Archiv der Kategorie: comment

Von Bildern und Botschaften

Dass Bilder keine Fakten sind, sollte sich herumgesprochen haben. Und wer wissen will, wie sie entstehen, der sollte mal in den Redaktionen nachfragen, wie so etwas lanciert werden kann. Ich selbst kann mich an unruhige politische Zeiten in Jakarta erinnern, die eine nahezu ausschließlich innenpolitische Ursache hatten. In einem Hotel im Zentrum saßen die Journalisten der großen renommierten Nachrichtensender aus aller Welt und frotzelten darüber, wie man schöne Bilder bekommen könne. Schließlich gingen einige auf die Straße und drückten ein paar armen Jungs Dollarnoten in die Hand und forderten sie auf, vor der gegenüberliegenden Britischen Botschaft einen Union Jack anzuzünden. Selbstredend hatten die Journalisten ein solches Stück Stoff gleich dabei. Gesagt, getan! Und abends gingen diese Bilder um die Welt. Wenn man so etwas einmal live erlebt hat, ist immer eine gewisse Skepsis präsent. So auch und gerade bei dem Material, das uns täglich aus der Ukraine erreicht.

Bei den Bildern, die uns momentan aus Los Angeles erreichen, kann auch die Manipulation eine Rolle spielen. Allerdings spricht einiges dafür, und keine der beteiligten Seiten leugnet, dass tatsächlich zahlreiche Polizei- und Privatfahrzeuge angesteckt und Läden geplündert wurden. Ohne den konkreten Anlass genauer beleuchten und bewerten zu können, fiel mir allerdings auf, dass trotz der gesendeten Bilder, auf denen demolierte Fahrzeuge und randalierende Protestierer mit wehenden mexikanischen Nationalfahnen zu sehen waren, die Berichterstattung hierzulande mehrheitlich davon sprach, dass es sich sowohl flächenmäßig als auch in Bezug auf die materiellen Schäden eher um Petitessen handele. Elmar Thevesen, der aktuelle ZDF-Leuchtturm in der USA-Berichterstattung, sprach von Vorkommnissen, die quasi nach jedem Football-Spiel zu verzeichnen seien. Der Tenor ist offensichtlich, man ist Partei.

Manchmal, und besonders in solchen Situationen, ist es hilfreich, sich vorzustellen, wie auf ähnlich Bilder im eigenen Land von den selben Journalen berichtet würde, die jetzt in Los Angeles den Anlass als marginal und die Reaktion darauf als brachial beschreiben. Stellen Sie sich vor, im Berliner Stadtteil Neukölln hätte man damit begonnen, die im Koalitionsvertrag vereinbarte Abschiebung von sich hier illegal Aufhaltenden umzusetzen und es sei in dessen Folge zu Protesten gekommen, bei denen sowohl Polizei- als auch Privatfahrzeuge abgefackelt und Läden geplündert wurden. Bei diesen Aktionen seien türkische und libanesische Fahnen getragen worden und selbstverständlich waren die Akteure allesamt maskiert.

Spräche man dann im ZDF und in den renommierten Printmedien von einer flächenmäßig unbedeutenden Episode, einer Angelegenheit, die eher den gewohnten Ereignissen nach einem Bundesligaspiel gleichzusetzen wäre? Oder würden da nicht ganz andere Geschütze aufgefahren?

Wieder einmal wurden wir Zeugen, inwieweit Doppelmoral und Parteilichkeit die Nachrichtenübermittlung dominieren. Und wieder einmal verfügen wir über ein Indiz, welches die Frage aufwirft, inwieweit einem solchen Komplex noch zu trauen ist. Und wieder einmal dokumentieren die sprachbegabten Papageien aus der Politik, dass sie  nicht begreifen, wie sehr sie sich selbst demontieren, wenn sie sich aktiv an diesem Spiel beteiligen. Achten Sie auf die Bilder, achten Sie auf die Texte, sehen Sie sich an, wer da die inszenierten Texte absondert und merken Sie sich die Politiker, die wie Edelkomparsen den letzten Unsinn in die Mikrophone stottern.  

