Nicht umsonst liegt Indonesien im so genannten Ring of Fire. 20.000 Inseln zwischen dem asiatischen Kontinent und der Küste Australiens. 13.000 davon bewohnt von ca. 200 Ethnien. 5.500 Km von West nach Ost. Insgesamt 250 Millionen Menschen, jung, und zumeist Muslime. Das größte muslimische Land der Welt. Kautschuk, Öl, Palmöl, Gold, Seltene Erden. 120 bis 130 aktive Vulkane. Immer wieder von Vulkanausbrüchen überrascht und von Erd- wie Seebeben heimgesucht. Das große Pfand des Landes? Alles, aber vor allem seine Unabhängigkeit. Das, was diese unglaubliche Vielfalt in der Geburtsstunde der Nation am 17. August 1945 an einziger Gemeinsamkeit hatte, waren dreihundert Jahre Kolonialgeschichte.
Dass die Aufzählung der indonesischen Substanzen und Essenzen das Land zu einem geostrategisch exorbitant wichtigen Faktor macht, ist kein Geheimnis. Und dass das Land im Jahr 1965 durch einen blutigen Militärputsch dafür Tribut zahlte, hat man dort nicht vergessen. Mit der damals größten Kommunistischen Partei außerhalb des sozialistischen Lagers war es ein Dorn im Auge der USA. CIA orchestrierte. Die Bilanz: ein einjähriges Massaker mit 1-2 Millionen Toten. Nach einem Putschkonzept, das später auch unter dem Namen Operation Jakarta in Chile angewandt wurde, kam General Soeharto an die Macht, der seinerseits 32 Jahre das Land mit seinem Clan und mit harter Hand regierte. Er garantierte die West-Bindung und durfte im eigenen Land machen, was er wollte. Und als er 1998 während eines Auslandsaufenthaltes in Ägypten gestürzt wurde, brannte das Land wieder.
Einer, der das Feuer legte und mit Panzern auf Studenten in Jakarta losgehen wollte, hieß Prabowo Subianto, seinerseits mit dem Hause Soeharto eng verbunden. Wäre da nicht ein Ali Sadikin gewesen, seinerseits ehemaliger Gouverneur Jakartas, der als alter Mann mit Baseballkappe und Turnschuhen vor den Panzern erschien, sich vor die Panzer stellte und ihnen den Befahl gab, sich zurückzuziehen, hätte ein Gemetzel historischen Ausmaßes stattgefunden. Die Panzer zogen ab. Helden wie Ali Sadikin gibt es nicht mehr.
Besagter Prabowo Subianto, damals übrigens ein Liebling der Deutschen Botschaft, hat es mittlerweile zum Präsidenten gebracht und läßt, wie sollte es anders sein, Polizei wie Streitkräfte auf die Protestierenden losgehen. Die Demonstrationen begannen mit dem Verlust von Arbeitsplätzen als Folge der Schließung großer Produktionsstätten westlicher Marken, setzten sich fort wegen der Abgehobenheit der sich immer mehr mit Sonderrechten und Gratifikationen selbst versorgenden Parlamentarier und richten sich heute als gewaltsame Gegenbewegung gegen das rigorose Vorgehen der Ordnungskräfte. Todesopfer werden in Kauf genommen.
Präsident Prabowo weiß, wohin er gehört. Er hat dem Volk den Kampf angesagt und kann mit der Unterstützung des Werte-Westens rechnen. Verlöre dieser Indonesien an den neuen großen Block um China, dann wären wichtige Ressourcen und essenzielle Wasserstraßen dahin. Indonesien steht wieder einmal am Scheideweg. Entweder Panzer und Knute, oder Wirtschaftsbeziehungen zu einem übermächtigen China.
Bei aller Diversität, die das Land ausmacht, bei aller Verschiedenheit zu den politischen Organisationsformen, mit denen wir im Westen vertraut sind, so existiert eine Konstante, die von allen Ethnien, Schichten wie vertretenen Religionen als Konsens akzeptiert wird: Die Unabhängigkeit der Nation. Das einzige Symbol, das bei allen Auseinandersetzungen mitgetragen wird, ist die indonesische Fahne. Der Appell, auf dem Grat zwischen Temperament und Weisheit zu wandeln, entschlüsselt die Psychologie dessen, was vor sich geht. Für die Unabhängigkeit ihres Landes geben sie ihr letztes Hemd. Dafür haben sie immer wieder bezahlt. Und sie werden es weiter tun! Merdeka!
