Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Nach der Kritik: Ein Karneval der Konstruktivität

Die Befreiung von der Voraussetzung, selbst eine Zeitung besitzen zu müssen, um die eigene Meinung oder Sichtweise einem größeren Publikum kundzutun, sondern in welcher Form auch immer im digitalen Äther der Meinungsbildung mitmischen zu können, ist ein möglicher, gewaltiger Schritt zu einer Form der Demokratisierung des gesellschaftlichen Diskurses. Vielen, und nicht nur bestimmten „Mediengruppen“ ist diese Möglichkeit ein Dorn im Auge. Zum einen, weil sich dort eben auch Stimmen zu Wort melden, deren Quintessenz kurz mit dem Terminus „barbarisch“ beschrieben werden können. Zum anderen, weil die offizielle Sichtweise, d.h. die Sichtweise derer, die die Politik bestimmen und die ihre Interessen durchsetzen, zunehmend entlarvt und gestört wird. Das wahrhaft Demokratische an dem leichten Zugang zur Publikation wird dann auch gerne mit den barbarischen Varianten diskreditiert. Der auf dieser Seite artikulierte zunehmende Wunsch nach Zensur ist allerdings ebenso barbarisch.

Die technische Voraussetzung zur freien und kritischen Meinungsäußerung ist das Eine. Das Andere ist der Fokus. Nach eineinhalb Dekaden der Debatten in Foren und sozialen Medien ist festzustellen, dass die Phase der Enthüllung dessen, was nicht im Sinne einer demokratischen Mehrheit funktioniert, erschöpft ist. Was sich etabliert hat, ist eine große Vorliebe an der Demaskierung, am Skandal, an der Empörung. Alles hat seinen Sinn, sofern es zu einer Form der Konkretisierung von Gegenentwürfen kommt. Die Haltung, die dazu erforderlich ist, ist weitaus schwerer durchzuhalten als die der bloßen Kritik. Nicht, dass die vielen Enthüllungen, auf die wir zurückblicken, unnütz oder vergeblich waren! Ohne sie stünden wir nicht da, wo wir uns befinden. Wir besitzen eine klare Vorstellung davon, wie das System des Wirtschaftsliberalismus funktioniert, was es geschaffen und was es vernichtet hat. Und die gegenwärtige Krise ist dazu geeignet, eine Zwischenbilanz zu ziehen, die nur eine Schlussfolgerung zulässt. Dass nämlich die Analyse und die Kritik nur Teil eines Prozesses sein können.

Und nun beginnt die wesentlich schwerere Episode im Prozess der Umgestaltung. Es geht um die konkrete Ausgestaltung dessen, was sein soll. Wie soll denn die Politik der nächsten Jahre, die, ohne Übertreibung, entscheidend sein wird für den Fortbestand der Gattung in dieser Form, aussehen? Sie wird kaum von jenen gestaltet werden, die sozialisiert wurden in dem großen Destruktionsprogramm der vergangenen Phase. Was erforderlich sein wird, ist ein wahrer Karneval der Konstruktivität. Die Fragen, um die es gehen wird, liegen auf dem Tisch.

Um eine den Perspektiven der Zukunft gemäße Bildungspolitik zu betreiben, müssen wir eine Vorstellung davon haben, was die Menschen, von denen wir reden, für Haltungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten besitzen. Alles andere geht von dieser Frage aus. Um einen ökologischen Umbau gestalten zu können, müssen wir die Zustände beschreiben, in denen wir und die nachfolgenden Generationen tatsächlich leben wollen, es muss beschrieben werden, wie und wo sie arbeiten, wie sie wohnen, wie sie sich fortbewegen. Was Ökonomie und Arbeit betrifft, so muss formuliert werden, was gesellschaftlich geschieht, wenn Arbeit im privaten Produktionsprozess massenweise überflüssig gemacht wird, die gesellschaftlichen Aufgaben jedoch steigen. Es muss die Frage beantwortet werden, wie es gelingen kann, eine gesellschaftlich nützliche Produktivität jenseits des Verhältnisses von Lohnarbeit und Kapital entstehen zu lassen. Und es muss geklärt werden, wie eine, dem Sinn des Wortes entsprechende, Landesverteidigung aussieht. 

Der Kanon der Fragen geht ins Unendliche. Es muss damit begonnen werden, konstruktive Wege aufzuzeigen. Das Ergötzen an der Enthüllung hat dann ein Ende, wenn es gelingt, Konstruktivität attraktiver zu machen als den Akt der Empörung. Das ist in der Tat sehr anspruchsvoll, aber, gelingt es nicht, war vieles umsonst.  

