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Sergej Schoiku und mein Vater

Jenseits der Aufmerksamkeit hat Bundesverteidigungsministerin von der Leyen ihren seit langem bekannten Kurs gegenüber Russland bestätigt. Sie betonte, dass es wichtig sei, mit Russland aus einer Position der Stärke heraus in den Dialog zu treten. Das hört sich bekannt an und regt hierzulande auch kaum noch jemanden auf. Was verstörte, war die deutliche Reaktion des russischen Verteidigungsministers Sergej Schoiku. Dieser hatte zu verstehen gegeben, dass man in Deutschland, nach dem was von dort aus seinem Land angetan worden sei, am besten in den nächsten 200 Jahren noch schweigen sollte. Und er fügte hinzu, dass alle Deutschen gut beraten seien, ihre Großväter zu fragen, was passieren würde, wenn Deutschland aus einer Position der Stärke Russland gegenüber träte.

Abseits des Ekels, der mich befällt, wenn die Kriegstrommeln gerührt werden, versuchte ich dem Rat des russischen Verteidigungsministers zu folgen. Ich musste nicht meinen Großvater fragen, der fiel als junger Mann im I. Weltkrieg in Frankreich. Aber mein Vater, der seinen eigenen Vater nie zu Gesicht bekam, weil er eben früh in Frankreich fiel, der war in Russland gewesen. Und er hatte viel dort erlebt, beim großen Zug nach Osten. Nun ist auch er schon lange tot, aber seine Erzählungen haften immer noch in meinem Gedächtnis.

Und obwohl mein Vater ein brillanter mündlicher Erzähler war, fiel mir wieder auf, wie wenig er vom Krieg erzählt hat. Es waren wenige Geschichten, Schlüsselerlebnisse, die er wie ein Mantra wiederholte, als wolle er seine Wunden heilen, und zwar die der Seele, die ihn weit mehr schmerzten als die verbliebenen Granatsplitter, die ihm im Körper steckten. Da war sein Pferd, das vor Moskau lebendig verbrannt war, da war der Kölner, der ein „brutaler Hund“ war, aber an Weihnachten wie ein kleines Kind weinte, wenn er vom Kölner Dom sang.

Und da war der russische Bauer, der meinem Vater ins Gesicht gesagt hatte, dass ein Volk, welches sich so aufführe wie seines, keine Kultur habe. Und da war die Partisanin, die, bevor sie von einem der Totenkopfkommandos erschossen wurde, die Faust geballt und ihr Land hatte hochleben lassen und dann zerfetzt zu Boden sank. Da, so erzählte mein Vater immer wieder, da wussten wir alle, dass dieser Krieg verloren war, obwohl wir noch im Vormarsch waren. Dann seufzte er und schwieg. Und wir, die wir zuhörten, durchbrachen nie die Stille.

Das war es eigentlich schon. Mehr erzählte er nicht. Ja, da waren ihm noch die Knie eingefroren, ja, da gab es viele Tote und Verletzte, ja, im Grunde war es von vorneherein klar, dass das alles Irrsinn war. Aber, um es zu fokussieren: Es war die Vernichtung von Mensch, Natur und Tier, es war das Schizoide im eigenen Verhalten, es war die Scham, in einem solchen Akt der Barbarei eine Rolle zu spielen und es war der Respekt vor dem Geist und dem Zusammenhalt des Landes, in dem man sich befand.

Dass eine Polit-Karrieristin unserer Tage so etwas nicht reflektiert, mag auch mit ihrer Herkunft zusammenhängen. In ihrer Familie scheinen mehr Täter als Opfer gewesen zu sein, was sich bis zu den akademischen Eskapaden des Herrn Vater zurückverfolgen lässt. Wer diese Erfahrung der Geschichte leugnet, sollte besser den Mund halten. Oder anders herum, das Sicherheitsrisiko ist eine gegen die Erfahrungen der Geschichte imprägnierte Verteidigungsministerin.

