zu finden.