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Struktur und Konjunktur

Oft liegt die Wahrheit unter Schichten des Scheins. Da gelten bestimmte Tageserscheinungen als Ursache für etwas, das tiefer liegt und schon seit langem vor sich hin mäandert. Und, als sei das Tägliche das Wirkliche, stürzen sich alle auf die Lösung eines Problems, das allerdings nicht mit den Mitteln, die vielleicht der Tageserscheinung entsprächen, zu lösen ist. Das Phänomen ist uns allen bekannt. Wir selbst sind nicht selten dankbar für den profanen Vorwand, wenn das Tiefe, Systemische uns allzu mühselig erscheint und wir es gerne mit etwas Kosmetik belassen würden. Manchmal wirkt es so, als seien Menschen und gute Pferde doch nicht so unähnlich: In der freien Natur vermeiden sie Hindernisse, wenn es möglich ist. 

Die Corona-Krise, nennen wir die Zeit jetzt einmal so, in der wir uns befinden, ist ein solcher Anlass, um vieles, was jetzt unternommen wird, mit der profanen Erscheinung zu begründen. Die Lektüre des Wirtschaftsteils vieler Tagespublikationen verleitet zu dem Glauben, die Welt sei bis Mitte März 2020 völlig in Ordnung gewesen. In der Automobilproduktion, im Maschinenbau, in den Zuliefererbetrieben, in der Gastronomie, bei den vielen kreativen Start-ups etc.: Und dann kam der pandemische Sensenmann und hat vieles gnadenlos rasiert. Alles, was auf dem Feld der Wirtschaft im Moment geschieht, wird mit der Corona-Krise begründet. Aber, die Meinung sei erlaubt, das meiste von dem, was jetzt unternommen wird, war aus Sicht der Akteure bereits seit langer Zeit erforderlich, geplant und erdacht. Und, nicht alles, was jetzt geschieht, entspricht den tatsächlichen Erfordernissen.

So wären die Rationalisierungen, die einher gehen mit dem Verlust zahlreicher Arbeitsplätze, in ihrer Radikalität ohne die Corona-Krise kaum durchsetzbar gewesen. Dass sie teilweise kurios eingebettet sind, wie der Kahlschlag von 22.000 Arbeitsplätzen bei der Lufthansa, nach der Prolongierung der Unternehmenstätigkeit durch eine 9-Milliarden-Subvention, gehört zum Geschäft. Verschiedene Branchen werden schrumpfen, um im Kampf der internationalen Konkurrenz unter den gegebenen Vorzeichen bestehen zu können, und es werden unzählige Arbeitsplätze verloren gehen. Die erneute Erfahrung möge der Erkenntnis Gewicht verleihen, dass es bei der kapitalistischen Wirtschaft nicht um Arbeitsplätze geht. 

Eine andere, im Gegensatz dazu für die Protagonisten fatale Fehlleitung, liegt jedoch woanders. Sie ist so gravierend, dass sie das Schiff des Exportweltmeisters mit einer nur den Unwissenden eigenen Nonchalance Kurs auf den Eisberg nehmen lässt. Denn bis in die höchsten Etagen bestimmter, etablierter Branchen, allen voran der Automobilindustrie, glaubt man, es handele sich bei der momentanen Lage um eine konjunkturelle Krise. Sie sei, so denken die seit Jahrzehnten im Überfluss Erlahmten, der amerikanische Protektionismus und die daraus resultierenden Zollschranken in aller Welt dafür verantwortlich, dass sie ihre Produkte nicht mehr so verkauften wie sie es gewohnt sind. Aber, so die Denkweise, es kommt auch wieder ein konjunktureller Aufschwung. Jede Subvention, das sei gesagt, die auf dieser Annahme basiert, ist die Verbrennung hart erworbener Steuergelder.

Was in vielen Bereichen nun mit Corona begründet, beschrieben und geschminkt wird, ist eine strukturelle Krise, die im wesentlichen zwei Seiten hat. Einerseits handelt es sich dabei um technologische Defizite, wie sie gerade in der Automobilindustrie sichtbar werden. Da wurde die nächste Stufe nach dem Verbrenner schlichtweg verschlafen. Das Fatale ist, dass man nun der E-Technologie hinterherläuft, anstatt sich auf die nächste Stufe, die Brennstoffzelle,  zu konzentrieren. Fehleinschätzungen, die Werte in Dimensionen vernichten, mit denen sich andere, etwas kleinere Staaten, gut administrieren ließen. 

Andererseits zeigt sich, dass die alte, zentralistische, monopolistische, dirigistische Form der Staats- wie der Unternehmensorganisation in Übergröße längst ihren Zenit überschritten hat. Stärkere Autarkie wie Autonomie kleiner Einheiten werden in neuen, kybernetisch zu designenden Modellen vernetzt werden müssen. Die Zeiten des einsamen Kapitäns auf der Brücke, bei dem Macht und Entscheidung deckungsgleich sind, ist vorbei. 

