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Alte Linien und ein neues Debakel

Das wahrhaft Schöne an unserer Zeit ist der Umstand, dass man sich täglich die Augen reiben muss. Um sich zu vergewissern, ob das, was zu sehen oder zu hören ist, den tatsächlichen Ereignissen entspricht oder nicht. Bei dem Wust an so furchtbar titulierten Fake News ist immer die Recherche gefragt. Und zwar auf allen Seiten! Wer sich auf der sicheren, der einzigen Wahrheit verbürgten wähnt, hat das Spiel bereits verloren. Aber das einmal nur ganz am Rande. Für die Verbohrten. Auf allen Seiten!  Aber lassen wir das. 

Heute Morgen erhielt ich eine Email mit einem Attachment, das mich nicht nur erfreute, sondern tatsächlich dazu veranlasste, zweimal hinzuschauen respektive zu hören. Es war die Neujahrsbotschaft der us-amerikanischen Botschafterin in Moskau, Lynn Tracy. Sie wünschte sich und den Russen, dass der so wichtige Austausch in allen gesellschaftlichen Bereichen am Leben bleibe und ausgebaut werde. Sie erzählte, dass sie selbst ein Kind des Kalten Krieges sei und wüsste, wie wichtig menschliche Kontakte seien, um in politisch schwierigen Zeiten, die mit ernsthaften Konflikten beladen sind, am gegenseitigen Verständnis zu arbeiten und die Sichtweisen der anderen Seite kennenzulernen. Der Dialog von Amerikanern und Russen aus allen Gesellschaftsschichten sei eine wichtige Voraussetzung dafür. 

Als ich mir die Botschaft anhörte, klang es für mich fast so, wie die Interaktion von Alliierten. Und wenn ich mir dazu die Parolen aus dem Auswärtigen Amt dieser Republik ansehe, dann erinnern mich diese an die alten, kriegerischen Konfrontationslinien. Ich erspare mir die Formulierung, so weit seien wir wieder gekommen. Die Stimme jedenfalls, die mit der Kenntnis der Vergangenheit  und über die Notwendigkeit der Verständigung spricht, ist zumindest im offiziellen Teil des Gesellschaftslebens erloschen und wird dominiert von Ressentiments aus der untersten Schublade. Es scheint, als führten alte Linien zu einem neuen Debakel.

Die Argumentation, dass Demokratie das sei, was bei freien, gleichen und geheimen Wahlen via Ergebnis zu Amt und Würden gelangt, ist, bei den verzweifelten Versuchen einer Regierungsbildung aufgrund größerer Parteienvarianz so nicht mehr zu halten. Und die These, dass das, was letztendlich an Koalitionen zustande kommt, das Ergebnis notwendiger Kompromisse sei, hat sich a) bei der Ampel als nicht stabil genug entpuppt und ist b) ein doppelt scheußliches Testat, wenn man sich den militaristischen, bellizistischen, kolonialistischen und imperialistischen Eifer ansieht, mit der die Bundesrepublik Deutschland seit der Besetzung des Außenamtes in der jetzigen Form in die Welt hinaus agiert. Ich benutze die Formulierung sonst nicht, aber als Beobachter aus dem eigenen Land bleibt nur noch das Fremdschämen. 

Letzteres gilt auch für das Auftreten der Unperson in Syrien. Gerade weil die Warnungen vor einem durch Terrorismus groß gewordenen Ensemble mehr als berechtigt sind und die geplante, unwürdige, aber misslungene Umarmung aufzeigt, dass im jetzigen Stadium der Werteanspruch und die vermeintlichen geopolitischen Notwendigkeiten sich diametral entgegenstehen, war der Besuch der Außenministerin dort wieder ein Lehrstück. Eines dafür, wie man glaubt, mit doppelten Standards über die Runden zu kommen, wie man sich vorstellt, dass die eigenen Sitten allen anderen überlegen sind und wie man es mit Bravour bewerkstelligt, sich selbst aus dem Spiel zu nehmen und zu isolieren, weil man in seiner sektenhaften Halsstarrigkeit in einer multikulturellen Welt mit divergierenden Interessen zum Scheitern verurteilt ist. Wenn das der Konsens ist, der aus dem Prozess demokratischer Usancen entstanden ist, dann ist jemand dabei, alles zu ruinieren, was dieses System zu bieten hat. 

