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Der schlingernde König und die europäischen Bauern

In Zeiten großer und schneller Veränderungen empfiehlt es sich, immer wieder einmal eine kleine Zwischenbilanz zu ziehen. In Summe hilft es, die Richtung einer Entwicklung zu erkennen und es mahnt, sich ein Bild vom Geschehen jenseits der Alltagsgeschäfte zu machen. Wie der Name besagt, handelt es sich dabei um eine Momentaufnahme, allerdings in der Totalen, ohne den Anspruch einer endgültigen Bewertung zu erheben.

Aus meiner individuellen Sicht befinden wir uns am Vorabend einer neuen Ordnung, die sich in den groben Konturen gewaltig von der uns vertrauten und bekannten unterscheidet.

Der Westen, so wie wir ihn und der Rest der Welt lange gesehen haben, existiert nicht mehr. Die USA als das Imperium, welches unter dem Namen des Westens agierte, hat sich sowohl von seinen europäischen Verbündeten als auch von seinem Nachkriegsstützpunkt Deutschland verabschiedet. Die Unterscheidung ist wichtig, weil die deutsche Vorstellung, in den USA einen Verbündeten zu haben, nicht erst mit der Präsidentschaft Donald Trumps ein Irrglaube gewesen zu sein scheint. Der kritische Zeitpunkt war die vor allem von der Sowjetunion in der Phase ihres Niedergangs ermöglichte Wiedervereinigung beider deutscher Staaten. Die russischen Truppen zogen ab, die amerikanischen blieben und sind bis heute präsent. Ein souveränes Land hätte nicht nur anders gehandelt, sondern hätte auch anders handeln müssen. Statt eines Anschlusses hätte es eine neue Verfassung geben müssen und in einigen Punkten auch eine systemische Annäherung beider Teile. Im positiven Sinne, mit gelernten Lektionen. Nichts von dem geschah. Man ist nicht nur hinterher schlauer, es gab allerdings auch Vorgaben von Seiten des Imperiums.

Selbiges hat sich mittlerweile zu einer – lupenreinen – Plutokratie gemausert und zeigt zunehmend weniger Spuren einer in dem Köpfen vieler Europäer existierenden Demokratie. Imperialismus, Oligarchie, Plutokratie – wir haben Steigerungen der kapitalistischen Entwicklung beobachten können, die Lenins Imperialismus-Schrift als eher romantische Betrachtung erscheinen lassen.

Die USA bereiten sich auf den Showdown mit China vor. Um sich dafür zu rüsten, haben sie einen Krieg mitten in Europa angezettelt, der nicht im Interesse der Europäer in West wie Ost, und schon gar nicht im Interesse Deutschlands ist, aber aus amerikanischer Sicht die Abtrennung Russlands von Resteuropa gewährleisten soll. Eine Kooperation Europas in Gänze, mit Russland, gehört seit dem Britischen Empire zu den Albträumen der maritimen Imperialisten. Und, so wie es aussieht, entgegen früherer Verlautbarungen, setzt Trump nun diese von Obama und Biden initiierte Kriegspolitik fort.

Europäische Aufgabe wäre es, dem entgegen zu wirken. Politisch, ökonomisch, technologisch und die Ressourcen betreffend wäre es erforderlich, eine gesamt-kontinentale europäische Kooperation anzustreben, um bei der Gestaltung einer neuen Weltordnung eine valide Stimme zu haben. Die westlichen Eliten, besonders die deutsche, hält allerdings wie ein trotziges Kind an der Vorstellung eines Bündnisses mit den USA fest und folgt ihnen wie dem Rattenfänger von Hameln. Kriegs-, Rüstungs- und die Sozialsysteme destabilisierende Politik ebnen, analog zu den USA, einer Plutokratie den Weg, den zumindest das in der EU vereinigte Europa nicht überleben wird. Was die Motive der europäischen politischen Akteure bei dieser suizidalen Ausrichtung ausmacht, ist sekundär. Dass sie strategisch überfordert und aufgrund dessen nicht in der Lage sind, einen politisch vernünftigen Weg aus dieser Gemengelage zu beschreiben, belegen sie mit jedem Satz, den sie von sich geben.

Fazit: Der schlingernde König opfert den europäischen Bauern. Der ist sich seiner selbst und der Lage nicht bewusst. Die globalen Zuschauer registrieren das genau. 

