Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Ostenmauer – 39. Imperialismus und Krieg

Rückblickend kann ich sagen, in einer aufregenden, von Frieden umsäumten Zeit mein Leben gestaltet haben zu können. Wären da nicht die letzten Jahre. Sie haben die Illusion des Friedens zurück in die Realität geholt. Viele meiner Wegbegleiter kamen aus Regionen dieser Welt, in denen Bürgerkriege und Kriege tobten. Sie kannten alles, von der Folter am eigenen Leib, der Flucht und dem Verlust von Familie und Heimat. Alles das ist meiner Generation bis heute erspart geblieben, auch wenn der Krieg sich langsam wie eine Raupe immer mehr in unsere Biosphäre vorschiebt. 

Ich kannte den Krieg und seine Auswirkungen aus der Familiengeschichte. Die Traumata, die er bei denen hinterließ, haben mir gereicht, um nie, in keiner Situation, in einen wahnhaften Rausch der Kriegsbegeisterung zu verfallen und denen zuzujubeln, die ihn wieder haben wollten. 

Heute, in den wiederum unheilvollen Zwanziger Jahren des 21. Jahrhunderts, scheint das bei vielen keine Basis mehr zu sein. Sie feiern einen Krieg nach dem anderen, sie bejubeln die Bellizisten, sie verachten diejenigen, die ihn als kein Mittel der Konfliktlösung ansehen. 

Aus meiner Sicht sind sie das Produkt einer immer geschichtsloser werdenden Gesellschaft, eines fortschreitenden Verlustes unmittelbarer Erfahrung und vor allem einer sich auf alle erdenkliche Ebenen ausgeweiteten Propaganda des Imperialismus. Ja, die Erkenntnis ist alt und aktuell zugleich. Solange es Imperialismus gibt, gibt es Krieg. Und solange Menschen glauben, sie lebten in einer von sozialen Antagonismen freien Gesellschaft, wird man ihnen auch erzählen können, dass irgendwelche Bösewichter, die sich gegen den unaufhörlichen Prozess der Räuberei stellen, das Problem wären, hat die Option des Krieges eine Chance. Wer diesen Konnex nicht sieht, wird irgendwann mitten drin sein: im tödlichen Gemetzel, an dem aus weiter Ferne immer wieder gut verdient wird.  

Imperialismus und Krieg

Christos Statement und ein deutsches Fazit

Bei der Deutung von Kunstwerken sind der menschlichen Phantasie keine Grenzen gesetzt. Das macht einerseits das Schaffen der Künstler so frei und regt andererseits den individuellen Geist der Betrachtenden genauso an wie die Diskussion über das Produkt. Als, nach zwanzigjähriger Planung, das Künstlerehepaar Christo und Jeanne-Claude in Berlin den Reichstag verhüllte, lagen Welten zwischen dem Datum der formulierten Idee und der tatsächlichen Realisierung. Zwischenzeitlich war der Ost-West-Konflikt Geschichte geworden und Deutschland bekam die Chance, sich wieder zu vereinigen. Es stand fest, dass in diesem Gebäude, das seinerseits auf eine verhängnisvolle Geschichte verwies, das Parlament des neuen deutschen Gesamtstaates wieder tagen sollte. Die Christos verhüllten das Gebäude 1995, im Jahr 1999 fand die erste Plenarsitzung des gesamtdeutschen Bundestages dort statt.

Ob die Möglichkeit einer politischen Deutung intendiert war oder nicht. Die Christo-Aktion machte aus dem Reichstag durch die Verpackung ein Geschenk, das plötzlich da stand und ein Rätsel aufgab über das, was sichtbar werden würde, wenn man es denn auspackte. Es bezeichnete für viele Menschen ein Glücksmoment, einen Augenblick der Hoffnung und den Reiz des Ungewissen. 

Die Geschichte der Bundesrepublik mit ihrem neuen parlamentarischen Sitz im alten Reichstag ist bekannt. Noch im gleichen Jahr beteiligte man sich an einem völkerrechtswidrigen Krieg gegen Serbien und es folgten Stück für Stück Entscheidungen, die eher die verhängnisvolle Geschichte des alten Reichstages tradierten als dass sie als die Beschreibung eines neuen Weges hätten gelten können.

Nun, dreißig Jahre nach der Christo-Aktion, wird die Verhüllung des Reichstages mittels optischer Technik noch einmal zelebriert. Auch dort mag die Intention der Lichtkünstler sein wie sie will – es ist im Grunde eine gelungene Fortsetzung der ehemaligen Erzählung. Da die Wiederholung des Ereignisses nur in der Dunkelheit realisiert werden kann, liegt es nahe, aus der anfänglichen Überraschung, dem Geschenk und dem Rätsel, eine Antwort in einem nächtlichen Traum zu suchen. Und der steht nicht luzide am Firmament, sondern er arbeitet mit optischen Täuschungen, mit Variationen und Visionen, die zwischen Hoffnung und Alb changieren.

Und wer nah an der faktisch belegbaren Geschichte bei der Betrachtung der beiden, dreißig Jahre auseinander liegenden Installationen bleibt, wird nicht umhin können, dass aus dem Neuanfang, der Hoffnung und der erlebten Feierlichkeit etwas geworden ist wie Schlaflosigkeit, Szenarien der Angst und ein düsterer Blick in die Zukunft.

