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Der inszenierte Schock

Vordergründig geht jetzt alles sehr schnell. Da entstehen über Nacht politische Karrieren und andere fallen vom Himmel der Publizität herunter wie schwere Meteoriten. Schon während des Wahlkampfes war zu beobachten, dass manche, die sich als Gladiatoren wähnten, die erforderliche Professionalität im Spiel der Macht gewaltig unterschätzt hatten. Wer schlichten Gemütes nur noch dem Instinkt folgte, der demoskopischen Mode zu frönen, ohne die Möglichkeit des eigenen Scheiterns mit einzukalkulieren oder das Szenario einer schwierigen Koalitionsbildung mit in Erwägung zu ziehen, der war schon tot, bevor das Wahlvolk an die Urnen ging. Die ehemalige Weinkönigin aus der Pfalz ist so eine, und der mit dem grimmigen Kuscheltier aus dem Schwabenland ebenfalls. Menetekel upharsin, gewogen und zu leicht befunden.

Für alle, die dieses Spiel mögen, und es sind nicht wenige, werden es noch spannende Tage werden. Denn über das wilde spekulieren um Personen hinaus bekommt das Publikum noch eine Lehrstunde erster Güte über die Wertschätzung der Akteurinnen und Akteure hinsichtlich des Wählervotums. Das Geschwafel von einer Deutschland-Koalition in Baden-Württemberg ist eine solche Lehrstunde, die zeigt, dass vielen der Napf wichtiger ist als das Mandat. Aber, das sollte nicht vergessen werden, es geht nicht in erster Linie um dieses Spiel.

Viel bedeutender ist die Frage, wie die Parteien, die hinter den handelnden Personen stehen, mit dem Wahlergebnis umgehen. Da zeigt sich schnell, ob sie bereit sind, zu lernen, oder sie sich dogmatisch auf ein Weiter so! beschränken. Der gewaltige Zuspruch, den die AfD in weiten Kreisen des Wahlvolkes erhalten hat, sollte Anlass genug sein, sich darüber Gedanken zu machen, was da eigentlich passiert ist. Wer jetzt mit der Bildungskeule kommt und das Wahlverhalten mit der Dummheit der Leute erklärt, der hat nichts gelernt oder nichts begriffen oder beides. Mögen die Parolen oder die Personen, die diesen Zuspruch erhalten haben nun gefallen oder nicht, es spielt keine Rolle. Die Wählerschaft der AfD ist zu diffus, als dass sie eine gemeinsame politische Programmatik überhaupt zuließe. Die These sei aufgestellt: die AfD hätte sagen können, was sie gewollt hätte, sie wäre in den gleichen Anteilen gewählt worden.

Vieles, sehr vieles spricht dafür, dass es der Gestus war, mit dem diese Partei ihre gegenwärtige Bedeutung erlangt hat. Und es ist in der Geschichte nicht neu, dass die Inszenierung des Schocks zuweilen ausreicht, um Sympathien zu erlangen. Wer sich als das Enfant terrible präsentiert, oder sich von mir aus auch wie eine Wildsau aufführt und gegen alles verstößt, was in der politischen Landschaft an Tischsitten etabliert ist, der bekommt nur dann Applaus, wenn diese Tischsitten nicht mehr akzeptiert werden. Das Protestative dieser Wählerinnen und Wähler bezieht sich auf die Intransparenz von Entscheidungen, den Moralismus der öffentlichen Personen, die tendenziöse Berichterstattung über alle Dinge, die von Belang sind und es bezieht sich auf die Feindbilder, die das politische Establishment selbst geschaffen hat.

Die alles beherrschende Frage, wie die AfD entlarvt und ihre Wählerinnen und Wähler bekehrt werden können, ist nicht mit den bekannten Kampagnen gegen die AfD zu beantworten. Wer es wirklich ernst meint, der beginnt damit, der Intransparenz des eigenen politischen Handelns den Kampf anzusagen, dem unerträglichen, dogmatischen und erzieherischen Moralismus eine Absage zu erteilen, mitzuhelfen, das Rundfunk- und Pressewesen wieder zu professionalisieren und die infame Produktion von Feindbildern selbst einzustellen. Geschähe das, wäre der Schock ein heilsamer gewesen.

Feuer nach dem dritten Vorhang!