Der Leitsatz ist alt und besteht noch immer:

„Wenn es nicht wahr ist, so ist´s doch gut erfunden!“ Giordano Bruno

Von Bildern und Botschaften

Christos Statement und ein deutsches Fazit

Bei der Deutung von Kunstwerken sind der menschlichen Phantasie keine Grenzen gesetzt. Das macht einerseits das Schaffen der Künstler so frei und regt andererseits den individuellen Geist der Betrachtenden genauso an wie die Diskussion über das Produkt. Als, nach zwanzigjähriger Planung, das Künstlerehepaar Christo und Jeanne-Claude in Berlin den Reichstag verhüllte, lagen Welten zwischen dem Datum der formulierten Idee und der tatsächlichen Realisierung. Zwischenzeitlich war der Ost-West-Konflikt Geschichte geworden und Deutschland bekam die Chance, sich wieder zu vereinigen. Es stand fest, dass in diesem Gebäude, das seinerseits auf eine verhängnisvolle Geschichte verwies, das Parlament des neuen deutschen Gesamtstaates wieder tagen sollte. Die Christos verhüllten das Gebäude 1995, im Jahr 1999 fand die erste Plenarsitzung des gesamtdeutschen Bundestages dort statt.

Ob die Möglichkeit einer politischen Deutung intendiert war oder nicht. Die Christo-Aktion machte aus dem Reichstag durch die Verpackung ein Geschenk, das plötzlich da stand und ein Rätsel aufgab über das, was sichtbar werden würde, wenn man es denn auspackte. Es bezeichnete für viele Menschen ein Glücksmoment, einen Augenblick der Hoffnung und den Reiz des Ungewissen. 

Die Geschichte der Bundesrepublik mit ihrem neuen parlamentarischen Sitz im alten Reichstag ist bekannt. Noch im gleichen Jahr beteiligte man sich an einem völkerrechtswidrigen Krieg gegen Serbien und es folgten Stück für Stück Entscheidungen, die eher die verhängnisvolle Geschichte des alten Reichstages tradierten als dass sie als die Beschreibung eines neuen Weges hätten gelten können.

Nun, dreißig Jahre nach der Christo-Aktion, wird die Verhüllung des Reichstages mittels optischer Technik noch einmal zelebriert. Auch dort mag die Intention der Lichtkünstler sein wie sie will – es ist im Grunde eine gelungene Fortsetzung der ehemaligen Erzählung. Da die Wiederholung des Ereignisses nur in der Dunkelheit realisiert werden kann, liegt es nahe, aus der anfänglichen Überraschung, dem Geschenk und dem Rätsel, eine Antwort in einem nächtlichen Traum zu suchen. Und der steht nicht luzide am Firmament, sondern er arbeitet mit optischen Täuschungen, mit Variationen und Visionen, die zwischen Hoffnung und Alb changieren.

Und wer nah an der faktisch belegbaren Geschichte bei der Betrachtung der beiden, dreißig Jahre auseinander liegenden Installationen bleibt, wird nicht umhin können, dass aus dem Neuanfang, der Hoffnung und der erlebten Feierlichkeit etwas geworden ist wie Schlaflosigkeit, Szenarien der Angst und ein düsterer Blick in die Zukunft.

Insofern ist die geplante Aktion wieder ein Anlass, sich grundsätzlich Gedanken zu machen über die jüngere Geschichte, die hinter uns liegt, über die Qualität der Vorgänge, die in diesem Gebäude vonstatten gehen und die Perspektiven, die damit verbunden sind. Für seichte Betrachtungen, wie sie allerdings bereits durch die Kanäle gejagt werden, so nach dem Motto, alles war und ist knorke, ist keine Zeit. 

Vielleicht mahnt uns das Artefakt wieder einmal, uns auf uns selbst zu besinnen, rücksichtslos die begangenen Fehler zu nennen und uns mit Phantasie und Kreativität auf eine Zukunft zu besinnen, die besser mit dem Tageslicht korrespondiert als mit schwarzer Nacht. Vielleicht in die Kunst die letzte Möglichkeit, uns vom Denken in bleihaltigen Dimensionen zu befreien.  