Der schlingernde König opfert die europäischen Bauern

Europäische Doppelmoral?

Prabowo Subianto, seinerseits momentaner Präsident der Republik Indonesien, hat eine dokumentierte Vergangenheit, die jedermann zugänglich ist. Er stammt aus einer einflussreichen Familie und avancierte unter der Diktatur Soehartos zum General der indonesischen Armee und war Befehlshaber der berüchtigten Spezialkräfte Kopassus. Während der Soeharto-Diktatur (1965 – 1998) galt er als einer der wichtigsten Militärs und hat auf seiner Haben-Seite Menschenrechtsverletzungen wie Entführungen und Folter im Zusammenhang mit der Niederschlagung der Demokratie-Bewegung. Während des Sturzes Soehartos nannte ihn die Bevölkerung die Bestie schlechthin und wäre nicht ein Volksheld wie der ehemalige Gouverneur von Jakarta, Ali Sadikin gewesen, der sich als alter Mann vor die Panzer gestellt hat, dann hätte Prabowo die Panzer gegen protestierende Studenten rollen lassen. Der Befehl war gegeben. Die Courage Sadikins hat es verhindert. Übrigens hielt damals der Deutsche Botschafter bis zum endgültigen Sturz der Diktatur treu zu Prabowo. 

Die Wahl Prabowo Subiantos zum Präsidenten Indonesiens nach mehr 2 1/2 Jahrzehnten der Demokratisierung muss als ein gewaltiger Rückschlag des Demokratisierungsprozesses Indonesiens angesehen werden. Das zeigen auch die gegenwärtigen Unruhen im Land, die Prabowo mit nackter Gewalt zu unterdrücken sucht. Tote sind bereits zu beklagen, das Militär hetzt Demonstranten durch die Straßen. Inwieweit die politischen Unruhen und das brutale Vorgehen mit der geostrategischen Bedeutung Indonesiens einhergehen, kann man sich dann erklären, wenn man sich die Ursachen des von der CIA unterstützten Soeharto-Putsches von 1965 vergegenwärtigt. Damals hatte Indonesien die stärkste Kommunistische Partei außerhalb des sozialistischen Lagers und das Land drohte, aus us-amerikanischer Sicht, mit seinen Bodenschätzen und Seepassagen ins andere Lager überzuwechseln. Dem Putsch folgte eine nahezu komplette Liquidation der KP. Bilanz, 1-2 Millionen Tote.

Die Folgeregierungen nach dem Sturz Soehartos versuchten es mit einem Weg gestärkter politischer Unabhängigkeit und wachsender Liberalität. Man orientierte sich an Bündnissen wie ASEAN und drohte nun, sich in eine Allianz mit den von China betriebenen Netzwerken zu bewegen. Dass in diesem Augenblick ein Zögling Soehartos den Knüppel herausholt und die alten Tugenden der Diktatur hochhält, klingt zu sehr nach einem Zufall.

Und dass gerade in diesem Augenblick die Werte-EU ein Handelsabkommen mit Parabowo Subianto abschließt, wirft ein grelles Licht auf das vor allem von der Kommissionspräsidentin immer in der Vordergrund gestellte Werte-Motiv, vor allem bei den inflationären Sanktionspaketen gegen Russland. Das hält sie nicht davon ab, sich stolz mit Präsident Prabowo anlässlich des Abschlusses eines Handelsabkommens abbilden zu lassen. Und das Bild geht mittlerweile um die Welt. Im Arroganzwahn genannten globalen Süden wird es als Indiz für eine katastrophale europäische Außenpolitik kommentiert. 

Stupid, it ´s Geo policy! Doppelmoral? Ach was! 

Europäische Doppelmoral?