Es ist ja nichts Neues. Gegeben hat es sie schon immer. Die Schwärmer und tolldreisten Philosophen, die Interpretierer der Welt mit all ihren Abstrusitäten. Da geht es, wie im richtigen Leben auch, um Macht und Wahn, um Dominanz und Deutung, um Schlüssel und Schlösser. Von was allem war da nicht schon die Rede, von der Lufthoheit über Kinderbetten, von Geheimdokumenten und klandestinen Botschaften, von Dechiffrierungen und von schlichten Bergen von Unrat. Die Welt, so die kollektive Botschaft der Mondsüchtigen, die sich sicher wähnen, der Menschheit einen Dienst erweisen zu müssen, die Welt steht vor dem Abgrund und nur wer sich dieser Wahrheit öffnet, kann sicher sein, dann doch ins Paradies zu kommen.

Letzteres ist aber spärlicher ausgestattet als die Hölle, denn wer sich im Okkulten auskennt, weiß, dass das Böse immer die komfortablere Variante des Daseins zu bieten hat. In der Hölle, das bemerkt sogar der Volksmund, ist so viel Publikum, dass sich das Engagement von Sterneköchen regelrecht lohnt, während bei der Notbesetzung im Himmel der liebe Petrus mangels Bettenbelegung jeden Abend Leberwurstbrote zu schmieren hat. Ja, selbst der versuchte Befreiungsschlag führt ins folgenlose Nirvana, aber es hält natürlich nicht davon ab, es weiter zu versuchen.

Und alles war schon einmal da! Ob Fin de Siécle oder Dada, die Kunst hat die Überforderung der Seele versucht zu manifestieren. Das bewusste Einsetzen des Schocks hat in dem einen oder andren Falle zum Nachdenken bewogen. Aber hat es auch etwas gebracht? Ist es jemals gelungen, den Widerspruch von gebündelter Rationalität zu einem völlig irrationalen Endzweck befriedigend aufzulösen? Jeder einzelne Schritt in der Trauerhalle der Moderne birgt eine eigene Rationalität und Schönheit, aber am Ende des Ganges gähnt der von jedem Sinn gelangweilte Tod. Theodor Wiesengrund Adorno und Max Horkheimer, die Zeugen dieses Irrsinns aus erster Hand, nannten es Dialektik der Aufklärung. Wer, wenn nicht die Prototypen dieser Dialektik, gäbe ihnen heute noch Unrecht?

Und dennoch, die, wie es in Norddeutschland so schön heißt, die Spökenkieker, es ist Hochkonjunktur für sie, die selbst ernannten Simultanübersetzer des Kosmischen. Sie stehen einsam in der freien Natur, mitten in der Nacht und flüstern ihre Erkenntnis ihren Schafen vor. Dieser Spezies, die nahezu ersoffen ist in einer Flut von Zugängen, die sie aber nicht verkraften konnte, weil es an einem Ordnungsbegriff fehlte.

Ja, alle, die in den lustvollen Kanon des Chaos verfallen sind, sie alle taten sich schwer mit dem Pendant zum Aufstand, zur Rebellion, zum Chaos. Zu allem, was Ordnung auflöst, gehört eine Vorstellung von der neuen Ordnung. Da diese aber nicht vorhanden war, driftete die ganze Herde ab in das kollektive Stöhnen des Untergangs und, noch schlimmer, in die Passivität vor dem großen Schlachten.

Nun, kurz bevor es wieder losgeht, mit dem nächsten Hype oder der nächsten Katastrophe, ist die Stunde günstig, sich zu entscheiden zwischen Fata Morgana und Verstand. Wer Mut hat, kann auch bei der Fata Morgana bleiben. Das wäre mal etwas, ein Schauspiel, ein Theaterstück mit echten Toten und zum Schluss, nach dem dritten Vorhang, der ganze Kulturpalast in Brand. Ein Ereignis für viele Leben, die ohne extravagante Welterklärung in Langeweile und Durchschnitt verkämen, gleich den Taten des Onan in der Wüste. Es möge vergolten sein. Es war ein innerer Drang.