Nicht nur die harten wirtschaftlichen Zahlen, sondern auch die philosophischen Deutungsangebote weisen darauf hin: wir stehen vor einer asiatischen Epoche. Und wenn es einer interpretativen Gewissheit bedarf, dann ist es der in Asien quasi als Axiom verbreitete Satz: Alles kommt zurück. Wir wissen, die Aufklärung, die vieles hat für das kleine Europa so groß werden lassen, die die Köpfe hat kreativ werden lassen, die die Welt hat zu einem Entdeckungsgarten werden lassen, die die Produktivkräfte hat explodieren lassen und die das Individuum und das Recht zum Grundstein der Entfaltung hat werden lassen – diese Aufklärung ist in ihrer ureigensten Heimat auf dem Rückzug. Die Statthalter dieses Terrains sind von ihr nicht mehr beseelt, es hat sich eine totalitäre und inquisitorische Sichtweise eingeschlichen, die es den Giftmischern der Tyrannei hat sehr leicht werden lassen, auf das Totalitäre zu verweisen, um ihre eigenen, gar nicht auf Freiheit und Individualität basierenden Pläne zu verschleiern und zu verheimlichen.
Natürlich ist die Situation nicht einfach. Sie ist komplex und herausfordernd. Da sind Alliierte, die sich liberal geben, aber seit Jahrzehnten als Killermaschinen die Welt umgraben. Da sind Kriege, in die man sich hat mit hineinziehen lassen, die nichts bewirkt haben als die Zerstörung von Staaten, ohne dass etwas Neues hat entstehen können. Da sind immer mehr Menschen, die nach immer mehr Kriegen aus ihren Kulturen und Milieus gerissen und in die Flucht geschlagen werden. Und sie landen in Ländern, die sie nicht kennen und nicht verstehen. Und es sind die Wellen des eigenen Handelns, die nun mit Macht zurückrollen. Alles kommt zurück. Wer kolonial und imperialistisch unterwegs ist, bekommt irgendwann die Quittung.
Und nun glauben manche, sie könnten diese Quittung zu einem Testat der Boshaftigkeit derer machen, die alles durch das Handeln der selbsternannten Allianz der Freiheit verloren haben. Ein Betrug. Er leugnet das Gesetz der Kausalität. Noch einmal: alles kommt zurück. Und wer diesen Trugschluss zu seiner politischen Agenda erhebt, der plant bereits den nächsten Akt, zuerst die eigene Bereicherung durch die Zerstörung anderer und dann den Rücklauf der räuberischen Wirkung auf das eigene Terrain. Damit sich niemand Illusionen mache: Mit der Verdammung der Opfer sind die Täter nicht exkulpiert. Und wer die Täter nicht in Haftung nehmen will, der ist um kein Haar besser als die jetzt so favorisierten Täuscher.
Der Souverän, der von den jetzt Herrschenden nicht mehr ernst genommen wird und dabei ist, sich von Vertretern mit einer ähnlichen Agenda als Alternative überzeugen zu lassen, hat keine Wahl mehr. Nicht, wie es sich heute darstellt. Er muss durch das Tal der Tränen, das aus der Existenz erwachsen ist, sich mit zu großer Toleranz immer wieder hinter das Licht führen zu lassen. Es bleibt nichts, als vielleicht, wenn alles gut läuft, bei schlechter werdenden Verhältnissen den Blick auf jene zu werfen, die vieles richtig gemacht haben und die ihren eigenen Weg gegangen sind. Wer sich von dem schönen Wort der Werte hat einlullen lassen, obwohl von denen schon lange kaum noch etwas übrig geblieben ist als der Mehrwert, muss den Preis zahlen. Inkasso ist bereits unterwegs. Ein so kaltes Herz hat die Geschichte. Alles kommt zurück!
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