Anton Tschechows aktuelle Diagnose

Anton Pawlowitsch Tschechow ist nicht umsonst ein Dauerbrenner für deutsche Bühnen, obwohl ich nicht weiß, inwieweit die allseitig betriebene russophobe Psychose mittlerweile dazu beigetragen hat, dass auch seine Werke dem Bann unterliegen. Jedenfalls bis vor kurzem gehörte es zum Kanon einer einigermaßen gelungenen Bildung, etwas von ihm gelesen oder auf der Bühne gesehen zu haben. Das lag zum einen daran, dass er das menschliche Handeln im Kontext seiner jeweiligen profanen Welt so gut zu beschreiben wusste. Tschechow war ein Meister der Ent-Mystifizierung. Die Männer, so schrieb er treffend, sie fahren nicht zum Mond. Sie gehen zur Arbeit, essen Suppe und streiten sich mit ihrer Frau. Wer so auf die Realität blickt und dabei noch eine zweite Stärke besitzt, nämlich die Ergründung dessen, was man als praktische Moral bezeichnen könnte, den darf man mit Sicherheit zu den Säulen eines gehobenen kulturellen Niveaus rechnen.

Von Tschechow stammt der Satz, dass die Lüge die Seele auffrisst. Im Grunde handelt es sich dabei um eine aktuelle Diagnose. Und er hat dazu beigetragen, dass seine Leserinnen und Leser sich nicht nur darüber ihre eigenen Gedanken machen, sondern dass die Psychologie den Satz in das Feld der eigenen Forschung genommen hat. Dort werden die Auswirkungen der Lüge auf die Psyche wie folgt beschrieben.

Schutzmechanismus mit negativen Folgen:

„Lügen können als Abwehrmechanismus dienen, um das Selbstbild zu schützen, Verletzlichkeit zu vermeiden und Konflikte zu umgehen. Dieser kurzfristige Schutz kann jedoch langfristig zu einer inneren Leere und einem Gefühl der Entfremdung führen.“

Erosion des Selbstwerts:

„Das ständige Lügen kann das eigene Selbstbild untergraben, da es eine Diskrepanz zwischen dem wahren Ich und dem Bild erzeugt, das man nach außen darstellt.“ 

Schuld und Angstgefühle:

„Lügen können starke Schuldgefühle auslösen und eine ständige Angst vor Entlarvung hervorrufen, was zu Stress und emotionaler Belastung führt.“

Empathieverlust: 

„Die Fähigkeit, die Gefühle anderer einzuschätzen und mitzufühlen, kann durch häufiges Lügen beeinträchtigt werden. Das Lügen erschwert es, die Perspektive des Gegenübers zu verstehen, was zu einer Distanzierung und einem Mangel an Empathie führt.“

Soziale Isolation:

„Durch Lügen kann eine Person von ihren Mitmenschen emotional und sozial distanziert werden, was zu Einsamkeit und Isolation führen kann.“

Beeinträchtigung der Beziehungen:

„Wenn Lügen wiederholt vorkommen, kann dies das Vertrauen in zwischenmenschlichen Beziehungen zerstören und diese langfristig schädigen.“ (Zitate sind die Antworten aus einer KI-Anfrage)

Angesichts der flächendeckenden Flucht in bewusste Konstruktionen der Unwahrheit kann man sich also ohne Schwierigkeiten ein Bild davon machen, was Gesellschaft und Politik bei dem eingeschlagenen Kurs erwarten beziehungsweise, schaut man genau hin, bereits eingetreten ist: Die Erosion des Selbstwerts ist bei dem momentanen Aufpumpen vor dem Spiegel der Illusion noch nicht eingetreten, ebenso wenig Schuld- und Angstgefühle, dazu ist die Dosis der moralischen Selbstüberhöhung zu groß. Aber Empathieverlust, soziale Isolation wie die Beeinträchtigung der Beziehungen sind längst vollzogen, wenn man den Kokon des propagandistischen Gewebes verlässt und sich den Rest der Welt anschaut. 

Ein Motiv, das als Ursache des Lügens immer wieder genannt wird, ist das der Feigheit. Sollte das bei der gegenwärtigen Disposition tatsächlich das Hauptmotiv sein, dann sind alle aufgezählten Folgen ein Maß an Strafe, dass nicht nur aus Feigheit, sondern auch aus Niedertracht zustande kommen kann. Und vergessen Sie nicht, Anton Tschechow  zu lesen. Und wenn Sie den Russen mental rehabilitieren, haben Sie bereits einen ersten Schritt der Besserung vollzogen. Und, ich habe recherchiert, in der kommenden Spielzeit werden Werke von Tschechow in Berlin, Göttingen, Krefeld, Leipzig und Magdeburg zu sehen sein.

Anton Tschechows aktuelle Diagnose