Da verwundert es nicht, wenn die Vertreter eines bereits als historisch zu bezeichnenden Anachronismus Strukturprobleme als konjunkturelle Erscheinungen deuten. 

George Floyd und das feuilletonistische Getöse

Christopher Hitchens, einer der scharfzüngigsten und unbestechlichsten Journalisten des letzten Jahrhunderts, beschrieb eine Situation Ende der 1970ger Jahre auf einer politischen Versammlung in London. Es ging um irgendeinen Misstand, der beseitigt werden sollte und man wollte beraten, was zu tun sei, um das Ziel zu erreichen. Dann, mitten in der Diskussion, meldete sich eine Frau zu Wort, die aufstand und ihre eigene Identität beschrieb und die vielen Diskriminierungen und Erschwernisse in ihrer Biographie aufzählte. Als sie damit fertig war, setzte sie sich wieder und erhielt für ihren Beitrag brausenden Applaus. Hitchens folgerte, dass ihm in diesem Moment bewusst geworden war, wie etwas in die völlig falsche Richtung lief.

Obwohl der Begriff in der Politik damals nicht gebräuchlich war, wurde Hitchens Zeuge der Geburtsstunde der Viktimisierung. Es ging plötzlich nicht mehr um Leistung, sondern um Leidensgeschichte. Alle Menschen wurden zum Opfer und viele begannen, in ihre Biographien zu leuchten, um Schmähungen und Diskriminierungen zu finden. Da das in der Welt, in der wir leben, nicht schwer ist, lag nach kurzer Zeit reichlich Material auf dem Tisch. Denn Diskriminierung und Opfer gab und gibt es überall. Zu welchen Schlussfolgerungen das führte? Zu keinen! 

Es reichte fortan, sich in das kollektive Lamento um die Schlechtigkeit der Welt einzureihen und sich dabei selbst noch als Opfer zu fühlen. Praktische Folgerungen? Keine! Die Viktimisierungswelle, die bereits seit vier Jahrzehnten anhält, leitete den kollektiven Niedergang aller demokratischen und Widerstandsbewegungen ein. Und es spricht für die Straße, d.h. die rohe Erfahrung darin, was Diskriminierung wirklich heißt, dass sie ihre Verachtung für die Schwachen in ihren Reihen mit einem Wort beschreiben, das als Extrakt der politischen Viktimisierung gelten kann: Du Opfer!

Wenn etwas bergab geht, dann entwickelt es eine Gravitationskraft, die ansteckend ist. Die politische Passivität, die aus der Viktimisierung resultierte, ermöglichte noch eine andere fatale Entwicklung. Es ging darum, sich auf das Sprachliche exklusiv zu fokussieren. Gemeint ist das, was als politische Korrektheit in die Annalen des gebrochenen Widerstandes eingehen wird. Man begann, jede Diskriminierung, die man natürlich beklagte, beseitigen zu wollen, indem man ihren sprachlichen Ausdruck tilgte. Aus Negern wurden Schwarze, aus Schwarzen wurden Farbige, aus Farbigen, zumindest auf dem amerikanischen Kontinent, Afroamerikaner. Und, schlagen Sie bitte die heutige Zeitung auf und lesen Sie, was es bewirkt hat! Hat sich etwas geändert? Ist der Rassismus besiegt? Hat die Sprachakrobatik etwas dazu beigetragen, dass die schlimmsten Wurzeln des Übels ausgerissen sind?

Wer die Welt, in der er oder sie lebt, verändern will, muss sich Gedanken machen über die Ursachen des Veränderungswunsches, er oder sie muss sich bewusst werden darüber, was zu tun ist, um die Ursachen zu beseitigen und er oder sie muss sich darüber Gedanken machen, was werden soll. Das sind die logischen, folgerichtigen Schritte jeder konstruktiven Veränderung. Alles andere, vor allem die Viktimisierung und die Sprachakrobatik, führen, für sich alleine, zu nichts, außer vielleicht einem kollektiven Lamento.

Das Unbehagen mit Verhältnissen, die Ungerechtigkeit und Unterdrückung mit sich bringen, können nicht verändert werden, indem man sich heißblütig streitet über die korrekte Benennung von Kakaogetränken. Betrachten wir es als das, was es ist: eine Ersatzhandlung, die die politische Passivität kaschiert. Und die Wortführer in diesen fruchtlosen Diskursen, dieser Seitenhieb sei erlaubt, sind Papiertiger im wahren Sinne des Wortes. Oder hat dieses ganze feuilletonistische Getöse einem George Floyd jemals geholfen?