Der Tiefe Staat

Historisch stammt der Begriff aus der Türkei. Bereits in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts tauchte er das erste Mal auf, in den Neunzigern wurde er zum feststehenden Begriff.  Er umschreibt ein Phänomen, das allerdings kein türkisches Unikat ist. Es geht um die Netzwerke und Verbindungen innerhalb eines Staatsapparates, die nicht durch offizielle Mandate, Aufträge oder Gesetze sanktioniert sind. Es ist das Zusammenspiel von Kräften aus Justiz, Geheimdiensten, Sicherheitskräften, Militär und bestimmter Ministerien. Sie organisieren bestimmte Aktionen, die bezwecken, die Macht zu zentralisieren und bestimmte Kreise aus der Industrie zu begünstigen, die ihrerseits das Treiben der ätherischen Nomenklatura finanzieren. Es handelt sich um den berühmten Staat im Staate. Und selbstverständlich sind derartige Tendenzen überall dort zu beobachten, wo dei Demokratie gezielt unterminiert werden soll und wird. In der Türkei ist das immer wieder gelungen, und auch zum jetzigen Zeitpunkt wird dort von einem mächtigen Tiefen Staat gesprochen.

Gelegenheit, sich wie gewohnt moralisch überlegen zu fühlen und den Tiefen Staat in der Türkei anzuprangern, bleibt kaum, denn mit der Publikation Jürgen Roths „Der Tiefe Staat. Die Unterwanderung der Demokratie durch Geheimdienste, politische Komplizen und den rechten Mob“ 2016 fand das Modell auch Anwendung für die Bundesrepublik. Angesichts trauriger Phänomene wie der jahrelange NSU-Prozess und die immer noch existierende Dunkelheit über die staatliche Rolle bei der organisierten rechten Kriminalität oder der abenteuerlichen Kredit- und Finanzpolitik, die nur im Lichte von Waffenexporten erklärlich wird, ist die Frage nach Struktur und Stärke des Tiefen Staates in der Republik mehr als berechtigt.

Da hilft es auch nicht, wenn die Frage, die immer virulenter wird, jetzt nach altem Muster wieder einmal heftig am Beispiel der USA abgearbeitet wird. Dass dort ein Tiefer Staat existiert, ist unzweifelhaft. Das, was dort als der militärisch-industrielle Komplex genannt wird, ist seit dem Vietnam-Krieg in aller Munde und für die meisten US-Amerikaner seit mehr als einem halben Jahrhundert Gewissheit. Auf den amerikanischen Tiefen Staat gehen Kriege wie politische Morde zurück, es stellt sich eher die Frage, welche Kriege nicht auf ihn zurückgehen. Das Interessante an dem Phänomen und seiner Analyse ist allerdings nicht die moralische Entrüstung, die nichts anderes darstellt als eine weitere Nebelkerze, sondern die entsprechenden Schlüsse, die dazu führen, wie der Formierung des Tiefen Staates entgegengearbeitet werden kann. Denn das Muster arbeitet bereits sehr erfolgreich auf beiden Seiten des Atlantiks. Und das Schlimmste, das die Betrachtung zeitigen könnte, wäre die Illusion, selbst von dem Phänomen nicht befallen zu sein.

Und da wären wir wieder bei der Türkei. In der Türkei bedurfte es eines schillernden Militärputsches, um aus dem Tiefen Staat über Nacht den neuen Staat zu machen. Der Tiefe Staat hatte dort mit aller Vehemenz den formal demokratischen Staat durch gezielte Schläge gegen Justiz, Polizei, Bildungsinstitutionen und Presse regelrecht sturmreif geschossen, bevor ein Operettenstreich das Signal für die offizielle Übernahme durch den Tiefen Staat gab. Letzteres ist dann der Akt der Diktatur, der ins Haus steht, wenn der Tiefe Staat genug Zeit und Raum hatte, um sich zu etablieren.

Es ist wichtig, alle Erscheinungen, die auf die Aktivitäten des Tiefen Staates hindeuten, hier, im eigenen Land, zu enthüllen, zu betrachten und politisch anzuprangern. Der Kampf gegen den Tiefen Staat ist essenziell bei der Verteidigung der Demokratie. 