Die Gelbe Gefahr und die Verheißung des Nostradamus

Gestern, am späten Abend, schickte mir jemand im Messenger ein Video mit dem Kommentar, so etwas mache ihm Angst. Da ich den Mann kenne und zu ihm ein Vertrauensverhältnis pflege, sah ich mir das ca. fünfminütige Produkt an. Ohne die abgegriffene Terminologie benutzen zu wollen, die durch verschiedene Infiltrationskanäle auf uns einsickern und den Verstand vernebeln sollen, ist von einem Werk zu sprechen, das seinerseits hauptsächlich mit Suggestionen arbeitet. Unter dem – übersetzten – Titel ist zu begreifen, dass da etwas Schlüpfriges herrscht unter uns. Und dann werden, natürlich, wie es im Manipulationsgewerbe üblich ist, immer wieder Fragen gestellt, die man sich stellen kann, die in ihrer Ansammlung jedoch einen eindeutigen Fokus haben. Nämlich eine steile These zu untermauern, an die, würde sie so und kalt in den neuen Tag gesprochen, bei vielen doch ein eher mitleidiges Lächeln auslösen würde. In der konstruierten Summe von berechtigten Fragen aber scheint die These dann doch nicht mehr so weit hergeholt.

In dem benannten Video ging es übrigens darum, China, d.h. die chinesische politische Führung als Master Mind der Corona-Krise auszudeuten. Selbst im eigenen Land des Ausbruchs der Epidemie ansässig, sei diese Nomenklatura vollständig davon verschont geblieben und hätte es mit der Infekt-Inszenierung geschafft, die gesamte konkurrierende Weltwirtschaft lahmzulegen. Ist doch logisch, oder? Wer das Werk bis zum Ende verfolgt, was, obwohl es nur fünf Minuten beansprucht, sehr viel Disziplin eines unwilligen Geistes erfordert, der muss zu dem Schluss kommen, dass es an der Zeit ist, diesem Zentrum des Bösen das Licht auszublasen. Das Logo, unter dem das Lehrstück der Mystifikation in Umlauf gekommen ist, gehört übrigens zu einer in Singapur ansässigen Marketing-Firma, die sich für vieles beauftragen lässt, wenn die Kasse stimmt. So ist die die Vermutung nicht falsch, dass nicht das Unternehmen selbst auf die Idee kam, so etwas zu produzieren, sondern dass es einen Auftrag von interessierter Seite gegeben haben muss. 

Angst ist relativ abstrakt, sie kann sich ihr Ventil in allem Möglichen, vom Zufall Generierten abarbeiten. Furcht hingegen ist die Konkretisierung der Angst. Furcht vor etwas zu haben ist zielführender als Angst schlechthin. In Zeiten einer global flächendeckenden Bedrohung, in der zunächst die Angst als Massenphänomen ausgemacht werden kann, ist alles möglich. Die durch die Angst akkumulierte negative Energie kann sich überall entladen. Der Ausbruch, der irgendwann kommen muss, kann sich richten gegen falsche Boten, die zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort sind und ausgerechnet im Moment der Explosion im Blickfeld erscheinen. Er kann sich aber auch gegen jene richten, die zwar nicht die Epidemie, die aber die progressive Verschlechterung der Lebensverhältnisse vieler zu verantworten haben und mehr in Tränengas investieren denn in Desinfektionsmittel. Allein die Möglichkeit, dass es Letztere trifft, mag genügen, um schleunigst an Feindbildern zu arbeiten, um sie zum kritischen Zeitpunkt als Blitzableiter nutzen zu können.

Gegen den Versuch, die Komplexität der vernetzten Welt auch mit eindeutigen Feindbildern zu erklären, ist anscheinend niemand gefeit. Auch in Deutschland, in dem gerne und viel mit Fakten gehandelt und der Fokus auf die Organisation in Krisen gelegt wird, arbeiten Abteilungen des meinungsbildenden Sektors daran, gezielte Stimmungen zu erzeugen und konkrete Feindbilder zu etablieren. Bei den Haltungen im Kontext der Corona-Krise ist der Rat wertvoll, sich immer anzuschauen, wer welche Expertinnen und Experten finanziert. Und bei der politischen Etablierung von Feindbildern ist ebenfalls darauf zu achten, von wem die Feindbildproduzenten protegiert werden. 

Und vielleicht ein Rat an alle, die sich in diesem Prozess allzu gerne instrumentalisieren lassen: Wer jetzt damit beginnt, von der Gelben Gefahr zu reden, darf sich nicht wundern, wenn er selbst ganz schnell aufgrund einer Verheißung des Nostradamus existenziell bedroht ist.