Frankreich und die USA: systemisch-siamesisch

Zur Erinnerung: Benjamin Franklin weilte in Paris und suchte als Emissär des nordamerikanischen Unabhängigkeitsprojektes das Ancién Regime davon zu überzeugen, dass es von Vorteil sei, eben diesen Kampf gegen England zu unterstützen. Und als der letzte, traurige Kaiser noch zweifelte, war es der Opernlibrettist Pierre Augustin Caron de Beaumarchais, der im französischen Adel fleißig Geld sammelte für die Bewaffnung des neuen Amerika. Viele ließen sich nicht lumpen, manche aus Freiheitsliebe, andere aus Ranküne gegen den Erzrivalen England. Und als die ersten Schiffe, vollgepackt mit Waffen, Frankreichs Häfen verließen, war auch so manch ein junger adeliger Idealist mit dabei. Einer von ihnen hieß Lafayette, reüssierte im Befreiungskrieg gegen England in der neuen Welt zu einem großen Feldherrn und kehrte mit seiner Erfahrung zurück in die Heimat, wo er der jungen Revolution tüchtig helfen konnte. Heute trägt eine Kaufhauskette seinen Namen, vielleicht die beste Metapher dafür, was aus einer revolutionären Idee so werden kann. 

Die Franzosen, die der später siegreichen bürgerlichen Republik, dankten letztendlich den Vereinigten Staaten für das beiden Seiten nützliche Bündnis mit einer gigantischen Statue, deklariert als Geschenk des französischen Volkes an die Vereinigten Staaten von Amerika. La Liberté, die heute im Eingang des New Yorker Hafens gen Osten blickt und auf ihrem Sockel alle Unglücklichen, Unterdrückten und Beladenen dazu einlädt, im freien Amerika ihr Glück zu suchen. Das kleine Vorbild der Liberté  ist heute noch zu besichtigen im Musée des arts et métiers und vier Repliken sind über Paris verteilt.

Die Verbundenheit, die sich aus dieser gewichtigen Episode der Geschichte ergab, wird vor allem östlich des Rheins oft unterschätzt. Das wohl gravierendste Dokument ist die Analogie in der verfassungsmäßigen starken Stellung des Präsidenten. Die USA wie Frankreich sind präsidentielle Demokratien, wenn auch der Zentralismus in Frankreich dominiert, während er in den USA, dem historischen Vorbild, starke Grenzen durch die Souveränität der Bundesstaaten erfahren hat.

Ein Sprung in die Jetzt-Zeit zeigt, wie nah doch so manches noch ist. Der gegenwärtige Präsident Donald Trump wurde im Dezember 2016 zum 48. Präsidenten der USA gewählt und er gilt als ein Affront gegen das gesamte politische Establishment. Obwohl zähneknirschend von vielen Republikanern mitgetragen, steht der Name Trump für die Bankrotterklärung des traditionellen Zweiparteiensystems. Was Trump seither betreibt, ist eine aggressive Politik nach innen und außen. Vom ersten Tag an ging es Trump um Macht und Gewinn, um die absolute Herrschaft derer, die die Geldströme beherrschen. Die jüngsten Ereignisse um die Erhebung großer Teile der Bevölkerung gegen die zunehmende Spaltung und Ungerechtigkeit der Gesellschaft haben auch in der hiesigen Gesellschaft Wellen geschlagen und die Empörung ist groß.

Der jetzige Präsident Macron war, bei seinem Erscheinen auf der politischen Bühne, das personifizierte Misstrauensvotum gegen das traditionelle Parteiensystem. Mit seiner Bewegung En Marche hebelte Macron das ganze System aus und gewann die Wahlen mit einem Ensemble aus politischen Laien im Mai 2017 mit 66,1 Prozent. Was jedoch als ein großes Reformversprechen begann, hat sich in einen rücksichtslosen Krieg gegen große Teile der Bevölkerung gekehrt. Der entfesselte Wirtschaftsliberalismus scheint mit Macron sein letztes Battalion mobilisiert zu haben, um eine die totalitäre Herrschaft von Gewinn und Rendite, sprich die Kapitaldiktatur, zu errichten. Seit mehr als einem Jahr herrscht Krieg auf Frankreichs Straßen, Menschen werden brutal durch bewaffnete Polizeikräfte zusammengeschlagen oder getötet. Obwohl letzteres in unmittelbarer Nachbarschaft geschieht, sind die Reaktionen hierzulande kaum wahrnehmbar.

In den USA wie in Frankreich geht es um den gewaltsamen Umbau des jeweiligen Staates in eine Herrschaft von Willkür und Terror. In beiden Ländern haben sich große Menschenmengen erhoben, um diesem unumwundenen Vorhaben etwas entgegenzusetzen. Frankreich und die USA weisen wieder einmal eine systemisch-siamesische Analogie auf. Was sagt es aus, wenn in den beiden  Pionierstaaten der bürgerlichen Revolution gegen die eigene Bevölkerung mit martialischen Mitteln vorgegangen wird und sie die Aura diktatorischer Verhältnisse verbreiten? Es sind dramatische Zeiten, in denen der Atem still steht. „I can ´t breathe“ ist, ungewollt und tragisch, die richtige Metapher. Liegt die bürgerliche Gesellschaft in ihren letzten Zügen?