Ein Wunsch für das Neue Jahr: Montaigne und die Grundrechenarten

Der Zuspruch, den man erhält, wenn bei Neujahrsgrüßen der Wunsch formuliert wird, dass man sich vorgenommen hat, sich emotional mehr zurücknehmen zu wollen, wenn es um den politischen Diskurs geht, ist groß. Und es ist kein Geheimnis, dass alle, die sich in die Erregungsspirale begeben haben, sehr schnell von dem unwürdigen Spiel erschöpft sind. Reden wir hier nicht von Schuld. Das macht keinen Sinn, denn die Suche danach ist bereits Treibstoff für die erbärmliche Qualität, in die wir uns immer wieder hinein weben, wenn es um die Sache der Allgemeinheit geht. Schuld, Feindbilder, die Taten oder die Dummheit anderer entstammen einer Vorstellung, die mit den kausalen Zusammenhängen auf Kriegsfuß steht. Denn nichts, was geschieht, kommt ohne uns zustande. Das kluge Wort, das dem französischen Skeptiker, Philosophen und Essayisten Michel de Montaigne zugeschrieben wird, dass nämlich jedes Individuum für das verantwortlich ist, was es tut und auch für das, was es unterlässt, kann, einmal beherzigt, einen Korridor Richtung Befriedung und Versachlichung öffnen.

Grundsätzliche Voraussetzung für ein Ende, oder zumindest ein Eindämmen des lauten, von Gefühlsregungen getriebenen Geschreis ist der Wille, dieses auch zu tun. Eine besondere Verantwortung kommt dabei denen zu, die als Regisseure und Chronisten des Geschehens gelten. Aber, das sollte allen klar sein: sie allein werden es nicht bewerkstelligen können, wenn der emotionale Klamauk immer wieder Erfolge zeitigt. Wenn das Gejohle die Suche nach Ursachen für Probleme verhindert, wenn das eigene Tun oder Nicht-Tun in keinen Zusammenhang zu den Taten anderer gestellt wird und wenn die Zuspruch erhalten, die sich am beschämendsten benehmen.

Die Reziprozität von eigenem Handeln und den Taten anderer setzt etwas voraus, das der Volksmund, den es trotz aller verbalen Bombenangriffe immer noch gibt, mit den Bildern über die Grundrechenarten beschreibt. Man muss schon in der Lage sein, heißt es dort, 1 und 1 zusammenzählen zu können, oder in ähnlichem Kontext, man sollte schon bis 3 zählen können. Es wäre schön, wenn es gelänge, diese Betrachtung in den Diskurs um das eigene Tun und das der anderen mit einzubeziehen. 

Als didaktischer Wink seien Beispiele erlaubt, die es verdeutlichen. Wenn man eigene Kriegsschiffe vor die Küsten anderer, entfernter Länder schickt, sollte es keine Überraschung sein, dass in den lokalen Meeren Schiffe aus eben diesen Regionen auftauchen. Wenn man sich seinerseits aktiv und massiv in Wahlkämpfe anderer Länder einmischt und dabei Partei ergreift, darf man sich nicht wundern, dass so etwas plötzlich im eigenen Wahlkampf von außen ebenso passiert. Wenn man Drohneneinsätze, bei denen regelmäßig Zivilisten in anderen Ländern umgebracht werden, vom eigenen Territorium aus duldet, sollte man nicht entsetzt sein, wenn der Terror im eigenen Land ebensolche Formen annimmt. Wer selbst mit Schutzzöllen und Subventionen in erheblichem Ausmaß agiert, darf sich nicht beklagen, wenn die globalen Counterparts ähnlichen Ideen verfallen. Und wer es zulässt, dass man systematisch und regelmäßig andere Länder anklagt, sollte nicht überrascht sein, dass Produkte aus dem eigenen Land dort keinen Markt mehr finden. Wer Respekt einfordert, sollte ihn auch zollen.

Die Liste ließe sich fortschreiben, sie findet kein Ende. Wenn wir wirklich aus der Spirale der Verhetzung herauswollen, sollten wir mit Montaigne beginnen: Jeder ist verantwortlich für das, was er tut und für das, was er unterlässt.  

