Archiv des Autors: Gerhard Mersmann

Im Theater der Komparsen

Wer sich im Frieden nicht bewährt, hat im Krieg keine Chance. Denn, wenn es hart auf hart geht, sind andere Qualitäten gefragt als das belanglose Geplauder im Chor Gleichgesinnter oder gleich Gepolter. Da gilt es selbst blitzschnell Entscheidungen zu treffen und nicht in nächtelangen Gelagen um wohl gedeckte Konferenztische zu sitzen und nach einem Konsens zu suchen, der letztendlich so diffus ist, dass keine Kontur zu erkennen ist. In all dem und noch viel mehr, verfügen wir über genügend Fachpersonal. Denn über Dinge und Verhältnisse zu reden, die mit der Lebenswelt großer Teile der Bevölkerung nichts, aber auch gar nichts zu tun haben, darin sind sie geübt. Aber, so möchte der boshafte Kommentator hinzufügen, nur darin. Denn etwas zu entscheiden, das eigenes Risiko betrifft, das ist etwas, was sie weder gelernt haben, folglich auch nicht können und logischerweise auch nicht wollen.

Insofern ist die brachiale Rhetorik, mit der sich vor allem ein durch Lug und Trug ins Amt des Kanzlers gewandeltes Unding momentan an die Öffentlichkeit wendet, nicht so ganz ernst zu nehmen. Es reicht, um die Gesinnung des Undings zu dechiffrieren. Zu mehr aber auch nicht. Denn selbst für etwas einzustehen, das anderen, stärkeren Verhandlungspartnern nicht gefällt, dazu ist dieses Unding genauso wenig in der Lage wie sein Vorgänger. Und die Drohgebärden, mit denen versucht wird, Eindruck zu schinden, entbehren eigener Fähigkeiten. Die eigene militärische Macht ist nicht vorhanden, und sie wird trotz des Parodisten im Verteidigungsministerium und der vielen Milliarden, die er dafür bekommen wird, auch in den nächsten zehn Jahren nicht entstehen. Weder materiell, weil die Wehrkraft durch eine Bürokratie ersetzt wurde auch nicht durch eine dazu erforderliche Manpower. 

Viel Lärm um nichts, so könnte man, zumindest aus deutscher Perspektive schließen, wären da nicht andere Mitspieler auf der Erde, die das deutsche politische Trauerspiel seit einiger Zeit betrachten konnten und die ein sehr gutes Bild davon haben, was das Großmaul, das derweilen über den Schulhof schreitet, tatsächlich zu bieten hat, wenn es gilt. Wäre es aus deutscher Sicht nicht so heikel, so könnte man darüber lachen. 

Es sei denn, man versetzt sich in die Position eines unbeteiligten Beobachters. Dann gleitet diese Tragödie dann doch ab in einen billigen Klamauk, über den herzlich gelacht werden kann. Wie es so treffend heißt bezüglich des ruinierten Rufes, an dem im übrigen, da spricht die alte weiße Cis-Eule, vor allem in Kriegsgeilheit kreischende Feministinnen maßgeblich beteiligt waren, nun läßt sich ungeniert leben. Denn wer gäbe tatsächlich in diesen Tagen noch auf so etwas wie eine deutsche Stimme. Die, so vergeht der Ruhm der Welt, einmal als wissend und weise galt? Wohl niemand, der noch einigermaßen bei Verstand ist.

Also lassen wir das Tollhaus auf uns wirken. Auch, wenn es furchtbar schwer fällt. Denn wer wiegt sich schon in Gleichmut, wenn er glaubte, sich ein Stück von Geist und Gewicht anschauen zu können und in einem furchtbaren Gossentheater landete. Der einzige Erfolg, der dort noch zu verbuchen ist, ist die Übernahme der Geschäfte durch abgehalfterte Komparsen. Versetzen wir uns in die Gemütslage von Schillers Räubern:

„Der Wald ist unser Hauptquartier, der Mond ist unsere Sonne!“ 

Im Theater der Komparsen

Ostenmauer – 41. Es flackert noch ein Licht

Es ist ein leises Wimmern. Überall zu vernehmen. Wenn die Sinne noch funktionieren. Es ist die Klage über zu viele schlechte Bilder. Die in den Köpfen Platz genommen haben. Krieg, Vernichtung, Rache, Eigennutz. Der Blick für das Paradies ist verstellt. Vor allem der für das irdische. Und die Klage ist in aller Munde. Über das schlechte Leben. Obwohl das im Vergleich zu vielen anderen Plätzen auf der Welt eine Unverfrorenheit ist. Deshalb versteht man die nicht, die tatsächlich im Schatten stehen. Und es ist seit langem klar, dass der Geldsack in der eigenen Hand nicht der Zugang zum Glück ist. Doch die Erkenntnis nützt dem wenig, bei dem es in der Tasche nicht klimpert. Ja, es ist nicht einfach. Aber ist es schwer? Trotz aller Möglichkeiten, die weit über denen vieler anderer liegen? Was sollen die sagen, die ihre Primärbedürfnisse nicht befriedigen können? Über das Wetter klagen, über die unfreundlichen Nachbarn? Oder über andere Lebenskonzepte? Nicht ein Hinweis, wie es besser werden könnte. Schreit denn alles nach dem großen Desaster, um schätzen zu lernen, was das Dasein ohne den großen Wurf, den es sowieso nicht gibt, bieten kann? Nichts, was du nicht bräuchtest, kannst du nicht erreichen. Wenn du nur willst und Menschen findest, die mit dir gleich tun. Der Individualismus ist eine feine Sache. Bis du seine Grenzen siehst. Bis du begreifst, dass alles ohne die anderen nichts ist. Dann ist alles schrecklich. Schrecklich einsam, schrecklich langweilig, schrecklich monoton. Ganz weit hinten, im letzten Winkel dieser unserer Welt, flackert noch ein Licht, das die Erkenntnis bescheint. Wir sind ein soziales Wesen, das nur in Kooperation eine Zukunft hat. In menschlicher, in sozialer, in kultureller und in politischer Hinsicht. Und alle, die die Raubritterfahne schwingen, egal wo sie stehen oder woher sie kommen, wollen, dass wir diesen Winkel nicht finden. Aber es gibt ihn. Und die dort verborgene Erkenntnis wartet, entdeckt zu werden. Mit oder ohne Desaster. Mit oder ohne Hilfe. Nicht unbegrenzt. 

