Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Ostenmauer – 19. Una tua erit

In einer Stadt der Gegend, in der ich aufwuchs, standen oben am Kirchturm, direkt unter der Uhr, die damals für mich noch nicht entschlüsselbaren Worte: Una tua erit. Gemeint waren die Stunden und es hieß, eine wird deine sein. Das ist ein herber Schlag ins Gesicht all derer, die die Vergänglichkeit des eigenen Daseins aus ihrem Bewusstsein gestrichen haben. Der Plan derer, die diese Erinnerung oben an den Kirchturm gemeißelt hatten, war, zumindest für mich, genial. Una tua erit hat dazu beigetragen, nie zu vergessen, dass wir alle nur Gast auf dieser Erde sind. Das große Tabu, das viele Menschen treibt, nämlich diese Gewissheit auszublenden, führt in vielerlei Hinsicht zu sehr skurrilem Verhalten. 

Das eine, immer wiederkehrende Phänomen, die Diskussion um die Verantwortung derer, die heute leben in Bezug auf diejenigen, die noch nicht geboren sind, aber auf unsere Generationen folgen werden, hat sich zumindest in die gesellschaftliche Debatte eingeschlichen. Vor einer Generation noch hatten zumindest die Altersklassen der Moderne nie an so etwas wie Vermächtnis im Sinne von etwas Schützenswertem verschwendet. Der Fortschritt, jene ungestüme Metapher, war erhaben über jeden Zweifel und es musste immer darauf hinauslaufen, dass das Vorbrausen in eine immer größere, schnellere, technischere Zukunft automatisch die Generationen der Zukunft beglücken würde. An die Kollateralschäden dachte niemand, bis sie allzu auffällig und zu globalen Problemen wurden. Zumindest wird seit jener Zeit, dem ausgehenden 20. Jahrhundert, über das Phänomen geredet, allerdings zumeist unter falschen Vorzeichen. Da geht es um die Technik an sich und nicht um die Interessen derer, denen sie gehört und die sie beherrschen. 

Der größte Affront gegen den Gedanken der Sorge um die Nachwelt kommt allerdings von einer Gruppe, die vorgibt, die Idee aus moralischen Gründen zu pflegen und genau das Gegenteil macht. Es sind jene, die die Staatsausgaben und die damit verbundenen notwendigen Investitionen über alle Maßen drosseln, um Geld zu scheffeln. Begründet wird dieses Vorgehen mit der Vermeidung von Schulden, die man nachkommenden Generationen nicht vererben wolle. Wäre es das alleine, so könnte das Manöver gelingen, nur hat das Argument eine schäbige, eine sehr schäbige Seite: Die Politik, mit der sie die Sanierung der öffentlichen Haushalte zu realisieren sucht, diese Politik nimmt für immer größere Bevölkerungsschichten Lebensverhältnisse hin, die kein Mensch den Nachkommen je wünschen würde. Wer die Würde aus dem Jetzt verjagt, dem kann kein Mensch glauben, dass es ihm um die Würde im Morgen geht.

Und es drängt sich wieder, immer wieder, die Frage auf, in wessen Händen die Zukunft am besten aufgehoben ist. Wenn in der Politik nicht unter dem Aspekt der Zukunft gesprochen wird,  dann ist etwas faul. Es kann nicht nur um die Verteilung dessen gehen, was auf dem Tisch liegt und es kann nicht nur um Bedingungen gehen, die man sich jetzt wünscht. Es geht dabei immer um zweierlei, um die eigene Zukunft und um die Zukunft derer, die auf diesem Planeten, in der Gesellschaft leben dürfen und müssen, wenn wir nicht mehr da sind. Das wäre eine Dimension von Politik, die verantwortlich ist. Und es wäre eine Dimension, die neben der ökologischen vor allem von der sozialen Frage geprägt wäre. Denn wer die soziale Frage nicht stellt, macht sich über die Zukunft keine Gedanken. 