Christos Original

Über das Sitzen im falschen Zug

Ein japanisches Sprichwort besagt, dass, je länger du überlegst und mit der Entscheidung wieder auszusteigen wartest, wenn du in einen falschen Zug eingestiegen bist, desto länger der Rückweg dauern wird. Das ist nicht nur eine kluge Betrachtung, sondern auch eine bittere Wahrheit. Jeder Mensch wird über Erfahrungen verfügen, die diese Aussage bestätigen. Und auch die Politik ist voller Beispiele, die den Wahrheitsgehalt der japanischen Volksweisheit bestätigen.

Betrachtet man bestimmte, als unverrückbar gekennzeichnete Paradigmen der deutschen Politik, wird man ebenfalls fündig. Was allerdings Voraussetzung für eine schnelle Reaktion wäre, ist das Bewusstsein, sich in den falschen Zug begeben zu haben. Diese Diskussion, und mag sie auch noch lange zurück liegen und von der tagespolitischen Brisanz längst erkaltet sein, wird jedoch weder gewollt noch geführt. Zum Beispiel die Verteidigung unserer Werte im Afghanistan-Krieg, der weder im Einklang mit dem Völkerrecht stand noch zu einer Stärkung der hiesigen Demokratie geführt hat (im übrigen ein Anspruch an Kriege, der nur im Zustand von Trunkenheit formuliert werden kann), der in einer entsetzlichen Niederlage endete und der das Land nach 20 Jahren in den Status quo ante versetzt hat. 

Alles, was danach an Kriegen von den immer und immer wieder als Banner des Heils hochgehaltenen Verbündeten veranstaltet wurde, ob Libyen oder Syrien und auch die systematische NATO-Osterweiterung sowie die anfängliche Carte Blanche für das Vorgehen der Regierung Netanyahu, hat immer das Bild bemüht, im falschen Zug zu sitzen. Und trotz der desolaten Ergebnisse, der Verwandlung der betroffenen Länder in Höllen, in denen die betroffenen Menschen nur noch an Flucht denken können, sitzt das hiesige wie das gesamte politische Konsortium des Westens im falschen Zug und hat es sich gemütlich gemacht. An Aussteigen scheint dort niemand zu denken und es stellt sich die mehr als berechtigte Frage, ob eine solche Entscheidung von einem derartigen Ensemble überhaupt zu erwarten ist.

Denn der Zweck der Reise besteht nicht aus dem, was kommuniziert wird. Wäre das der Fall, dann hätte jeweils an der allernächsten Haltestelle Schluss sein müssen. Ist das Ziel jedoch ein anderes, geht es nicht um Demokratie, Menschenrechte, Gleichheit und Gerechtigkeit auch für Minderheiten, sondern um sehr metallurgischen Nutzen für eine ganz andere Minderheit, dann macht es geradezu Sinn, in den Zug eingestiegen zu sein, in dem man sitzt.

Es sollte nicht vergessen werden, dass die Lernfähigkeit von Menschen immer mit dem eigenen Nutzen verbunden ist. Es existiert ein unverbrüchlicher Konnex von Erkenntnis und Interesse. Niemand, und nicht der dümmste Hinterbänkler, macht etwas, das ihm dauerhaft schadet. Und so werden die Vollstrecker für den „falschen“ Einstieg belohnt,  die Opfer ausgeplündert und die eigene Bevölkerung, denen man die falsche Reise mit falschen Worten schmackhaft gemacht hat, mit den negativen Folgen konfrontiert.

Die Rechnung ist einfach: führte man keine Raubkriege, gäbe es keine Flüchtlinge, würde man nicht rüsten, hätte man Geld für die Investition in die eigenen Köpfe, führte man gerechten Handel, gäbe es weniger Verarmung und bombardierte man die eigene Bevölkerung nicht unablässig mit Kanonaden der Verdummung, wäre das soziale Klima auch ein anderes.

Das klingt provokativ, ist aber die schlichte Wahrheit,  die bei der Entscheidung, in welchen Zug man einsteigen will, leiten sollte.  Das gegenwärtige Ensemble dieser Republik wie der großen Staaten des Westens sitzt, aus Sicht der Bevölkerung, im falschen Zug. Und eine Rückreise wird mit der Besetzung nicht stattfinden. Sie wird nicht lang, sondern sie findet gar nicht statt.  

Über das Sitzen im falschen Zug