Insofern ist die geplante Aktion wieder ein Anlass, sich grundsätzlich Gedanken zu machen über die jüngere Geschichte, die hinter uns liegt, über die Qualität der Vorgänge, die in diesem Gebäude vonstatten gehen und die Perspektiven, die damit verbunden sind. Für seichte Betrachtungen, wie sie allerdings bereits durch die Kanäle gejagt werden, so nach dem Motto, alles war und ist knorke, ist keine Zeit. 

Vielleicht mahnt uns das Artefakt wieder einmal, uns auf uns selbst zu besinnen, rücksichtslos die begangenen Fehler zu nennen und uns mit Phantasie und Kreativität auf eine Zukunft zu besinnen, die besser mit dem Tageslicht korrespondiert als mit schwarzer Nacht. Vielleicht in die Kunst die letzte Möglichkeit, uns vom Denken in bleihaltigen Dimensionen zu befreien.  

Christos Original

Über das Sitzen im falschen Zug

Ein japanisches Sprichwort besagt, dass, je länger du überlegst und mit der Entscheidung wieder auszusteigen wartest, wenn du in einen falschen Zug eingestiegen bist, desto länger der Rückweg dauern wird. Das ist nicht nur eine kluge Betrachtung, sondern auch eine bittere Wahrheit. Jeder Mensch wird über Erfahrungen verfügen, die diese Aussage bestätigen. Und auch die Politik ist voller Beispiele, die den Wahrheitsgehalt der japanischen Volksweisheit bestätigen.

Betrachtet man bestimmte, als unverrückbar gekennzeichnete Paradigmen der deutschen Politik, wird man ebenfalls fündig. Was allerdings Voraussetzung für eine schnelle Reaktion wäre, ist das Bewusstsein, sich in den falschen Zug begeben zu haben. Diese Diskussion, und mag sie auch noch lange zurück liegen und von der tagespolitischen Brisanz längst erkaltet sein, wird jedoch weder gewollt noch geführt. Zum Beispiel die Verteidigung unserer Werte im Afghanistan-Krieg, der weder im Einklang mit dem Völkerrecht stand noch zu einer Stärkung der hiesigen Demokratie geführt hat (im übrigen ein Anspruch an Kriege, der nur im Zustand von Trunkenheit formuliert werden kann), der in einer entsetzlichen Niederlage endete und der das Land nach 20 Jahren in den Status quo ante versetzt hat. 

Alles, was danach an Kriegen von den immer und immer wieder als Banner des Heils hochgehaltenen Verbündeten veranstaltet wurde, ob Libyen oder Syrien und auch die systematische NATO-Osterweiterung sowie die anfängliche Carte Blanche für das Vorgehen der Regierung Netanyahu, hat immer das Bild bemüht, im falschen Zug zu sitzen. Und trotz der desolaten Ergebnisse, der Verwandlung der betroffenen Länder in Höllen, in denen die betroffenen Menschen nur noch an Flucht denken können, sitzt das hiesige wie das gesamte politische Konsortium des Westens im falschen Zug und hat es sich gemütlich gemacht. An Aussteigen scheint dort niemand zu denken und es stellt sich die mehr als berechtigte Frage, ob eine solche Entscheidung von einem derartigen Ensemble überhaupt zu erwarten ist.

Denn der Zweck der Reise besteht nicht aus dem, was kommuniziert wird. Wäre das der Fall, dann hätte jeweils an der allernächsten Haltestelle Schluss sein müssen. Ist das Ziel jedoch ein anderes, geht es nicht um Demokratie, Menschenrechte, Gleichheit und Gerechtigkeit auch für Minderheiten, sondern um sehr metallurgischen Nutzen für eine ganz andere Minderheit, dann macht es geradezu Sinn, in den Zug eingestiegen zu sein, in dem man sitzt.

Es sollte nicht vergessen werden, dass die Lernfähigkeit von Menschen immer mit dem eigenen Nutzen verbunden ist. Es existiert ein unverbrüchlicher Konnex von Erkenntnis und Interesse. Niemand, und nicht der dümmste Hinterbänkler, macht etwas, das ihm dauerhaft schadet. Und so werden die Vollstrecker für den „falschen“ Einstieg belohnt,  die Opfer ausgeplündert und die eigene Bevölkerung, denen man die falsche Reise mit falschen Worten schmackhaft gemacht hat, mit den negativen Folgen konfrontiert.

Die Rechnung ist einfach: führte man keine Raubkriege, gäbe es keine Flüchtlinge, würde man nicht rüsten, hätte man Geld für die Investition in die eigenen Köpfe, führte man gerechten Handel, gäbe es weniger Verarmung und bombardierte man die eigene Bevölkerung nicht unablässig mit Kanonaden der Verdummung, wäre das soziale Klima auch ein anderes.

Das klingt provokativ, ist aber die schlichte Wahrheit,  die bei der Entscheidung, in welchen Zug man einsteigen will, leiten sollte.  Das gegenwärtige Ensemble dieser Republik wie der großen Staaten des Westens sitzt, aus Sicht der Bevölkerung, im falschen Zug. Und eine Rückreise wird mit der Besetzung nicht stattfinden. Sie wird nicht lang, sondern sie findet gar nicht statt.  

Über das Sitzen im falschen Zug