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Das letzte Hemd hat keine Taschen

Wenn erst einmal der Schmerz über die Verluste nachgelassen hat, dann lässt sich kälteren Gemütes resümieren, was alles falsch gelaufen ist und was wann hätte anders gemacht werden müssen. Dann werden irgendwann die großen Linien deutlich, die in der ohrenbetäubenden Kakophonie des Tages nicht zum Vorschein kommen. Und gerade daran erkennt man den Zweck dieses furchtbaren Getöses, das vor allem Angst und Entsetzen verbreiten soll. Nur nicht auf das Wesentliche stoßen! The Show Must Go On! Auch wenn sie gar nichts mehr zu bieten hat.

Jede Form der strategischen Erkenntnis hat etwas mit Abstand zu tun: zeitlich, emotional, kausal. Wer das einmal begriffen hat, weiß, wie man zu den richtigen Schlüssen kommt. Und wer sich verausgabt in dem glühenden Spiel mit den leeren Hülsen, der wird am Ende nichts erhalten als eine große Verwirrung.

Trotz allem leben wir nun in einer mehr als nur spannenden Phase. Weil zum einen deutlich geworden ist, was alles falsch gelaufen ist, wer dafür die Verantwortung trägt, wer die Regisseure sind und wer zur Kasse gebeten wird. Das Schlimme für die, die meinen, sie hätten Fortune wie Macht auf ihrer Seite, ist die Erkenntnis, dass auch sie mit falschen, ja grundfalschen Annahmen das Spiel eröffnet haben und dass sie sich bei der Reaktion der einzelnen Beteiligten gewaltig verkalkuliert haben. Sowohl bei denen, deren Hausstand sie plündern wollten, als auch bei denen, die die Kosten für den Aufwand tragen sollen. Bis vor kurzem sah alles so aus, als ginge die Rechnung auf. Aber jetzt bröckelt es bereits gewaltig. Das Blatt in der eigenen Hand ist relativ mickrig, und die anderen, denen man das Fell über die Ohren ziehen wollte, lassen sich nicht mehr bluffen. Bald liegen die Karten sichtbar auf dem Tisch und die falsche Strategie endet im Bankrott.

Und selbst im eigenen Haus liegt nahezu alles im Argen. Die eigenen Zustände sind keine Referenz mehr für die als Erlösung für andere proklamierten Kreuzzüge. Und jetzt kommt noch dazu, dass es im eigenen Lager zu brodeln beginnt. Doch lassen wir das. Es führt zu nichts. Niemand von denen, die diesen Weg gewählt haben, ist noch von irgend etwas zu überzeugen. Sie werden untergehen mit dem Bild einer Gesellschaft, an deren Demontage sie selbst die Hauptrolle gespielt haben. Für sie gilt jetzt „alles oder nichts!“ Und auch sie wissen, was der Großteil der Gesellschaft bereits spätestens seit der Einschulung weiß: Das letzte Hemd hat keine Taschen!

Jetzt ist nicht nur die Zeit, sich das Finale genau anzuschauen, um auch daraus seine Schlüsse zu ziehen und zu lernen. Nein, es geht jetzt zunehmend darum, sich Gedanken darüber zu machen, wie die großen Ruinen, vor denen wir stehen, abgerissen werden können und welche Gebäude man stattdessen errichten soll. Wie wollen wir zusammenleben? Was gehört der Gemeinschaft und was dem Individuum? Wie ist die Gemeinschaft, die an erster Stelle zu stehen hat, organisiert? Wer in ihr ist qualifiziert, von ihr Aufträge zu erhalten und wie wird sie in der Lage sein, jederzeit den Fortschritt und die Qualität zu kontrollieren? Fragen, auf die es in Zukunft ankommen wird. Und nicht, was aus den Komparsen eines schlechten Schauspiels werden wird! Das regt nur auf und verwirrt den Geist!