Auf das große Bild kommt es an!

Zu der Zeit, als die Globalisierung Fahrt aufgenommen hatte und viele multinational operierende Unternehmen die Chance nutzten, sich aus der kommunalen Besteuerung in der Bundesrepublik zu verabschieden, kam auch das deutsche Gemeinwesen ins Wanken. Viele Kosten, die existierten, konnten aufgrund der drastisch gesunkenen Einnahmen nicht mehr beglichen werden. Da war guter Rat teuer. Und durch die eine oder andere Maßnahme war das alles nicht zu bewältigen. Der damalige Oberbürgermeister meiner Stadt forderte alle auf, die mit der Steuerung des Gemeinwesens befasst waren, Verwaltung neu zu denken. Was, so fragte er, würden Sie machen, wenn Sie die mMöglichkeit hätten, eine völlig neue Organisation auf der grünen Wiese aufzubauen, die mit den Anforderungen der Zeit klar käme und zudem kreatives Potenzial für die Zukunft besäße.

Die Fragestellung war exzellent und vieles, was aus diesen Überlegungen entstand, erhielt für viele Jahre die Handlungsfähigkeit. Natürlich existierte die grüne Wiese ebenso wenig wie die Möglichkeit, sich von vielen tradierten Verpflichtungen zu verabschieden. Die Frage beinhaltete aufgrund ihres ganzheitlichen Ansatzes, dass man nicht nur in technischen und funktionalen Zusammenhängen denken durfte, sondern sich der grundsätzlichen Überlegung widmen musste, wie denn das Gemeinwesen der Zukunft mit seinen wirtschaftlichen, sozialen, kommunikativen und kulturellen Ausrichtungen auszusehen hätte.

Vieles gelang, anderes nicht. Wichtig ist jedoch, dass die Methode, mit der die Aufgabe gestellt worden war, ein guter Hinweis auf zukünftiges Handeln in Krisensituationen beinhaltete. Bei einer Lage, in der sich vieles grundsätzlich verändert, kann das Lösen von Detailproblemen, Symptomen oder Aspekten keine befriedigende Perspektive herstellen. Sehr gut kann ich mich erinnern, wie wir mit den Steuerern der Finanzen darüber stritten, wieviel Kultur und wieviel Soziales ein Gemeinwesen benötigte, um den Namen zu verdienen. Das war eine Qualität, die nicht vorhanden ist, wenn man sich in Spezifikationen verliert.

Angesichts dessen, was vor uns liegt und angesichts dessen, was bereits hinter uns liegt und aufgrund der hier beschriebenen Erfahrung scheint es mir dringend notwendig, dass wir uns bei der Gestaltung der Zukunft von der Erhitzung in den profan existierenden Routinen lösen und das Auge auf das große, das Gesamtbild richten. Bauen wir das Gemeinwesen dieser Republik neu auf, auf der gedachten grünen Wiese. Denken wir darüber nach, wie wir leben wollen, wie wir unser Dasein bestreiten wollen und wie wir in Zukunft unsere Probleme regeln wollen. Und auch, mit wem eine Allianz tatsächlich Sinn macht. Das ganze Cargo von so genannten Altlasten lassen wir einmal auf dem Parkplatz stehen und von ihm nicht ablenken. 

Wenn wir über die konkreten Lebensformen und dem Umgang untereinander reden, die uns vorschweben, werden wir entdecken, wo der berühmte Hase im Pfeffer liegt. Und denken wir darüber nach, wer bei den zu beschreibenden Zielen welchen Beitrag leisten kann und muss. Die Existenz von Rechten beinhaltet die Zuweisung von Pflichten, die sich nicht hinter anonymisierten Adressen verbergen dürfen. Die von vielen Menschen favorisierte Triade von Frieden, Wohlstand und Souveränität beinhaltet sehr viel Arbeit und Anstrengung. Aber es sind Anhaltspunkte, die als gute Komponenten für die Erstellung eines Gesamtbildes bereits zur Verfügung stehen. Und lassen wir uns nicht entmutigen von denen, die ein kleines Puzzle-Stück für wichtiger halten als das große Bild. Dort, wo es um das Grundsätzliche geht. Wo unser Schicksal entschieden wird. Darauf kommt es an. Und auf sonst nichts.