Niemand entgeht seinem Schicksal

Spieler, Untertanen, Populisten

Wollte man sich am Kanon der Literatur in diesen Tagen orientieren, so drängen sich aus meiner Sicht drei Werke auf. Zu allererst wäre das „Der Spieler“ von Dostojewskij. Dann käme, gleich danach, „Der Untertan“ von Heinrich Mann. Und, als dritte Empfehlung, „Anton Sittinger“ von Oskar Maria Graf. Wenn sie diese drei Bücher lesen, werden Sie ein großes Wiedererkennungserlebnnis durchlaufen. Jeder dieser drei Romane erfasst nämlich den gegenwärtigen Gesellschaftszustand, oder, um präziser zu sein, die drei prototypischen Protagonisten unserer Tage. Vielleicht, wenn Sie es vermeiden wollen, danach in eine tiefe Depression zu verfallen, wäre ihnen noch anzuraten, etwas zu lesen, was zumindest im Titel so etwas wie Erlösung verspricht, wie zum Beispiel „Alles wird gut“, unter dem die Erzählungen Jörg Fausers veröffentlicht wurden. 

Mit Dostojewskijs „Spieler“ wäre der Sozialtypus im politischen System zu sehen, der seinen gesamtes Lebensarrangement nach der Illusion ausrichtet, die Verhältnisse zu seinen Gunsten verändern zu können, obwohl weder sein Einfluss noch seine Fähigkeiten in irgend einer Weise relevant wären für das, was am Spieltisch passiert. Mit immer größeren Beträgen, die den eigenen Ruin beschleunigen, wird versucht, das große Spiel zu beeinflussen, ohne Aussicht auf Erfolg. Das Objektive folgt den kalten Gesetzen der Wahrscheinlichkeit und wird nicht von den Sehsüchten und Wünschen derer bestimmt, die sich auf das Spiel einlassen. Was zählt, ist Mathematik und Selbstbeherrschung. Und an dieser zuletzt genannten, nicht vorhandenen Tugend scheitert der Prototyp des Spielers. Immer wieder. Gesetzmäßig. Ohne Perspektive auf Änderung.

Der von Heinrich Mann in einem der wohl ikonischsten Romane des letzten Jahrhunderts dargestellte Typus des Untertanen verrät alles über die Dehnbarkeit eines Individuums ohne inneren Kompass, ohne Haltung und Charakterfestigkeit. Der Untertan folgt stets dem Druck der ihm übergeordneten Macht. Und anstatt dabei in eine mentale Krise zu fallen, die bei gefestigten Menschen als Konsequenz der Fremdbestimmung aufträte, begibt sich der Untertan in das Labyrinth einer abstrusen Hermeneutik, die seine Illusion als die Dinge selbst bestimmendes Individuum am Leben hält, obwohl nicht die geringste Spur von Souveränität aufzufinden ist.

Und „Anton Sittinger“ ist der mentale Kleinbürger, der jede, aber auch jede Erklärung gesellschaftlicher Zusammenhänge in sich aufsaugt, die bestimmt ist von abstruser Kausalität und irrwitzigen Feindbildern, solange er mit niemandem aneckt und bei einem Bier in den eigenen vier Wänden seinem Hass auf alles, was er aufgrund der eigenen Labilität fürchtet, ohne Sanktion freien Lauf lassen kann. Der einzige Schlag, zu dem er sich fähig sieht, ist seine Bereitschaft, mit seinem Wahlverhalten „denen da oben“ mal so richtig den Marsch zu blasen.

Ich hoffe, mit dieser kurzen Darstellung der drei Werke Ihre Lust, sich ihnen zu widmen, etwas beflügelt zu haben. Ja, ich bin der Meinung, dass in Zuständen großer Umwälzung bestimmte Prototypen, die alles andere als neu sind, das allgemeine Geschehen bestimmen. Wir sind umgeben von Spielern, Untertanen und Populisten. Eine Mixtur, bei dem nur noch ein soziales Genre fehlt. Es sind die Figuren aus Zolas „Germinal“. Doch bis jetzt spielen Revolte und Rebellion noch keine Rolle. Bleibt, fürs erste, die hier empfohlene Lektüre.   

Ostenmauer – 18. Langeweile und Freiheit

Das Phänomen der Langeweile lässt sich denjenigen schwer beschreiben, die reizüberflutet sozialisiert wurden. Ich habe einmal einen Test gemacht und jungen Frauen die Verfilmung von Tennessee Williams Endstation Sehnsucht vorgespielt. Wer diese Art der Gestaltung kennt, weiß, dass dort immer wieder Sätze im Raum stehen, die in sich ruhen und auf die nicht gleich eine Reaktion kommt. Das Warten, das Verarbeiten, das Schweigen, alles gehört zu dem Konzept des Vestehens. Meine Testpersonen hielten das nicht lange aus. sie protestierten umgehend und wiesen darauf hin, dass sie das nicht lange aushalten würden. Als ich sie um mehr Geduld bat, strengten sie sich einige Minuten länger an. Doch dann brach der Sturm los. Der Versuch musste abgebrochen werden. Sie ertrugen es einfach nicht.