Sachsen: Mississippi Burning

Der Rubikon, die rote Linie oder was auch immer ist längst überschritten. Das Bundesland Sachsen und viele Repräsentanten desselben führen einen Tanz auf, den sich ein föderaler Staat bei welcher Teilautonomie auch immer nicht mehr mit ansehen darf. In Sachsen herrscht der Mob, eskortiert von den staatlichen Organen und erklärt von einer überforderten oder heuchelnden Politik. In Sachsen werden das Recht und der Geist der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland mit Füßen getreten und der brandschatzende, johlende Mob skandiert dazu den Slogan, den keiner mehr hören kann: Wir sind das Volk! Wenn das das Volk wäre, dann sollten alle, die hier und heute zu Sinn und Wohlstand etwas beitragen, schnellstens ihre Koffer packen und das Weite suchen. Die Welt ist voller Gesellschaften, die vielleicht schlechter organisiert und weniger reich sind, in denen allerdings Respekt und Menschenwürde einen Stellenwert haben.

Das Debakel beginnt mit den Erklärungsmustern. Jemand wie der Alt-Bundestagspräsident Thierse erklärt die Barbarei mit den vielen Veränderungen, die die Bürger in Ostdeutschland in den letzten Jahrzehnten erlebt haben. Ihm kann nur geantwortet werden, dass kein Erlebnis die Barbarei rechtfertigt und ihm sei geraten, einmal nach Duisburg oder Bremerhaven zu fahren, und dort seine Sottisen über den schnellen Wandel im Osten von sich zu geben. Der Mann, der aus dem Prenzlauer Berg stammt, dem Bezirk, der vom Immobilienhype durchweht ist, hat keine Ahnung, was im Rest der Republik in den letzten Jahrzehnten an Veränderungen vonstattengegangen ist. Millionen verloren Arbeit und Heimat, Identität und Einkommen und dennoch stürmten sie nicht wie wild gewordene Nazis in den nächsten Kebab-Laden. Da verniedlicht ein Sozialdemokrat das Aufkommen eines neuen Faschismus. Wach auf, Kollege!

Und nun der Ministerpräsident von Sachsen, Stanislaw Tillich, seinerseits zugehörig zu den Sorben, die längst ihre Verfolgung und Bedrohung durch den braunen Mob bei den Vereinten Nationen reklamieren könnten. Er, der wahrscheinlich längst Eingeschüchterte, versucht zu lavieren, spricht von einer vielleicht existierenden rechten Gefahr in Sachsen und mahnt alle Kräfte der Gesellschaft an, in einer sachlichen Diskussion nach den Gründen zu suchen. Wer als Chef des Landes so redet, sollte schnell zurücktreten, denn handlungsfähig ist er nicht mehr. Rechtsverletzungen, kollaborierende oder überforderte Polizeiorgane und schläfrige oder zynische Staatsanwaltschaften sind ureigene Angelegenheiten eines Ministerpräsidenten. Wenn der dann zum gemeinsamen Gottesdienst mahnt, hat er nicht mehr begriffen oder im Griff, worum es geht.

Es ist kein Zufall, dass in Hollywood seit einigen Jahren die sechziger Jahre der USA immer wieder zum Thema genommen werden. In Serien wie den Kennedys, dem Film The Butler oder Selma geht es um die schicksalhaften Jahre der Kennedy-Administration und ihren Umgang mit dem verbitterten Kampf in den Südstaaten, in denen es um die Aufhebung der Rassentrennung ging. Auch in den USA haben sich die Revisionisten auf den Weg gemacht, der wachsenden Komplexität des multi-ethnischen wie polykulturellen Zusammenlebens mit der Keule rassistischer Vereinfachung zu begegnen. Die Historie, die in diesen Filmen reaktiviert wird, hat einen klaren Verlauf gehabt. Als es Spitz auf Knopf ging, ließ Bobby Kennedy, der Justizminister des Präsidenten John F., die Nationalgarde im Süden einmarschieren. Und in Mississippi Burning, dem längst zum Mythos gereiften Klassiker mit der wohl meist weggeschnittenen Szene der Filmgeschichte, bringt ein afroamerikanischer FBI-Agent ein Mitglied des Klu Klux Klan zum Reden, indem er droht, ihm die Eier abzuschneiden.

Die Filme werden auch hierzulande goutiert. Es scheint nur, dass sie nicht richtig verstanden werden. Ohne harte Hand ist dem Rassismus nicht beizukommen.