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Der Wolf und die Fee

Da steht ein Wolf, der hat schon viel Schnee gesehen, vor einem Wesen, das gar nicht weiß, wie sich das anfühlt. Wird er die Zähne fletschen, um sein Terrain zu sichern?

Oder treibt ihn Mitleid, obwohl er sieht, wie fremd sein Gegenüber ist, das die vielen Winter nicht kennt? Versucht er, das Erlebte zu erzählen, und gibt das Vis-a-vis ihm zu erkennen, da es das wissen will?

Da stehen viele Zeichen im allzu großen Raum, die nach den vielen Fragen stehn. Und keiner ahnt, wie Wolf und Fee es miteinander halten. Vom Westen weht ein heißer, steifer Wind, im Osten ist es bitter kalt.

Die Hexen beider Welten tanzen um ihre blauen Feuer herum, die Amseln singen schöne Märchen und die Krähen winken krächzend ab. Die okzidentalen Raubtiere lecken ihre gierigen Lippen, und der Bär, unwillig, ist aus dem Winterschlaf erwacht.

Es stehen Schnee und Weite dem schnellen Werden und Vergehen gegenüber. Fronten statt Symbiose, Hunger statt Sättigung, Dummheit statt Weisheit, Antipoden, aus denen große Tragödien entstehen. 

Jetzt sehen sie sich an, der Wolf und die Fee.

Der Umbruch, seine Lasten und die Einfalt

Der Prozess wirkt schleichend, aber er ist rasend schnell. Was der individuellen Befindlichkeit gemächlich erscheint, hat sich blitzschnell verändert. Die drastische Begrenzung der direkten, unmittelbaren Interaktion hat sich auf allen Feldern bereits ausgewirkt. Um es zu überzeichnen: der Zwischenhandel ist liquidiert, die Flotten des monopolisierten Lieferservice fluten die Wohngebiete, der Markt für Büroimmobilien ist ruiniert, dort liegt die Zukunft bei voll automatisierten Logistikhallen und der Wohnungsbau stellt komplett neue Ansprüche, in der Gastronomie beginnt das exklusive Zeitalter der Ketten, die Tauschbörsen an de Ecke liegen in Schutt und Asche, die Orte der Kultur sind verödet, ganze Branchen sind verschwunden, die Monopole beherrschen den virtuellen Markt, der informelle Sektor ist liquidiert, die Zahl der nicht registriert Erwerbslosen ist immens. 

Hätte jemand vor zwei Jahren eine derartige Entwicklung bis zum heutigen Datum prognostiziert, dann wäre die Prognose als Scharlatanerie abgetan worden. Was jedoch alle wussten, und manchen sogar als einziger Zweck der ganzen Übung erschien, war die Tatsache, dass das, was als die Corona-Krise in die Geschichtsbücher eingehen wird, die Wirkung eines Katalysators haben würde. Diese Annahme hat sich nicht nur erfüllt, sondern sie hat bereits bis heute eine Dimension eingenommen, die in der Geschichte der Republik vom Entwicklungstempo her einzigartig ist. Und es kann als sicher gelten, dass der Prozess der rasenden Veränderung noch lange nicht zu Ende ist.

Veränderungen, auch schnelle, gehören zum Leben. Darüber zu klagen ist müßig. Sich darüber Gedanken zu machen, in welche Richtung die Veränderung geht, ist Pflicht. Die Bevölkerung in der Republik hat große Erfahrungen in Bezug auf das Ende einer Ära und die damit einhergehenden Zusammenbrüche: die Hafenstädte mit dem Niedergang der Werften, die Regionen, in denen die Textilindustrie Opfer der Globalisierung wurden, das Ruhrgebiet wie das Saarland mit dem Niedergang von Kohle und Stahl, der gesamte Osten mit seiner Abwicklung. Die Beispiele sind ungezählt und sie haben alle etwas mit der schöpferischen Zerstörung des Kapitalismus zu tun. 

Es ist also nicht so, als würde plötzlich ein an den Stillstand gewöhntes Volk, und der Begriff wird hier bewusst benutzt, weil er kollektive Erfahrungen beinhaltet, die dem extremistischen Individualismus suspekt sind, völlig überrascht. Die Erfahrungen sind reichhaltig. Und sie sind, das sei nicht vergessen, einhergegangen mit großen Desillusionierungen. Die Hightech-Berufe, die als Lösung angepriesen wurden, schufen nicht das Ausmaß an Ersatz, wie gerne und oft versprochen. Die Umbrüche kosteten vielen Menschen die Existenz, den Lebenssinn und die Selbstachtung. Die soziale Abfederung allein wärmt vielleicht den Magen, aber nicht das Herz.

Angesichts der beschleunigten Veränderungen, in denen wir uns befinden, und angesichts der großen Skepsis, die in der Gesellschaft zu spüren ist, gleicht es einer Orgie der Geschichtslosigkeit, dieser Haltung mit der Überzeugung zu begegnen, man habe es mit Rückständigen zu tun, die die Chancen des Wandels nicht sähen. Die Skepsis entspringt einer nachhaltigen Erfahrung mit dem herrschenden System der Veränderung: Zum Umbruch gehört auch immer eine Umverteilung der Güter, und dabei zahlen immer die, die alles verlieren und es gewinnen diejenigen, die bereits haben. 

Der beste Vorschlag, der Skepsis gegenüber der Umwälzung zu begegnen, wäre eine radikale Änderung der Politik. Diejenigen, auf denen der Veränderungsdruck am meisen lastet, sollten die größte Unterstützung erfahren und diejenigen, die in Passivität die Früchte zu ernten gedenken, müssen zur Verantwortung gezogen werden. Wer in einem derartigen Prozess nur von Einfalt redet, der hat das System selbst nicht verstanden.

Wasserstand, Wasserstand, all night long! — Neue Debatte

Stellen Sie sich vor, Sie schalten das Radio an, um Nachrichten zu hören. Ihre Gewohnheit sagt Ihnen, dass Sie einen Überblick über das Geschehen erhalten, welches für Sie von einiger Relevanz ist. Lange Zeit hat das auch einigermaßen funktioniert. Der Beitrag Wasserstand, Wasserstand, all night long! erschien zuerst auf Neue Debatte.

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