Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Nach der Krise: Priorität der Notwendigkeiten?

Nach existenziellen Schocks empfiehlt es sich, die Petitessen der täglichen Routinen einmal  auszublenden und sich mit dem Wesentlichen zu befassen. Das betrifft das Private wie das Politische. Und es ist anzuraten, das Dasein nach Notwendigkeiten zu ordnen. Diese Notwendigkeiten, reduziert auf das Existenzielle, sind nicht schwer zu finden. Wie das bei jedem und jeder privat aussieht, unterliegt der Autonomie des jeweiligen Individuums. Wie eine solche Ordnung der Notwendigkeiten aussehen könnte, dazu bedarf es eines Paradigmas, das politisch seinerseits keine parteiliche Kontamination erfahren hat und insofern von unterschiedlichen Seiten akzeptiert werden kann. 

Was böte sich mehr an, als die gute alte Bedürfnispyramide des Abraham Maslow, die, basierend, aufsteigend vom kollektiv Essenziellen bis zum erstrebenswert Individuellen aufsteigt. Zur Vergegenwärtigung die aufsteigenden Dringlichkeiten der menschlichen Existenz:

  1. Physiologische Bedürfnisse
  2. Sicherheitsbedürfnisse
  3. Soziale Bedürfnisse
  4. Individualbedürfnisse
  5. Selbstverwirklichung.

Bei der Betrachtung sticht ins Auge, dass die Pyramide aus der Perspektive des Okzidents beschrieben wurde und das Individuum und das durch dieses erstrebte Glück über dem Kollektiv steht, aber da wir uns im Okzident befinden und es um eine Priorisierung der dringendsten Erfordernisse zu gehen hat, sei diese Schieflage für den Moment einmal ausgeblendet.

Nach und während einer, zumindest von ca. 140 Staaten dieser Erde anerkannten und als solcher wahrgenommenen Epidemie sind die physiologischen Bedürfnisse einfach zu benennen. Es geht ums nackte Überleben, es geht um das Gesundheitssystem, d.h. die Möglichkeiten, mit einer solchen Erscheinung umzugehen und diesen Umgang so zu ermöglichen, dass bereits die Existenz ein aus dem sozialen Status abzuleitendes Problem ist, wie es momentan am markantesten in den USA dokumentiert wird. Wer dort kein Geld hat, wird nicht behandelt. In abgemilderter Form existiert diese soziale Variante auch woanders, was sich bemerkbar macht bei Ausgangssperren, wenn die einem im parkähnlichen eigenen Garten sitzen während die anderen, beengt, im Arbeiterwohnregal verweilen. 

Gesundheit, Ernährung, Wohnen, Liquidität sind die Schlüssel, die zu der potenziellen Befriedigung des Existenziellen führen. Diese Dimensionen besitzen Priorität, und es ist gleichzeitig erforderlich, eine auch in der Krise zu beobachtende Wirkung auf das Kollektiv-Existenzielle nicht außer Acht zu lassen: die Sicherung der natürlichen Bedingungen, sprich, die Durchdringung politischen Handelns mit dem Geist ökologischer Protektion. Wer das erwähnte Primäre, d.h. Essen, Trinken, Warenkonsum gegen die Grundlagen der kollektiven Existenz durchzudrücken sucht, steuert auf das Scheitern bereits auf Ebene Eins, dem Physiologischen, zu.

Bei den Sicherheitsbedürfnissen geht es um Krieg und Frieden. Da wird es bereits heikel und ein Konsens ist in weiter Ferne. Das Bündnis, in dem die Bundesrepublik Deutschland mitstolpert, ist momentan eine Institution, die sich mehr auf die Initiierung militärischer Aktionen auf fremden Territorien konzentriert als auf das Ansinnen, Übergriffe auf die eigenen Territorien zu verhindern. Sicherheit gewinnt man, indem man die Lust anderer minimiert, sich gewaltsam in das eigene Geschehen einzumischen. Sicherheit gewinnt man nicht, wenn man sich auf dem Territorium Anderer mit Dritten um den Zugriff streitet. Wenn wir von etwas Dringlichem reden, was nach der Krise zu erledigen ist, dann ist es ein Verteidigungskonzept, dem es darum geht, die eigene Sicherheit zu gewährleisten und den Frieden zu sichern. Mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Die sozialen Bedürfnisse stehen als nächstes auf der Agenda und sie werden getragen werden von der bevorstehenden Entscheidung, ob der Markt alles regelt oder nicht. Sollte sich letztere Sichtweise durchsetzen, stehen wir vor einer neuen, spannenden Epoche, die sich um Arbeit, Besitz und kollektives Dasein drehen wird. Und, um das Individuum und die Selbstverwirklichung nicht unter den Tisch fallen zu lassen: Vieles wird sich aus den vorherigen Themenkomplexen ableiten lassen. Auch, ob der Stellenwert des Individuums und die Möglichkeiten seiner Selbstverwirklichung nach der Stunde Null nicht neu definiert werden muss. 