Ähnliche Beobachtungen können überall gemacht werden. Irgendwo sitzen, Beobachten und Warten, das alles existiert nicht mehr. Das ist kein Tadel. Denn mein Motiv, der Langeweile, die eine ganz andere, für heutige Verhältnisse unvorstellbare war, zu entfliehen und nach einem anderen Leben zu suchen, entsprang auch der Ungeduld. Wie gesagt, es gab ja nichts. Außer einem Klub, in dem gute Musik, die selbstverständlich nicht im Radio zu hören war, gespielt wurde und mit Menschen zu sprechen, die die Monotonie und die Hierarchie auch nicht mehr aushielten, gab es an den Wochenenden nichts. Ich wiederhole: Nichts. Und wenn ich zu dem Klub wollte, musste ich in eine andere Stadt, die 25 Kilometer entfernt war. Und da ich kein oder kaum Geld hatte und am Wochenende sowieso keine Busse fuhren, musste ich trampen. Manchmal, wenn ich ankam und der Klub noch nicht geschlossen hatte, blieben mir ein bis zwei Stunden. Dann konnte ich montags auf ein ereignisreiches Wochenende zurückblicken. Manchmal kam ich aber auch gar nicht an.

Was blieb, war die Fähigkeit, tatsächlich irgendwo zu sitzen, weil es nicht mehr weiterging und keine Information kam. Wenn die Freundin nicht in dem Zug saß, in dem sie kommen wollte und der nächste erst in einer Stunde kam. Dann blieb nichts anderes als zu warten. Und dann sah ich die damals als Gastarbeiter bezeichneten Männer, die sich auf dem Bahnhof trafen, weil der irgendwie der Hafen ihrer Hoffnungen und Sehnsüchte war. Da kamen die Leute an und von dort wollten sie auch irgendwann wieder zurück. was den wenigsten gelang. Sie, die dort herumsaßen wie ich so oft, waren die ersten Kontakte zu einer anderen Welt, die ich knüpfte. Ich lernte, wie die vergeblichen Wege, wie der Wartesaal zu einer Stelle der Begegnung wurde. Dort, wo ich aufwuchs, konnte ich das bereits kultivieren. Und ich habe es immer so gemacht, bis heute. Irgendwo hinsetzen, das Geschehen beobachten und als das betrachten, was es ist: eine wichtige Episode der Existenz. Dann dauert es nicht lange, und ich werde vom Beobachter zum Akteur. 

Abgesehen von dem Vorhaben, was im Englischen so prächtig Killing Time genannt wird, gelingt es so, aus der scheinbaren Leere ein Ort der Erkenntnis zu machen. Das ist alter Stoff, der bereits von den Stoikern zur Genüge erklärt wurde. Aber die eigene Erfahrung, sich in einer unerträglichen Langeweile zu wähnen und mit vielen neuen Einsichten aus ihr herauszutreten, weil die eigene Agenda gar keine Rolle mehr spielt, ist Reichtum. Das öffnet die Sinne. 

Ich erinnere mich an eine Episode, als wir, jung und voller Tatendrang, in einer Clique junger Männer einmal wieder auf Tour waren und in einer Großstadt so richtig auf den Putz hauen wollten. Wie bei diesen Gelegenheiten üblich, hingen wir vor der Nacht noch in einer Kneipe ab und heizten mächtig vor. Und einer stellte die Frage, was sich jeder vorstellte, einmal unbedingt machen zu wollen, was er sich wirklich wünschte, aber momentan nur ein Traum sei. Die Antworten kamen, sie bezogen sich auf Weltreisen, Liebesabenteuer, Luxus und Macht. Nur einer, ein Bär von einem Mann, seinerseits von Beruf Schmied, der sagte: Wenn ich könnte, wie ich wollte, dann würde ich gerne einmal einfach so dasitzen. Wir alle brachen in schallendes Gelächter aus und sein Beitrag galt lange als der running Gag. Viel später begriff ich: er war der Klügste von allen. Sein Wunsch ist unbezahlbar! 

Monotonie und Erlösung reichen sich manchmal die Hand