Von den Vorzügen der Hitzewelle

Bei aller Quälerei bringt eine Hitzewelle, wie wir sie gerade erleben, auch Vorteile mit sich. Sofern die Eigendynamik der Tretmühle es nicht schon geschafft hat, den Verstand gänzlich zu eliminieren. Einige Grad über der erträglichen Marke reichen bereits aus, um alle grundlegenden Geschäftsprozesse signifikant zu verlangsamen. Das beginnt morgens bereits bei der Organisation des eigenen Tagesablaufs und zeigt sich auch bei den elaborierten Prozessen, die folgen. Es wird deutlich, dass der Physis Grenzen gesetzt sind. Wer das missachtet, ist schnell raus aus dem Spiel, wer dem Rechnung trägt, hat noch Chancen. Denn die Verlangsamung eröffnet auch Korridore, die bisher verstellt waren. 

Wenn die Gemeinsamkeit der physischen Überforderung dazu führt, nicht nur die täglichen Routinen auf ihre Sinnhaftigkeit zu hinterfragen, sondern auch zu analysieren, wie die Treibkräfte, die die Prozesse am Leben halten, beschaffen sind, dann ist es eine große Gnade, eine solche Hitzewelle erleben zu dürfen. Fragen wir einfach die Natur. Was machen Tiere, wenn es zu heißt ist? Sie schalten auf einen anderen Modus um. Alle Modi in der Tierwelt sind existenziell. Sind es alle Modi der Menschen?  Mitnichten! Es handelt sich um artifizielle Verhältnisse, die einen Teil der Gattung begünstigen und einen anderen Teil in die tausend unterschiedlichen Versionen des Ruins treiben. Daher die Bitte: Betrachten Sie einmal alles, was Sie in diesen Tagen tun, unter dem Aspekt der existenziellen Notwendigkeit. Es wird vieles in einem neuen, vielleicht sogar kalten Licht erscheinen lassen.

Nicht anders verhält es sich mit dem Verhältnis der Gattung zu dem Planeten, auf dem dieselbe nur noch ein lästiger Gast zu sein scheint. Sind die Betrachtungen, die momentan angestellt werden und die darauf aus sind, zu beunruhigen, ohne Lösungen aufzuzeigen, nicht ein Dokument der irrationalen Eigendynamik von Wachstum und Bereicherung? Was fehlt, ist die in solchen Situationen historisch immer wiederkehrende Schlussfolgerung, es gäbe zu viele Menschen und ein richtig knackiger Krieg könne alle Probleme lösen, weil er dazu geeignet ist, die Population zu dezimieren. 

Es hilft nur eines: Es ist erforderlich, der Logik, in der wir uns bewegen, auf den Leib zu rücken. Es ist nicht die eine oder andere Erscheinung, die verantwortlich ist für das zu beobachtende Desaster, es ist die Logik, die davon ausgeht, das oberste Prinzip der existenziellen Ratio sei die uneingeschränkte, stetig steigerbare Anhäufung von Reichtum. Ein Reichtum, der nicht den Sinn des allgemeinen Konsums, sondern einzig der Akkumulation von Macht und Ansehen weniger ausmacht. Dieser Reichtum und seine Produktionsprinzipien sind die Ursache der Zerstörung, derer wir in allen erdenklichen Dimensionen Zeugen werden.

Das Subversivste, das Sie momentan machen können, sind Debatten über den Sinn und Unsinn aller Aktionen zu führen, die momentan trotz der Hitzewelle von Ihnen gefordert werden. Da rücken Sie der frevelhaften, destruktiven, und schlicht dümmlichen Logik auf den Leib. Sie zu demontieren ist die kollektive Aufgabe, zu der die Hitzewelle ein Anlass sein möge. 

Gehen Sie schwimmen, setzen Sie sich in den Schatten, essen Sie fruchtiges Eis, trinken sie kühles Bier, davon allerdings nicht zu viel. Lassen Sie es sich gut gehen und üben Sie die Disziplin der vorurteilsfreien Betrachtung. Beschreiben Sie, ein wenig durch die Belastungen der Hitze entrückt, was Sie beobachten. Es lohnt sich. Noch ist nicht aller Tage Abend!