Gesundheit, Ernährung, Wohnen, Liquidität, Ökologie und Sicherheit. Das wäre der Fokus, der sich aus einer Priorisierung nach Maslows Pyramide ergäbe. Bereits die erste Stufe auf der Treppe einer neuen gesellschaftlichen Verfasstheit ist anspruchsvoll. Genommen werden muss sie dennoch.

Das Dilemma von wissenschaftlicher Erkenntnis und Macht

Als Friedrich Dürrenmatt den Zweiakter „Die Physiker“ 1961 niederschrieb, blickte er auf zwei Weltkriege zurück, in denen die Verwissenschaftlichung und Industrialisierung des Tötungshandwerks ungeahnte Ausmaße angenommen hatte. Im I. Weltkrieg war es der massenhafte Einsatz von Giftgas, und im II. Weltkrieg war der ebenfalls mit Gas vorangetriebene Holocaust betrieben worden und das Tötungsfestival hatte mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki ein weiteres dämonisches Ende genommen. Die Frage, die sich besonders in Bezug auf die Entwicklung der Atombombe in den Vordergrund gedrängt hatte, weil bei ihr Wissenschaftler wie Einstein und Oppenheimer – ihrerseits bekennende Humanisten – beteiligt gewesen waren, wie der Drang nach Erkenntnis mit Moral und Ethik vereinbar sei. An Brisanz hat das Werk, das Dürrenmatt aufgrund der skurril gestalteten Handlung als Komödie freigegeben hatte, nichts eingebüßt. Es geht, ob es Genforschung, Biotechnologien die Virologie betrifft, immer wieder um die Frage, was darf ein Wissenschaftler und was darf er nicht? Oder, anders herum, kann er oder sie denn anders?

In den „Physikern“ bietet sich dem Publikum eine absurde Situation. Ein genialer Physiker flüchtet, da er um die Brisanz seiner Erkenntnisse weiß, in den Wahnsinn und begibt sich in ein privates Sanatorium, wo er es allerdings nicht unterlässt, weiter zu forschen und dem Treiben eine psychopathologische Note verleiht, indem er vorgibt, alles von König Salomo eingeflüstert zu bekommen. Ihm auf den Fersen sind jedoch zwei weitere Insassen und Physiker, die, instrumentalisiert von zwei Geheimdiensten verfeindeter Länder, an seine Erkenntnisse herankommen wollen. Die Groteske endet mit dem Coup, dass die Sanatoriumsleitung, eine reiche, bucklige Schweizerin, ihrerseits alles durchschaut, die Forschungsergebnisse des den Wahnsinn vortäuschenden Wissenschaftlers heimlich kopiert und als Wirtschaftsimperium  vermarktet und alle drei Insassen als Häftlinge schachmatt setzt.

Die Zeugnisse, die die Beteiligten zu ihrer Motivlage ablegen, dokumentieren das Dilemma, in dem Wissenschaft steckt. Es erweist sich als Illusion, dass Wissenschaft sich bewusst vor Erkenntnissen zurückhalten könnte. Es ist ein Faktum, dass es immer wieder die Macht ist, die aus wirtschaftlichen oder politischen Interessen – und zumeist erfolgreich – es darauf anlegt, die Erkenntnisse auszubeuten und zwecks Herrschaft zu instrumentalisieren. Das sind verstimmende und niemals beruhigende Einsichten, die auch auf der Folie einer in einem Sanatorium spielenden Komödie nichts an ihrer Bedrückung einbüßen. 

„Die Physiker“ wurden am 21. Februar 1962 im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Im Oktober des selben Jahres ereignete sich die Kubakrise, bei der die Welt knapp an einem Atomkrieg zwischen der damaligen Sowjetunion und den USA vorbei schlitterte. In dieser Zeit beschrieb Dürrenmatt das Dilemma von wissenschaftlicher Erkenntnis und deren Nutzung zur Destruktion.  

Die Fragestellung ist geblieben. Das Dilemma auch. In einer Zeit, in der immer weniger von freier Wissenschaft und immer öfter von Auftragswissenschaft gesprochen werden muss, erscheint das Dilemma noch größer als zur Zeit der Entstehung des Bühnenstücks. Allein die Abwägung, was der Einsatz der modernen, wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Wohle von Mensch wie Natur bewirken könnte und zu was sie tatsächlich gebraucht werden, verursacht mehr als eine düstere Stimmung. Daher ist es mehr denn je erforderlich, das Thema zu reflektieren und in der politischen Diskussion am Leben zu erhalten Es stellt sich mehr denn je nicht mehr die Frage, was Wissenschaft kann, sondern wem die Welt gehört!