Das letzte Hemd hat keine Taschen

Imperialismus ohne Schminke

Wir alle kennen die hier weit verbreitete Klage über die Verlogenheit unserer Tage. Was die hiesige Polit-Provinz-Bühne anbetrifft, so trifft das sicher zu. In Bezug auf das Stadium des Gesellschaftssystems, in dem es sich befindet, kann das hingegen nicht behauptet werden. Die USA, das die Geschicke der Bundesrepublik seit 1945 maßgeblich mitbestimmende, wenn nicht gar ordinierende Imperium, war da nie so heuchlerisch. Lange Zeit fanden immer wieder die direkten Protagonisten der entsprechenden Wirtschaftslobbys direkt in politische Funktionen und dort stieß das nie auf sonderlich große Empörung. Nach einer relativ langen Periode, in der immer wieder Manager aus dem Bankensektor politische Ämter erhielten, sind es heute Vertreter aus dem militärisch-industriellen Komplex, aus Kapitalfonds, aktuell aus der Bauindustrie und dem Bereich IT. Sieht man sich die amerikanische Verhandlungsdelegation an, die einen Frieden in der Ukraine bewerkstelligen will, um danach zügig zur wirtschaftlichen Nutzung zu kommen und liest man dann den Namen des CEOs von Black Rock, dann weiß man, was die Uhr geschlagen hat. Imperialismus ohne Schminke.

Lenin schrieb zu seiner Zeit eine Abhandlung mit dem Titel „Der Imperialismus als höchstens Stadium des Kapitalismus“. Darin befasste er sich vor allem mit den zunehmend die ganze Gesellschaft umfassenden Wirtschaftsformen, die im Gegensatz zum privaten Eigentum standen. Dieser Zustand war zu seiner Zeit in Ländern wie Deutschland, England und Frankreich fortgeschritten, allerdings nicht in Russland. Dennoch nutzte er die Erkenntnis, um seine Anhängerschaft davon zu überzeugen, dass die Zeit reif sei für die Expropriation der Expropriateure. Revolutionstaktisch war ihm das schließlich auch gelungen. Die These sei allerdings erlaubt, dass alles, was in dieser Schrift stand und aus ihr folgte, gänzlich anders verlaufen wäre, hätten die damaligen Zustände die Form gehabt, über die sie heute verfügen. Die Eigentumsverhältnisse unserer Tage sind das kurioseste, was Kapitalismus und Imperialismus je hervorgebracht haben. Marxens häufig kolportierter Satz, dass etwas mit einer Gesellschaft, die ungeheure Dimensionen von Reichtum schafft, aber nicht in der Lage sei, die Armut zu verringern, nicht stimmen könne, war nie zutreffender als heute.

Es ist kaum zu ertragen, mit welcher Naivität und historischen Unterbelichtetheit, oder eben auch Unverfrorenheit, eines sich im imperialistischen Vollrausch befindlichen Gesellschaftssystems von den monopolisierten Meinungsmaschinen Narrative geschaffen werden, die alles Mögliche erklären, die Feindbilder jenseits der tatsächlichen Verantwortung aufmalen, die die Menschen emotional für den nächsten Raubzug zu präparieren suchen, nur nicht das zu transportieren, was sichtbar im Scheinwerfer der Evidenz liegt. 

Wer sich da noch blenden lässt und tatsächlich von einer Krise der Demokratie faselt, die durch böse Geister, nur nicht die, die am Werke sind, zu verantworten ist, hat entweder nie die Fähigkeit einer kritischen Analyse besessen, oder sich durch die seichte Brise eines lauen Konsumismus korrumpieren lassen oder ist, was leider bei vielen unserer früher einmal als intellektuell Bezeichneten zutrifft, einer mentalen Impotenz erlegen. 

Aber auch das ist nichts Neues. Ist das Stadium der Dekadenz einmal erreicht, verschwinden zahlreiche Figuren quasi über Nacht schon in der Biotonne, bevor es zum Showdown mit einer neuen Epoche kommt. Alles wie gehabt. Imperialismus ohne Schminke. Nur an den Schlauesten der Schlauen geht dieses Phänomen spurlos vorbei. Was allerdings nichts am Ergebnis ändern wird.  