Es flackert noch ein Licht

Eskalation als Ultima Ratio

Seien wir einmal ehrlich: mit den Auserwählten, das wird nichts mehr. Das auserwählte Volk wurde erst getrieben und hat dann das Antlitz der Treiber erworben. Die auserwählte Rasse hat die Peitsche geschwungen und sich dann, nachdem sie es hat besorgt bekommen, servil unter dem Teppich verkrochen. Und das Auserwählte Land hat die Dominanz und deren Last nicht einmal über drei Jahrzehnte zu tragen vermocht und ist dann mächtig ins Schlingern geraten. Eine Reflexion über das Attribut der Auserwähltheit hat diese Bilanz nicht zur Folge gehabt. Ganz im Gegenteil. In allen drei Regionen, in denen einst die Macht zu glänzen vermochte, herrscht exklusiv die Nostalgie der entfesselten Gewalt. Die Eskalation gilt nach wie vor als Ultima Ratio.

Was beeindruckt, ist, dass es im Binnenverhältnis der betroffenen Gesellschaften mittlerweile gehörige Risse gibt. Der jeweiligen Bevölkerung geht der Militarismus und das Dominanzgehabe gegen den Strich. Allerdings schon soweit, als dass die herrschenden Eliten mittlerweile dazu bereit sind, die Flucht nach vorne anzutreten und gewaltig an der Eskalationsspirale zu drehen. Die klassischen Mittel der Opposition in den besagten Ländern sind porös, so dass sich ein Widerstand in den gewohnten Formen nicht bemerkbar macht. Und vieles spricht dafür, dass eventuell neue Formen nicht mehr die Zeit haben, sich zu etablieren.

Der Rest der Welt, der sich in dem Gefühl der Missachtung durch das Ensemble der Auserwählten bestens auskennt, ist jedoch in einer nie da gewesenen Art gegen die Hybris eines enthemmten Israels, der ins Wanken geratenen USA oder auch eines kriegsbesoffenen Deutschlands/EU gewappnet: Finanziell, ökonomisch, in Bezug auf die verfügbaren Ressourcen, diplomatisch und auch militärisch. Glaube niemand,  die eigene Chuzpe wäre nie in der Lage, die asiatischen Giganten zu reizen. Und glaube niemand, es handele sich bei einer weiteren Eskalation um ein auf einem anderen Kontinent stattfindendes Telespiel.

Trump hat sich nicht dem militärisch-industriellen Komplex entgegenstellen können. Die israelische Demokratie hat es nicht vermocht, die Regierung eines Kriegsverbrechers zu verhindern und Deutschland übt sich in der tragischen Komödie. Soviel ist geblieben, von den Auserwählten. Mit dem Eintritt der USA in den Krieg gegen den Iran wurde das Päckchen mit der letzten Notration, die noch etwas Zeit geliefert hätte, um sich in einer emanzipierten Welt neu zu sortieren, hirnlos über den Zaun geworfen. Jetzt gilt die Eskalation mehr denn je als Ultima Ratio.

Nicht, dass Diktaturen wie die im Iran zu beschönigen wären! Einmal abgesehen von den jeweiligen Vorgeschichten, die immer wieder dechiffrieren, dass es kaum eine militante Terrorgruppe in der Welt gibt, an deren Entstehung der westliche Imperialismus in der einen oder anderen Form nicht beteiligt war. Aber was ist mit dem Modell der Demokratie los, dass derartige Gestalten und Vorstellungen von Politik wie den momentan erlebten hervorruft? Der Anspruch auf Überlegenheit erscheint unter diesem Aspekt vor allem dem Blick von außen als böser Witz.

Vieles hätte gut getan. Tabula rasa im eigenen Haus. Und der Austausch von Perspektiven mit den gewaltig daher kommenden neuen Kräften auf dem Globus. Irgendwie passt das Bild, dass die Auserwählten allesamt lange Zeit im abgeranzten Wohnzimmer saßen und bei schwerem Likör von alten Zeiten schwärmten. Und klingeln einmal Boten aus der neuen Zeit an der Tür, dann lässt die Bagage die Bluthunde aus dem Keller und denkt, damit sei es getan.  

Eskalation als Ultima Ratio