Imperialismus ohne Schminke

Strategiepapier der USA: „Oh, welch ein Malheur!“

Jeden Tag fügen sich neue Steinchen in das Bild hiesiger strategischer Inkompetenz ein. Aus den USA heißt es nun, und zwar sowohl seitens der Trump-Administration als auch von scharfen Kritikern amerikanischer Außenpolitik, dass Russland für Europa keine Bedrohung darstelle. Das Papier zur Sicherheitsstrategie aus dem Weißen Haus, welches bezüglich der Einschätzung Europas und Deutschlands vieles enthält, welches ein Gros der hier Lebenden teilen würde, wird von den Miniaturstrategen aus den heutigen wie gestrigen Regierungsämtern mit Schaum vor dem Mund kommentiert. „Oh, welch ein Malheur! Der Krieg gegen Russland ist nicht in Stein gemeißeltes Interesse der USA!“ Die einzige Schlussfolgerung, welche die Bankrotteure jeglicher nationaler wie europäischer, an den tatsächlichen Interessen orientierten Außenpolitik zu schließen in der Lage sind, ist kriegerische Eskalation. 

Zu den Hauptdarstellern gehören die bissigsten Hunde am Nordrand der NATO, die bezeichnenderweise die geringsten Kosten tragen, und selbstverständlich das klappernde Skelett des British Empire, das taumelnde Frankreich und, wie könnte es anders sein, ein bereits demontiertes Deutschland mit einem Lobbyisten amerikanischer Konzerne an der Spitze. Und natürlich eine zum totalen Krieg entschlossene, durch nichts legitimierte EU-Kommission, die mit ihrem regulatorischen Totalitarismus jede Form wirtschaftlicher Leistung zunichte macht. Die Prognose für diesen Besatz: Alles, was sich in dem amerikanischen Papier an Befürchtungen über den Zustand und die Zukunft Europas lesen lässt, wird noch übertroffen werden.

Dass die Politik von Ländern sich an deren Interessen zu orientieren hat, ist ein weit verbreiteter Grundsatz der internationalen Politik. Nur von den hiesigen Dilettanten, die meinten, sie könnten immer so weiter machen unter dem Rock der amerikanischen Bellizisten und es nicht einmal für nötig hielten, die Möglichkeit der Änderung amerikanischen Interessen und einer daraus resultierenden anderen Außenpolitik mit einzukalkulieren, ist dieser Grundsatz aufs Schmählichste verraten worden. Und sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass sie für den Verrat an ihren Gemeinwesen, die dabei sind, mit rasendem Tempo den Bach herunter zu gehen, zur Verantwortung gezogen werden. 

Und obwohl immer so schön von Werten und den Prinzipien die Rede war, zu deren Gusten man die Interessen des Landes auch einmal hinten anstellen müsse, haben sie alles verraten, was mit den Werten und dem politischen System zusammenhängt. Wem fallen bei der Betrachtung dieser Entourage noch Begriffe ein wie Freiheit, Recht, Einigkeit, Loyalität, Frieden, Solidarität, Vernunft, Gerechtigkeit, Vertrauen? Sehen Sie sich die Gesichter derer an, die aktiv auf den jetzigen Zustand hingearbeitet haben und beantworten Sie die Frage. Und vergessen Sie bitte nicht, sich bei der Lektüre der als gemäßigt geltenden Monopolistenblätter nach der viel beklagten Quelle von Hass und Hetze zu suchen! 

Und fragte man die Verantwortlichen, so wären sie sofort dabei, alle möglichen Delinquenten zu nennen: Putin, Trump, Xi Jinping, die AFD, den Rassemblement National, die italienischen Faschisten, die Aluhüte und Impfverweigerer und letztendlich das dumme Volk. Nur sie selbst, als diejenigen, die immer von Verantwortung reden, aber ihre eigene Unzulänglichkeit jedem nur möglichen Feindbild anzuhängen versuchen, tragen natürlich keine Verantwortung für den beklagenswerten Zustand. 

Wer, bitte schön, will diese Schreihälse, die nichts Konstruktives zu bieten haben, am Tisch sitzen haben, wenn es ums Ganze geht? Niemand, der bei Verstand ist! 

Oh, welch ein Malheur!